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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 1995






















Zusammenfassungen 1995
Heft 4/95
 
Hans Bertram
Strukturwandel der Lebensbedingungen, Strukturwandel der Wissenschaft

Der Um- und Neuaufbau der Sozialwissenschaften an den Universitäten der neuen Bundesländer ist insgesamt geglückt. Demgegenüber vollzog sich der Umbruch im au·eruniversitären Sektor - sieht man von der Akademie der Wissenschaften ab - als recht drastischer, gleichwohl "stiller" Abwicklungsproze·, der bisher kaum analysiert wurde. Die öffentliche Vernachlässigung der au·eruniversitären Forschung in den neuen Ländern insgesamt, das Fehlen von sogenannten "An-Instituten" und Vernetzungsformen könnte in Zukunft zu Defiziten in der Aufklärungsfunktion der Soziologie führen. Dieser Entwicklung kann und sollte mit neuen Initiativen begegnet werden.


 
Renate Mayntz
Sektorale Unterschiede in der Transformation des Wissenschaftssystems der DDR

(Ungekürzte Fassung eines im Rahmen der von Helmut Wiesenthal während des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle geleiteten Ad-hoc-Gruppe "Korporative Steuerung der sektoralen Transformation Ostdeutschlands" am 4. April 1995 gehaltenen Referates.)
Die Transformation des Wissenschaftssystems der DDR erlaubt es zu prüfen, wie sich verschiedene Governance-Strukturen auf Verlauf und Ergebnis dieses Prozesses auswirkten. Ausschlaggebend war dabei im Kontext der nach dem Beitrittsmodus ablaufenden deutschen Vereinigung die institutionelle Verfa·theit der entsprechenden westdeutschen Sektoren. Die Transformation des "marktnahen" Sektors der Industrieforschung wurde im wesentlichen von Marktprozessen bestimmt, die unter den gegebenen ökonomischen Randbedingungen zu einer weitgehenden Erosion der Industrieforschung der DDR führten. In den beiden "staatsnahen" Sektoren der Hochschulen und der au·eruniversitären Forschung prägten unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen den Transformationsproze· nachhaltig. Die vergleichbare Zielkonformität der Transformationsergebnisse beruht dementsprechend in diesen beiden Sektoren auf sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.


 
Rudi Schmidt
Die Bedeutung der sozialen Beziehungen für die ostdeutsche Produktionsmodernisierung

(Der Beitrag basiert z.T. auf Überlegungen, die vom Autor auf der Rationalisierungskonferenz des Frankfurter Instituts für Sozialforschung im April 1994 vorgetragen wurden.)
In dem Beitrag werden die Entstehungsgründe der spezifischen sozialen Kohäsion in den Belegschaften der Kombinatsbetriebe und ihre Persistenz in den transformierten Industriebetrieben Ostdeutschlands am Beispiel zweier kontrastierender Rationalisierungs- bzw. Betriebstypen dargestellt. In den Betrieben ohne klare Entwicklungsperspektive und mit einer Politik forcierter Konkurrenz- und Leistungsdifferenzierung löst sich der enge Belegschaftszusammenhang auf, bis auf einen Rest konsensueller Distanz und Verweigerung gegenüber den Zumutungen der Unternehmensleitung. Im anderen Fall gelingt es der Unternehmensleitung, mit einem integrationsorientierten Belegschaftsbezug positiv an die überkommene soziale Kohäsion anzuknüpfen und die Belegschaften für ein z. T. sehr weit gehendes betriebliches Rationalisierungskonzept zu gewinnen. Intensive, positiv gestaltete Sozialbeziehungen erweisen sich im betrieblichen Transformationsproze· somit als Effizienzgewinn.


 
Richard Hauser
Die Verteilung der Einkommen in den neuen Bundesländern wird ungleicher!

(Dieser Aufsatz stützt sich auf Vorarbeiten und Berechnungen, die gemeinsam mit Klaus Müller, Universität Frankfurt, Joachim Fricke und Gert Wagner, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin, durchgeführt wurden.)
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, welche Veränderungen der Einkommensverteilung im Transformationsproze· in den neuen Bundesländern aufgetreten sind. Ausgangspunkt sind dabei einige Hypothesen über die Verteilung in sozialistischen Staaten und über die durch den Transformationsproze· induzierten Änderungen, die aufgrund von theoretischen Überlegungen bereits 1991 formuliert und publiziert wurden. Mit Hilfe der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), das bereits vor der Währungsunion 1990 auf die damalige DDR ausgedehnt wurde, wird nachgewiesen, da· die Einkommensverteilung in der DDR deutlich weniger ungleich war, als in der ehemaligen Bundesrepublik und da· die Einkommensungleichheit inzwischen deutlich zugenommen, aber immer noch nicht das Ausma· an Ungleichheit wie in den alten Bundesländern erreicht hat. Weitere Ergebnisse werden für die von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen, für die Familien mit Kindern und für die Alten abgeleitet; au·erdem wird die Zunahme der Einkommensarmut quantifiziert. Die meisten der urprünglich aufgestellten Hypothesen werden dabei bestätigt. Abschlie·end wird prognostiziert, da· der Proze· der Zunahme der Einkommensungleicheit noch nicht beendet sein dürfte. Nicht nur im Einkommensniveau, sondern auch im Ausma· der Einkommensungleichheit wird sich eine weitere Annäherung der neuen an die alten Bundesländer ergeben.


