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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 1994






















Zusammenfassungen 94
Heft 4/94
 
Anthony Giddens
"Brave New World". Der neue Kontext von Politik

Die Idee der Aufklärung, daß ein Mehr an Wissen automatisch ein Mehr an gesellschaftlicher Kontrolle ermöglicht, ist obsolet geworden. Die menschlichen Eingriffe in die Natur und in das soziale Leben haben im wachsenden Ausmaß neue selbstgemachte Ungewißheiten erzeugt. Drei Gruppen von Veränderungen haben diese Entwicklung in den letzten Jahrzehnten forciert: die Globalisierung, die Entstehung einer post-traditionalen Gesellschaftsordnung und das Eindringen von sozialer Reflexivität in immer mehr Lebensbereiche. Diese Veränderungen berühren nachhaltig den Kontext von Politik. Der Beitrag skizziert die Rahmenbedingungen für eine reformulierte radikale Politik, die wichtige Grundwerte sowohl des philosophischen Konservatismus als auch des sozialistischen Denkens in einer zeitgemäßen Form miteinander verbindet.


 
Wolfgang Merkel
Restriktionen und Chancen demokratischer Konsolidierung in postkommunistischen Gesellschaften: Ostmitteleuropa im Vergleich

Die Konsolidierung der jungen Demokratien in den Ländern Ostmitteleuropas wirft Probleme auf, die sich von den politischen Transitionsprozessen in Südeuropa aber auch Lateinamerika deutlich unterscheiden. In Polen, Ungarn, der Tschechischen und der Slowakischen Republik haben postkommunistische Erblasten in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft dem Handeln der demokratisierungswilligen Akteure enge Grenzen gesetzt. Der enge Handlungskorridor wird durch das Problem der gleichzeitigen ökonomischen, sozialen und politischen Transformation noch weiter verengt. Der Erfolg der demokratischen Konsolidierung wird in den vier Ländern von dem Zusammenspiel struktureller Restriktionen, systemischer Legitimätserfordernisse und dem situationsangemessenen Handeln relevanter gesellschaftlicher und politischer Akteure abhängen. Die demokratische Konsolidierung wird in Ostmitteleuropa länger dauern und komplizierter verlaufen als im Südeuropa der siebziger Jahre. Sowohl von der strukturellen Problemlast als auch von der politischen Akteurskonstellation und der politischen Kultur besitzen Ungarn und die Tschechische Republik deutlich bessere Konsolidierungschancen als die jungen Demokratien Polens und der Slowakischen Republik.


 
Jakob Juchler
Die wirtschaftliche Entwicklungsdynamik im "postsozialistischen" Transformationsprozeß - zum Wechselspiel von strukturell-allgemeinen und historisch-spezifischen Faktoren

(Der vorliegende Artikel beruht auf einer breitangelegten Studie des Autors zum Transformationsprozeß in Osteuropa, die im Mai 1994 unter dem Titel "Osteuropa im Umbruch" im Seismo-Verlag, Zürich, erschienen ist.)
Ausgehend von einem eigenständigen formationstheoretischen Bezugsrahmens wird postuliert, daß strukturell-allgemeine und historisch-spezifische Ausgangsbedingungen den Transformationsprozeß in Osteuropa entscheidend mitprägen. Entsprechend werden zuerst Eigenheiten und Auswirkungen des "realsozialistischen" Wirtschaftssystems skizziert sowie Unterschiede in den historischen Entwicklungswegen herausgearbeitet. Darauf werden grundlegende (makro-)ökonomische Trends dargestellt, wobei Gemeinsamkeiten und länderspezifische Unterschiede auf dem Hintergrund der Ausgangsbedingungen und der aktuellen Umgestaltungsstrategien diskutiert werden. In analoger Weise geht es abschließend um die Analyse struktureller Umwandlungsprozesse wie der Privatisierung und der Tendenz zu einem "wilden Kapitalismus" sowie deren gesellschaftliche Auswirkungen.


