Berliner Journal für Soziologie
 
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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 1996






















Zusammenfassungen 1996
Heft 4/96
 
Klaus Müller
Kontingenzen der Transformation

Die Soziologie ist nach dem unvorhergesehenen Zusammenbruch des sowjetischen Sozialismus mit einer weiteren unerwarteten Entwicklung konfrontiert - mit dem Verlauf der postkommunistischen Krisen, die offen lassen, welche Form von Gesellschaften in Osteuropa entstehen wird. Zur Klärung dieser bis zu einem gewissen Grad spekulativen Frage wird zunächst eine Differenzierung nach verschiedenen Aspekten vorgeschlagen. Als Annäherung an die ungewisse Zukunft der postkommunistischen Gesellschaften empfehlen sich alternative Szenarien, deren Realitätsgehalt im Licht komparativer Erfahrungen mit den westeuropäischen Nachkriegsmodernisierungen und den südeuropäischen Transitionen zur Demokratie diskutiert werden. Theoretisch hilfreich erweist sich dabei das im Kontext der Transitionsforschung entwickelte Konzept strukturierter Kontingenz, das nicht als Ergänzung, sondern als Herausforderung soziologischer Modernisierungstheorien zu verstehen ist.


 
Paul Windolf
Die Transformation der ostdeutschen Betriebe

Die Transformationsgeschichte der ostdeutschen Betriebe zwischen 1989 und 1995 wird auf zwei Ebenen analysiert. Auf der betrieblichen Ebene wird untersucht, wem die ostdeutschen Betriebe gehören (ca. 72 % gehören westlichen Eigentümern) und welche neuen Produktionskonzepte dort eingeführt wurden (mehr als die Hälfte werden als "verlängerte Werkbänke" klassifiziert). Auf der zweiten Ebene werden die Mobilitätsprozesse der Manager untersucht. Ca. 85 % der Manager waren schon vor 1989 in leitender Stellung in den ehemaligen DDR Betrieben tätig. Ein relativ hoher Anteil konnte diese Position nach der Wende behaupten bzw. wurde in höhere Leitungsfunktionen befördert (Reproduktion der ökonomischen Elite). Ca. 44 % der Ost-Manager waren vor 1989 Mitglied der SED oder einer ihrer Blockparteien.


 
Anton Sterbling
Zur Sozialstruktur südosteuropäischer Gesellschaften und den Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien

Bei diesem Text handelt es sich um eine kürzere Fassung meines schriftlichen Beitrages zu der Arbeitstagung "Klassentheorie am Ende der Klassengesellschaft?" der Sektion "Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (Hannover 6. - 7.10.1995). Aus Platzgründen wurde hier auf die Wiedergabe meiner Stellungnahme zur theoretischen Diskussion verzichtet.
Ausgehend von älteren und neueren Diskussionen über die Brauchbarkeit und Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien sollen in diesem Beitrag historische und aktuelle Strukturbefunde zusammengeführt werden, die deutlich dafür sprechen, daß das Prinzip der Klassenbildung in keiner der hier näher betrachteten südosteuropäischen Gesellschaften strukturdominant geworden ist. Statt dessen erscheinen die Sozialstrukturen dieser Gesellschaften maßgeblich durch drei andere, kompliziert zusammenwirkende Strukturprinzipien, nämlich politische Ausschließung, meritokratisch-funktionale Differenzierung und traditionale Schließung auf der Grundlage soziokultureller, insbesondere ethnischer Zugehörigkeiten geprägt.


 
Máté Szabó
Politischer Protest im postkommunistischen Ungarn 1989 - 1994

Die heutigen Theorien uuml;ber Protestformen und soziale Bewegungen beruhen vor allem auf den Erfahrungen westlicher Demokratien. Sie sind deshalb nicht ohne weiteres auf die Analyse analoger Phänomene in kommunistischen und postkommunistischen Systemen übertragbar. Auf der Basis einer Inhaltsanalyse von Zeitungsmeldungen zeichnet der Beitrag in einem ersten Schritt die Entwicklung der politischen Proteste und den Charakter der Protestformen in Ungarn fuuml;r die Jahre 1989 - 1994 nach. In einem zweiten Schritt werden die relevanten Konflikt- und Trennlinien identifiziert, die zu verschiedenen Zeiten und zu verschiedenen Anlässen eine politische Mobilisierung der unterschiedlichen Akteure bewirken und sich in einem landestypischen Profil von Protestszenen niederschlagen. Einen Schwerpunkt der Darstellung bilden dabei die spezifisch "postkommunistischen" cleavages, die durch die Transformation einer ehemals sozialistischen Gesellschaft entstehen.