 
Sabine Schenk
Neu- oder Restrukturierung des Geschlechterverhältnisses in Ostdeutschland?

In Anlehnung an das theoretische Konzept des Geschlechterkontrakts werden drei gedankliche Szenarien hinsichtlich der Veränderung der Geschlechterverhältnisse in Ostdeutschland entwickelt: (1) Konsensuale Annäherung an das für Westdeutschland charakteristische Lebensmodell; (2) Einseitige Aufkündigung und auseinanderdriftende Orientierungen von Männern und Frauen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie; (3) Hohe Stabilität und konsensuales Festhalten an den bislang in Ostdeutschland üblichen und akzeptierten Verkehrsformen der Geschlechter. Auf der Basis vorliegender empirischer Befunde wird dann die Tragfähigkeit und Plausibilität dieser Szenarien nachgefragt. Insgesamt haben weder die Restriktionen des Beschäftigungssystems noch die jetzt zur Verfügung stehenden Alternativangebote dazu geführt, da· die Lebensvorstellungen von Männern und Frauen in Ostdeutschland den Mustern der alten Bundesländer folgen. Hier deuten sich neue Differenzierungslinien an, die perspektivisch auch die sozialwissenschaftlichen Forschungsansätze der Frauen- und Ungleichheitsforschung nachhaltig berühren werden.


 
Reinhard Kreckel
Makrosoziologische Überlegungen zum Kampf um Normal- und Teilzeitarbeit im Geschlechterverhältnis

(Beitrag zum Forum 6, "Transformation am Beispiel der Geschlechterverhältnisse" (Moderation: Irene Dölling), 27. Kongre· der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle, 6. April 1995.)
Die sehr viel höhere Erwerbsbeteiligung der ostdeutschen im Vergleich zu den westdeutschen Frauen erweist sich bei der Integration der beiden Landesteile als Problem. Im gesamtdeutschen Majorisierungsproze· übt das geschlechtsasymmetrische westdeutsche Erwerbslebenslaufmodell starken hegemonialen Druck auf Ostdeutschland aus. Aber der ostdeutsche Arbeitsmarkt hat bisher widerstanden. Eine signifikante Reduktion der weiblichen "Erwerbsneigung" ist im Osten fünf Jahre nach der Wende noch nicht zu erkennen. Auch die Bereitschaft ostdeutscher Frauen, sich auf Teilzeitarbeit einzulassen, ist bis jetzt gering. Die empirische Frage nach der künftigen Entwicklung der weiblichen Erwerbsbeteiligung erweist sich damit zugleich als theoretische Schlüsselfrage, an der sich ablesen lä·t, inwieweit das westliche Gesellschaftsmodell sich in ganz Deutschland durchsetzt.


 
Hellmut Wollmann
Regelung kommunaler Institutionen in Ostdeutschland zwischen "exogener Pfadabhängigkeit" und endogenen Entscheidungsfaktoren

Der Aufsatz behandelt die institutionelle Transformation in Ostdeutschland am Beispiel der Kommunalverfassung der DDR vom 17. Mai 1990 und der von den ostdeutschen Bundesländern nach ihrer Bildung zwischen 1991 und 1994 verabschiedeten eigenen Kommunalverfassungen und kommunalen Gebiets- und Verwaltungsreformen. Die Abhandlung orientiert sich an einem konzeptionellen Rahmen, in dem die Bestimmungsgründe der Institutionenbildung einerseits in eher "strukturellen" Einflu·faktoren, die in der "Integration" Ostdeutschlands ("Beitritt") in die Bundesrepublik liegen ("exogene Pfadabhängigkeit"), und andererseits in den jeweiligen ostdeutschen Entscheidungsarena, ihrer machtpolitischen Konstellation und den Interessen und Durchsetzungspotentialen ("will and skill") der ma·geblichen politischen Akteure vermutet werden. Die Untersuchung gelangt zum Ergebnis, da· dem "institution building" in Ostdeutschland über die "Integrationslogik" zentrale Organisationsgrundsätze und -standards der alten Bundesrepublik rechtlich oder praktisch (als "exogene Pfadabhängigkeit" interpretierbar) vorgegeben sind. Innerhalb dieser Vorgaben, die weite Spielräume lassen, wird der Institutionalisierungsproze· in Verlauf und Einzelregelungen wesentlich von politischen Interessen und Durchsetzungspotentialen ("will and skill") der ostdeutschen Akteure auf der Landes- und Kommunalebene und spezifische ostdeutsche Gegebenheiten ("endogene Pfadabhängigkeit") bestimmt.