 
Rudolf Andorka
Ungarn - der nächste Anlauf zur Modernisierung

Ungarn ist seit 1989/1990 inmitten eines neuen Versuches, sich zu modernisieren, um die Wirtschaft und die Gesellschaft den westeuropäischen Standards näher zu bringen. Der Äbergang zur modernen Marktwirtschaft und zur Demokratie erweist sich aber als schwieriger als ursprünglich erwartet wurde. Anhand der Daten von soziologischen Untersuchungen seit 1990 werden die Tendenzen und Probleme des Modernisierungsprozesses untersucht. Die Sozialstruktur entwickelt sich in Richtung der modernen Gesellschaften: die Mittelschichten, wie die Schicht der hochgebildeten Beamten und das Kleinbürgertum, wachsen; die Führungselite wird breiter und differenzierter. Aufgrund des Rückgangs der Produktion hat sich die Armut mehr als verdoppelt. Unter den benachteiligten Schichten ist die Unzufriedenheit hoch und sind seelische Probleme weit verbreitet. Anomie scheint das größte Hindernis eines erfolgreichen Äbergangs zu sein. Die Wahlergebnisse von 1994 können als Ausdruck der Unzufriedenheit interpretiert werden. Die wirtschaftliche Krise scheint aber den Tiefpunkt durchschritten zu haben, und das demokratische politische System geriet bis jetzt nicht in Gefahr.


 
Igor Ilyinsky
Jugend in Rußland

In Rußland verschlechtern sich in dramatischer Weise der körperliche, geistige und moralische Zustand der Jugendlichen, ihre wirtschaftliche und soziale Lage sowie ihr politischer Status. In zunehmendem Maße sind Prozesse der sozialen Desintegration, Desozialisierung und Marginalisierung zu beobachten. Die Kriminalitätsrate von Jugendlichen wächst ebenfalls rasch an. Die anfängliche politische Unterstützung für die Reformen sinkt ab, während das Protestpotential steigt. Die negativen Tendenzen in der Umwelt und Entwicklung der Jugend werden als Ausdruck der Gesamtkrise der russischen Gesellschaft verstanden, insbesondere einer tiefgreifenden Wertekrise.Im Bericht an den Präsidenten und die Regierung Rußlands, von dem der nachfolgende Artikel ein Resüme anhand ausgewählter Fakten darstellt, werden Schlußfolgerungen gezogen, die unter Hinweis auf mögliche Szenarien eine neue Jugendpolitik verlangen. Der Bericht stützt sich auf soziologische Untersuchungen und Statistiken und kann als eine Art erster Sozialreport über die Lage der russischen Jugend verstanden werden, der heute zwar nicht mehr als Staatsgeheimnis gehütet werden kann, dennoch aber nach Meinung des Verfassers von den Behörden und sogar der Bevölkerung weitgehend ignoriert wird. Die akademische Öffentlichkeit hingegen ist aufgerufen, ihm ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken.


 
Heike Solga
"Systemloyalität" als Bedingung sozialer Mobilität im Staatssozialismus, am Beispiel der DDR.

Der Zusammenhang zwischen loyalem Verhalten und Mobilität in staatssozialistischen Gesellschaften wird häufig konstatiert. Der Artikel versucht, diese Diskussion einer empirischen Analyse zugänglich zu machen. Am Beispiel der DDR wird gezeigt, inwieweit loyales Verhalten und Herkunft Berufskarrieren in die privilegierten Positionen der staatssozialistischen Gesellschaft determinierten. Als Datenbasis dienen 2323 Interviews mit Frauen und Männern aus vier Geburtskohorten der DDR, die 1991/92 im Rahmen des Projekts "Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erhoben wurden. Die Analyse bestätigt, daß von einer "Politisierung" der Berufskarrieren in die Dienstklassen des SED-Regimes für die gesamte Zeit des Bestehens der DDR auszugehen ist. Der Zusammenhang von Herkunft, Systemloyalität und Mobilitätschancen unterlag jedoch historischen Veränderungen. Während "Systemloyalität" in der älteren Generation eher kompensatorischer Funktionen für schlechtere Herkunftsressourcen ausübte, wurde in der jüngeren Generation eine Bündelung von Systemloyalität und privilegierten Herkunftsressourcen notwendig, um den Zugang in die Dienstklassen realisieren zu können.


