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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 1993


























Zusammenfassungen 1993
Heft 1/93
 
Helmut Wiesenthal
Akteurkompetenz im Organisationsdilemma. Grundprobleme strategisch ambitionierter Mitgliederverbände und zwei Techniken ihrer Überwindung

(Überarbeitete Fassung des Habilitationsvortrages, den der Autor am 30. Juni 1992 an der Fakultät für Philosophie und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg gehalten hat.)
Interessenverbände, die Kollektivgüter bereitstellen und dem Anspruch demokratischer Willensbildung unterliegen, sind in ihren Entscheidungen drei Rationalitätskonflikten ausgesetzt: (1) dem Problem der Mobilisierung von Mitgliederbeiträgen entgegen dem Trittbrettfahreranreiz der "Logik kollektiven Handelns" (Olson 1965), (2) dem Konflikt zwischen den Prinzipien demokratischer Repräsentation und administrativer Effektivität (Weitbrecht 1969) sowie (3) dem Problem der Ausbildung eines operativen Kollektivwillens auf der Basis eines heterogenen Interesseninputs (Offe/Wiesenthal 1980). Um unter diesen Bedingungen strategische Akteurkompetenz zu entwickeln, müssen Willensverbände entweder das zu repräsentierende Interessenspektrum beschneiden oder auf die Mobilisierung des maximal erreichbaren Unterstützungspotentials verzichten. Mit Rekurs auf das Beispiel deutscher Gewerkschaften werden zwei weitere Mechanismen der Sicherung von Strategiekompetenz analysiert: ein zwischen Mitgliedern und Organisationsführung vermittelndes Netzwerk von (ehrenamtlichen) Aktivisten sowie plurale handlungsorientierende Umwelt- und Selbstinterpretationen. Das negative Urteil, das in Theorien des prinzipiellen Rationalitätskonfliktes über die strategische Akteurkompetenz von Mitgliederverbänden gefällt wird, ist aufgrund dieser Befunde zu relativieren.

 
Michael Schmid
Soziale Normen und soziale Ordnung. Eine Kritik von Jon Elsters Theorie sozialer Normen

Jon Elsters Forschungsprogramm ist darauf ausgerichtet, die Unzulänglichkeiten, Begrenzungen und Fehler der orthodoxen Rational Choice-Theorie zu identifizieren und mit der unleugbaren Irrationalität, Subversivität und Widersprüchlichkeit menschlichen Entscheidungsverhaltens zu konfrontieren. Der Autor steht einem solchen Programm mit Anerkennung und Sympathie gegenüber. Allerdings erstreckt sich dieser Zuschlag nicht auf den Versuch, Normen und normorientiertes Handeln per definitionem aus dem Bereich dessen zu eskamotieren, was rationalen Überlegungen zugänglich sein kann. Tatsächlich muß Elster dabei scheitern. Er verstrickt sich in Widersprüche und muß darauf verzichten, die theoretische Untersuchung von Normbildungs- und Normveränderungsprozessen mit angemessenen Mitteln voranzutreiben.

 
Elmar Lange
Steuerungsprobleme beim Übergang von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern

Der folgende Beitrag analysiert die Transformation der Planwirtschaft der DDR zur sozialen Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern unter steuerungstheoretischem Aspekt. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint diese Transformation als Prozeß des Äbergangs von einer dominierenden monistischen Steuerung der Wirtschaft durch Pläne zu einer pluralistischen Steuerung durch eine Vielfalt von Steuerungsformen, zu denen dann auch Märkte, Wahlen, Verhandlungen, speziell Grupenverhandlungen und Beratungen zu zählen sind. Er impliziert zugleich den Umbau der Wirtschaft von einem dominant hierarchischen System hin zu überwiegend lateral vernetzten Systemen. Es ist zu erwarten, daß gerade mit diesen Äbergängen erhebliche Schwierigkeiten verbunden sind, daß es jedoch gleichzeitig Ansätze gibt, an denen man zu ihrer Äberwindung anknüpfen kann.Der empirische Gehalt dieser Ausführungen basiert zum größten Teil auf den Ergebnissen einer Feldforschung, die ich gemeinsam mit dem Kollegen P. Schöber und einer studentischen Forschungsgruppe von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld zwischen August 1990 und Juli 1992 zum sozialen und wirtschaftlichen Wandel in den fünf neuen Bundesländern am Beispiel der Lutherstadt Wittenberg durchgeführt habe.