 
Rainer Geißler
Sozialstrukturforschung in der DDR - Erträge und Dilemmata. Eine kritische Bilanz zur Triebkraft-Debatte und Mobilitätsanalyse

Der Beitrag behandelt zwei wichtige und interessante Felder der Sozialstrukturanalyse in der DDR: zum einen die Debatte über die sogenannte "Triebkraftthese" (Strukturfunktionalismus) und zum anderen die soziale Mobilitätsforschung. Die Entwicklung einzelner Forschungsfragen und Ansätze werden beschrieben, analysiert und kritisiert. Es wird gezeigt, wie die ostdeutsche Soziologie eine "dialektische Balance" zwischen den offiziellen dogmatischen Vorschriften und den diesen widersprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen aufrechterhalten mußte. Ostdeutsche Konzepte, Theorien, Methoden und Resultate werden mit westdeutschen Sozialstrukturanalysen verglichen und im Hinblick auf die Frage, ob sie adäquate Analyseinstrumente für die Untersuchung der sozialen Probleme im vereinigten Deutschland darstellen, bewertet. Während der sozialistische Funktionalismus mit der Implosion des sozialistischen Systems irrelevant wurde, zeigt es sich, daß der dynamische Ansatz sozialer Ungleichheitsforschung und der spezifischen Folgen von Sozialisationsprozessen resp. Bildungschancen es wert ist, weiterverfolgt zu werden.


 
Jürgen Gerhards
Religion und der Geist des Kapitalismus: Einstellungen zur Berufsarbeit und zur Wirtschaftsordnung in den USA und Spanien im Vergleich

Der Aufsatz greift Max Webers These auf, daß der Geist des Kapitalismus protestantischen Ursprungs ist, und sucht sie durch eine Sekundäranalyse einer internationalen Wertestudie zu überprüfen, in der die Einstellungen der Bürger verschiedener Länder zu unterschiedlichen Werten abgefragt wurden. Nach einer Zusammenfassung der Weberschen Protestantismusthese werden Hypothesen über erwartbare Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten und zwischen US-Amerikanern und Spaniern im Hinblick auf ihre Einstellungen zum Beruf und zur Wirtschaftsordnung formuliert. Nach einer Erläuterung des methodischen Vorgehens werden diese Hypothesen abschließend anhand der Ergebnisse der Auswertung der internationalen Wertestudie verifiziert.


 
Gerhard Preyer
Zwei Konstruktionsprobleme der "Theorie des kommunikativen Handelns"

Die "Theorie des kommunikativen Handelns" von Jürgen Habermas gehört zu den Entwürfen, die bei Philosophen und Sozialwissenschaftlern eine breite Resonanz gefunden haben. Die formal-pragmatische Bedeutungstheorie als Grundlegung einer soziologischen Handlungstheorie ist kontrovers zu erörtern. Ziel ist es, bedeutungs- und handlungstheoretische Fragen für die Begriffsbestimmung des "kommunikativen Handelns" zu entmengen. In einem weiteren Schritt erörtere ich den Anschnitt des von Habermas entwickelten "Strukturmodells gesellschaftlicher Rationalisierung". Im Vordergrund steht dabei eine Kritik der "Differenzierungstheorie" im Anschluß an Richard Münch. Dem Problembezug der "sozialen Ordnung" wird am Beispiel der von Habermas vorgetragenen Kritik an Talcott Parsons deshalb nachgegangen, weil seine Behauptung strittig ist, Parsons' Soziologie verfüge über keine Erklärung von sozialen athologien.




















Zusammenfassungen 1996
Heft 3/96
 
Stefan Hradil
Die Transformation der Transformationsforschung

Im Rahmen der Transformationsforschung wurden zahlreiche Forschungsprogramme aufgelegt, Projekte durchgeführt und Publikationen verbreitet. In letzter Zeit ist jedoch eine gewisse Sättigung der Nachfrage eingetreten. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, daß die gesellschaftliche Transformation in Ostdeutschland in eine neue Phase tritt - sie ist dabei, geregelter, strategischer, systematischer und verschränkter zu werden und die bisherigen Instrumente der "ab-hoc-Transformationsforschung" dem nicht länger gerecht werden. Nötig wird die Transformation der Transformationsforschung hin zu vernetzteren, stetigeren, vergleichenden (unter Einbeziehung Ost-, Mitteleuropas) und "praktischeren" Verfahren. Konkrete Vorschläge zum Aufbau von diesbezüglichen Forschungseinrichtungen beschließen den Beitrag.


 
Klaus von Beyme
Der kurze Sonderweg Ostdeutschlands zur Vermeidung eines erneuten deutschen Sonderweges

Deutschland leidet unter dem Image, in der Geschichte immer einen Sonderweg gegangen zu sein. Kaum schien das Land nach der Wiedervereinigung zu einem Nationalstaat wie andere zu werden, zeichnete sich durch die stark vom Westen her dirigierte Integration ein neuer Sonderweg ab. Die machiavellistische Staatsübernahmestrategie schien zunächst aus außenpolitischen Gründen nötig. Später kamen selbst geschaffene Zwänge hinzu. Die Ostdeutschen bestanden auf rascher Angleichung der Löhne und haben somit einen Teil der Deindustrialisierung selbst herbeigeführt, weil sie nicht bereit waren, vorübergehend ein Billiglohnland wie Tschechien zu werden. Ostdeutschland wurde so zum funktionalen Äquivalent der früheren, verlorenen Ostgebiete. Dennoch sind trotz der ökonomischen Krise eine Fülle von Modernisierungsprozessen in Ostdeutschland in Gang gekommen, die auf Dauer langfristigere Aussichten in einer Dienstleistungsgesellschaft versprechen als die westdeutsche Strategie "des besten Industriestaates der Welt" - aber der sechziger Jahre.


