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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 1997






















Zusammenfassungen 1997
Heft 4/1997
 
Hans Bertram
Die Kommission für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels
in den neuen Bundesländern als forschungspolitisches Modell

Die Förderungspolitik und -strategie der KSPW hat sich im Rückblick als richtig herausgestellt, auch wenn nicht alle Vorstellungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahre 1990 verwirklicht werden konnten. Unter forschungspolitischen Aspekten hat die KSPW-Arbeit gezeigt, daß sich eine Sozialberichterstattung, die sich auf die Forschungskompetenz der Universitäten stützt, schnell, effizient und kostengünstig realisieren läßt. In einer Kommission als Ad-hoc-Organisation lassen sich unterschiedliche wissenschaftspolitische und fachwissenschaftliche Perspektiven integrieren, wobei die Freiheit und Unabhängigkeit der Universitätslehrer einen wichtigen Vorzug darstellt. Dagegen sind Forschungsförderung und der Aufbau von Forschungslandschaften Aufgaben, die durch Kommissionen nur bedingt gelöst werden können, da die Einflußmöglichkeiten auf die politischen Rahmenbedingungen gering sind.


 
Burkart Lutz
Arbeit und Betriebe

Auf dem Hintergrund vielfältiger empirischer Befunde und Analysen, auf die im Literaturverzeichnis verwiesen ist, formuliert der Aufsatz drei generelle Thesen zum Transformationsprozeß, die in deutlichem Gegensatz zu den vorherrschenden Annahmen der frühen Transformationsforschung stehen: (1) Die Strukturen und Prägungen aus der DDR-Zeit wirken auch Jahre nach der Wende noch fort; (2) die marktwirtschaftliche "Sanierung" der DDR-Wirtschaft mündete in eine möglicherweise dauerhafte industrielle Verödung ohne Ausgleich durch beschleunigte Tertiarisierung; (3) statt der vielfach erwarteten schrittweisen Verbesserung der Erwerbsperspektiven gab es nur ein schmales Zeitfenster, in dem wirklich neue Chancen verfügbar waren.


 
Toni Hahn
Erwerbsverläufe und soziale Mobilität Arbeitsloser in Ostdeutschland

Auswertungen von Daten einer eigenen Arbeitslosen-Längsschnittbefragung sowie des SOEP und des Arbeitsmarkt-Monitors zeigen ambivalente Mobilitätstendenzen im ostdeutschen Umbruch von Arbeit und Beschäftigung seit 1989. Einem erheblichen und wachsenden Teil der von Arbeitslosigkeit Betroffenen bleibt dauerhaft eine Reintegration in das Erwerbssystem versperrt. Fast immer sind soziale Abstiege damit verbunden. Für Arbeitslose, denen ein Wiedereinstieg in Beschäftigung gelingt, ist eine günstigere soziale Lage charakteristisch. Gegenüber Erwerbstätigen ohne Arbeitslosigkeitserfahrung ist aber für sie, auch wenn sie sonst gleiche qualifikatorische und andere Voraussetzungen aufweisen, eine weitaus gößere berufliche und soziale Mobilität festzustellen. Zumeist handelt es sich um Abstiege. Das gilt selbst für jene Wiederbeschäftigte, die am Beginn der Umbruchphase arbeitslos geworden waren und auf größere Spielräume des Arbeitsmarktes als später stießen. Wenn sie diese Chancen nutzten, so meist unter großen Zugeständnissen. Sie sind zwar inzwischen überwiegend stabil in "normalen" Beschäftigungsverhältnissen tätig, aber oft um den Preis dauerhafter negativer Nachwirkungen ihrer Arbeitslosigkeitspassage auf die berufliche und soziale Position. Transformationsforschung auf diesem Feld sollte den Blick stärker auf grundlegende Wandlungen des Arbeits- und Beschäftigungssystems richten, wie sie sich über Ostdeutschland hinaus vollziehen.


 
Richard Hauser
Ungleichheit und Sozialpolitik in den neuen Bundesländern

Der Beitrag stellt die Hauptergebnisse des Berichts der Arbeitsgruppe II der KSPW zum Thema "Ungleichheit und Sozialpolitik" dar. Ausgehend von der methodischen Feststellung, daß die Wirkungen des Systemswechsels von den Effekten der Wiedervereinigung im Prinzip zu trennen sind, werden die hauptsächlichen Systemunterschiede auf dem Gebiet der Sozialpolitik aufgezählt und dann die aus der Übertragung des westdeutschen Systems resultierenden Änderungen skizziert. Einleitend wird die als Basis der Sozialpolitik dienende wirtschaftliche Entwicklung kurz gewürdigt. Einerseits zeigt sich dabei, daß es einen beträchtlichen Anstieg des Lebensstandards gab; andererseits wird erkennbar, daß der Aufholprozeß noch eine Generation dauern dürfte und daß daher noch auf lange Sicht hohe West-Ost-Transfers nötig sein werden. Eine Analyse der Einkommensverteilung zeigt, daß die Ungleichheit im Osten noch geringer ist als im Westen, aber deutlich zunimmt, während bei der Vermögensverteilung die größere Ungleichheit vor allem beim Grundbesitz im Osten herrscht. Als besonders vom Systemwechsel betroffene Gruppen erweisen sich Arbeitslose und Alleinerziehende. Dagegen hat sich in den neuen Bundesländern für die bereits im Ruhestand befindlichen älteren Bürger eine besonders große Verbesserung ergeben. Bei einer Analyse der subjektiven Einschätzungen zeigt sich im Osten immer noch eine deutlich geringere Zufriedenheit mit der jeweiligen Lebenslage.


