Berliner Journal für Soziologie
 
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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Last updated Mai. 29, 2007

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Zusammenfassungen 1998






















Zusammenfassungen 1998
Heft 1/1998
 
Betina Hollstein/Gina Bria
Reziprozität in Eltern-Kind-Beziehungen? Theoretische Überlegungen und empirische Evidenz

In dem Beitrag wird danach gefragt, ob und auf welche Weise die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern durch die Verpflichtung zur Reziprozität strukturiert wird und die Pflege alter Eltern über Reziprozität erklärt werden kann. Da Reziprozität in der Literatur über intergenerationelle Transfers zwar häufig zitiert, aber kaum theoretisch ausgearbeitet wird, werden zunächst die theoretischen Voraussetzungen dargestellt, unter denen die Pflege alter Eltern auf Reziprozität zurückgeführt werden kann. Anhand des entwickelten Konzepts werden vorliegende Studien auf empirische Evidenzen für die Relevanz von Reziprozität untersucht. Dabei finden sich nicht nur Belege für lebensgeschichtlich generalisierte Reziprozität sondern auch Hinweise darauf, daß - entgegen der These von Alvin Gouldner - Reziprozität in Zeiten stabiler asymmetrischer Ressourcenverteilung wirksam ist. Allerdings hängen sowohl die Orientierung an Reziprozität als auch die faktische Umsetzung bzw. der Inhalt von Reziprozität ab von demographischen und sozialen Rahmenbedingungen wie wohlfahrtsstaatlichen Leistungen und der Gestaltung von Lebensläufen. Veränderungen dieser Rahmenbedingungen werden abschließend dargestellt und hinsichtlich ihrer Konsequenzen für Reziprozität in Eltern-Kind-Beziehungen und die Pflege alter Eltern diskutiert.


 
Gabriele Vierzigmann/Simone Kreher
"Zwischen den Generationen" - Familiendynamik und Familiendiskurse in biographischen Erzählungen

Zeitgenössische soziologische und psychologische Theorien unterstellen allzuleicht, die individuellen Gestaltungsräume hätten sich in der Moderne dergestalt erweitert, daß der einzelne lediglich unter einer Vielzahl sich anbietender Handlungsalternativen und Sinnangeboten auszuwählen hätte, ohne jedoch die Einbindung des Individuums in familiengeschichtliche und sozialhistorische Kontexte noch ernsthaft zu reflektieren. Wie eng individuelle Lebens- und Familiengeschichten miteinander verwoben sind, wie unauflöslich die Dialektik von Individuellem, Familiärem und Gesellschaftlichem ist und wie sie sich im Prozeß der binnenfamiliären Bedeutungskonstruktion repräsentiert, wird aus der Perspektive der interagierenden Biographinnen selbst und in der Analyse der über die individuellen Lebensgeschichten hinausreichenden Familiengeschichte rekonstruiert. Das Fortschreiben der Familiengeschichte über die Generationen hinweg, das Erzählen oder Verschweigen von familiengeschichtlichen Erlebnissen und Erfahrungen erweist sich dabei als generationenkonstituierender Transmissionsprozeß, dessen innere Dynamik nicht an beobachtbaren Oberflächenphänomenen festgemacht werden kann.


 
Matthias Junge/Tobias Krettenauer
Individualisierung, moralische Sozialisation in der Familie und die Moralökologie moderner Gesellschaften

Vor dem Hintergrund der Moralsoziologie Emile Durkheims und gestützt auf Konzepte zur Moralentwicklung von Jean Piaget wird versucht, ein gegenüber der kommunitaristischen Sozialtheorie differenzierteres Bild der moralischen Sozialisation in modernen und individualisierten Gesellschaften zu entwickeln. Zunächst wird ein Überblick über empirische Anhaltspunkte gegeben, die einen Wandel der Familie und der Sozialisationsbedingungen von Jugendlichen, insbesondere eine gestiegene Bedeutung der Sozialisation in Gleichaltrigengruppen, anzeigen. Sodann wird beschrieben, wie die kommunitaristische Sozialtheorie die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Moralökologie der Gesellschaft interpretiert. Schließlich wird eine theoretische Interpretationsalternative zur kommunitaristischen Deutung gegenwärtiger Krisenphänomene entwickelt. Durkheim und Piaget folgend gehen wir davon aus, daß Individualisierung und die sich daraus ergebenden Veränderungen der Institution Familie nicht zwangsläufig zu einer Krise der moralischen Sozialisation von Jugendlichen führen. Vielmehr bieten Individualisierungsprozesse auch Möglichkeiten zur Entwicklung eines moralischen Individualismus und können auf diese Weise zu einer Stärkung der Moralökologie moderner Gesellschaften beitragen.


 
Wolfgang Lauterbach/Michael J. Shanahan
Die Modernisierung des Agrarsektors: Berufliche Kontinuität und Wandel in Familienbetrieben

Familie und Gesellschaft hängen eng miteinander zusammen. Gerade im Verhältnis von Eltern und Kindern, also zwischen den Generationen, zeigt sich immer wieder von neuem diese Verschränkung. Am Beispiel von Landwirten wird gezeigt, wie sich familiale Lebensformen sowie der intergenerationelle Wandel oder die Kontinuität beruflicher Muster mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung verzahnen.