 
Rumen Dimitrov
Der Aufbau einer demokratischen Öffentlichkeit in Osteuropa. Eine Problemskizze

Die Meinungsbildung in den neuen Demokratien Osteuropas stellt eine Herausforderung an die Öffentlichkeitsforschung dar. Es geht nicht nur inhaltlich um die Suche nach dem komplexen Zusammenhang des öffentlichen Geschehens in Osteuropa, sondern auch um die Chance zum Äberdenken der Öffentlichkeitstheorie. Die beobachtbaren Prozesse der Konstitution von Öffentlichkeit machen Voraussetzungen, Entwicklungen und Funktionen deutlich, die sich in "normalen Demokratien" so nicht registrieren lassen. Die Öffentlichkeit in Osteuropa scheint so stark wie nirgendwo sonst im Zentrum des soziopolitischen Wandels zu stehen. Sie ist zum Teil auch überlastet mit Erwartungen und Funktionen, die ihr normalerweise nicht zukommen. Sie bedarf deshalb einer Problematisierung. Zu diesem Zweck werden ihre äußeren und inneren Voraussetzungen, institutionellen Bedingungen und metakommunikativen Aspekte im Zeitvergleich in Erwägung gezogen.




















Zusammenfassungen 1994
Heft 2/94
 
Hans-Peter Müller
Kultur und Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer neuen Kultursoziologie?

Seit einiger Zeit erfährt die Kultursoziologie eine Renaissance. Fristete sie bis vor kurzem ein bindestrichsoziologisches Schattendasein, beginnt sie als "kulturelle Soziologie" mit ihrer kulturwissenschaftlichen Perspektive die anderen sozialwissenschaftlichen Fach- und Spezialgebiete zu durchdringen. Ursachen, Erscheinungsformen und die Herausforderungen an eine neue Kultursoziologie werden diskutiert. In einem ersten Schritt werden die kultursoziologischen Bemühungen in verschiedenen Ländern nachgezeichnet. In einem zweiten Schritt wird durch einen Vergleich von alter und neuerer Kultursoziologie gezeigt, daß die Anknüpfung an die traditionelle Kultursoziologie nicht möglich ist. In einem dritten Schritt sollen einige Herausforderungen an die neue Kultursoziologie skizziert werden.


 
Jeffrey C. Alexander und Philip Smith
Der Diskurs der amerikanischen Zivilgesellschaft: Ein neuer kultursoziologischer Entwurf

(Eine modifizierte englische Fassung des vorliegenden Textes findet sich in: Theory and Society, Vol. 22 (2), April 1993, S. 151-207.)
In diesem Essay wird ein neuer kultursoziologischer Ansatz vorgestellt. Der Artikel beginnt mit einem kritischen Abriß zur sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Kultur und einer Kritik einiger zeitgenössischer alternativer Standpunkte. Im anschließenden Abschnitt wird ein alternatives Modell entwickelt, das die relative Autonomie der Kultur gegenüber der Sozialstruktur aus der Semiologik symbolischer Codes ableitet. Im dritten Teil des Essays wird dieses Modell auf den Diskurs der amerikanischen Zivilgesellschaft angewendet. Im letzten Teil wird die Plausibilität dieses grundlegenden Modells demonstriert, indem es zur Untersuchung verschiedener Ereignisse aus der sozialen und politischen Geschichte Amerikas herangezogen wird.