 
Helmut Wiesenthal
Die Krise holistischer Politikansätze und das Projekt der gesteuerten Systemtransformation

(Überarbeitete Fassung der Antrittsvorlesung, gehalten am 21. November 1994 an der Humboldt-Universität)
Umfassende Reformen der politischen und ökonomischen Institutionen gelten in modernen Gesellschaften als unrealisierbar. Weder ist das notwendige Situations- und Transformationswissen verfügbar, noch existieren korporative Akteure, die zur Realisierung langfristiger anspruchsvoller Politikprogramme und zur Koordination ihrer Wirkungen auf die gesellschaftlichen Teilsysteme befähigt sind. Diese weithin geteilte Erkenntnis wird durch das Projekt des gesteuerten Übergangs vom Sozialismus zu Demokratie und Marktwirtschaft in Frage gestellt. Die im Rahmem der Transformation erfolgenden Eingriffe erfüllen alle Kriterien eines holistischen Reformprojekts. Die Konfrontation des "Unmöglichkeitstheorems" holistischer Politik mit aktuellen Transformationserfahrungen in Ostmitteleuropa verspricht deshalb aufschlu·reiche Ergebnisse. Diese bestätigen alles in allem die Skepsis gegenüber holistischen Reformkonzepten für moderne, funktional differenzierte Gesellschaften. Gleichzeitig werden die besonderen Erfolgsvoraussetzungen der postsozialistischen Transformation erkennbar. Sie profitierte von den unerwartet günstigen Umständen der "sozialistischen" Ausgangssituation: einem etatistischen Politikverständnis, der Abwesenheit organisierter Gruppeninteressen sowie einem geringen Grad gesellschaftlicher Differenzierung. Wo die sog. Schocktherapie angewendet wurde, vermochten politische darüber hinaus das Problem ihrer Selbstbindung an investive Strategien, die typischerweise Revisionsbegehren stimulieren, erfolgreich zu bearbeiten.




















Zusammenfassungen 1995
Heft 3/95
 
Guenther Roth
Max Weber in Erfurt, Vater und Sohn

Die Forschung hat Max Weber sen. bisher vernachlässigt, zum Teil wegen der negativen Charakterisierung in Marianne Webers "Lebensbild". Hier unternehme ich einen ersten Versuch, die nicht unbedeutende kommunal- und nationalpolitische Karriere von Vater Weber zu rekonstruieren, begrenzt auf den Zeitraum von seinen Studentenjahren bis zum Ende seiner politischen Vertretung Erfurts 1882. Früh mit der nationalliberalen Elite verbunden, hatte Weber auch Familienbeziehungen zur internationalen Bourgeoisie. Wie der Erfurter Robert Lucius heiratete er in den Frankfurter Souchayclan, einer der reichsten anglo-deutschen Handelsfamilien. Nach anfänglicher Opposition wurden beide Männer, die zielbewu·t "Politik als Beruf" wählten, wichtige Träger der nationalliberalen und freikonservativen Zusammenarbeit mit Bismarck. Max Weber jun. wurde in Erfurt als genuines Kind des Eisenbahnzeitalters geboren. Kindheitserlebnisse und Familienbeziehungen zum "Eisenbahnkapitalismus" fanden einen Niederschlag in "Wirtschaft und Gesellschaft" und der berühmten Eisenbahnmetaphorik seiner Soziologie und Entwicklungsgeschichte.


 
Wolfgang J. Mommsen
Max Weber und die Entstehung der Demokratischen Republik von Weimar

Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht Max Webers politisches Engagement im Vorfeld der Entstehung der Weimaer Republik. Hierbei gilt es insbesondere den wesentlichen Beitrag, den Weber beim Übergang von der Revolution von 1918/19 hin zur Entstehung eines parlamentarisch-demokratischen Systems in Deutschland geleistet hat, nachzuzeichnen. Es zeigt sich, da· er weniger als aktiver Politiker denn als politischer Publizist die Debatten um die politische Nachkriegsordnung beeinflu·te und schon frühzeitig vehement für den Übergang zu einem parlamentarischen System eintrat. Vor dem Hintergrund seiner Überzeugung, da· die weitere politische Entwicklung Deutschlands unmittelbar vom Ausgang der Friedensverhandlungen abhängen würde, lehnte er den Ausbruch der Revolution 1918 vehement ab, plädierte aber aus pragmatischen Überlegungen in der Folge für eine politische Zusammenarbeit zwischen dem fortschrittlichen liberalen Bürgertum und der Mehrheitssozialdemokratie und forderte zu diesem Zwecke die Gründung einer neuen liberalen Partei (DDP). Obwohl Weber nicht in die Nationalversammlung gewählt wurde, wirkte er über persönliche Kontakte und seine publizistische Tätigkeit in gro·em Ma·e auf die Verfassungsdebatte ein, zog sich aber nach der Enttäuschung, von der DDP nicht auf einen aussichtsreichen Listenplatz gewählt worden zu sein, aus der parteipolitischen Politik zurück. Weber blieb jedoch weiterhin politisch aktiv, wie seine Rolle als Sachverständiger bei den Friedensverhandlungen in Versailles wie auch als Mitautor der sogenannten Professorendenkschrift zeigt, in denen er sich mit Blick auf die Chancen zur Demokratisierung Deutschlands dezidiert gegen die Festschreibung einer deutschen Kriegsschuld wehrte.