 
Stefan Liebig
Gerechtigkeitseinschätzung und Legitimation im Vereinigungsprozeß: Die Rolle des grenznahen Wohnorts in der ehemaligen DDR

Der Aufsatz präsentiert Ergebnisse, die im Rahmen des International Social Justice Projects (ISJP) entstanden sind. Das übergreifende Forschungsinteresse dieses Projektes richtet sich auf die Analyse der Wahrnehmung sozialer Gerechtigkeit im Ost-West-Vergleich.Zunächst wird die Bedeutung der geographischen Nähe zu den alten Bundesländern nur für die neuen Bundesländer untersucht. Damit kann ein spezifisches Bild der Gerechtigkeitseinschätzungen und der Legitimation des politischen Systems in den neuen Bundesländern und der dabei vermutete Einfluß eines ehemals grenznahen Wohnorts nachgezeichnet werden. Dieses Erklärungsmodell wird in einem 2. Schritt auf alle Befragten der neuen und alten Bundesländer erweitert, um die vermuteten Anpassungsprozesse im ehemaligen Grenzgebiet an westliche Urteilsmuster kenntlich machen zu können.

 
Dorothea Krüger
Allein leben: Angleichung der Geschlechter oder Fortschreibung der Geschlechterdifferenz? Ergebnisse einer qualitativen Studie über die Berufs- und Beziehungsbiographien Alleinlebender

Im Aufsatz wird die neue Lebensform des Alleinlebens aus der Mikroperspektive durchleuchtet und die Frage gestellt, ob der Trend zur Individualisierung und Autonomie nicht zwangsläufig zur Aufhebung der Geschlechterrolle führt. Die Analyse basiert auf einer empirischen Erhebung, in der ledige Frauen und Männer in Einpersonenhaushalten bezüglich ihrer Partnerschafts- und Berufsbiographie befragt werden.Die Ergebnisse zeigen ein erstaunliches Beharrungsvermögen auf seiten der männlichen Alleinlebenden. Nach wie vor halten sie an der Aufteilung der traditionellen Geschlechterpolarität fest und verwirklichen in ihrer Biographie das Normalitätsmodell der Berufsorientierung. Die Frauen des Samples vollziehen hingegen eine Angleichung an die männliche Biographie und versuchen zugleich die Realisierung einer partnerschaftlichen Beziehung. Das neue Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern beruht demnach vor allem auf einem "cultural-lag" des Mannes.

























Zusammenfassungen 1993
Heft 2/93
 
Hans-Peter Müller
Soziale Differenzierung und Individualität. Georg Simmels Gesellschafts- und Zeitdiagnose

(Überarbeitete Fassung des Habilitationsvortrages des Autors am 23.05.1990 an der Universität Heidelberg)
Trotz der beachtlichen Simmel-Renaissance hat sich die Soziologie auch über hundert Jahre nach seinen ersten Arbeiten noch kein abschließendes Urteil über sein Werk bilden können. Für die einen ist er der Begründer der "formalen Soziologie" ˝ Simmel als Struktursoziologe; für die anderen ist er ein kulturhistorischer Zeitdiagnostiker ˝ Simmel als Kultursoziologe. Obgleich nicht falsch, so die werkinterpretatorische These dieses Aufsatzes, zerreißen diese Lesarten den Zusammenhang von Gesellschaftsanalyse und Zeitdiagnose in seinem Werk. Wie lehrreich dieser Zusammenhang auch für die heutige Soziologie noch ist, versucht die systematische These anhand von Simmels Bezugsproblem ˝ dem Verhältnis von sozialer Differenzierung und Individualität ˝ und mit Hilfe seines Bezugsrahmens ˝ dem Wechselspiel von Gesellschaft, Kultur und Persönlichkeit ˝ nachzuweisen. Zunächst wird Simmels Wirklichkeitskonzeption und die Eigenart seines soziologischen Ansatzes vorgestellt; sodann wird die gesellschaftliche Entwicklung am Prozeß sozialer Differenzierung (Arbeitsteilung und Geldwirtschaft) geschildert; schließlich wird die kulturelle Entwicklung (objektive und subjektive Kultur) skizziert und ihre Rückwirkung auf die individuelle Lebensführung diskutiert.