 
Gisela Trommsdorff
Transformationsforschung als Herausforderung für die Psychologie

Transformationsforschung galt bisher vor allem als ein Feld der sozialwissenschaftlichen Forschung und wird von der Psychologie kaum als Problembereich wahrgenommen. Das ist angesichts der durch den Transformationsprozeß aufgedeckten Fragestellungen schwer vertretbar. Die Psychologie verfügt über gut fundierte theoretische Ansätze und Methoden, so daß die Bearbeitung solcher Fragen für die weitere psychologische Theoriebildung sowie auch für die Sozialwissenschaften insgesamt ein Gewinn wäre. Dies würde nicht zuletzt dem Trend in der Psychologie entgegenwirken, den sozialen Kontext als Forschungsgegenstand weilgehend aus dem Auge zu verlieren. In dem Artikel werden einige Bereiche skizziert, in denen die psychologische Forschung wesentliche Beiträge leisten könnte. Darüber hinaus werden einige Ansätze dargestellt, die sich bereits als fruchtbar für psychologische Forschung zum sozialen Wandel erwiesen haben.


 
Hildegard Maria Nickel
Feministische Gesellschaftskritik oder selbstreferentielle Debatte

Der Beitrag thematisiert zunächst den Stellenwert, den die Frauen- und Geschlechterforschung in der bundesdeutschen Soziologie generell und bei der Neukonstituierung des Faches in den neuen Bundesländern hat(te). Dabei werden Mechanismen der "institutionellen Abwehr" dem Gegenstand gegenüber aufgezeigt, die noch immer zur "Ghettoisierung" von "genuszentrierter" Forschung führen und zur strukturellen Diskriminierung von Frauen in der Soziologie beitragen. Dann werden Denktraditionen und Professionalisierungserfahrungen von DDR-Frauen auf dem Gebiet feministischer Forschung problematisiert und es wird der aktuelle Diskurs in der neuen bundesrepublikanischen Geschlechterforschung aufgegriffen. Dabei zeigt sich, daß eine Reihe von Forschungsfragen nicht nur ungelöst, sondern ungestellt sind. Der Beitrag votiert für zwei Konsequenzen: erstens für eine verstärkte empirische Forschung, vor allem bezogen auf den (gesellschaftlichen und geschlechtlichen) Transformationsprozeß und zweitens - angesichts eines radikalen Gesellschaftsumbaus zuungunsten von Frauen - für die gesellschaftskritische Dimension feministischer Forschung.


 
Helga A. Milz
Zur deutsch-deutschen Soziologie des Frauenbewußtseins

Die Empirie zum Frauenbewußtsein ist ein "Stiefkind" der deutschen Soziologie. In Erwägung des Familienwohls und ohne kritische Reflektion dieser Prämisse, prüfen empirische Forschungen zum Frauenbewußtsein vorrangig, wie Frauen ihr Dilemma, Beruf und Familie zu vereinbaren, bewältigen. Standarddeutungen diagnostizieren Unzufriedenheiten, Defizite und allerlei Unzulänglichkeiten; androzentrischen Maßstäben genügen Frauen nie. Ein Paradigmenwechsel, der diese Optik aufspießt, erfolgt erst durch die BRD-Frauenforschung. Da zeigt sich: Das gesellschaftliche Bewußtsein von Frauen reflektiert parallele Vergesellschaftungsprozesse in und zwischen zwei Sphären, generiert Frauenkulturen und Zwischenorientierungen. Der Blick in Forschungen zum Frauenbewußtsein der neuen Ländern zeigt frappierende Parallelen zur Zwischenorientierung. Sie bergen gleichwohl markante Unterschiede. Die Erwerbszentriertheit ostdeutscher Frauen ist stabiler, Kinder sind als Lebensmittelpunkt wichtiger, Hausarbeit ist "Frauensache", aber "Nebengleis". Frauen sind selbstbewußter, sehen sich als Gleiche, Männer als kooperative Partner, nicht als "Familienernährer". Die Angleichung der deutsch-deutschen Lebensverhältnisse, die regulär als Anpassung des Ostens an den Westen verläufl, könnte eine Drehung vertragen: Emanzipation als komplexe Gleichheit, die Strategien von Egalität und Differenz integriert, bündelt die unterschiedlichen Optionen in Ost und West am ehesten.