 
Klaus-Peter Schwitzer
Ungleichheit und Sozialpolitik in den neuen Ländern. Systemvergleich und akkumulierte sozialpolitische Perseveration

Der Aufsatz behandelt Disparitäten in der Deutung der DDR-Gesellschaft und ostdeutscher Einstellungen durch ost- und westdeutsche Sozialwissenschaftler und stellt die Frage nach den Ursachen für die abnehmende Akzeptanz des wirtschaftlichen Systems der Bundesrepublik in den neuen Bundesländern. Die Abhandlung orientiert sich an einem konzeptionellen Rahmen, in dem die Gründe für den Stimmungswandel einerseits in den Transformationserfahrungen und andererseits im Systemvergleich vermutet werden. Die Annäherung von Wertorientierungen und Zufriedenheitsbewertungen in Ost- und Westdeutschland wird nicht auf den Vereinigungsprozeß zurückgeführt, sondern als Folge der gesamtwirtschaftlichen Lage und systemimmanenter Widersprüche interpretiert, die gesamtdeutsche Lösungen erfordern.


 
Bernd Baron von Maydell
Zur Akzeptanz des Arbeits- und Sozialrechts in Ostdeutschland

Im Zuge der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist das Arbeits- und Sozialrecht der Bundesrepublik Deutschland - wie auch die anderen Rechtsmaterien - auf die neuen Bundesländer übertragen worden. Dabei haben sich Probleme bei der Akzeptanz des neuen Rechts durch die Bürger in Ostdeutschland ergeben; auf die Akzeptanz ist aber jede Rechtsordnung angewiesen, wenn sie reibungslos funktionieren soll. Die Gründe für die Vorbehalte, auf die das übertragene Recht stößt, sind in dem Prozeß der Transformation, aber auch in den grundlegenden Unterschieden begründet, die zwischen dem Recht der DDR und dem der Bundesrepublik Deutschland bestanden. Die Analyse dieser Gründe ist für das Verstehen und Überwinden der Akzeptanzprobleme in Deutschland bedeutsam. Darüber hinaus ist diese Fragestellung - trotz der Einmaligkeit der Transformation in den neuen Bundesländern - für die Entwicklung einer allgemeinen Transformationstheorie interessant.


 
Rosemarie Will
Vergangenheitsbewältigung durch Recht - die Umwandlung der Arbeits- und Sozialordnung

In dem Beitrag wird der VI. Bericht unter den Abschlußberichten der KSPW "Die Umwandlung der Arbeits- und Sozialordnung" besprochen. Die Bearbeiter werden zunächst an ihrer eigenen Zielsetzung, zu fragen, was aus dem DDR-Recht geworden ist und wie das DDR-Recht im Transformationsprozeß seine Funktion erfüllt hat, gemessen. Es wird festgestellt, daß der Bericht selbst eher eine rechtshistorische Beschreibung der Arbeits- und Sozialordnung der DDR und der Übergangsregelungen ist. Dabei wird das Recht der DDR zum Recht der Bundesrepublik ins Verhältnis gesetzt. Auch die Analyse des eigentlichen Transformationsrechts wird zwischen der Arbeits- und Sozialordnung der DDR und der Bundesrepublik Deutschland eingepaßt. Kritisch wird vermerkt, daß eine Klärung dessen, was der Beitritt als rechtlicher bzw. verfassungsrechtlicher Rahmen für die Transformation der Arbeits- und Sozialordnung bedeutet, nicht ausreichend erfolgt. Im einzelnen werden die unterschiedlichen Leistungen des Berichtes am Beispiel insbesondere des Kündigungsrechts, des Verfahrensrechts und der Rentenüberleitung dargestellt.


 
Max Kaase
Politik im vereinten Deutschland

Der Beitrag resümiert zunächst kurz die Genese der KSPW im Wissenschaftsrat und behandelt dann die Probleme der theoretischen Grundlegung für die Arbeiten der Berichtsgruppe III der KSPW "Politik und Verwaltung". Hierbei werden drei Aspekte hervorgehoben. Zunächst einmal war die Spannung zwischen einem durch die Unerwartetheit und Schnelligkeit der Transitionsprozesse unvermeidlichen theoretischen Eklektizismus und der Forderung nach einem Mindestmaß an systematischer theoretischer Grundlegung zu überbrücken. Dies geschah sowohl über einen Rückgriff auf Elemente funktionalistischer Politiktheorien, insbesondere durch die Differenzierung in die Makroebene der politischen Institutionen, die Mesoebene der intermediären kollektiven Akteure und die Mikroebene der Individuen, als auch durch die Berücksichtigung vorliegender Arbeiten zur Analyse der Transition autoritärer Systeme. Zum zweiten war von Beginn der Berichtsgruppentätigkeit an klar, daß die Analysen nicht nur auf KSPW-Arbeiten beruhen könnten, weil diese Basis viel zu schmal gewesen wäre. Drittens ist die Bemühung hervorzuheben, dem Prozeßcharakter der Transition angemessen Rechnung zu tragen. Auf der Grundlage dieser konzeptionellen Überlegungen behandelt der Aufsatz dann ausgewählte Befunde aus der Arbeit der Berichtsgruppe.