 
Klaus Lichtblau
Simmel, Weber und die "verstehende Soziologie"

(Dem Artikel liegt ein Vortrag des Autors auf dem Symposium "Verstehen und Methoden" im September 1990 an der Universität Oldenburg zugrunde.)
Simmels Projekt einer "formalen Soziologie'' wird der von Max Weber vertretenen Variante einer "verstehenden Soziologie" gegenübergestellt, um den Nachweis zu erbringen. daß Webers Kritik und Ablehnung von Simmels "soziologischer Methode" auf einigen grundlegenden Fehlinterpretationen von Simmels Werk beruhen. Zunächst wird Simmels Gebrauch des Begriffs der Wechselwirkung als eines "regulativen Weltprinzips" erläutert und dem von Weber vertretenen Prinzip der "kausalen Zurechnung" gegenübergestellt. Anschließend wird Simmels eigene Theorie des Verstehens im Rahmen seiner methodologischen Dreiteilung der Kulturwissenschaften in eine Erkenntnistheorie der Geschichts- und Sozialwissenschaft, in die entsprechenden empirisch verfahrenden Einzelwissenschaften bzw. "Wirklichkeitswissenschaften" im engeren Sinne sowie seine umfassende Theorie der kulturellen Moderne rekonstruiert. Schließlich wird Webers Vorwurf, daß Simmel den Anspruch auf kausale Erklärung zugunsten des Gebrauchs von quasi-ästhetischen Kategorien und Analogiebildungen aufgegeben habe, mit dem spezifischen kognitiven Status von Simmels "Philosophie des Geldes" verglichen und vor dem Hintergrund von Webers eigenem häufigen Gebrauch der Metapher der ,,Wahlverwandtschaft" diskutiert, welche ihrerseits eine kausaltheoretisch nicht weiter auflösbare logische Form eines gegenseitigen Beziehungsverhältnisses zum Ausdruck bringen soll, das eine nicht zu übersehende Ähnlichkeit mit dem von Simmel gebrauchten Begriff der Wechselwirkung besitzt.

 
Georg Lohmann
Die Anpassung des individuellen Lebens an die innere Unendlichkeit der Großstädte. Formen der Individualisierung bei Simmel

(Der Aufsatz ist die überarbeitete und veränderte Fassung eines Abschnitts von: La confrontation de Georg Simmel avec une M╗tropole: Berlin, in. Critique, Aout-Septembre 1991, 531-532, S. 623-642.)
Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Diskussionen um "Individualisierung" wird Simmels These von den konfligierenden Formen des modernen Individualismus untersucht. Austragungsort dieses Streites, in dem die Individuen nach Autonomie und/oder nach Authentizität streben, ist exemplarisch die Großstadt. Simmel kann freilich seine These einer Koexistenz entgegengesetzter Individualisierungen nur aufrechterhalten, weil er sie in einen Anpassungsprozeß an die inneren Unendlichkeiten der Großstädte einspannt, mit dem jeder Einzelne und auch Simmel sich abfindet.

 
Steffen Sigmund
Georg Simmel in Berlin

Das Charakteristikum von Georg Simmels soziologischer Theorie der Moderne ist ihr zeitdiagnostischer Gehalt ˝ das scheint in der Sekundärliteratur unumstritten zu sein. Mehrdeutig sind demgegenüber die Versuche, aus Simmels Biographie einen Begründungskontext dieser Theorie herauszuarbeiten, eine "Wechselwirkung" zwischen Werk und Leben nachzuweisen. Im Anschluß an eine kritische Diskussion zweier solcher Versuche wird ein milieutheoretischer Ansatz entwickelt, der in Simmels Leben Strukturvariablen zu identifizieren sucht, die es über eine reine Illustration seiner Zeitumstände hinaus ermöglichen soll, die konstitutive Bedeutung des Erfahrungskontextes Berlin zu verdeutlichen. Hierfür werden drei analytisch ausdifferenzierbare Strukturvariablen thematisiert: 1. die wirtschaftliche und politische Lage des Wilhelminischen Deutschen Reiches; 2. die Bedeutung des großstädtischen Bildungsbürgertums als intellektueller Kontext; 3. die religiöse und weltanschauliche Tradition des assimilierten deutschen Judentums, und im Zusammenhang mit seiner Zeitdiagnose des Berlins der Jahrhundertwende diskutiert.