Anmerkung der Redaktion: Im vierten und längsten Teil ihres Aufsatzes argumentieren Alexander und Smith exemplarisch und illustrieren ihr theoretisches Modell anhand krisenhafter Ereignisse aus den vergangenen 200 Jahren der Geschichte der USA. Im einzelnen und der Reihenfolge nach handelt es sich um folgende Fallbeispiele: eine Kontroverse um die Person des Präsidenten Ulysses S. Grant (1869-1877), die versuchte Amtsenthebung von Präsident Andrew Johnson (1865-1869) im Jahre 1868, den Konflikt um die Bundesbank der USA in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts ("Banken-Krieg"), den "Teapot Dome"-Skandal Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, die 1832 von South Carolina ausgelöste "Annulierungs-Krise", den Watergate-Skandal 1973/74, den Iran-Contra-Skandal zu Ende der Präsidentschaft Reagans und die US-amerikanische Reaktion auf Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika. Obwohl Alexanders und Smiths zeitlich breitgefächerte Auswahl auch ein antihistoristisches Argument transportiert und die symbolisch verankerte relative Autonomie der "Kulturellen Struktur" belegen soll, beschränken wir uns auf das Fallbeispiel der Iran-Contra-Affäre. Zu Alexanders Interpretation von Watergate vgl. auch dessen Artikel: Kultur und politische Krise: "Watergate" und die Soziologie Durkheims, in: Jeffrey C. Alexander, Soziale Differenzierung und kultureller Wandel. Essays zur neofunktionalistischen Gesellschaftstheorie. Frankfurt/M., New York: Campus Verlag 1993, S. 148-195. Die anderen Fallbeispiele finden sich vollständig in dem oben angeführten Text in "Theory and Society".


 
Wolfgang Kaschuba
Kulturalismus: Vom Verschwinden des Sozialen im gesellschaftlichen iskurs

(Unveränderte Fassung der Antrittsvorlesung an der Humboldt-Universität vom 12. Januar. 1994, ergänzt lediglich um einige Literaturnachweise.)
Im letzten Jahrzehnt haben die Sozialwissenschaften wie die Geschichtswissenschaft zunehmend versucht, gesellschaftliche Prozesse als kulturell bedingte und kulturell gelebte Vorgänge zu erklären. Sie haben sich damit einer kulturwissenschaftlichen und ethnologischen Sicht angenähert, die das Handeln von Menschen und Gruppen im Kontext räumlich und zeitlich gebundener und somit kulturell konstituierter Deutungshorizonte interpretiert. Dieses Eingehen auf die "Innenseite" der Gesellschaft, auf die Wahrnehmungen und Selbstverständnisse der Akteure war ein wesentlicher Schritt hin zu einem differenzierteren Geschichts- und Gesellschaftsbild. Zugleich aber zeitigt dieser Fortschritt auch Risiken: Es gibt Tendenzen einer "Kulturalisierung" gesellschaftlicher Vorgänge, in deren Rahmen wirtschaftliche und politische Sachverhalte auf kulturelle Phänomene reduziert werden, in denen das Stichwort Kultur also zur Verschleierung gesellschaftlich-politischer Zwecke mißbraucht wird. Am deutlichsten sichtbar wird dies im Kontext des neuen nationalen und ethnischen Denkens. Tradition und Herkunft, Sprache und Religion werden in neuer Weise zu kulturellen Grundwerten erklärt, die bedroht seien und deshalb verteidigt werden müßten. Solche Tendenzen sind nicht nur in den osteuropäischen Ländern gegenwärtig verstärkt zu beoabachten, sie zeigen sich vielmehr auch in Wertediskursen der westeuropäischen Industriegesellschaften, wenn dort über ethische und ethnische Fragen diskutiert wird. Mit diesen Tendenzen zur Kulturalisierung des gesellschaftlichen Diskurses im Sinne eines alten und neuen Wertefundamentalismus müssen sich ethnologische und kulturwissenschaftliche Studien verstärkt auseinandersetzen, wenn sie ihr Konzept von Kultur und Gesellschaft weiter auf vernünftigen Wegen halten wollen.