 
Katrin Schäfgen/Annette Spellerberg
Kulturelle Leitbilder und institutionelle Regelungen für Frauen in den USA, in West- und in Ostdeutschland

In diesem Beitrag werden politische Maßnahmen zur Institutionalisierung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in den USA, in West- und in Ostdeutschland miteinander verglichen. Während in der früheren BRD die Durchsetzung und Verfestigung der traditionellen Arbeitsteilung in männliche Erwerbsarbeit und weibliche Hausarbeit im Zentrum stand, wurde in der DDR die Erwerbstätigkeit der Frau gefördert und verlangt. In den USA wurde aufgrund des liberalen Politikverständnisses eine direkte Frauenpolitik erst relativ spät etabliert, die sich dann auf Gleichstellungs- und Fördermaßnahmen für Frauen konzentrierte. Auf empirischem Wege wird ferner überprüft, inwieweit die unterschiedlichen Politiken mit dem Bewußtsein der Bevölkerung korrespondieren. Anhand des ISSP 1994, der den Wandel der Geschlechtsrollen zum Thema hatte, werden Einstellungen von Männern und Frauen zur Frauen- und Müttererwerbstätigkeit in den drei ausgewählten Gebieten untersucht. Es zeigt sich den theoretischen Ausführungen entsprechend, daß in Westdeutschland deutlich traditionellere Vorstellungen zur Frauenrolle vorherrschen als in den USA oder in Ostdeutschland, daß in Ostdeutschland eine Erwerbstätigkeit von Frauen am deutlichsten befürwortet wird und daß in den USA liberale Einstellungen auch im Hinblick auf das Spannungsfeld von Familie und Beruf zu erkennen sind.


 
Artur Meier
Ungeplanter Nutzen. Zum Funktionswandel von Fortbildung und Umschulung

Aus einer mehrjährigen, mit quantitativen und qualitativen Methoden durchgeführten Längsschnittuntersuchung der beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen von Fortbildung und Umschulung geht hervor, daß sich gegenwärtig sowohl deren Funktion im gesellschaftlichen Wirkungszusammenhang als auch ihr Stellenwert im individuellen Lebenszusammenhang erheblich verändern. Im Unterschied zu landläufigen, auch in der Fachliteratur verbreiteten abschätzigen Urteilen über diese Art beruflicher Weiterbildung konnte ein mehrfacher Nutzen für die Teilnehmer von Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen nachgewiesen werden, der allerdings zumeist anders als intendiert ausfällt. Während die AFG-geförderte Fortbildung und Umschulung kaum noch den Zweck erfüllt, für den sie eigentlich konzipiert ist - die Reintegration ihrer Teilnehmer und Absolventen in eine Erwerbsarbeit - hat sie inzwischen Funktionen übernommen, die dem Bildungsprozeß eine neue Bedeutung geben. Mit dem Schwinden ihres instrumentellen Charakters wird Bildung (notgedrungen) wieder mehr selbstreferentiell.


 
Theresa Wobbe
Ideen, Interessen und Geschlecht: Marianne Webers kultursoziologische Fragestellung

Um 1900 beschäftigten sich die Gründer der Soziologie ebenso wie Frauen der Frauenbewegung mit dem Verhältnis von Individualisierung, sozialer Differenzierung und Geschlechterdifferenz. Marianne Weber nimmt in dieser Konstellation eine besondere Position ein. Ihr Konzept der neuen Frau als Modus weiblicher Vergesellschaftung formuliert eine geschlechtersoziologische Dimension von Individualisierung. Hierbei knüpft sie an Max Webers Forschungsprogramm zur Verkettung von Ideen und Interessen an und greift Georg Simmels differenzierungstheoretischen Ansatz auf. Anhand ihres Hauptwerkes über die Ehe und ihrer Essays zur neuen Frau lassen sich ihre Überlegungen zur Individualisierung der Frau rekonstruieren. Ihre Schriften, so wird argumentiert, bieten eine kultursoziologische Perspektive auf den Wandel der institutionellen Ordnung von Ehe und Geschlechterverhältnis.


 
Y. Michal Bodemann
Von Berlin nach Chicago und weiter. Georg Simmel und die Reise seines "Fremden"

Georg Simmels "Exkurs über den Fremden" und der Topos des Fremden beeinflußten seine wichtigsten Zeitgenossen in der Soziologie: Max Weber, Werner Sombart, Ferdinand Tönnies und Robert Michels. Später transponierte die Chicagoer Schule, insbesondere Robert Park und Everett Hughes, die Idee des Fremden als "marginal man" in die amerikanische Soziologie. Im Gegensatz zu Simmel und später auch im Gegensatz zur amerikanischen Rezeption, die den Fremden definierten als jemanden, der "heute kommt und morgen bleibt", sahen seine deutschen Zeitgenossen den Fremden als zeitweiligen Eindringling. Nach der Schoah - und zunächst durch Lewis Coser - wurden Simmels Biographie und sein Aufsatz judaisierend gelesen und Simmel selbst zum Fremden stilisiert, der von seiner Umwelt isoliert gewesen sei. Angesichts Simmels starker Integration in die damalige deutsche Gesellschaft ist diese Sicht unhaltbar.




