 
Werner Gephart
Georg Simmels Bild der Moderne

Simmels Bild der Moderne wird aus den für das Werk entscheidenden Blickwinkeln der Ästhetik, Philosophie und Soziologie beleuchtet. Das ästhetische Motiv von Differenzierung und Einheit setzt sich im philosophischen Diskurs fort, um schließlich den Fluchtpunkt des "soziologischen Blicks" zu bezeichnen, der es versteht, "die soziale Form und den materialen Inhalt zu scheiden". Die "Fin-d-si╗c-liste" erweist sich dabei den Denkformen der Postmoderne verwandt, während "die" Moderne für ihn als Soziologe gar nicht thematisierbar ist. Mode, Geld und Großstadt sind die Orte und Medien des "modernen Lebens", das sich nur einem mehrdimensionalen Blick erschließt.

 
Alois Hahn
Identität und Nation in Europa

(Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor im Februar 1988 an der Ecole des Hautes Etudes in Paris und - in einer erweiterten Fassung - im Dezember 1991 an der Universität Bielefeld gehalten hat.)
Der Text vertritt die zentrale These, daß in der Soziologie in Deutschland seit vielen Jahrzehnten das eigentliche Charakteristikum moderner Gesellschaften in funktionaler Differenzierung gesehen wird. Nationale Identifikationen würden demgegenüber als Äberbleibsel vormoderner Identitätsbildung erscheinen. Demgegenüber vertritt der Autor die These, daß nationalstaatliche Identifikationen eine spezifisch moderne Form der Solidaritätsbildung sind. Sie seien mit modernen Formen der Arbeitsteilung und der Anonymisierung moderner Sozialbeziehungen gleichzeitig und kompensativ entstanden. Ein Blick auf das vormoderne Europa könnte leicht zeigen, daß übernationale Identitätsbildungen (Sprache, Religion, Herrschaft) dort eher die Regel als die Ausnahme waren.

 
Jost Halfmann
Moderne soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland: Reichweite und Wirkungen

Moderne soziale Bewegungen werden interpretiert als Kollektivakteure, die Alternativen zur gegebenen form der Vergesellschaftung durch Individualisierung ausloten wollen; in ihrem Versuch, neue Optionen der Individualisierung zu gewinnen, verändern sie die konkrete Gestalt sozialer Differenzierung. Diese Ausgangshypothese wird auf die bundesrepublikanischen modernen sozialen Bewegungen angewandt. Die verstreuten empirischen Untersuchungen über moderne soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland werden im Hinblick auf eine vorläufige systematische Einschätzung des unterschiedlichen "Erfolgs" präsentiert.

 
Brigitte Hamm/Dieter Holtmann/Harold Kerbo/Hermann Strasser
Soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Integration. Ein Vergleich von USA, Japan und Deutschland

Ausgehend von der Frage nach der Führungsrolle in einer neuen Weltordnung werden Dimensionen sozialer Ungleichheit in den drei führenden Industrienationen █ Bundesrepublik, Japan und Vereinigte Staaten █ beleuchtet. Damit einher geht die Vorstellung, daß in diesem Wettstreit auch das soziale Potential der drei Länder von Belang ist. Japan hat einige Vorteile, vor allem was die Homogenität der Gesellschaft betrifft. Eine Schwäche des japanischen Systems liegt im relativ niedrigeren allgemeinen Lebensstandard. Neben geringeren Einkommenskontrasten treten in der (alten) Bundesrepublik vor allem sozialstaatliche Errungenschaften hervor. In den Vereinigten Staaten ist die soziale Ungleichheit in den Nachkriegsjahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Verschiedene Indikatoren weisen auf Desintegrationstendenzen hin.




