 
Rüdiger vom Bruch
Max Webers Kritik am "System Althoff" in universitätsgeschichtlicher Perspektive

Der Beitrag mustert Webers Auseinandersetzungen mit dem sogenannten System Althoff zwischen 1908 und 1911 im Kontext seines Verdikts in "Wissenschaft als Beruf": "Innerlich ebenso wie äu·erlich ist die alte Universitätsverfassung fiktiv geworden." Im Lichte der jüngeren universitäts- und wissenschaftsgeschichtlichen Forschung zum späten deutschen Kaiserreich kommt dieser Einschätzung über biographisch veranla·te Temperamentsausbrüche Webers hinaus eine erkenntnisleitende Bedeutung zu, um die qualitative Kluft zwischen einem als Bezugsfolie dienenden Idealtypus "Humboldt-Universität" und realhistorischen Strukturverwerfungen des deutschen Universitäts- und Wissenschaftsbetriebes um die Jahrhundertwende zu präzisieren. Eine Auseinandersetzung mit Weber könnte dazu beitragen, Kriterien für ein System wissenschaftlicher Lebensführungschancen unter den Bedingungen einer spezifiscsh verfa·ten deutschen Industriegesellschaft universitäts- und wissenschaftsgeschichtlich zu operationalisieren.


 
M. Rainer Lepsius
Max Weber und das Programm einer Institutionenpolitik

Das anhaltende Interesse am Werk Max Webers beruht einerseits auf der Aktualität seiner Problemstellungen, andererseits auf der methodischen Basis seiner Vorschläge für eine Problemlösung. Sein "Erbe" ist insofern noch immer nicht ganz "angeeignet", der "Nachla·" noch nicht ganz "aufgenommen". Zu den noch offenen Fragen gehört auch die Problematik des Beitrages von Weber zu einer Institutionenanalyse. Der Aufsatz versucht, Webers Programm für eine Institutionenpolitik herauszuarbeiten, systematisch einige Analysedimensionen zu bestimmen und sich daraus ergebende Fragestellungen für aktuelle Probleme zu skizzieren.


 
Wolfgang Schluchter
Ethik und Kapitalismus. Zwei Thesen Max Webers

In der Diskussion über Max Webers Untersuchungen zum modernen Kapitalismus wird meist übersehen, da· er zwei Thesen vertrat: die von der realen Kulturbedeutung des asketischen Protestantismus für den Geist des modernen Kapitalismus und die vom anethischen Charakter des etablierten kapitalistischen Systems. Angesichts der Tatsache, da· es in den Nachfolgestaaten des Sowjetimperiums auch um die Etablierung eines rationalen Kapitalismus geht, und da· im Westen von einer Reihe von Theoretikern eine Reethisierung der kapitalistischen Marktwirtschaft gefordert wird, ist der Durchgang durch Webers Werk unter dem Gesichtspunkt der beiden Thesen erneut von Interesse. In dem Aufsatz wird zu zeigen versucht, in welchem Sinn Max Weber die Beziehung zwischen Ethik und Kapitalismus differenzierte und welche theoretische und historische Bedeutung dies für die gegenwärtige Diskussion in Ost und West haben könnte.


 
Hartmut Lehmann
Max Webers Lutherinterpretation.

Max Webers Lutherbild wurde einerseits geprägt durch stark antikatholische Vorurteile, die noch aus dem Kulturkampf stammten, andererseits durch seine Ablehnung der Lutherheroisierung der Vätergeneration, die Luther 1883 zum deutschen Nationalhelden gemacht hatte. Weber kann die Probleme, die aus dieser Spannung resultieren, nicht lösen. So führt er zwar die Formulierung der neuzeitlichen Berufskonzeption zurück auf Luther; zugleich sind seine Ausführungen über Luther aber nicht so präzise, wie das im Hinblick auf seine weitreichende These von der neuen Berufskonzeption, aus der auch ein neues Verständnis innerweltlicher Arbeit und somit auch des Zugangs zur wirtschaftlichen Tätigkeit folgte, notwendig wäre.


 
Wilfried Nippel
Max Weber und die okzidentale Stadt

Max Webers nachgelassener, unvollendeter Text über die Stadt (ca. 1913/14 entstanden) steht im Kontext sowohl zu seinen früheren Studien zum vormodernen Kapitalismus wie zu den religionssoziologischen Vergleichen des Spätwerks. Die Kategorie der "Verbrüderung" strukturiert sowohl den Vergleich zwischen Antike und Mittelalter im Okzident wie den Kontrast Okzident-Orient. Webers kritische Sicht der Antike, in der die Staatsallmacht rationalen Kapitalismus verhindert habe, steht in Kontinuität zu einer Antike-Kritik, für die Namen wie Constant, Fustel de Coulanges und J. Burckhardt stehen.