 
Hellmut Wollmann
Institutioneller Umbruch in Ostdeutschland, Polen und Ungarn im Vergleich

In der Transformationsforschung wurde bislang weitgehend darauf verzichtet, den institutionellen Umbruch in Ostdeutschland und in den anderen post-sozialistischen Ländern Mittel-Osteuropas vergleichend zu analysieren. Indem der Aufsatz, wesentlich auf im Rahmen der KSPW durchgeführte Arbeiten gestützt, den Um- und Neubau der dezentralen politischen und administrativen Strukturen in Ostdeutschland, Polen und Ungarn untersucht, soll ein Beitrag zu dieser vernachlässigten Forschungsfrage geleistet werden. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Institutionenbildung in ihrer "Gründungsphase" zu erfassen, werden Ausprägungen des institutionellen Umbruchs deren maßgebliche Bestimmungsfaktoren herausgearbeitet. Die Konstellation der für die einzelnen Länder gemeinsamen bzw. unterschiedlichen Bestimmungsfaktoren wird als die je spezifische "Institutionalisierungslogik" ihrer Transformation bezeichnet.


 
Hans-Ulrich Derlien
Elitezirkulation und Institutionenvertrauen

Die Schübe der Elitezirkulation in Ostdeutschland zwischen 1989 und 1994 sowie die Entwicklung des Vertrauens in die neuen Institutionen bis 1995 werden aufeinander bezogen. Das Ancien rÇgime der DDR ist auch personell untergegangen, Karrierefortsetzungen der Transitionselite in den Parlamenten und Regierungen auf Landes- und Bundesebene seit 1990 sind selten. In den Delegationseliten z. B. des Verbände-Systems sind die neuen Bundesländer angemessen auf Bundes- und vor allem auf Landesebene repräsentiert. Unter den Ernennungseliten in Verwaltung, Justiz und Wirtschaft jedoch noch nicht. Die Elitezirkulation in exekutiven und judikativen Institutionen vollzog sich aufgrund des Fortfalls der zentralen Institutionen der DDR und der systematischen politischen Säuberung besonders gründlich. Zugleich wurde ein Elite-Vakuum aufgrund eines dritten Aspekts des deutschen Sonderfalls der Transition vermieden: Elite-Import aus dem Westen. Das in den neuen Bundesländern im Vergleich speziell zu Rußland hohe, gegenüber Westdeutschland aber immer noch etwas nachhinkende subjektive Vertrauen in Institutionen hängt zwar von grundsätzlich denselben sozio-ökonomischen und ideologischen Faktoren ab wie im Westen, der Vertrauensgewinn speziell der Exekutive und der Judikative dürfte jedoch auch aus der Besonderheit der Rekrutierung von Führungspersonal und dessen Bedeutung für das faktische Funktionieren der Institutionen erklärbar sein.


 
Stefan E. Hormuth
Auswirkungen des Transformationsprozesses in Ostdeutschland auf individuelle Entwicklung, Bildung und Berufsverläufe

Der Aspekt der individuellen Entwicklung, der Bildung und der Berufsverläufe wird unter einer Lebenslaufperspektive erfaßt. Dabei werden zum einen die durch den Transformationsprozeß in Ostdeutschland betroffenen Institutionen und Strukturen berücksichtigt, die für die Individuen zu unterschiedlichen Phasen des Lebenslaufs und zu unterschiedlichen Übergangsschwellen wichtig sind. In Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter sind unterschiedliche Auswirkungen des Transformationsprozesses zu beobachten. Die Veränderungen der Bildungsinstitutionen, der Bildungsgänge und der Berufsverläufe betreffen auch Eltern, Lehrer und Angehörige. Die Bedingungen der Arbeit der Berichtsgruppe werden betrachtet und offene Fragen angesprochen.