Zusammenfassungen 1993
Heft 4/93
 
Talcott Parsons
Durkheims Beitrag zur Theorie der Integration sozialer Systeme

(Aus: Talcott Parsons, Sociological Theory and Modern society. New York/London 1967, S. 4-34)
"Durkheims Beitrag zur Theorie der Integration sozialer Systeme" ist Talcott Parsons' umfänglichste und theoretisch produktivste Auseinandersetzung mit dem Werk E. Durkheims nach seiner paradigmatischen Arbeit "The Structure of Social Action" (1937). Parsons schrieb den Aufsatz 1958; er wurde 1960 in dem von K. H. Wolff herausgegebenen Sammelband Emile Durkheim, 1858-1917: A Collection of Essays with Translations and a Bibliography (Ohio State University Press) erstmals publiziert. Der Aufsatz markiert eine Schnittstelle in Parsons eigener Werkentwicklung. Er interpretiert zum einen das Forschungsprogramm von Durkheims Äber soziale Arbeitsteilung vor dem Hintergrund seiner eigenen Theorie sozialer und kultureller Differenzierung. Die strukturellen Komponenten des Sozialsystems - Rollen, Kollektive, Normen und Werte - werden in ihrer integrativen Funktion vorgeführt. Parsons gelangt über sein Konzept der funktionalen Differenzierung zu einer Reformulierung der Durkheimschen Antinomie von sozialer Differenzierung und moralischer Integration. Zum anderen gewinnt Parsons aus Durkheims Analyse der "nichtvertraglichen Elemente des Vertrags" wichtige Anregungen für sein eigenes Modell der institutionellen Regulation sozialer Austauschsysteme. Damit leitet der Aufsatz eine spätere Werkphase Parsons ein (Theorie der symbolisch generalisierten Interaktionsmedien).


 
Gerhard Wagner
Über sexuelle Arbeitsteilung

Die kulturelle Relevanz von De la division du travail social ist in der spezifischen Art und Weise zu sehen, in der Durkheim die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit sozialer Ordnung formuliert. Während man in zahlreichen anderen gesellschaftstheoretischen Ansätzen ohne Umschweif auf die Existenz theologischer oder metaphysischer Identitäten baut, nimmt die Gedankenführung in Durkheims Dissertation ihren Ausgang von der Differenz. Durkheim stellt insofern eine säkulare Problemformulierung bereit, als in seinem Ansatz die Andersheit des andern zu dem Befund wird, der Sozialität allererst ermöglicht. Leider gelingt es Durkheim aufgrund seines rigiden Moralismus nicht, eine adäquate Problemlösung zu entwickeln. Er scheitert an seiner grundlegenden differenzlogischen Fragestellung und nimmt letztlich Zuflucht bei einer dubiosen Identität theologischer Provenienz, die er Kollektivbewußtsein nennt. Dieser Zusammenhang wird in der vorliegenden Studie eingehend rekonstruiert. Dem folgt eine dezidierte Kritik von Durkheims Verfahrensweise auf der Basis neuerer anthropologischer und philosophischer Forschungen sowie die Skizze einer dem differenzlogischen Denken adäquaten Auflösung der Ordnungsproblematik.


 
Michael Schmid
Emile Durkheims De la division du travail social (1893) und deren Rezeption in der deutschen Soziologie

Seit Parsons und Ren╗ König versuchten, Durkheim zu "kanonisieren", gilt auch dessen Dissertation "De la division du travail social" als ein "klassischer" Beitrag zur Sozialtheorie. Freilich gilt dieser Status des Frühwerks Durkheims zumal in Deutschland erst seit jüngster Zeit als relativ unstrittig. Anläßlich des hundertjährigen Erscheinungsjubiläums zeichnet die nachfolgende Arbeit die deutsche Rezeptionsgeschichte des Werks nach.


 
Hans-Peter Müller
Soziale Differenzierung und gesellschaftliche Reformen. Der politische Gehalt in Emile Durkheims "Arbeitsteilung"

Eine politische Soziologie im herkömmlichen Sinne hat Emile Durkheim nicht entwickelt. Dennoch ist sein Denken eminent politisch. Auf den Zusammenhang von Sozialstruktur, Politik und Kultur gerichtet, geht er der Frage nach, wie die Dynamik des modernen Kapitalismus und die daraus resultierende Sozialstruktur in soziale und politische Organisationsformen eingebettet werden kann, um das moderne Gerechtigkeitsideal des "moralischen Idealismus" zu verwirklichen. Kurzum: Durkheim ist auf der Suche nach einer dynamischen und gerechten Sozialordnung. Diese These wird anhand seiner Sozialstruktur- und Krisenanalyse in der "Arbeitsteilung" diskutiert und anhand seiner politischen Analyse in der "Physik der Sitten und des Rechts" vertieft.