 
Zdzislaw Krasnodebski
Max Weber und Osteuropa

Im Mittelpunkt des Aufsatzes steht die Einstellung Max Webers als politischer Denker zu Osteuropa. Die politischen Äu·erungen Webers zu Osteuropa zielen vor allem das Dreieck Deutschland, Ru·land und Polen. Seine Einstellung zu Ru·land und zur "Polenfrage" hängen eng zusammen und evoluieren auf charakteristische Weise. Während er sich im Fall von Ru·land über Differenzen der politischen Nationalinteressen hinwegsetzen kann und die revolutionären Ereignisse von 1905-1906 zwar skeptisch, aber mit Sympathie sehr detailliert analysiert, nimmt er zur polnischen Minderheit und zu den Arbeitsemigranten eine kompromi·lose und ablehnende Haltung ein. In der Zeit des Ersten Weltkrieges schlie·t sich Weber dem Mitteleuropakonzept an und vertritt die Auffassung, Deutschland solle zum Protektor der kleinen slawischen Völker werden und ihre nationale Selbständigkeit gegenüber Ru·land garantieren, das nunmehr zum Hauptgegner Deutschlands stilisiert wird. Als sich die neue politische Ordnung in Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg etabliert, ist sie für ihn jedoch unannehmbar, und wieder sieht er in Ru·land einen möglichen Verbündeten. Dieser Wandel seiner Ansichten ist durch die jeweilige deutsche Interessenlage motiviert, aber Weber beruft sich bei seiner Argumentation auch auf Vorstellungen, die damals in Deutschland weit verbreitet waren. Nachdem nach 1989 zwischen Deutschland und Ru·land ein neues "Mitteleuropa" entstanden ist und das Verhältnis Deutschlands zu ihm neu definiert werden mu·, stellt sich die Frage, inwieweit diese Vorstellungen noch präsent sind und ob sie einen Einflu· auf die zukünftigen Verhältnisse in Mitteleuropa haben können.


 
Frank Ettrich
Auf dem Weg zur Wirklichkeitswissenschaft?Max Weber-Rezeption in der DDR - Ein Rückblick

Max Weber war in der DDR kein Klassiker der Sozialwissenschaften. Als "bürgerlicher Autor" unterlag er den Aus- und Abgrenzungsmechanismen, die für das Verhältnis der marxistisch-leninistischen Ideologie gegenüber Vertretern der westlichen Moderne charakteristisch waren. In den 40 Jahren der Existenz der DDR lassen sich dennoch erhebliche Unterschiede beim DDReigenen Umgang mit dem heute international einflu·reichsten soziologsichen Autor deutscher Sprache ausmachen. Der Beitrag zeigt am Beispiel der Kritik an der "deutschen Soziologie", wie sie Georg Lukács vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus formulierte, der Konstitution der DDR-Soziologie in den 60er Jahren und der geschichtstheoretischen Diskussion (historische Formationsanalyse) der 70er und 80er Jahre, wie sich auch im Falle des Werkes Max Webers ein Traditionsbruch und allmählicher Proze· der Neuaneignung in der DDR vollzog, der typisch war für den Umgang mit den Leistungen der westlichen Moderne. Im Zentrum der Weber-Rezeption in der DDR standen die werttheoretischen, erkenntnistheoretischen und methodologischen Grundpositionen Webers, die jedoch auf unüberwindliche Rezeptionsbarrieren eines politischen Regimes stie·en, das auf eine marxistisch-leninistische Legitimationsideologie angewiesen war.




















Zusammenfassungen 1995
Heft 2/95
 
Marianne Friese
Modernisierungsfallen im historischen Proze·. Zur Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit in einem gewandelten Europa

In dem Beitrag wird ausgehend von einer kritischen Überprüfung des aktuellen Individualisierungstheorems durch eine historisch-vergleichende Analyse den systematischen Modernisierungsfallen weiblicher Arbeit und Bildung nachgegangen. Zentral ist der Begriff der "sozialen Differenz", der in doppelter Hinsicht auf das Geschlechterverhältnis und auf die soziale Differenz zwischen Frauen reflektiert wird. Dabei wird zunächst der historische Diskurs um Gleichheit und Differenz am Beispiel der Frauenberufsfrage nachgezeichnet. Es stellt sich heraus, da· gleichzeitig die historischen Weichen für einen Proze· des "Geschlechtswechsels" von Berufen gestellt werden, der sich im historischen Verlauf als wirkungsvoller Garant der Segmentation auf dem Arbeits- und Bildungsmarkt erwiesen hat. In einem zweiten Schritt geht es darum, die soziale Differenz zwischen Frauen aufgrund unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkünfte aufzuzeigen, eine historisch bekannte Struktur der Ungleichheit, die im Zuge des gegenwärtigen europäischen Wandels allerdings neue soziale Gebilde konstituiert und dabei zweifellos zwei Seiten eines Modernisierungsprozesses hervorbringt. Die eine Seite kennzeichnet einen erneuten Entwertungsproze· weiblicher Bildung, die an dem Phänomen der "osteuropäischen Akademikerin, die im westdeutschen Haushalt dient" entwickelt wird. Die andere Seite kennzeichnet einen, wie auch immer begrenzten, Proze· der Karrierebildung westlicher Mittelschichtsfrauen, ein Proze·, der nicht nur zu einer neuen internationalen Arbeitsteilung zwischen Frauen, sondern auch zu einem neuen politischen Arrangement zwischen Frauen und Männern derselben Bildungsschicht führt.