 
Rainer K. Silbereisen
Viel erreicht, noch mehr zu bewältigen: Zum Bericht der KSPW über individuelle Entwicklung, Bildung und Berufsverläufe

Als Hintergrund für eine kritische Würdigung des Berichts der KSPW-Arbeitsgruppe (Hormuth et al. 1996) über "Individuelle Entwicklung, Bildung und Berufsverläufe" werden zunächst Modellvorstellungen zum Zusammenspiel von sozialem Wandel und Persönlichkeitsentwicklung berichtet. Nach einer Charakterisierung der zur Verfügung stehenden Daten, die eine systematische Behandlung im Sinne von Kohorten-Studien oder anspruchsvollen Längsschnittdesigns nicht zulassen, werden wichtige Ergebnisse diskutiert. Erstens, die Veränderungen der für Kinder und Jugendliche relevanten Kontexte und Institutionen werden charakterisiert als tiefgreifende Veränderung des Mesosystems der Entwicklung mit der Gefahr eines Sozialisationsvakuums, welches für Gruppen mit geringeren Ressourcen droht, wie Alleinerziehende oder schlecht Qualifizierte. Zweitens, die verbreitete Arbeitslosigkeit steigert die vielfach enttäuschten Erwartungen zur Rolle von Staat und Gesellschaft. Auch hier haben die Transformationsprozesse keineswegs alle Jahrgänge und Lebenslagen gleichermaßen getroffen. Der Wertewandel hin zu mehr individueller Verantwortung braucht Zeit, bevor er zur Leitschnur eigenen Handelns wird. Drittens wird ein besonderer Aspekt sozialen Wandels kommentiert, nämlich die Akzentuierung von Persönlichkeitseigenschaften, auch unproduktiven, die bei der Bewältigung der Probleme eingesetzt werden. Die Forschungen der KSPW haben zwar zu neuen Einsichten in die Kontextabhängigkeit von Entwicklung geführt, doch fanden die Vermittlungsprozesse zwischen sozialem Wandel und individueller Entwicklung, beispielsweise in der Familie oder unter Gleichaltrigen, noch nicht genügend Aufmerksamkeit. Dies muß einer künftigen Welle von Forschungen überlassen bleiben, die sich auch den längerfristigen Folgen der Transformation widmet.


 
Wendelin Strubelt
Die Entwicklung ostdeutscher Städte und Regionen: Ergebnisse, Folgerungen und Perspektiven

In dem Artikel werden drei zentrale Thesen zur Entwicklung ostdeutscher Städte und Regionen vorgestellt: 1.Durch die Transformationsprozesse haben sich die regionalen Unterschiede verstärkt akzentuiert, sie treten jetzt deutlich hervor und betreffen die Bevölkerung stärker. 2. Durch die Rahmenbedingungen der deutschen Einheit, insbesondere aber auch durch das Prinzip der Rückgabe vor Entschädigung und der zum ersten Mal den Kommunen zugestandenen Planungshoheit, entstand ein Planungsvakuum, das in kürzester Zeit Entwicklungsstufen übersprang, die in der alten Bundesrepublik in viel längerem Zeitraum abgelaufen sind. 3. Die Ausdifferenzierung der Regionen in den fünf neuen Ländern zeigt an, daß wir bei der Regionalentwicklung wie in der alten Bundesrepublik noch über längere Zeiträume von großen Disparitäten auszugehen haben, jedoch auf einem höheren Niveau. Das Ziel der gleichwertigen Lebensverhältnisse wird also noch für lange Zeit nicht erreicht werden. 4. Auch in der Stadtentwicklung wird die Entwicklung von Disparitäten und Segregationen eher noch zu- als abnehmen.


 
Hans Petzold
Zu den räumlichen Folgen des Transformationsprozesses in den neuen Ländern - Anmerkungen zum Bericht "Städte und Regionen" der KSPW

Nach Abschluß der dankenswerten Arbeit der KSPW liegt eine Fülle von wertvollen Erkenntnissen zum Transformationsprozeß in den ostdeutschen Ländern vor. Es wäre nun wünschenswert, wenn bei der Fortführung der Arbeit nach einer Phase der Konzentration auf die Beobachtung und Beschreibung des status quo stärker auf Empfehlungen und Handlungsanleitungen für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Praxis orientiert werden könnte. Dabei sollten der Raumbezug vertieft und die Arbeit auf relevante Felder ausgedehnt werden, die bisher nur unzureichend untersucht wurden, wie Verkehr, ökologische und nachhaltige Entwicklung u.a. Das Thema sozialer und politischer Wandel in Ostdeutschland ist nicht abgegolten, die Arbeit der KSPW sollte in geeigneter Form fortgeführt werden.


 
Iris Reuther
Stadtbeobachtungen in Leipzig: Drei Zeitschnitte mit biographischem Bezug