 
Edward A. Tiryakian
Die Neuen Welten und die Soziologie: Eine Übersicht

(Dieser Beitrag wurde ursprünglich in französischer Sprache als Grußadresse des Präsidenten anläßlich des 14. Kongresses der Internationalen Assoziation französischsprachiger Soziologen in Lyon am 6. Juli 1992 gelesen.)
Die dramatische und globale Folge sozio-politischer Ereignisse in den letzten vier Jahren - von der Implosion des sowjetischen Imperiums bis zur Implosion der Apartheid handelte es sich dabei alles in allem um "gute Äberraschungen" - zeigt an, daß wir in einer Periode des grundlegenden Wandels gesellschaftlicher Strukturen und kollektiver Identitäten leben. Es ist eine Periode, in der "neue Welten" und mit ihnen "neue Mentalitäten" entstehen. Dies geschieht im globalen Kontext der Ära nach dem Kalten Krieg und ist durch rapiden Wandel und Turbulenzen gekennzeichnet.Vor diesem Hintergrund ist die soziologische Phantasie herausgefordert, soziologische Theorien und Modelle zu erneuern. Ein Weg, dies zu tun, ist ein komparativ-historischer Ansatz; der Autor geht deshalb auf frühere Wendepunkte und Äbergangsperioden in der Moderne ein. Ein anderer Weg ist die Erweiterung des Soziologieverständnisses selbst. Der Autor plädiert zum einen für die soziologische Berücksichtigung der "Chaos-Theorie", um mit den Turbulenzen im globalen Maßstab umgehen zu können; er befürwortet zum anderen die beschleunigte Internationalisierung der Soziologie (im Sinne der verstärkten Berücksichtigung der Beiträge von Soziologen, die nicht der westlichen Hemisphäre entstammen). Schließlich argumentiert er für eine Erneuerung der soziologischen Methodologie in einem "postmodernen" Sinne, wie er in Sorokins Begriff des "Integrationismus" bereits angelegt ist.


 
Ingrid Gilcher-Holtey
l968 in Frankreich: Die große Parallelaktion

(Der Text gibt die leicht überarbeitete Fassung des Vortrages auf dem vom Centre franco-allemand de recherches en Sciences Sociales, Berlin, initiierten Kolloquium "1968 - ein europäisches Jahr?" im Mai 1993 in Leipzig wieder. Er ist im Zusammenhang mit der Habilitationsschrift "Die Phantasie an die Macht: Mai 68 in Frankreich" entstanden.)
Analysiert wird die Mai-Bewegung in Frankreich l968 unter dem Aspekt der Dynamik des Mobilisierungsprozesses. In vier Thesen werden skizziert die Formation der Studentenbewegung in einem sich selbst entfaltenden Handlungsprozeß, der Transfer des Studentenprotestes in die Arbeiterschaft, vermittelt durch ein "kritisches Ereignis" (Bourdieu), die Bedeutung der kognitiven Orientierung der Neuen Linken und damit ideeller Interessen für die Interaktion der Bewegungen sowie die Demobilisierung der Bewegung durch die Reinstitutionalisierung der Konfliktaustragung. Aspekte einer vergleichenden Betrachtung der französischen 68er-Bewegung und der Außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik schließen die Darstellung.


 
Arndt Sorge
Arbeit, Organisation und Arbeitsbeziehungen in Ostdeutschland

Arbeitssysteme, interorganisatorische Beziehungen und Arbeitsbeziehungen in Ostdeutschland werden geschichtlich, aktuell und zukunftsbezogen diskutiert. Alle drei Komponenten sind durch eher klassische Rationalisierung, Äberwiegen herrschaftlicher Verhaltsnkoordination und neuerdings marktförmiger Koordination gekennzeichnet. Die letztere hat dem Tendenzen klassischer Rationalisierung zunächst verstärkt. Assoziative Verhaltenskoordination ist demgegenüber zurückgeblieben, obwohl sie gerade in der Umstellung der DDR-Wirtschaft auf die Verwertungsbedingungen innerhalb des DM-Gebiets gefordert ist. Assoziative Elemente kommen hingegen in den Arbeitsbeziehungen stärker zur Geldung und erzeugen einen Zwang zur Ausrichtung der Arbeitssysteme und vor allem der interorganisatorischen Beziehungen auf differenzierte Qualitätsproduktion. Vom Grade dieser Umorientierung hängt es ab, ob die neuen Länder hinsichtlich Beschäftigung in der Industrie und Wirtschaftserfolg befriedigende Aussichten entwickeln.