 
Elisabeth Beck-Gernsheim
Mobilitätsleistungen und Mobilitätsbarrieren von Frauen.
Perspektiven der Arbeitsmarktentwicklung im neuen Europa

(Geringfügig bearbeiteter Nachdruck aus "Arbeitsmarkt für Frauen 2000 - Ein Schritt vor oder ein Schritt zurück? Kompendium zur Erwerbstätigkeit von Frauen". Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 179, Nürnberg 1994. Hrsg. von Petra Beckmann und Gerhard Engelbrech.)
Die Schaffung eines europäischen Binnenmarktes, die Öffnung der Grenzen zwischen Ost und West, schlie·lich internationale Wanderungsbewegungen von bislang unbekanntem Ausma· - Europa ist in Bewegung geraten, in durchaus wörtlichem Sinn. Der Beitrag thematisiert, wie sich unter diesen Bedingungen die berufliche Situation von Frauen in Deutschland entwickeln wird. Dabei stehen folgende Fragen im Zentrum: Wie spiegeln die neuen Formen der internationalen Arbeitsteilung, der Wanderungsbewegungen, der politischen Umbrüche sich wider in den Berufsverläufen und Lebenslagen von Frauen? Wo entstehen dadurch neue Chancen, wo neue Benachteiligungen für Frauen, wo bilden sich eventuell auch neue Schichtungen und Hierarchisierungen zwischen Frauen heraus?


 
Ilona Ostner
Ausgereizt? Eine kurze Geschichte der EG-Frauenpolitik.

An der Frauenpolitik der EG lassen sich die dynamischen Effekte des Überganges von der nationalen zur supranationalen Souveränität studieren. Supranationale Institutionen, der Europäische Gerichtshof und die Kommission der Europäischen Gemeinschaft, interpretierten Lohngleichheit und Gleichbehandlung von Frauen am Arbeitsmarkt immer gro·zügiger, oft gegen nationale Auslegung und Sitte. Für Frauen relevante Themen müssen dennoch zwei Hürden nehmen: Kommission und EuGH müssen sie als unmittelbar erwerbsrelevant anerkennen; und sie müssen den Filter nationaler Geschlechterregimes auf dem Weg vom Mitgliedsland zur EU und zurück auf dem der Implementierung durch den nationalen Souverän passieren. Hier kommen die nationalen Geschlechterordnungen ins Spiel. Der Beitrag konzentriert sich auf die Beschreibung dieser Filterprozesse.


 
Susanne Schunter-Kleemann
"Bei der Bäuerin wird gespart". Aspekte der Lebenssituation von Landfrauen in vier europäischen Ländern

Thema des Beitrags sind die Lebensbedingungen von Landfrauen in vier europäischen Ländern (Portugal, Spanien, Frankreich, Westdeutschland, Ostdeutschland). Es wird untersucht, welche Folgen der durch die Europäische Integration beschleunigte strukturelle Wandel in der Landwirtschaft für die Arbeitssituation der Landfrauen - besonders ihre soziale Sicherung - hat. Die Lebensbrüche und Existenzkrisen, die die deutsche Einigung und die damit verbundene Integration in den EG-Agrarmarkt für die ostdeutschen Landfrauen mit sich bringen, werden etwas ausführlicher dargestellt. Waren es in Südeuropa häufig die kleineren und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe, die durch die Agrarpolitik des Wachsens oder Weichens aufgeben mu·ten, so zeigt das Beispiel Ostdeutschlands, da· auch gro·e landwirtschaftliche Betriebseinheiten wie die LPG-Nachfolgebetriebe in Notlagen geraten können, wenn die Anpassungsprozesse an die europäischen Agrarstrukturen in kurzer Zeit und unter gro·em politischen und ökonomischen Druck bewältigt werden müssen. Bäuerinnen und Landarbeiterinnen in allen untersuchten europäischen Ländern stehen den hohen sozialen Risiken dieses Strukturwandels nahezu unabgesichert gegenüber.


 
Lisa Böckmann-Schewe, Christine Kulke, Anne Röhrig
"Es war immer so, den goldenen Mittelweg zu finden zwischen Familie und Beruf war eigentlich das Entscheidende". Kontinuitäten und Veränderungen im Leben von Frauen in den neuen Bundesländern

Im Beitrag steht die Frage im Mittelpunkt, ob und wie sich bei den Frauen aus der ehemaligen DDR die traditionellen Rollenzuweisungen im Reproduktionsbereich - bei gleichzeitiger formaler Gleichstellung der Frauen im Berufsleben - und die staatlich vorgegebenen Frauenleitbilder in subjektive Orientierungen und Handlungsmuster umgesetzt haben. Vor dem Hintergrund der Gleichstellungspolitik der DDR werden ausgewählte empirische Ergebnisse zur Aufgabenverteilung im Reproduktionsbereich vorgestellt. Darüber hinaus wird untersucht, ob der Umbruch und die damit verbundene Problematisierung der zuvor als selbstverständlich erlebten Frauenerwerbsarbeit zu einem Wandel bewährter Lebens- und Orientierungsmuster geführt hat. Abschlie·end werden aus milieutheoretischer Perspektive die Arbeitskollektive und die Ambivalenzen der Frauen ihnen gegenüber als jener spezifische sozio-kulturelle Kontext identifiziert, aus dem die im hohen Ma·e durch die Berufsarbeit vermittelten sozialen Identifikationen der Frauen hervorgingen.