 
Rolf Lindner
Kulturtransfer. Zum Verhältnis von Alltags-, Medien- und Wissenschaftskultur.

(Antrittsvorlesung an der Humboldt-Universität, gehalten am 19. Januar 1994)
Die wachsende Bedeutung des mediatisierten Feldes der Kulturproduktion hat nicht nur weitreichende Folgen für die Gegenwartskultur, sondern auch für deren wissenschaftliche Analyse: die Ethnographen laufen Gefahr, die Sedimente ihrer eigenen vorangegangenen Forschung als "authentisches" Material zu interpretieren. Der Autor untersucht die zunehmende Verquickung von Wissenschafts-, Medien- und Alltagskultur, die nicht nur in der agenda setting-Funktion der Massenmedien zum Ausdruck kommt, sondern auch im sozial folgenreichen Gebrauch ethnologischer Texte, kulturwissenschaftlicher Interpretationen und massenmedial verbreiteter Forschungsergebnisse durch die untersuchten Gruppen zur kulturellen Selbstauslegung und zur Ausbildung persönlicher und kollektiver Identitäten.


 
Bernhard Nauck
Die (Reproduktions-)Arbeit tun die anderen oder: Welchen Beitrag leisten Gruppen traditionaler Lebensführungfür die Entstehung moderner Lebensstile?

(Dieser Beitrag ist die leicht überarbeitete Antrittsvorlesung, anläßlich der Berufung auf die Gründungsprofessur für Soziologie am 23. 11. 1993 vor der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Chemnitz.)
Mit der Modernisierung von Gesellschaften wird nicht nur die Verteilung der produktiven Arbeit zum Problem, vielmehr verliert auch die reproduktive Arbeit ihre vormalige Selbstverständlichkeit: Wachsende Pflegeaufgaben, sinkende Geburtenziffern und die Ausbreitung nichtkonventioneller Lebensformen gerade in den urbanen Ballungszentren und in gebildeten Schichten lassen die Frage nach den Konsequenzen moderner Lebensstile für die Gesellschaftsentwicklung berechtigt erscheinen. Der Beitrag untersucht diese Konsequenzen im Hinblick auf neu entstehende Formen sozialer Ungleichheit, indem er den Zusammenhang zwischen Lebensstilen, Geburtenentwicklung und regionaler und internationaler Mobilität und Unterschichtungsprozessen aufzeigt.


 
Peter Noller/Werner Georg
Das Berufsmilieu als Feld posttraditionaler Formen der Sozialintegration. Die neue Dienstleistungsklasse in Frankfurt am Main.

(Die theoretischen und empirischen Äberlegungen zu diesem Aufsatz basieren auf Arbeiten zu dem Projekt "Neue Technologien, Technikleitbilder, Lebensstile und Urbanität", das am Institut für Sozialforschung in Frankfurt durchgeführt und vom BMFT im Rahmen des "Verbundes sozialwissenschaftliche Technikforschung" finanziell unterstützt wird [Förderkennzeichen: SWF 0075/1.])
Ausgehend von der These, daß Berufsmilieus immer weniger auf der Grundlage einer Homologie zwischen beruflichen Positionen und lebensweltlichen Mentalitäten erklärt werden können, werden Repräsentations- und Stilisierungsmuster von neuen Angestellten in den Branchen Banken, Werbung und Datenverarbeitung in Frankfurt am Main untersucht. Das Ergebnis verweist auf relativ homogene Strukturen zwischen der Zugehörigkeit zu einem Berufsmilieu und den alltagsästhetischen Orientierungen und sozialräumlichen Wahrnehmungsmustern seiner Mitglieder. Zugleich wird deutlich, daß berufsgruppentypische Mentalitäten und Weltdeutungen aus der Wechselwirkung zwischen den reflexiv erzeugten individuellen Lebensentwürfen und den kollektiven Stilisierungsmustern und Repräsentationen eines Berufsmilieus zu verstehen sind. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, daß in einer individualisierten Gesellschaft Berufsmilieus zunehmend durch kulturelle Codes und individuelle Wahloptionen konstitutiert sind und dabei zugleich relativ stabile und rigide Formen der Sozialintegration und sozialen Schließung ausbilden.