Die Bestandsaufnahmen zur Transformation in Ostdeutschland bedürfen einer differenzierten, lokalen und subjektiven Sicht, wenn sie vermittelbar sein sollen. Deshalb versucht eine seit sieben Jahren in Leipzig tätige Stadtplanerin, ihren eigenen biographischen Strang an einem signifikanten Ort in Ostdeutschland zu verfolgen. Im Herbst 1989 kam die zweitgrößte Stadt der DDR in die Schlagzeilen. Auf der einen Seite mehrten sich die Berichte vom Aufbruch des Landes. Zugleich wurde die prekäre Situation der Stadt selbst öffentlich. Schon in der ersten Vereinigungseuphorie wurden der Stadt Vorschußlorbeeren einer "Boomtown" erteilt. Parallel dazu vollzog sich eine drastische Deindustrialisierung und Suburbanisierung von Einzelhandels- und Gewerbeflächen. Nach einer "bleiernen Zeit" in den späten 80er Jahren, in der Stadtplanung faktisch einem pathologischen Prozeß von Stadtentwicklung gegenüberstand, wurde 1990/91, als die Grundstücksparzelle wieder als städtebauliches Regulativ zu wirken begann, eine Art doppelter Kulturschock unter den Planern ausgelöst. Stadterfahrungen "Ost" trafen auf Stadtvorstellungen "West". Eine positivistische Orientierung auf Erneuerung und Modernisierung begleitete einen drastischen Prozeß der Veränderung und Verwertung von Stadtraum. Mit dem Abflauen der Konjunkturphase wird aber deutlich, daß nach fünf Jahren bundesdeutscher Städtebauförderung und weitreichender privater Initiative noch immer fraglich ist, wie behutsam die Stadt erneuert werden kann. Vor dem Hintergrund sinkender Einwohnerzahlen erlebt Leipzig das Muster der räumlichen Verteilung von Wachstum und Schrumpfung, von Suburbanisierung und Transformation immer deutlicher als Zerreißprobe mit den Erscheinungen einer sozialen Erosion. Die Erfahrung vom Zerfließen und der Zerrissenheit beschreibt Richard Sennett als Ende der Wohlstandsgesellschaft. Davon bleibt das eigene Leben nicht unbeeinflußt und beschert mit dem Blick auf die 80er Jahre in der DDR zuweilen Deja-vu-Erlebnisse.




















Zusammenfassungen 1997
Heft 3/1997
 
Glen H. Elder Jr./Artur Meier
Troubled Times? Bildung und Statuspassagen von Landjugendlichen.Ein interkultureller und historischer Vergleich

Der Aufsatz pr"sentiert ausgew"hlte Ergebnisse aus einer Vergleichsuntersuchung bei Jugendlichen und Familien auf dem Lande in Iowa, im Mittleren Westen der USA, und in Mecklenburg und in der Altmark, in (Nord-)Ostdeutschland. In einem theoretischen Bezugsrahmen, der sich an der amerikanischen Tradition der Lebenslaufforschung und an der ostdeutschen Tradition der Erforschung der Lebensweise orientiert, werden zwei Probleme einer empirischen Analyse unterworfen: Wie schl"gt sich der makrosoziale Wandel, vermittelt Åber die familialen Anpassungsleistungen an die wirtschaftlichen Folgen, in den pers"nlichen Beziehungen und hier besonders in der Erziehung und den Lebenspl"nen der Heranwachsenden nieder? Und wie begegnet die junge Generation auf dem Lande hier wie dort dem Niedergang der Landwirtschaft als einer tradierten Arbeits- und Lebensweise gerade dann, wenn sich der öbergang von der Schule in die Arbeitswelt immer schwieriger gestaltet? Die wichtigsten Bestimmungselemente des Lebenslaufsparadigmas und der Lebensweiseforschung zusammenfÅhrend, liegt das theoretische Schwergewicht des Beitrages zum einen auf den Vermittlungsgliedern zwischen den Mikro- und Makroprozessen und zum anderen auf dem historischen Verst"ndnis von Lebensverlaufskurven in sich ver"ndernden Gesellschaften.


 
Peter Hübner/Axel Gehrmann
Lehrerberuf und sozialer Wandel. Ausgew"hlte Ergebnisse einer Berliner Lehrerbefragung 1996

Die Autoren rekonstruieren historisch das Bild des Lehrers in der deutschen ôffentlichkeit und spiegeln es mit der Befragung "Erfahrungen und berufliches Selbstverst"ndnis von Lehrerinnen und Lehrern in Berlin" (1996), die sie im Rahmen der DFG-Forschergruppe "Bildung und Schule im Transformationsproze· von SBZ, DDR und neuen L"ndern" durchfÅhrten. Dabei gingen die Autoren Konvergenz- wie Divergenzhypothesen im Vergleich von Ost- und Westberliner Lehrerinnen und Lehrern nach. In dieser Berufsgruppe der beiden Stadth"lften finden sich "hnliche als auch unterschiedliche Wertorientierungen. Faktoren- und Clusteranalysen belegen, da· insbesondere die Haltung zu integrierten Schulformmodellen bzw. zu Schulformenselektivit"t die Population spaltet. Im Westteil Berlins ist es unm"glich Integration und Selektivit"t zusammenzudenken, wohingegen dies im Ostteil der Stadt zur selbstverst"ndlichen programmatischen Ausstattung geh"rt. Die Autoren sehen in diesem Unterschied eine Differenz, der es gilt im Rahmen der Transformationsforschung der Basisinstitution Schule weiter nachzugehen, denn m"glicherweise bezeichnet sie das n"chste Stadium dieser Forschung selbst. Schlie·lich stellt sich die Frage, ob die Konnotation der Ost-West-Differenz in der Forschung sich aufl"st und Åbergeht in die Frage: Wie und unter welchen Bedingungen springen die mit dem öbergang in den neuen Bundesl"ndern gemachten Erfahrungen in die alten Bundesl"nder Åber?