Zusammenfassungen 1998
Heft 2/1998
 
Bruce Western/Katherine Beckett
Der Mythos des freien Marktes. Das Strafrecht als Institution des US-amerikanischen Arbeitsmarktes

Komparative ökonomische Forschung vergleicht gewöhnlich die europäischen Wohlfahrtsstaaten mit dem unregulierten US-amerikanischen Arbeitsmarkt, um die geringeren Arbeitslosenquoten der Vereinigten Staatenin den 80er und 90er Jahren zu erklären. Im Gegensatz dazu wird im folgenden Aufsatz behauptet, daß der amerikanische Staat durch die Ausdehnung des Strafvollzugs massiv und mit weitreichenden Konsequenzen in den Arbeitsmarkt eingegriffen hat. Der Einfluß der Inhaftierung auf die Arbeitslosigkeit ist durch zwei einander entgegenlaufende Dynamiken gekennzeichnet. Kurzfristig reduziert sie entscheidend die offiziellen Arbeitslosenzahlen in den Vereinigten Staaten, indem gesunde Männer im erwerbsfähigen Alter in den Zahlen der verfügbaren Arbeitskräfte nicht berücksichtigt werden. Auf lange Sicht hingegen, dies zeigen Umfragedaten der National Longitudinal Study of Youth (NLSY), erhöht Inhaftierung Arbeitslosigkeit, indem sie die Berufsaussichten ehemaliger Strafgefangener verschlechtert. Die günstige Entwicklung auf em US-amerikanischen Arbeitsmarkt in den 80er und 90er Jahren beruhte deshalb zum Teil auf einer hohen und steigenden Inhaftierungsrate.


 
Carsten Stark
Systemsteuerung und Gesellschaftssteuerung. Zur modernen Beschränkung des Politischen

Die Verwirklichung politischer Alternativen scheint in der modernen Gesellschaft immer schwieriger zu werden. Schuld daran ist nach Weber die Ausdifferenzierung spezifischer Rationalitäten, die den modernen Menschen in das "stählerne Gehäuse der Hörigkeit" sperren. Die moderne Systemtheorie greift diese Idee auf und macht die Differenzierung autopoietischer Systeme der Gesellschaft für die Verselbständigung der institutionellen Rationalitäten von intentionalen Eingriffen verantwortlich. In diesem Beitrag wird versucht, diese Steuerungsdebatte aus dem Sogkreis der systemischen Differenzierungstheorie zu befreien. Aus diesem Grunde wird dem Problem der Systemsteuerung das Problem der Gesellschaftssteuerung gegenübergestellt. Das Problem der Systemsteuerung wird dabei als ein theoretisch produziertes Scheinproblem qualifiziert, welches wohl daazu geführt hat, daß zumindest unter Soziologen die Auseinandersetzung mit dem Problem der politischen Steuerung moderner Gesellschaften zu früh abgebrochen wurde. Mit dem Thema der Gesellschaftssteuerung wird gezeigt, welche gesellschaftstheoretischen Probleme mit der Moderne verbunden sind, und damit eine neue Interpretation des stählernen Gehäuses geliefert. Als empirisches Beispiel dient dabei ein geradezu klassisches Feld der Umweltpolitik, die Luftreinhaltung.


 
Herbert Willems
Elemente einer Theorie der Theatralität "unanständigen Verhaltens"

Die Überlegungen dieses Aufsatzes beziehen sich auf bestimmte abweichende Verhaltensweisen, nämlich "Unanständigkeiten" (von alltäglichen "Unmanierlichkeiten" bis zum Sadomasochismus). Es geht hauptsächlich darum, zivilisationstheoretisch-dramatologische Begriffe von diesen Gegenständen oder Realitätsaspekten zu entwickeln und zugleich einen Beitrag zu einer allgemeinen Theorie der Theatralität zu leisten. Auf einer ersten, eher "makrosoziologischen" Ebene sind zivilisations-, differenzierungs- und habitustheoretische Mittel gegenstandsbezogen zu entfalten und zu verknüpfen. Vor diesem Hintergrund und in diesem Rahmen werden Konzepte des eher "mikrosoziologischen" Ansatzes von Goffman diskutiert. Dessen dramatologisches Instrumentarium erweist sich als ebenso aufschlußreich und anschlußfähig wie anschlußbedürftig.