 
Peter Franz/Ulfert Herlyn
"Wir leiden weiter, aber auf einem höheren Niveau".Befunde einer Panelstudie in einer thüringischen Mittelstadt

Im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Begleitforschung des "natürlichen Experiments" Vereinigung nehmen Panelstudien eine besondere Rolle ein, da mit ihnen intrapersoneller sozialer Wandel direkt gemessen werden kann. Der Beitrag präsentiert einige Daten einer Panelstudie (N=444), die innerhalb eines größeren, noch laufenden Forschungsvorhabens zum sozialen und baulichen Wandel der thüringischen Stadt Gotha 1991 und 1993 durchgeführt wurde. In den Ergebnissen, die sich a) auf die Einstellung zu bestimmten Vereinigungsfolgen, b) auf die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage, c) auf das Selbstbild des "Ostdeutschen" und das Fremdbild des "Westdeutschen" sowie d) auf Erwartungen für die Zukunft beziehen, kommen widersprüchliche Tendenzen zum Vorschein, die einerseits als Dramatisierung (negative Bewertung der Vereinigungsfolgen), andererseits als Normalisierung (Anpassung an westdeutsche Standards) interpretiert werden können. Abschließend wird diskutiert, auf welche Integrationsprobleme der ostdeutschen Bevölkerung die Ergebnisse der Panelstudie hinweisen.




















Zusammenfassungen 1994
Heft 1/94
 
M. Rainer Lepsius
Die Bundesrepublik - ein neuer Nationalstaat?

Mit der Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten hat eine neue Diskussion über die nationale Identität und den Nationalstaat der Deutschen eingesetzt. Die Bundesrepublik habe einen neuen Charakter schon gewonnen, werde oder solle ihn bald gewinnen. Angesichts der inneren Integrationsschwierigkeiten zwischen Ost- und Westdeutschland bedürfe es eines neuen Nationalgefühls, Nationalismus gewissermaßen als Solidaritätshilfe. Der Text versucht, die in diesen Debatten auftretenden kategorialen Unsicherheiten herauszuarbeiten und die Lage der Bundesrepublik nach der Vereinigung zu bestimmen.


 
Reinhard Kreckel
Soziale Integration und nationale Identität

(Antrittsvorlesung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, gehalten am 21. April 1993)
Nur Individuen können Identität ausbilden. Gruppen können dies nicht. Auch Gesellschaften (oder "Nationen") haben keine eigene Identität. Ihre Mitglieder können sich aber mit ihnen als ihrer Wir-Gruppe identifizieren. Gruppenidentifikationen sind eine Quelle sozialer Integration und solidarischen Handelns. Sie gelten deshalb weithin als politisch erwünscht. Im Falle Deutschlands - also: der BRD, der DDR und des vereinigten Deutschlands - gilt aber, daß eine "nationale" Sozialintegration aus historischen Gründen kaum ausgeprägt ist. Es dominiert der Integrationsmodus der Systemintegration. Angesichts von Solidaritätsdefiziten nach der deutschen Vereinigung sind nun Bestrebungen zu beobachten, die nationale Identifikationsbereitschaft der Staatsbürger durch "Pseudo-Wir-Gruppenbildung" herzustellen, indem die Ausgrenzung und Diskriminierung von Nichtmitgliedern forciert und der Eigenwert der und des "Deutschen" symbolisch überhöht wird. Der sozialintegratorische Effekt derartiger Bestrebungen ist als gering einzuschätzen.