 
Klaus Rodax
Zur kritisch-programmatischen Grundlegung der Bildung und Erziehung in der Schule. Die Aktualit"t Theodor Geigers fÅr die akademische Lehrerausbildung

In diesem Beitrag werden bislang wenig beachtete öberlegungen Theodor Geigers zur akademischen Lehrerausbildung aufgegriffen und in den Kontext der allgemeinen Diskussion Åber die Lehrerausbildung gestellt. Dazu werden zun"chst Hintergrund und Ausgangsthese pr"sentiert. Sodann werden Geigers formale und materielle öberlegungen zu den gesellschaftlichen Bildungsprozessen in der Schule entfaltet und in Beziehung vor allem zu bedeutsamen Befunden der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung gestellt. Abschlie·end werden die zentralen Konsequenzen aus den Geigerschen öberlegungen zur akademischen Lehrerausbildung in fÅnf Thesen zusammengefa·t.


 
Karl Ulrich Mayer
James Colemans Untersuchungen zum amerikanischen Bildungswesen und ihr Verh"ltnis zu seiner Handlungs- und Gesellschaftstheorie

James Coleman ist in Deutschland in den letzten Jahren fast ausschlie·lich als Vertreter der Nutzenerwartungstheorie wahrgenommen worden. In diesem Beitrag wird hingegen seine Bedeutung als empirischer Bildungssoziologe gewÅrdigt. Die bildungssoziologischen Studien werden im öberblick dargestellt, und es wird aufgezeigt, welches relative Gewicht diese Untersuchungen in dem Gesamtwerk einnehmen. Im Anschlu· daran wird die Frage beantwortet, in welchem Zusammenhang die empirischen Studien mit den theoretischen Arbeiten James Colemans stehen und welche BezÅge sie zu seinen gesellschaftspolitischen Aktivit"ten und zu seinen Arbeiten zur mathematischen Soziologie aufweisen.


 
Beate Fietze
1968 als Symbol der ersten globalen Generation

Im Unterschied zu Analysen, die die Studentenbewegung von 1968 prim"r als Generationsph"nomen in einen nationalgeschichtlichen Kontext stellen oder als Folgeerscheinung sozialstruktureller Ver"nderungen der westlichen Industriegesellschaften begreifen, wird hier die These vertreten, da· die Studentenbewegung die erste globale Generation darstellt. Erst durch eine VerknÅpfung der globalisierungstheoretischen Perspektive Tiryakians, Wallersteins und Hobsbawms mit dem Konzept der historischen Generationen Mannheims, l"·t sich das Zustandekommen und die Synchronisierung der weltweiten Studentenunruhen erkl"ren. Als Teilgruppe der sekund"ren Elite der Intellektuellen im Schnittfeld zwischen politischer und kultureller Sph"re hatten die Studenten privilegierte Wahrnehmungschancen fÅr die Ver"nderungen des Zeitgeistes im Zuge der Entspannungspolitik mit Beginn der 60er Jahre. Die Statuskombination der Zugeh"rigkeit zur Altersgruppe der Jugend und der Studentenposition als einem sich weltweit generalisierenden institutionellen Muster bildete die soziale Basis fÅr die Entstehung einer globalen Generationselite.


 
Karl-Dieter Keim
Milieu und Moderne. Zum Gebrauch und Gehalt eines nachtraditionalen sozial-r"umlichen Milieubegriffs

Der Beitrag ÅberprÅft die Tragf"higkeit eines ortsbezogenen, Persistenz vermittelnden Milieubegriffs. In kritischem Bezug auf theoretische Argumentationen zur "zweiten Moderne" wird ein dynamisiertes Milieukonstrukt entwickelt. Es schlie·t zwei idealtypische Auspr"gungen ein, die als "StÅtzstrukturen" und "Schwellenr"ume" charakterisiert werden. Eine sekund"ranalytische Interpretation von rekonstruktiven Fallstudien (aus Berlin und Umgebung) vermag diese beiden Milieutypen empirisch zu untermauern. Das Ergebnis besteht in der Vorstellung von "modernisierten" sozial-r"umlichen Milieus als Bindeglied zwischen Globalisierung und Lokalit"t, in denen neue Formen eines "re-embedding" erprobt werden.




















Zusammenfassungen 1997
Heft 2/1997
 
Jörg Hackeschmidt
"Die Kulturkraft des Kreises". Norbert Elias als Vordenker der zionistischen Jugendbewegung. Zwei unbekannte Briefe aus den Jahren 1920 und 1921