 
Michael Schetsche
Reale und virtuelle Probleme. "UFO abduction experiences" als Testfall für die (Problem-) Soziologie

Im Beitrag wird eine analytische Differenzierung öffentlicher Thematisierungen in reale und virtuelle Probleme vorgeschlagen. Die Unterscheidung geht von einem Karrieremodell sozialer Probleme aus, in dem theoretische Annahmen sowohl der objektivistischen wie auch der konstruktivistischen Problemsoziologie integriert sind. Als strukturelle Basis sozialer Probleme werden in diesem Modell "konsensuale Sachverhalte" angesehen. Sie sind dadurch gekennzeichnet, daß ihre Existenz auch von kollektiven Akteuren anerkannt wird, die die Deutung als soziales Problem selbst ablehnen. Demgegenüber gibt es öffentliche Problemwahrnehmungen, denen ein solcher konsensualer Sachverhalt fehlt. Wie solche "virtuellen Probleme" beschaffen sind, wird am Beispiel der "UFO abduction experiences" demonstriert. Abschließend wird diskutiert, welche Konsequenzen die Einführung dieser Grenzkategorie sowohl für die wissenschaftliche Analyse als auch für die sozialpolitische Bewertung öffentlicher Thematisierungen hat.


 
Ulf Matthiesen
An den Rändern der deutschen Hauptstadt. Regionalkulturelle Suburbanisierungsprozesse im Märkischen Sand - zwischen "Hightech-Kathedralen" und "Nationalpark DDR"

Mit der Verlagerung der Wachstumsdynamiken an die Ränder der Städte werden Suburbanisierungsprozesse auf neue Weise relevant. Bisherige Suburbanisierungsanalysen folgen in der Regel objektivistischer Manier den funktionalen und stofflichen "flows" zwischen Zentren und Peripherien oder konzentrieren sich auf den Zusammenbruch siedlungsstruktureller Dichtegefälle in Stadtregionen. Kulturelle Musterungen als Kodierungsfolien für ökonomische, politische und soziale Raumentwicklungen tauchen dabei in einem erklärungssystematischen Sinne kaum auf. Am Sonderfall des Berlin-BrandenburgischenVerflechtungsprozesses werden zunächst Argumente für einen komplexen Typus von Suburbanisierungs- und Regionalanalysen entfaltet, der den kulturellen Ausdrucksgestalten auf unterschiedlichen Aggregierungsniveaus eine angemessenere Rolle in der Analyse der faktischen Raumentwicklung gibt. Mit drei Fallanalysen aus dem Verflechtungsraum werden dann jeweils unterschiedliche Akteurskonstellationen skizziert, um die erklärungssystematische Relevanz der Ebene der Stadt- und Regional-Kulturen für Suburbanisierungsprozesse nachzuweisen: einmal institutionelle Akteure aus der Raumplanung (Planungskulturen); dann informelle Netzwerke und Bürgerinitiativen; schließlich private Akteure, neue Selbständige und deren neue Raum-Kultur-Bedürfnisse.




















Zusammenfassungen 1998
Heft 3/1998
 
Richard Sennett
Der neue Kapitalismus

Mit diesem explorativen Essay lenkt Sennett die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt des "neuen Kapitalismus", der bisher wohl kaum so eindringlich problematisiert wurde: die kulturellen Konsequenzen des hochmobilen und ökonomisch flexibleren Kapitalismus der Gegenwart. Er plädiert dafür, die Auswirkungen des sich radikal wandelnden Verständnisses von Arbeit und Ort auf das Selbstwertgefühl, die personale Identität, soziale Bindungsfähigkeit und politische Partizipationsfähigkeit der Individuen ins Zentrum der sozialwissenschaftlichen Analyse zu stellen.


 
Heiner Ganßmann
Ein Stachel bleibt. Das "Kommunistische Manifest", die "materialistische Geschichtsauffassung" und die Soziologie

Der aktuelle zeitdiagnostische Gehalt des "Kommunistischen Manifests" wird im Hinblick auf vier Argumentationsstränge untersucht, die die Vorhersage der proletarischen Revolution stützen sollen: a) Ökonomie, b) Klassenanalyse, c) Arbeiterassoziation, Politik und Staat und d) bourgeoise Kulturrevolution. Die Revolutionserwartung wird im wesentlichen getragen von der Behauptung einer notwendigen Verelendung des Proletariats, für die es jedoch keine zureichende ökonomische Begründung gibt. Der Marx/Engelssche Text bleibt dennoch in zwei Hinsichten soziologisch interessant: Einerseits besteht zwar sein Hauptdefizit in der Unterschätzung politischer Interventionsmöglichkeiten in den ökonomischen Prozeß, aber zugleich folgt daraus sein prognostischer Wert, wenn Ů wie gegenwärtig mit Verweis auf Globalisierung und Standortkonkurrenz Ů ökonomische Sachzwänge politische Interventionen ausbleiben lassen. Andererseits bietet die Geschichte des Textes Anlaß zu Spekulationen, ob er deshalb zur self-fulfilling prophecy wurde, weil er mit politischen Wirkungen auch von den Gegnern der Arbeiterbewegung gelesen wurde.