 
Marilyn Rueschemeyer
Frauen Osteuropas in der Politik. Der derzeitige Transformationsproze·

Der Beitrag führt Arbeiten von Wissenschaftlerinnen, die die Rolle von Frauen im politischen Leben der osteuropäischen Länder seit Mitte der siebziger Jahre untersucht haben, mit Beobachtungen von Frauen aus diesen Ländern zusammen, die seit 1989 selbst in die Politik gegangen sind. In historischer und vergleichender Perspektive wird die soziale und politische Stellung der Frauen in den kommunistisch regierten Ländern Osteuropas skizziert und ihre Rolle in den Transformationsprozessen dargestellt. Abschlie·end wird der Frage nachgegangen, inwieweit es den Frauen tatsächlich gelungen ist, sich selbst mit ihren Interessen in die Politik ihrer Reformstaaten einzubringen, und mit welchen neuen und alten Problemen sie sich dabei konfrontiert sehen.


 
Jost Halfmann
Technische Innovationen in der Risikogesellschaft

(Antrittsvorlesung an der TU Dresden, 28. Juni 1994)
Der Artikel nimmt die Ausgangsfrage des Buches "Risk and Culture" von Douglas and Wildavsky wieder auf: Haben die technischen Gefahren in der modernen Gesellschaft zugenommen oder sind wir nur ängstlicher geworden? Bei der Beantwortung der Frage mu· zunächst von dem allgemeinen gesellschaftstheoretischen Befund ausgegangen werden, da· eine gestiegene Risikoorientierung allem Entscheiden in modernen Gesellschaften zugrunde liegt. Dies geht mit der Politisierung der Differenzierung in Entscheider und Betroffene und der Beobachtung von Technik als Risiko und Gefahr einher. Untersuchungsbedürftig ist dann, ob und wie die Sicherung gegen Risiken (speziell solchen der Technik) funktioniert. Risikoabsorption bei Technik wird anhand zweier prägnanter Mechanismen diskutiert: Sicherheitstechnik und Risikoumwandlung durch Unternehmen. Sicherheitstechnik steigert vor allem die Komplexität von Technik, aber nicht unbedingt ihre Sicherheit; Risikoumwandlung durch Unternehmen verlangt ausgreifende sachliche und semantische Einbettungsstrategien von Technik, also unternehmerische Gesellschaftspolitik, die selber wieder riskant ist. Der Artikel mündet in die Feststellung, da· beide Teilfragen bejaht werden müssen.




















Zusammenfassungen 1995
Heft 1/95
 
Richard Münch
Elemente einer Theorie der Integration moderner Gesellschaften. Eine Bestandsaufnahme

Dem elementaren Problem der Integration moderner Gesellschaften kann sich die Soziologie aus verschiedenen Blickwinkeln nähern. Auf einer ersten Ebene der Unterscheidung lä·t sich Integration ökonomisch, politisch, solidarisch und kulturell begreifen. Darüber hinaus ist die systemische von der sozialen Integration zu unterscheiden. Schlie·lich ist soziale und systemische Integration in zunehmendem Ma·e nicht mehr allein eine Sache nationaler Gesellschaften, sondern eine Sache supranationaler und globaler Einheiten. Eine tragfähige Lösung des Problems der Integration moderner Gesellschaften mu· dieser Vielfalt der Blickwinkel und Ebenen Rechnung tragen und sie zu einer kohärenten Theorie zusammenfügen.


 
Thomas Schwinn
Funktionale Differenzierung -- wohin? Eine aktualisierte Bestandsaufnahme

Seit Ende der 70er Jahre erlebt das Thema "funktionale Differenzierung" eine Renaissance in der Soziologie. Zunächst werden jene Theorien vorgestellt, die sich diesem Thema seither angenommen haben: die systemtheoretischen Varianten in der Nachfolge von Talcott Parsons: Niklas Luhmann, Richard Münch und die sogenannten Neofunktionalisten; differenzierungstheoretische Lesweisen von Max Weber bei Wolfgang Schluchter und Jürgen Habermas und schlie·lich radikal voluntaristische Konzeptionen, in denen der Differenzierungsproze· nicht mehr unbefragt hingenommen wird. Weiterhin werden Arbeiten präsentiert, die das Differenzierungskonzept stärker empirisch und problembezogen einsetzen. Als Instrument für die Problemdiagnose moderner Gesellschaften (Arbeiten des Max-Planck-Institutes für Gesellschaftsforschung, Ulrich Beck, Claus Offe und Wolfgang Zapf) sowie zur Erklärung des Zusammenbruchs der sozialistischen Gesellschaften aus einem Differenzierungsdefizit heraus. Aus beiden Arbeitskontexten werden die offenen Fragen abgeleitet, die sich einer zukünftigen Differenzierungstheorie stellen. Dabei zeigt sich, trotz der momentan starken Aufmerksamkeit, die Luhmanns Systemtheorie genie·t, ein deutlicher Trend zu einer akteurstheoretischen Rekonstruktion des Differenzierungsthemas. Zum Schlu· werden die Konturen einer solchen handlungstheoretischen Differenzierungskonzeption skizziert: Welche systemtheoretischen Prämissen müssen dabei aufgegeben werden und welche veränderte Sichtweise dieses traditionellen Themas der Soziologie bringt dies mit sich?