 
Willfried Spohn
Zur Programmatik und Entwicklung der neuen historischen Soziologie

Vor dem Hintergrund der ungleichen Entwicklung der historischen Soziologie in der angloamerikanischen und deutschen Soziologie unternimmt dieser Beitrag den Versuch, die methodologische Programmatik und die forschungspraktischen Entwicklungstendenzen der neuen angloamerikanischen Soziologie vorzustellen. Dazu werden zunächst die programmatischen Visionen oder Leitideen dieser neuen historischen Soziologie: Zum einen die methodologische Vermittlung von Soziologie und Geschichte, von Vergangenheit und Gegenwart und von Handlung, Struktur und Prozeß, zum anderen die methodologische Bedeutung der Verbindung von Makro- und Mikroananlyse, des Vergleichs und der Angemessenheit der methodischen Verfahren gegenüber der historischen Wirklichkeit erläutert. Dann werden die Konsequenzen dieser Leitideen an zwei zentralen wissenschaftspraktischen Entwicklungstendenzen exemplarisch umrissen: an der Tendenz zur Kontextualisierung im Sinne einer verstärkten Berücksichtigung des räumlich-zeitlichen Kontextes der sozialen Wirklichkeit und an der Tendenz zur Kulturalisierung im Sinne einer verstärkten Einbeziehung kultureller Faktoren oder Dimensionen und kulturwissenschaftlicher Ansätze in der historisch-soziologischen Forschung. Der Beitrag stellt ein Plädoyer für eine Verortung der neuen historischen Soziologie auch in der deutschen Soziologie dar.


 
Walter Reese-Schäfer
Zeitdiagnose als wissenschaftliche Aufgabe

Der Beitrag ist die Skizze eines ideengeschichtlichen Forschungsprojekts, dessen Interesse sich auf die Methoden, Techniken und hauptsächlichen Inhalte der zeitdiagnostischen Analyse und Urteilsbildung im 20. Jahrhundert richtet. Das Projekt nimmt in einer reflexiven Wendung die Wissensform der Zeitdiagnose selbst in den Blick und fragt, mit welchen Mitteln diese etwas wissen kann, welcher Art dieses Wissen ist und worin sein Gegenstand besteht. Die von außen an die Sozialwissenschaften gerichtete Anforderung, relevante Beiträge zur Gegenwartsdiagnostik zu leisten, soll in einem Gang der Materialdurchdringung verbunden werden mit der Entwicklung von immanenten Beurteilungskriterien. Material des Projekts sind ca. 60 in der westlichen Welt einflußreiche Zeitdiagnosen von Georg Simmel über Plessner, Ortega y Gasset, Karl Mannheim, David Riesman, John Kenneth Galbraith, Dennis Meadows, Ronald Inglehart bis zu Jean-Francois Lyotard, Ulrich Beck, Ralf Dahrendorf und Zygmunt Bauman. Während in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Kritik der Massengesellschaft im Vordergrund stand, sind Individualierung und Ökologie heute die charakteristischen Hauptthemen.


 
Raj Kollmorgen
Außeruniversitäre Soziologie und Einheit

Der Beitrag untersucht die Transformation des außeruniversitären Sektors der soziologischen Forschung in Ostdeutschland. Der ersatzlose Abbau aller zentralen außeruniversitären soziologischen und weiter sozialwissenschaftlichen Institute in den neuen Ländern konnte in personeller und wissenschaftlicher Hinsicht weder durch die beachtlichen Förder- und Integrationsprogramme noch durch die selbständige Gründung freier Forschungsinstitute kompensiert werden. Von den an außeruniversitären Forschungseinrichtungen tätigen Soziologen in der DDR sind nach der Vereinigung gut ein Drittel aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Etwa 40% sind noch in der Wissenschaft tätig, davon allerdings nur ein geringer Teil in fester Anstellung bzw. mit akademischen Aufstiegsmöglichkeiten. Die Mobilitätsmuster der Soziologen sind institutionenspezifisch geprägt. Variablen sind vor allem typische Qualifikationen, Forschungsthemen und -organisation, Standort sowie politische Steuerung. Wegen der ersatzlosen Abwicklungen und der allgemeinen Dominanz westdeutscher Wissenschaftler sind weitere Förderungen v.a. für junge Wissenschaftler geboten. Angeregt wird auch die Errichtung eines ostdeutschen außeruniversitären Sozialforschungsinstitutes.


 
Richard Stöss / Oskar Niedermayer
Die Berliner Abgeordnetenhauswahl vom 22. Oktober 1995

Die Kontinuität der Machtverhältnisse durch die Neuauflage der Großen Koalition nach der Wahl von 1995 sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die Berliner Parteienlandschaft verändert hat: Die etablierten Parteien wurden geschwächt, allen voran die SPD, die eine in ihrer Geschichte fast einmalige Niederlage hinnehmen mußte, und die FDP, die zu einer bedeutungslosen Splitterpartei dezimiert wurde. Die GRÜNEN und insbesondere die PDS hingegen konnten ihren Einflußbereich ausdehnen und damit die Handlungsmöglichkeiten der Senatskoalition einschränken. Die detaillierte Analyse des Wahlergebnisses zeigt zum einen, daß die Berliner Wahl - entgegen manchen Spekulationen - nicht zum Trendsetter für die Bundesrepublik taugt, da sowohl die SPD-Niederlage als auch der PDS-Erfolg weithin auf Berlin-spezifischen Faktoren basieren, zum anderen, daß die "Legenden" über den Wahlerfolg der PDS, ihre Resonanz bei den Jüngeren, ihre Entwicklung zur Volkspartei und ihre Mobilisierungskraft für Proteststimmen der empirischen Grundlage weitgehend entbehren.




