 
Hans Joas
Globalisierung und Wertentstehung Ů Oder: Warum Marx und Engels doch nicht recht hatten

In den gegenwärtigen Debatten über die Globalisierung wird das žKommunistische ManifestÓ von Karl Marx und Friedrich Engels als ein prophetisches Werk entdeckt, das den globalen Siegeszug des Kapitalismus vorausgesehen habe. Die von ihnen formulierten weitreichenden Prognosen haben sich jedoch als empirisch falsch erwiesen. Diese Fehlprognosen gehen auf eine falsche Kernannahme ihrer Theorie zurück, die im heutigen Globalisierungsdiskurs eine Neuauflage erfährt: die Annahme, daß es so etwas wie eine alles zermalmende globale Logik des Kapitalismus gebe. Dem ist die These entgegenzuhalten, daß die Dynamik kapitalistischen Wirtschaftens komplexer normativer und institutioneller Voraussetzungen bedarf und die geschichtliche Möglichkeit der Entstehung neuer Werte einschließt.


 
Dieter Klein
Ökonomische Globalisierung Ů Assoziationen zu 150 Jahren Unausweichlichkeit

Die Globalisierung ist als erdumspannender Vernetzungs- und Umbruchprozeß in Wirtschaft, Politik, Kultur und sozialen Lebenswelten realer Handlungszwang. Zum Mythos stilisiert dient sie zugleich der Legitimierung neoliberaler Strategien. Ein zentrales Dilemma der Globalisierung besteht darin, daß sie mit gefahrenschwangeren Großproblemen einherkommt, aber gerade in deren Angesicht die sozial und ökologisch blinden Weltmarktmechanismen ein weit stärkeres Gewicht in der Regulationsweise im Verhältnis zur Politik gewinnen. Eine ironische Konstellation ergibt sich aus der formalen Nähe deterministischer Gedankenführung im "Manifest der Kommunistischen Partei" und neoklassischer Interpretation der Globalisierung als unausweichlicher Handlungszwang. Selbst eine kritische Rekonstruktion Marxscher Auffassungen zu gesellschaftlichen Handlungszwängen spricht jedoch gegen die Annahme solcher Zwangsläufigkeit. Die Globalisierung wird zum Katalysator für die Auseinandersetzung um Möglichkeiten und Charakter der Politik in Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert: Ist eine Einbettung des Profits in soziale und ökologische Entscheidungskriterien möglich und dringlich?


 
Saskia Sassen
Zur Einbettung des Globalisierungsprozesses: Der Nationalstaat vor neuen Aufgaben*

Die Diskussion um ökonomische Globalisierung geht gewöhnlich von der Annahme eines umfassenden Bedeutungsverlustes des Nationalstaates aus. Dieser Befund resultiert z.T. aus einer falschen dualistischen Konzeption des Globalen und Nationalen, sowie einer ungenügenden Differenzierung zwischen einem nationalen Territorium (geographische Dimension) und nationaler Territorialität (institutionelle Dimension), die in unterschiedlichem Maße in den Prozeß ökonomischer Globalisierung involviert und von diesem betroffen sind. Meine zentrale Hypothese lautet hingegen, daß der Nationalstaat die entscheidende Institution darstellt, die die Rahmenbedingungen für den ökonomischen Globalisierungsprozeß sicherstellt. Obgleich seine Souveränität in diesem Prozeß zugleich transformiert wird, kann von einem umfassenden Bedeutungsverlust des Nationalstaates keine Rede sein. Am Beispiel der Fianzglobalisierung wird gezeigt, daß die Durchsetzung der globalen Ökonomie kein schicksalhaftes Verhängnis ist, sondern vielmehr auf institutionellen und kulturellen Bedingungen beruht, die der Nationalstaat schafft und die diesen Prozeß erst ermöglichen.


 
Claus Offe
Der deutsche Wohlfahrtsstaat: Prinzipien, Leistungen, Zukunftsaussichten

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatte über die Krise und den Umbau des Wohlfahrtsstaates stellt der Beitrag in einem ersten Schritt die historisch gewachsene institutionelle Architektonik und konsensorientierte Akteursstruktur des deutschen Wohlfahrtsstaates dar. Die Funktionsweise des Wohlfahrtsstaates ließ ihn in Deutschland lange Zeit als einen "vierten Produktionsfaktor" erscheinen. Zweitens diskutiert der Beitrag die wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse, die deutsche Vereinigung von 1990 und den europäischen Integrationsprozeß in ihren Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation in Deutschland. Seine Organisationsprinzipien lassen die anhaltende "Beschäftigungskrise" zur entscheidenden Ursache für die Krise des deutschen Wohlfahrtsstaates werden. In einem dritten Schritt werden zwei grundlegende politische Alternativen der Reorganisation des deutschen Verteilungs- und Sicherungsregimes erörtert: die Wiederherstellung von Vollbeschäftigung oder die Entkopplung von Einkommensanspruch und Erwerbstätigkeit. Da dem Autor die erste Option wenig realistisch erscheint, plädiert er abschließend für eine gradualistische Strategie zur Realisierung der zweiten grundlegenden politischen Alternative.