 
Michael Schmid
Soziale Normen und soziale Ordnung II. Grundri· einer Theorie der Evolution sozialer Normen

Der Artikel widerspricht Jon Elsters Auffassung, da· die Evolution von Normen nicht erklärt werden kann und behandelt einige der basalen Prozesse, die zur Normbildung, Normumgestaltung und Normerhaltung führen. In allen Fällen haben Normen dann eine Chance akzeptiert zu werden, wenn sie dazu beitragen, die Dilemmata kollektiven Handelns zu neutralisieren, wobei allerdings überdauernde Gleichgewichtgslösungen nicht zu erwarten sind.


 
Stephen Turner
Charisma und Gehorsam. Ein Risikoerkenntnis-Ansatz

Webers Charisma-Konzeption löste bestimmte rechtsphilosophische Probleme unter Anwendung eines Begriffs aus der Geschichte des Kirchenrechts. Der ursprüngliche Begriff stützte sich auf die Vorstellung göttlichen Handelns; Webers generalisierte Verwendungsweise erforderte eine andere kausale Fundierung.Die Standarderklärungen von Charisma sind entweder kulturalistisch, indem sie die Macht des charismatischen Führers oder des Staates auf das Auftreten kultureller Erwartungen an den Führer zurückführen, oder sie sind kontraktualistisch, indem sie davon ausgehen, da· Führer Wünsche ihrer Gefolgsleute erfüllen. Keiner der beiden Ansätze trifft den fundamentalen Sinn der Idee, kulturelle Innovationen und inneren Wandel bei den Anhängern zu erklären. Der vorliegende Aufsatz unterbreitet ein neues Modell des Charakters von Charisma, welches diesen Anforderungen gerecht wird. Der Führer wird hier als eine Person angesehen, die die Wahl einer neuen Vision von (Handlungs-)Risiken und Möglichkeiten offeriert und durch seine Führung die Realisierbarkeit dieser Vision durch Unterordnung als evident erscheinen lä·t. Das Beispiel Frank Lorenzos, ein Fall von Geschäftscharisma, wird detailliert diskutiert.


 
Hartmut Häu·ermann
Die Stadt und die Stadtsoziologie. Urbane Lebensweise und die Integration des Fremden

(Antrittsvorlesung an der Humboldt-Universität, gehalten am 27. Juni 1994)
In der Stadtsoziologie sind zwei verschiedene grundlegende Konzepte städtischer Vergesellschaftung entwickelt worden: die auf Prozesse der Individualisierung zielende "Theorie der Gro·stadt" von Georg Simmel einerseits und die Theorie der "Integration durch community-Bildung" der Chicago-Schule, repräsentiert durch Robert Park. Beide Theorien gehen von der Grundannahme aus, da· sich in der Gro·stadt heterogene Individuen bzw. communities tendenziell feindlich gegenüberstehen, und beide Theorien treffen sich in dem Konzept "Integration durch Separation". Gleichgültigkeit und Absonderung werden auf der Basis einer gesicherten Systemintegration zu gro·städtischen Tugenden. Im zweiten Teil des Textes wird argumentiert, da· diese Form der Integration unter den gegenwärtigen Perspektiven der Stadtentwicklung höchst prekär geworden ist.


 
Peter A. Berger
Anwesenheit und Abwesenheit. Raumbezüge sozialen Handelns

(Leicht überarbeitete Fassung einer öffentlichen Probevorlesung an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität München am 15. Juni 1994)
Wie Georg Simmel, aber auch Niklas Luhmann gezeigt haben, macht die gleichzeitige Anwesenheit von Menschen in einem umgrenzten Raumabschnitt Kommunikation fast unvermeidlich. Insbesondere in vormodernen Gesellschaften war Anwesenheit meist eine notwendige und oftmals sogar eine hinreichende Bedingung für die Herausbildung von Vertrauen, Traditionen und Identitäten. In modernen, "globalisierten" Gesellschaften scheinen Transport- und Kommunikationstechniken diese engen Verknüpfungen aufgebrochen zu haben: Einerseits erzeugen Massenverkehrsmittel, wie z. B. die Eisenbahn, vielfältige Situationen, in denen Anwesenheit ohne Kommunikation häufig und manchmal sogar "normal" geworden ist. Andererseits ermöglichen moderne Kommunikationsmittel, wie z. B. das Telefon, für immer mehr Menschen Kommunikation ohne Anwesenheit. In der Terminologie Anthony Giddens' können diese Prozesse deshalb als Auseinandertreten und Rekombination von Mechanismen der Sozialintegration (Anwesenheit) und der Systemintegration (Abwesenheit) analysiert werden.