Zusammenfassungen 1996
Heft 2/96
 
John Rex
Multikulturalismus in Europa und Nordamerika*

* Übersetzung von: John Rex, Multiculturalism in Europe and America, in: Nations and Nationalism 1, Nr. 2, Cambridge University Press. Copyright Association for the Study of Ethnicity and Nationalism.
Der Artikel vergleicht die Debatte über Multikulturalismus in Westeuropa und Nordamerika. Mit Blick auf die Immigrationsprozesse in Westeuropa wird ein Modell einer egalitären multikulturellen Gesellschaft entwickelt, das auf einer gemeinsam geteilten politischen Kultur in der öffentlichen Sphäre basiert und gleichzeitig die Pflege der minoritären Kulturen in der kommunalen Sphäre gewährleistet. Darüber hinaus werden einige der Probleme markiert, mit denen dieses Modell von seiten europäischer Sozialwissenschaftler konfrontiert wurde, die sich insbesondere mit dem Verhältnis zwischen dem Wohlfahrtsstaat und den Institutionen für multikulturelle Angelegenheiten auseinandergesetzt haben. In den Vereinigten Staaten beschäftigt sich die Multikulturalismusdebatte mit zwei Fragen: der Desillusionierung über den Prozeß der positiven Diskriminierung unterdrückter Gruppen und der Möglichkeit einer Zerstörung der Einheit der amerikanischen Kultur und Gesellschaft. Abschließend wird der Fall Kanadas betrachtet, das, im Unterschied zu den USA, kein Erbe der Sklaverei zu verarbeiten hatte und in der öffentlichen Sphäre auf zwei Gründernationen beruht.


 
Robert Hettlage
Multikulturelle Gesellschaft zwischen Kontakt, Konkurrenz und 'accomodation'

Multikulturalismus ist erst zu verstehen, wenn man sich die unterschiedlichen Bedeutungsgehalte von Kultur vor Augen führt. Besonderen Stellenwert in bezug auf Kultur erlangte in letzten Jahrhunderten die Nation; Nation und Multikulturalismus sind nicht selten widerstreitende Gebilde, da in der multikulturellen Gesellschaft der Fremde, den der Nationalstaat sukzessive auszuschließen half, zur Normalität wird. Die Problematik der multikulturellen Gesellschaft kreist wesentlich um die Frage, ob es sich dabei um ein Zwischenstadium hin zu einer (weltumspannenden) Monokultur handelt oder aber ob unterschiedliche Kulturen tatsächlich nebeneinander weiterexistieren können. Verschiedene Modelle des Multikulturalismus wurden entwickelt (Egalitätsmodelle und Dominanzmodelle). Dahinter steht die Frage, wieviel Differenz möglich ist, ohne einen gesellschaftlichen Grundkonsens zu gefährden. Schon der Blick auf die EU zeigt, mit wievielen Schwierigkeiten multikulturelle Gesellschaft selbst in relativ hoch entwickelten Staaten konfrontiert ist. Seitens der Postmodernisten wird hier die identitätsstiftende Funktion von Grenzen und Grenzziehungen häufig übersehen.


 
Yasemin Nuhoglu Soysal
Staatsbürgerschaft im Wandel. Postnationale Mitgliedschaft und Nationalstaat in Europa*

* Teile dieses Aufsatzes sind übernommen aus : Yasemin Nuhoglu Soysal (1994): Limits of Citizenship: Migrants and Postnational Membership in Europe
Auf der Grundlage einer Analyse der Mitgliedschaft von Migranten der Nachkriegszeit untersuche ich die Veränderungen der Bedeutung und Organisation der Staatsbürgerschaft in Europa. Mein grundlegendes Argument behauptet, daß Staatsbürgerschaft in der Nachkriegszeit einem tiefgreifenden Wandel unterlag, in dem ihre beiden wesentlichen Komponenten - Identität und Rechte - immer stärker voneinander getrennt wurden. Innerhalb des allgemeinen Rahmens der "Menschenrechte" werden Rechte, die ehemals mit der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft zusammenhingen, zunehmend abstrakt und auf globaler Ebene legitimiert. Im Gegensatz dazu werden Identitäten weiterhin als partikulare und territorial gebundene wahrgenommen. Dieser Wandel der Institution Staatsbürgerschaft bringt eine paradoxe Dialektik zum Ausdruck: während Nationalstaaten und ihre Grenzen durch Verschärfungen der Grenzkontrollen und Appelle an die nationale Gemeinschaft konkretisiert werden, weist ein neues Modell der Mitgliedschaft, welches in den universalistischen Rechten der Person gründet, über die nationale Ordnung der Staatsbürgerschaft hinaus. Dieses Modell bezeichne ich als postnationales Modell der Mitgliedschaft. Ich erkläre dieses Paradox durch die Verfestigung transnationaler Ideologien und Institutionen in der Nachkriegsära, die auf globaler Ebene einerseits universelle individuelle Rechte, andererseits nationale Souveränität als organisierende Prinzipien definieren.