 
Bernhard Giesen/Kay Junge
Deutsche Identität und intellektueller Diskurs

Gestützt auf einen evolutionstheoretischen Bezugsrahmen liefern die Autoren eine systematische wissenssoziologische Darstellung unterschiedlicher Nationenkonzepte, die den "deutschen Sonderweg" in die Moderne orientierten. Nation wird dabei begriffen als ein spezifischer Inklusionscode. Vier Varianten dieses Codes lassen sich während des Zeitraums zwischen Aufklärung und Reichsgründung unterscheiden und spezifischen situativen Bedingungen und darüber ausdifferenzierten intellektuellen Trägerschichten zuordnen. Skizziert werden 1. das Bildungsbürgertum der Aufklärung und die moralische Vorstellung der Nation im Patriotismus, 2. die frühromantischen Intellektuellen und die transzendente Vorstellung des Volkes, 3. die Vormärzintellektuellen und die revolutionär-demokratische Vorstellung des Volkes auf der Barrikade und schließlich 4. die borussischen Historiker und ihre realpolitische Vorstellung der Nation vor der Reichsgründung.


 
Steffen Sigmund und Richard Utz
Religion und Nationalismus in Irland

Auch 25 Jahre nach der Entsendung britischer Truppen nach Nordirland (1969) und einer Vielzahl von politischen Lösungsversuchen wird der Konflikt zwischen nordirischen Katholiken und Protestanten mit unverminderter Härte und Radikalität ausgetragen und fordert fast täglich Todesopfer. In nachfolgender Arbeit wird der Versuch unternommen, die Ursachen dieses Konflikts im Zusammenhang mit der historischen Genese einer spezifisch irischen Nationsvorstellung nachzuzeichnen, die im Schnittfeld des Zusammenspiels von Ideen, Institutionenordnungen und Interessenlagen analysiert wird. In einem ersten Schritt geht es darum, die Formierung einer spezifisch irischen Nationsidee nachzuzeichnen, wobei der mit der Institutionalisierung englischer Machtinteressen einhergehenden Festschreibung des konfessionellen Antagonismus zwischen Katholizismus und Protestantismus zentrale Bedeutung zukommt. In einem zweiten Schritt läßt sich zeigen, wie die Entstehung heterogener Interessenlagen, die die jeweiligen Nationsideen konkretisieren, in ein konfliktträchtiges Spannungsverhältnis zueinander treten, das dann - dittens - einmündet in die Identifikation der jeweiligen institutionellen Trägergruppen, die den verschiedenen Ordnungsentwürfen Geltungsmacht verschaffen. Dieser historische Prozeß der Entstehung und Entwicklung der irischen Nation und des irischen Nationalismus bleibt unvollendet und mündet ein in die Bildung der Republik Irland bei gleichzeitiger Teilung der Insel, in deren Folge der jahrhundertelange Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland weiterwirkt.


 
Werner Kudera
Wie Geschichte in den Alltag eindringt

Historische Veränderungen auf der Ebene des staatlichen und gesellschaftlichen Systems von der Art des "Tranformationsprozesses" schlagen nicht unmittelbar und direkt durch auf die Ebene des Alltagshandelns und der Lebensgewohnheiten. Was gesellschaftlich relevant erscheint, muß nicht ebenso relevant sein im jeweils individuellen Bezugsrahmen alltäglichen Lebens. Veränderte Arbeits- und Lebensbedingungen werden vielmehr in einem selektiven Prozeß der subjektiven Wahrnehmung, Deutung und Aneignung verarbeitet und gestaltet. Dadurch entsteht eine eigene Dimension sozialer Wirklichkeit auf der Ebene alltäglicher Lebensführung. In der derzeitigen Äbergangsphase dominieren in den neuen Bundesländern zwei Strategien im Umgang mit der jüngsten Geschichte: "Abwarten" oder "Neubeginn". Beide Strategien verhelfen nicht nur auf ihre jeweils eigene Art zum individuellen Äberleben von neuen und unübersichtlichen Handlungsbedingungen, sie erzeugen vielmehr gleichzeitig Kontinuität und Stabilität als subjektives Element gesellschaflticher Ordnung.