 
Helmuth Berking
"Global Flows and Local Cultures". Über die Rekonfiguration sozialer Räume im Globalisierungsprozeß

Der Artikel läßt sich von der These leiten, daß die Prozesse kultureller Globalisierung eine radikale Verschiebung der sozialräumlichen Maßstäbe und damit der sozialräumlichen Organisationsformen sozialer Beziehungen implizieren. Ausgehend von der Kritik jener Konzeptionen, für die Globalisierung sich als Ent-Territorialisierungsdynamik realisiert, werden die Re-Territorialisierungsprozesse als die "Rahmungen" in den Vordergrund gerückt, in denen und durch die beides: global flows und local cultures umgeschrieben und mit neuen Bedeutungen versehen werden. Die These, daß auch unter globalen Bedingungen "place matters", liefert das Leitmotiv dieses Beitrags.


 
Harald Bluhm
Gerechtigkeit in Marxens Theorien

Marx radikalisiert die in aufklärerischen Theorien begonnene Auflösung des Gerechtigkeitsbegriffes durch einen Bruch mit der am Recht und Staat orientierten Tradition. Er bleibt aber Ů wie an theoretischen und politischen Texten gezeigt wird Ů dem Gerechtigkeitsdiskurs verhaftet, vor allem weil er eine prinzipielle Beziehung von Theorie und Arbeiterbewegung herstellt. Seine beiden impliziten Gerechtigkeitsbegriffe, der relative und der absolute, der auf die bürgerliche Gesellschaft und der auf den Kommunismus bezogene, stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander, das erst im Spätwerk partiell als methodisches Problem reflektiert wird. Marx thematisiert nur die Voraussetzungen sozialer Gerechtigkeit, ohne sie selbst zu konzeptualisieren. Die Karriere des Begriffs sozialer Gerechtigkeit im 20. Jahrhundert setzte eine entnormativierende Ablösung des Begriffs žsocialÓ als wesentlichem Attribut einer postrevolutionären Ordnung voraus.


 
Martin Albrow
Europa im globalen Zeitalter

Entgegen einer verbreiteten Ansicht ist Europa weder dem Niedergang geweiht, noch ist es angemessen, von einem Defizit an Demokratie zu sprechen. Um die Zukunft Europas und der Europäischen Union richtig zu verstehen, ist es notwendig, sich von Vorstellungen aus der Zeit der Nationalstaaten zu verabschieden und den Globalisierungsprozeß in seinen Konsequenzen für die Entwicklung Europas vorurteilslos zu analysieren. Anknüpfend an die Thesen seines Buches "The Global Age", erörtert der Autor die Implikationen von drei Eigenschaften des globalen Zeitalters für Europa: 1. die Internationalisierung technischer Systeme, 2. das Flottieren der Nationalität und 3. die Befreiung der territorialen Lokalität. Die Gestaltung des neuen, transnationalen Europa und der Globalisierungsprozeß weisen insofern eine bemerkenswerte Affinität aus, als beide Entwicklungen auf eine Befreiung der Gesellschaft von nationalstaatlicher Kontrolle hinauslaufen.




















Zusammenfassungen 1998
Heft 4/1998
 
Colin Crouch
Staatsbürgerschaft und Markt. Das Beispiel der neueren britischen Bildungspolitik

Die britische Politik hat in jüngster Zeit viele Initiativen zur Einführung von Marktprinzipien in öffentliche Dienstleistungen auf den Weg gebracht. Innerhalb der Arena des Wohlfahrtsstaates müssen diese jedoch mit den bestehenden Konzepten von Staatsbürgerschaft und zum Teil auch mit jenen von Gemeinschaft in Einklang gebracht werden. Der Aufsatz untersucht einige der Effekte dieses Prozesses auf dem Feld der Bildungspolitik. Es zeigen sich zum einen negative Konsequenzen, die unter die Begriffe Verzerrung, Verfall und Residualisierung gefaßt werden, zum anderen aber auch Anzeichen für interessante und vielversprechende Synthesen sowie einige neue Paradoxa.


 
Giovanna Procacci
Arme Bürger. Soziale Staatsbürgerschaft versus Individualisierung von Wohlfahrt

Die gegenwärtige Wohlfahrtskrise stellt soziale Staatsbürgerschaft und soziale Rechte in Frage, die in fast allen europäischen Staaten die Grundlage der bisherigen Umverteilungsstrategien und sozialen Dienstleistungen bilden. Damit wird auch die Organisation von Solidarität untergraben, die auf der Vorstellung von geteilten sozialen Risiken beruht. Die Reformierung der Sozialpolitik vollzieht sich nach den Maßgaben neuer Individualisierungsstrategien, die sich gegen das Soziale als  einer unzumutbaren Belastung für die Gesellschaft richten. In dem Aufsatz wird der Versuch unternommen, diese Wende,  speziell in der Armutspolitik,  aus der Perspektive der Geschichte der Staatsbürgerschaft in Frankreich  zu beurteilen, wo die Bekämpfung von Armut eine große Rolle spielt. Armutsprobleme werden gegenwärtig aus der Perspektive der Individualisierung erfaßt, die auch deren Behandlung -- hauptsächlich über das vorherrschende Konzept sozialer Exklusion -- diktiert. Individualisierte Sozialpolitik scheint mitnichten in der Lage zu sein, den sozialen Riß zu schließen, als vielmehr das Ausmaß unserer Staatsbürgerrechte zu beschneiden.