 
Lucian Kern
Selten und die Separatisten. Eine Analyse des Tschetschenien-Konflikts auf spieltheoretischer Grundlage und eine Verallgemeinerung

Das Ladenketten-Paradox von Reinhard Selten (1978) wird zur Erklärung der (fortgesetzten) militärischen Intervention Rußlands in Tschetschenien herangezogen. Ähnlich wie der Monopolist in Seltens Paradox die Strategie eines Preiskrieges gegenüber dem ersten Konkurrenten einsetzt, um weitere Konkurrenten vom Markteintritt abzuhalten, hat Rußland eine Strategie der brutalen militärischen Intervention gegenüber Tschetschenien eingeschlagen, um Unabhängigkeitsforderungen weiterer Regionen abzuschrecken. Wegen der tschetschenischen Gegenwehr ist daraus eine Spirale gegenseitiger militärischer Eskalation entstanden, die kaum Aussicht hat, bald abgebrochen zu werden. Das zugrundeliegende Problem kann generalisiert werden.


 
Peter Noller/Klaus Ronneberger
Globalisierung und städtische Professionelle. Zum Kosmopolitismus der neuen Dienstleistungsklasse*

* Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Sektionstagung "Politische Soziologie" am 12./13. Oktober 1995 in Freiburg.
Prozesse der Globalisierung werden in den sozialwissenschaftlichen Debatten häufig als "large-scale" Phänomene behandelt, die das Lokale überformen. Der strukturierenden Bedeutung des nationalen und lokalen Raumes wird dabei zu wenig Beachtung geschenkt. Dies gilt auch für die Analyse jener international orientierten Berufsmilieus, die "Globalität" vor Ort ökonomisch und kulturell herstellen und über ein spezialisiertes "kosmopolitisches" Wissen verfügen. Auf der Grundlage einer mikrologischen Studie über urban professionals in Frankfurt am Main werden deren Einstellungsmuster zur multikulturellen Gesellschaft untersucht. Dabei erweist sich der Kosmopolitismus der Dienstleister und Dienstleisterinnen als eine Raum-Ideologie, die als "globale Postmoderne" umschrieben werden kann. Es handelt sich um eine modernisierte Form des Eurozentrismus, dessen zentrales Merkmal in der Fähigkeit besteht, eine Vielfalt von kulturellen Differenzen integrieren und ausbeuten zu können. Dieser hierarchisierende Blick, der auf dem Machtgefälle zwischen dem "Westen" und dem "Rest" beruht, verknüpft sich mit einem Gesellschaftsbild, das einer ständisch-multikulturellen Klassengesellschaft zuarbeitet.


 
Stefan Breuer
Von Tönnies zu Weber. Zur Frage einer "deutschen Linie" der Soziologie

Die frühe deutsche Soziologie unterscheidet sich von den in Frankreich und England entwickelten Versionen durch zwei Merkmale. Sie interessiert sich mehr für das Phänomen der Rationalisierung als für dasjenige der Differenzierung; und sie sucht nach Wegen, die Rationalisierung durch eine spezifisch deutsche Ordnung zu begrenzen oder sogar aufzuheben. Diese doppelte Orientierung läßt sich am klarsten bei Tönnies nachweisen und auf ihre Wurzeln zurückverfolgen, die teils bei Schopenhauer, teils in der Philosophie des deutschen Idealismus liegen. Sombart, Scheler und Simmel haben den von Tönnies gesteckten Rahmen nicht überschritten. Das Werk Max Webers dagegen kann als Versuch gelesen werden, das Konzept der Rationalisierung von seinen deutsch-nationalen Konnotationen abzulösen und mit westlich-liberalen Denktraditionen zu verbinden.


 
Stefan Müller-Doohm
Soziologische Aufklärung nach Auschwitz: Theodor W. Adornos Praxis empirischer Sozialforschung im Nachkriegsdeutschland

Der Beitrag wirft Licht auf einen Aspekt jüngerer Soziologiegeschichte: die Remigration Adornos nach Deutschland, seine soziologische Lehr- und Forschungstätigkeit während der 50er Jahre am wiedererrichteteten Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main Dieser Rückblick macht deutlich, daß sich Adorno aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den USA als Mitarbeiter des "Radio-Research-Project" und der "Authoritarian Personality" gesammelt hatte, für eine wechselseitige Durchdringung von empirischer Sozialforschung und Gesellschaftstheorie eingesetzt hat. Er hat versucht, diesen Anspruch bei einem - methodisch am Gruppendiskussionsverfahren orientierten - Projekt praktisch einzulösen, das thematisch der Erforschung des antidemokratischen Potentials galt, genauer: des politischen Bewußtseins der Deutschen, ihrem Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit und zum Antisemitismus. Die Forschungsresultate zur sogenannten Vergangenheitsbewältigung, die aus heutiger Sicht eine erstaunliche Aktualität besitzen, sind wiederum Anlaß für Adornos öffentliche Warnung, daß mit einem Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie zu rechnen sei. Aus diesem Grund hat die Soziologie die Aufgabe, durch die Erforschung sozialer Ursachen zu verhindern, daß das Geschehene sich wiederholt. Nur indem sie als Aufklärungswissenschaft das Trümmerfeld der deutschen Geschichte bewußt in den Blick nimmt, trägt sie dazu bei, die Möglichkeit eines moralisch und geistigen Neuanfangs zu schaffen.




