Norbert Elias war zwischen 1918 und 1924 einer der tonangebenden Köpfe des zionistischen Jugendbundes "Blau-Weiß". Elias leistete nicht nur wichtige programmatische Arbeit im Bund, er war auch einer seiner "Führer" und trat in dieser Funktion auf dem Kongreß der "Zionistischen Vereinigung für Deutschland" 1922 in Kassel auf. Auch kannte Elias Erich Fromm und Leo Löwenthal bereits seit 1921, da auch sie im "Blau-Weiß" engagiert waren. 1922 kam es allerdings zu ideologischen Auseinandersetzungen zwischen der Gruppe um Elias und Bandmann und derjenigen um Fromm und Löwenthal. Gestritten wurde um die Frage, wie man eine neue jüdische Identität schaffen könne und was jüdische "Renaissance" bedeuten müsse. Während Elias und Bandmann als Schüler des Neukantianer Hönigswald sich die italienische Renaissance als Vorbild wählten, folgten Fromm und Löwenthal dem neo-religiösen Konzept, wie es von Martin Buber und Anton Nehemia Nobel gepredigt wurde. Durch die Auswertung des Nachlasses seines Jugendfreundes Martin Bandmann (1900-1986), den ich in den Central Zionist Archives, Jerusalem, gefunden habe, wird deutlich, daß Elias' Engagement im "Blau-Weiß" als eine wesentliche Grundlage seiner späteren Arbeit als Soziologe begriffen werden muß. Alle wesentlichen Themen sowie die Methode, sich den soziologischen Themen anzunehmen, wurden bereits im Kreis der jungen jüdischen Intellektuellen im "Blau-Weiß" entwickelt.


 
Reinhard Blomert
Soziologisches Sehen - Denkstationen des jungen Elias: Breslau, Heidelberg, Frankfurt

Elias stammt aus dem Milieu des assimilierten deutschen bürgerlichen Judentums der Jahrhundertwende. Seine frühe Neugier nach Wissen und Bildung wurde im Breslauer Gymnasium geprägt, wo er an einer philosophischen Sondergruppe teilnahm. Gemeinsam mit Freunden aus dieser Gruppe schloß er sich der jüdischen Jugendbewegung an, die sich gegen die etablierte gesättigte Bürgerwelt wandte, und eine spezifische Suche nach der jüdischen Identität als Nation begann. Weltkrieg und jüdischen Wanderbund ebenso wie das Studium hat er gemeinsam mit den Mitgliedern dieses Kreises erlebt, deren Sprecher er zeitweilig wurde. In seiner ersten Publikation zeigen sich bereits eine Reihe methodischer Denkweisen, die für ihn charakteristisch werden sollten: das auf Einflüsse von Ernst Cassirer zurückzuführende relationale Denken, das die Bezüge zwischen Dingen in der naturwissenschaftlichen Dimension und zwischen Menschen in der soziologischen Dimension in den Mittelpunkt stellt und die Zwänge ihrer Verflechtungen betrachtet. In der Disposition zu seiner ersten, der Heidelberger Habilitationsschrift zeigt sich als weiteres Element die empirische Orientierung: Die Untersuchung der Lebensverhältnisse und der praktischen Fragestellungen der "experimentierenden Meister", die die Perspektive entdecken, wird figurational in eine Polarität zum etablierten Denken der Scholastiker gestellt. Die Anschauung der Straßenkämpfe in den frühen dreißiger Jahren legen ihm das Problem von Staat und Gewalt nahe, an dem er in "Über den Prozeß der Zivilisation" das Max Webersche Staatstheorem konkretisiert und historisch erarbeitet - ebenfalls als figurational gefaßte Balance von gesellschaftlichen Mächten.


 
Peter-Ulrich Merz-Benz
Ideologiekritik oder Entideologisierung der Gesellschaft. Karl Mannheim und Norbert Elias

Nach außen hin den Anschein fragloser innerer Stimmigkeit erweckend, offenbart sich die zwischen Karl Mannheim und Norbert Elias bestehende Beziehung in Wahrheit als ein Konglomerat von Ungereimtheiten, ja sogar versteckten Feindseligkeiten - und doch findet sie in dem Prinzip, welches sich sowohl in den Vorgängen der universitären Zusammenarbeit als auch im freundschaftlichen Kontakt und schließlich in den gleichgerichteten wissenschaftlichen Forschungsbemühungen auf je besondere Weise ausprägt, eine einheitliche Bestimmung. Die Beziehung zwischen Karl Mannheim und Norbert Elias erweist sich auf all ihren Ebenen als beherrscht vom Bestreben, bei aller Nähe gleichzeitig die größtmögliche Distanz zu halten. Am eindeutigsten wird dies belegt durch den Vergleich der wissenschaftlichen Standpunkte: So begegnen sich die Intentionen von Mannheim und Elias zwar im Gedanken der Freilegung der gesellschaftlichen ebenso wie der geschichtlichen Gebundenheit geistiger Gebilde, doch nur um sich daraufhin um so deutlicher voneinander abzuheben. Betreibt Mannheim in seiner Wissenssoziologie Erkenntniskritik noch im Gewande der empirischen Forschungsarbeit, gerät umgekehrt für Elias jede Ideologie- und mithin Erkenntniskritik, einschließlich des Aufweises der transzendentallogischen Voraussetzungen geistiger Gebilde, zur Feststellung realer Kausalbeziehungen.