 
Heinz Sahner
Gestern Legitimationsinstrument, heute Politikersatz?Empirische Sozialforschung und politisches System

(Leicht veränderte Fassung der Antrittsvorlesung, gehalten am 25. November 1992 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
Da die Soziologie selbst in ihrem bescheidensten Programm es sich zum Ziel gesetzt hat, aufzudecken, was ist, verwundert es nicht, daß diese Wissenschaft gerade in totalitären Gesellschaften verfolgt bzw. unterdrückt wird. Das war in faschistischen Gesellschaften nicht anders als in sogenannten sozialistischen.Im ersten Teil dieses Beitrages wird die Entwicklung der Soziologie in der DDR und ihre Funktion für den Machtapparat untersucht: Wissenschaft, auch und gerade Sozialwissenschaft, ein Instrument der Kritik, war im Laufe der Entwicklung zur Apologie verkommen und die SED ihr Opfer.Die Soziologie, deren Gegenstand die gesellschaftliche Analyse ist, hängt andererseits in ihrer Entwicklung von eben dieser Gesellschaft ab. Im zweiten Teil wird beispielhaft an demokratischen Gesellschaften diesem Sachverhalt ebenso nachgegangen, wie der problematischen Beziehung zwischen empirischer Forschung - speziell der Meinungsforschung - und der Politik. In Abgrenzung zur Verhaltensweise der Funktionsträger totalitärer Gesellschaften kann man etwas überspitzt wie folgt formulieren: Tendieren die Funktionsträger totalitärer Gesellschaften dazu, die Volksmeinung zu negieren (was kann den historischen Prozeß schon aufhalten?), so hängen die Politiker demokratischer Gesellschaften am Tropf der Demoskopie.


 
Wolfgang Schluchter
Der Um- und Neubau der Hochschulen in Ostdeutschland.Ein Erfahrungsbericht am Beispiel der Universität Leipzig

Der Autor war Gründungsdekan für die Fächer Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Leipzig, die aus der "Erbmasse" der Sektion Wissenschaftlicher Kommunismus neu aufgebaut werden mußten, Mitglied der Hochschulstrukturkommission des Landes Sachsen-Anhalt, die dem Land einen Plan zur Neugliederung der Hochschulen unterbreitete, Mitglied der außerordentlichen Berufungskommission Geisteswissenschaften an der Universität Halle-Wittenberg, deren Aufgabe es war, Vorschläge für die Besetzung von 21 Eckprofessuren zu erarbeiten, und Mitglied der Berufungskommission Sozialwissenschaften an der neu gegründeten Universität Frankfurt/Oder, die insbesondere durch ihre Kulturwissenschaftliche Fakultät, der die Sozialwissenschaften zugeordnet sind, neue Wege bei der Gestaltung von Forschung, Lehre und Studium beschreiten will. Er war also am Um- und Neubau in drei neuen Ländern und auf verschiedenen Ebenen beteiligt und hatte es sowohl mit abgewickelten, nichtabgewickelten wie mit neugegründeten Bereichen zu tun. Der Erfahrungsbericht bezieht sich aber in erster Linie auf seine Leipziger Tätigkeit. Erfahrungsbericht soll heißen, daß die Teilnehmerperspektive vorherrscht. Es wird aber versucht, diese mittels soziologischer Analyse zu objektivieren. Der Autor dankt Steffen Wilsdorf für wertvolle Informationen über die Zeit vor dem Umbruch.