Zusammenfassungen 1996
Heft 1/96
 
Dirk Baecker
Der Einwand der Kultur

(Die dem Beitrag zugrundeliegende Arbeit wird im Rahmen des Heisenbergprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Eine gekürzte Fassung des Textes erschien in Springer: Hefte für Gegenwartskunst 1, Heft 2-3 (1995), S. 47-55.)
Traditionell stellt der Kulturbegriff ab auf Pflege, Verehrung und Vergleich. Auf darüberhinausgehende Ansprüche trifft das Kulturverständnis erst, seit die Sozialwissenschaften als "Kulturwissenschaften" eine gro· angelegte, erst in Umrissen sichtbare Verständigung auf ihren Gegenstand, ihr Verfahren und ihr Selbstverständnis begonnen haben. Herbert Marcuse hat bereits festgehalten, da· diese Ansprüche nur aufgenommen werden können, wenn sie als Ansprüche an "Theorie" verstanden und formuliert werden. Der folgende Beitrag sieht den theoretischen Einsatzpunkt des Kulturbegriffes dort, wo Kultur als gesellschaftlich produzierter und reproduzierter Einwand drei- und mehrwertiger Unterscheidungen gegen zweiwertige Unterscheidungen formuliert werden kann. Daraus lassen sich einige Folgerungen für das Verständnis von Kultur als Code und Medium der Gesellschaft ziehen.


 
Michèle Lamont
Das Wesen der Tugend. Symbolische Grenzen in der französischen und amerikanischen oberen Mittelklasse

(Diese Forschungsarbeit wurde durch ein Stipendium der Lilly-Stiftung unterstützt, der ich herzlich danke.)
In diesem Aufsatz werden die sozialen Definitionen einer "würdigen Person" analysiert, die in der französischen und amerikanischen oberen Mittelklasse vorherrschen. Dazu werden Typen symbolischer Grenzen identifiziert. Auf solche Grenzen _ implizite Definitionen des "Reinen" und "Unreinen" _ beziehen sich Interviewpartner, wenn sie sich von Personen abgrenzen, die sie für "besser" oder "schlechter" als sich selbst halten oder von denen sie annehmen, da· sie ihnen selbst ähnlich oder unähnlich sind.Das Projekt beruht auf 160 Interviews, die mit wei·en, männlichen Akademikern, Managern und Geschäftsleuten durchgeführt wurden. Alle Befragten verfügen über einen Hochschulabschlu· und leben in Indianapolis, New York, Paris oder Clermont-Ferrand bzw. in der Umgebung dieser Städte.Die Analyse der Interviews brachte drei Typen von Grenzen zum Vorschein, die von den Befragten gezogen werden: moralische, kulturelle und soziale Grenzen.Der Vergleich der relativen Bedeutung dieser Grenzen innerhalb der Teilpopulationen führte zu dem Ergebnis, da· kultureller Ausschlu· die wichtigste Exklusionsform in der französischen Gesellschaft darstellt, während Amerikaner sich überwiegend auf der Grundlage beruflichen und sozialen Erfolges von anderen Personen abgrenzen. Moralischer Exklusion kommt in beiden Gesellschaften gleiche Bedeutung zu.Die Literatur über kulturelles Kapital behauptet hinsichtlich solcher Abgrenzungsprozesse in der oberen Mittelklasse gewöhnlich die entscheidende Bedeutung der Hochkultur. Über diese Erkenntnisse hinaus betonen die Ergebnisse der vorliegenden Studie jedoch weitere, bedeutende Eigenschaften und verweisen ferner auf Unterschiede in den kulturellen Mustern Frankreichs und der Vereinigten Staaten.


 
Stephen Kalberg
Westdeutsche und US-amerikanische Formen der Interaktion. Eine Ebene des strukturierten Mi·verständnisses

(Zuerst erschienen in "Theory, Culture & Society", Heft 4/1987)
Formen der Interaktion werden nur selten aus einer vergleichenden Perspektive behandelt. Diese Studie beruht auf Feldnotizen und Interviews und untersucht die Art und Weise, in der einige US-amerikanische und westdeutsche Interaktionsmuster voneinander abweichen. Die Dichotomien Insider/Outsider, öffentlich/privat, Freundschaft/friendship sowie Sprecharten und Gruppendynamik werden besprochen. Wenn sich Westdeutsche und Amerikaner begegnen, können eine Reihe von regelmä·igen und strukturellen Mi·verständnissen auftreten.