 
Margaret R. Somers
"Citizenship" zwischen Staat und Markt: Das Konzept der Zivilgesellschaft und das Problem der "dritten Sphäre"

In der Folge der osteuropäischen Umwälzungen der 80er Jahre wurde Staatsbürgerschaft nach Jahrzehnten ihres sozialwissenschaftlichen Schattendaseins wiederentdeckt. Herzstück dieser Renaissance war das alte, neu aufgegriffene Konzept der Zivilgesellschaft, dem nun die Aufgabe zugedacht war, die Desiderata einer ždritten SphäreÓ zu repräsentieren, die einen unabhängigen Bereich zwischen den zwei Seiten der großen Dichotomie (Bobbio) von Markt und Staat einnimmt. Am Ende der 90er Jahre wissen wir, daß mit dem Konzept der Zivilgesellschaft dieses Versprechen nicht zu halten war. Statt, wie angenommen, sich auf eine nicht marktförmig organisierte ždritte SphäreÓ zu berufen, wurde das Konzept paradoxerweise von den neoliberalen Bestrebungen einer Privatisierung von Staatsbürgerschaft und der Dämonisierung des Staates vereinnahmt. Dieses Paradox läßt sich erklären, wenn das Konzept der Zivilgesellschaft im Metanarrativ der angelsächsischen Theorie der Staatsbürgerschaft verortet wird, der konzeptionellen Grundlage des Neoliberalismus. In diesem Aufsatz wird über eine Analyse der Narration die Historizität des Metanarrativs rekonstruiert und seine Zählebigkeit mit der Erkenntnistheorie des sozialen Naturalismus erklärt -- und damit die Frage beantwortet, wie und warum es dem Neoliberalismus so gut gelang, die öffentliche Sphäre der Staatsbürgerschaft zu privatisieren, den Staat zu dämonisieren und das Versprechen einer ždritten SphäreÓ ad absurdum zu führen.


 
Dieter Gosewinkel
Untertanschaft, Staatsbürgerschaft, Nationalität. Konzepte der Zugehörigkeit im Zeitalter des Nationalstaats: Anmerkungen zur Begriffsgeschichte in Deutschland, Frankreich, England und den USA

Der Artikel untersucht vergleichend die Geschichte dreier Begriffe der (staatlichen) Zugehörigkeit -- Untertanschaft, Staatsbürgerschaft und Nationalität (subjecthood, citizenship/citoyenneté, nationality/nationalité) -- in Deutschland, Frankreich, England und den USA. Er geht von der These aus, daß politische Begriffe politischen Wandel zugleich reflektieren, legitimieren und gestalten. Analysiert wird die historische Nationalisierung der Zugehörigkeitsbegriffe ebenso wie neuere Tendenzen ihrer Konvergenz. Die vier Fälle zeigen den Übergang vom Begriff der Untertanschaft zur Staatsbürgerschaft, der sich mit den Revolutionen in den USA und Frankreich durchsetzte, während in der monarchisch geprägten Begriffstradition Deutschlands und Englands Staatsbürgerschaft bis ins 20. Jahrhundert hinein schwach in seinem Gehalt blieb. Die deutsche Unterscheidung zwischen der rechtlich-formalen Staatsangehörigkeit und dem politischen Rechtsstatus der Staatsbürgerschaft spiegelt in der deutschen Begriffsgeschichte die Schwäche der demokratischen Tradition, wohingegen beide Bedeutungen in citizen bzw. citoyen zusammengehalten werden. Zwei Modelle des nation-building zeigen sich in der Verwendung des Begriffs Nationalität. Bedeutet er in Frankreich, England und den USA vor allem die rechtliche Zugehörigkeit zur politischen Gemeinschaft des Nationalstaats, so ist er in Deutschland nach wie vor mit einer vorpolitischen, ethnisch-kulturellen Bedeutung konnotiert.


 
Bernhard Giesen/Kay Junge
Nationale Identität und Staatsbürgerschaft in Deutschland und Frankreich

Ausgehend von Rogers Brubakers vergleichender Untersuchung der Entwicklung von Bürgerschaftsrechten in Frankreich und Deutschland, plädieren die Autoren dafür, daß die Zuordnung des ius solis zum französischen und des ius sanguinis zum deutschen Fall mit größerer Vorsicht zu genießen ist. Durch Nennung zahlreicher Beispiele aus der französischen und der deutschen Geschichte wird nachgewiesen, daß sich eine solche Zuordnung weder für den deutschen, noch für den französischen Fall historisch konsequent durchhalten läßt. Unterschiedliche Vorstellungen kollektiver Identität und die ihnen entsprechenden Formen von Bürgerschaftsrechten sind nicht jeweils Eigentum einer bestimmten Nation, sondern lassen sich in ganz Europa in historisch immer wieder neuen Konstellationen nachweisen. Die Konkurrenz zwischen diesen Codes in unterschiedlichen Feldern und auf unterschiedlichen Ebenen hat weder in Frankreich noch in Deutschland über einen eindeutigen und dauerhaften Sieger entschieden. Sie wird wesentlich bestimmt von den Interessen unterschiedlicher Trägergruppen und deren institutioneller Einbindung, so daß eine schlichte Zuordnung solcher Codes zu Makroeinheiten wie Frankreich und Deutschland soziologisch höchst fragwürdig sein muß.


 
Jost Halfmann
Politischer Inklusionsuniversalismus und migratorisches Exklusionsrisiko

Ziel des Artikels ist es, den Begriff der Staatsbürgerschaft aus der normativen Debatte über Bürgergemeinschaften und gesellschaftliche Integration herauszulösen und ihn durch eine systemtheoretische Reformulierung an die Ergebnisse deskriptiver Forschung zu Staatsbürgerschaft und Migration anschlußfähig zu machen. Staatsbürgerschaft wird als Inklusion in das politische System gefaßt. Die segmentäre Differenzierung des politischen Systems der Weltgesellschaft in territoriale Nationalstaaten erzeugt eine Besonderheit der politischen Inklusion (Staatsbürgerschaft als Status), die sich als zentrales institutionelles Hindernis für eine Abkehr von nationaler Staatsbürgerschaft angesichts globalisierungsbedingten Erosionsdrucks auf den Nationalstaat herausstellt.


 
Rudolf Stichweh
Zur Theorie der politischen Inklusion

Der Aufsatz stellt den Inklusionsbegriff als einen zentralen Begriff der soziologischen Systemtheorie vor. Inklusion meint eine generelle Form des Nachdenkens über Modi der Mitgliedschaft in sozialen Systemen. Staatsbürgerschaft bezeichnet dann einen Spezialfall dieses allgemeineren Konzepts der Inklusion. Zweitens wird spezifischer der Begriff der politischen Inklusion diskutiert. Eine historische Überlegung vergleicht das aristokratische, republikanische und demokratische Modell politischer Inklusion. Das der Moderne zugehörige Modell politischer Inklusion wird beschrieben als basierend auf politischer Demokratie (die die politische Passivität des Normalbürgers impliziert) und der Universalität des Zugangs zu den Berechtigungen des Wohlfahrtsstaats. Drittens werden diese allgemeineren Überlegungen benutzt, um eine Krise der Inklusion in der Weltgesellschaft der Gegenwart zu diagnostizieren. Einhundertfünfzig Jahre lang schien politische Inklusion eine Erfolgsgeschichte der modernen Gesellschaft zu sein. Früher und durchgängiger als in anderen Funktionssystemen verwirklichte sich die nahezu vollständige Inklusion aller auf der Erde lebenden Menschen in einen und nur einen der entstehenden Nationalstaaten in der Welt. Dieser Vorsprung politischer Inklusion scheint gefährdet. Eine Mehrzahl von Krisensymptomen zeichnet sich ab: Eine Deterritorialisierung der Politik; eine Regionalisierung wirksamer sozialer Interdependenzen, die in manchen Hinsichten politische Grenzen ignoriert; die Karriere und globale Aktivität von Organisationen, die die Staaten wechseln können, in denen sie jeweils operieren (multinationale Unternehmen; Nichtregierungsorganisationen); legale und illegale Migration und die Unmöglichkeit politischer Kontrolle dieser Migrationen. Am Ende fragt der Aufsatz, was diese Krise politischer Inklusion für das Selbstverständnis des Staates bedeutet.


 
Jürgen Mackert
Jenseits von Inklusion/Exklusion. Staatsbürgerschaft als Modus sozialer Schließung

Das von Thomas H. Marshall und Talcott Parsons im Anschluß an Emile Durkheim entwickelte Modell nationaler Staatsbürgerschaft geht mit der Annahme einher, daß soziale Ordnung durch eine fortschreitende Inklusion aller Gesellschaftsmitglieder in ein immer größeres Set staatsbürgerlicher Rechte sichergestellt werden kann. Angesichts der massiven Immigrationsprozesse der Nachkriegszeit in westliche liberal-demokratische Gesellschaften wird Staatsbürgerschaft jedoch zu einem mächtigen Instrument sozialer Schließung. Unter Bedingungen zunehmender ethnischer Heterogenität versucht der moderne Nationalstaat, so die zentrale These des Aufsatzes, soziale Ordnung durch die Exklusion von Migranten von seinen Staatsbürgerrechten herzustellen. Auf der Grundlage der Theorie sozialer Schließung werden die Auseinandersetzungen zwischen Nationalstaat und Immigranten um den Zugang zu staatsbürgerlichen Rechten als politische Kämpfe um Zugehörigkeit bestimmt. Die Funktionsweise nationaler Staatsbürgerschaft als Modus sozialer Schließung wird am Beispiel Deutschlands anhand der exkludierenden Effekte staatsbürgerlicher Rechte illustrativ verdeutlicht.