 
Franz Schultheis mit Barbara Bitting, Sabine Bührer, Patrick Kändler, Kristina Mau, Markus Nensel, Andreas Pfeuffer, Elke Scheib, Winfried Voggel
Repräsentationen des sozialen Raums im interkulturellen Vergleich. Zur Kritik der soziologischen Urteilskraft.

(Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines von Franz Schultheis geleiteten Projektseminars an der Universität Konstanz.)
Der Beitrag liefert erste Einblicke in eine kulturvergleichende, wissenssoziologische Betrachtung der kollektiven Repräsentationen des Sozialraums in zwei europäischen Nachbarländern: Frankreich und Bundesrepublik Deutschland. Beide Länder unterscheiden sich sehr grundlegend in Hinblick auf ihre jeweiligen sta(a)tistischen Klassifikationssysteme ("Stellung im Beruf" bzw. "sozioprofessionelle Kategorien"), d. h. hinsichtlich ihrer staatlich legitimierten und offizialisierten Taxonomien der Sozialwelt, was die interkulturell vergleichende Sozialstrukturanalyse vor schier unüberwindliche theoretische und methodologische Probleme zu stellen scheint. Auf der Basis eines qualitativen Forschungsexperiments wurde der Versuch gemacht, die Klassifikationslogik der Probanden diesseits und jenseits des Rheins sozusagen "in der Praxis" zu beobachten und betreffs der Logik ihres Vorgehens wie auch ihrer Produkte einem systematischen Vergleich zu unterziehen. Die auffallend unterschiedlichen Ergebnisse der Klassifikationsübung zwischen Franzosen und Deutschen bestanden vor allem darin, da· bei den Taxonomien der französischen Probanden eine starke Orientierung an den offiziellen sozioprofessionellen Kategorien vorfindbar war, im Gegensatz zu einer willkürlich erscheinenden Namensgebung in bezug auf die bundesdeutsche Statistik bei den deutschen Probanden, bei gleichzeitig hierarchiebetonter Vorgehenslogik in beiden Ländern. Diese Unterschiede zwischen den Alltagsklassifikationen und zwischen den legitimen Taxonomien des Sozialraumes wurden schlie·lich auf ihre jeweilige soziale Konstruiertheit und ihre gesellschaftlichen Rahmen- und Möglichkeitsbedingungen hin untersucht, wobei es nicht zuletzt auch um die Frage nach dem relativen Anteil von Soziologie an den öffentlichen Repräsentationen der Sozialwelt und dem "common sense of social structure" ging.


 
Ludgera Vogt
Ehrungen im Systemwechsel. Zur Ehre und ihren sozialen Funktionen unter Bedingungen radikalen politischen Wandels

Ehre ist auch in modernen Gesellschaften ein wichtiger Faktor der Strukturierung. Sie übt in der sozialen Welt Funktionen der Differenzierung, Machtgenerierung sowie der Integration aus. Eine der zentralen Institutionalisierungsformen von Ehre ist das Interaktionsmuster der Ehrung. In der Moderne wird durch Ehrungen die Konstitution und Distribution von Ehre gesteuert.Im vorliegenden Beitrag wird nach einigen theoretischen Ausführungen die Logik von Ehrungen anhand von kurzen Fallstudien aus der Situation des gesellschaftlichen Umbruchs nach 1989 beschrieben. Umbrüche und Transformationsprozesse lassen die Mechanismen der Ehrung besonders deutlich hervortreten. Analysiert werden u.a. die Ehrungen für tschechische Reformpolitiker, für den früheren SED-Chef Erich Honecker sowie für den heutigen Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg Manfred Stolpe. Zum Schlu· wird die Frage aufgeworfen, inwiefern Ehre die Subsystemgrenzen moderner Gesellschaften grundsätzlich transzendiert.


 
Michael Schwab-Trapp
Narration und politischer Diskurs. Überlegungen zur Transformation politischer Kultur im vereinigten Deutschland

(Der Artikel entstand im Rahmen eines von der DFG geförderten Projektes, das Konflikte über die NS-Zeit seit 1945 untersucht [He 768/5-2.])
Obgleich in den Sozialwissenschaften die kulturellen Bestimmungsgründe sozialer Handlungsweisen zunehmend in den Vordergrund des Interesses treten, fehlt es bislang an einer angemessenen Konzeptualisierung dieser Bestimmungsgründe. Der folgende Artikel sucht dieses Defizit zu beheben. Er schlägt eine Forschungspraxis vor, die sich vornehmlich an kulturanthropologischen und sprachwissenschaftlichen Ansätzen orientiert. Das vorgeschlagene Kulturkonzept wird auf den Bereich der politischen Kultur bezogen und in der Rekonstruktion eines politischen Konflikts, der sich auf die NS-Vergangenheit bezieht, empirisch umgesetzt. Im Mittelpunkt dieser Umsetzung stehen Fragen nach dem Wandel politischer Kultur und dem Verhältnis, das zwischen einer kulturellen Ordnung und sozialen Ereignissen besteht.