 
Heinz Bude
Die "Wir-Schicht" der Generation

Elias wird nach dem Begriff der Generation befragt. Dabei stellt sich heraus, daß der von Mannheim sich herleitende Begriff der historischen Generation im Bauplan der Zivilisationstheorie keinen Platz hat. Das hängt mit spezifischen Unterstellungen der prozeßsoziologischen Betrachtung zusammen. Gleichwohl bieten sich die von Elias eingesetzten begrifflichen Mittel einer Psychoanalyse des Sozialen an, um das Phänomen der persönlichen Bindung an vorgestellte Bezugsgruppen zu klären. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang der Begriff der "Wir-Schicht". Im Anschluß an die Rekonstruktion der Idee einer unentrinnbaren Dialektik der Individualisierung wird dann nach passenden "Wir-Begriffen" für eine "Gesellschaft der Individuen" gefragt. Es wird schließlich vorgeschlagen, dem Problem der Generationen einen Begriff nachstaatlicher "Wir-Identität" zu entnehmen.


 
Sighard Neckel
Etablierte und Außenseiter und das vereinigte Deutschland. Eine rekonstruktive Prozeßanalyse mit Elias und Simmel

Der Zusammenbruch der DDR und die Geschichte der deutschen Vereinigung sind historisch ganz außergewöhnliche Ereignisse des sozialen Wandels gewesen, die sich keiner nomologischen Erklärung fügen, sondern als Ergebnisse komplexer Prozesse rekonstruiert werden sollten. Hierzu wird vorgeschlagen, das von Norbert Elias konzipierte Figurationsmodell von "Etablierten und Außenseitern" als zentrales Schema politischer Transformationsprozesse in Ostdeutschland zu verwenden. Der ostdeutsche Systemwechsel stellt den Fall einer direkten Umkehrung jener Regeln von Etablierten/Außenseiter-Figurationen dar, die Elias ausgearbeitet hat. Nicht zuletzt deswegen werden an seinem Schema Änderungen und Ergänzungen vorgenommen, die vor allem die Analysen von Georg Simmel zur Rolle von "Dritten" einbeziehen. Im Ergebnis der Anwendung beider prozeßsoziologischer Modelle werden die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen ostdeutschen und der westdeutschen Machtgruppe rekonstruiert und die sich mehrmals ändernden Figurationen beschrieben, die sie im Verlauf der deutschen Vereinigung gebildet haben. Deutlich wird, daß es die figurative Form des ostdeutschen Transformationsprozesses selbst war, die seine Ergebnisse schließlich maßgeblich beeinflußt hat.


 
Wolfgang Engler
Gegenwartskapitalismus und Zivilisation. Fragen an Norbert Elias' Zivilisationstheorie

Norbert Elias' Zivilisationstheorie gehört zu den bleibenden intellektuellen Leistungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ursprünglich als gedankliches Modell für politische Machtkämpfe entwickelt, begriff sie Zivilisierung als zweistufigen Prozeß, der erst zur Herausbildung staatlicher Gewalt- und Steuermonople und dann zu deren Demokratisierung führt. Elias' weitergehende Annahme, daß wirtschaftliche Machtkämpfe derselben zivilisatorischen Logik folgen, hat sich einstweilen nicht erfüllt. Von einer wirklichen Demokratisierung wirtschaftlicher Macht- und Monopolstellungen kann in den westlichen Gegenwartsgesellschaften keine Rede sein. Die jüngste Revolution der Produktions- und Informationstechnologien verschob die innergesellschaftliche Machtbalance deutlich zugunsten der wirtschaftlichen Eliten und zuungunsten der abhängig Beschäftigten. Im selben Zuge verringerte sich der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang der ökonomisch und politisch Mächtigen. Nach mehreren Jahrzehnten aufsteigender Entwicklung weist die Zivilisationskurve des westlichen Gesellschaftstyps nunmehr wieder nach unten.


 
Rainer Weinert
Der Zusammenbruch des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes: Zunehmender Entscheidungsdruck, institutionalisierte Handlungsschwächung und Zerfall der hierarchischen Organisationsstruktur

Der dramatische Zusammenbruch der größen Massenorganisation der SED, des FDGB, repräsentiert ein Binnenproblem der DDR, das aus der Nichtüberwindung des Kompetenzraumes einer Massenorganisation resultiert. Die Zusammenbruchssyndromatik des FDGB wird geprägt durch das Scheitern der versuchten Selbsttransformation in eine authentische Interessenvertretung und den frühen Legitimationsentzug betrieblicher FDGB-Instanzen; der Einfluß der westdeutschen Gewerkschaften auf die entscheidende Phase des Zusammenbruchs, von September 1989 bis Ende Januar 1990, ist marginal.




















Zusammenfassungen 1997
Heft 1/1997
 
Franz-Xaver Kaufmann
Schwindet die integrative Funktion des Sozialstaates?

FÅr die europ"ischen Wohlfahrtsstaaten ist l"ngerfristig mit einem gÅnstigenfalls m"·ig wachsendem Sozialprodukt zu rechnen, das von einem sinkenden Anteil der Bev"lkerung produziert wird und daher ein h"heres Ma· an Umverteilung zugunsten der Nicht-Erwerbst"tigen oder eine Absenkung ihrer Versorgungsstandards erfordert. Gleichzeitig ist eine Erosion der nationalstaatlichen Autonomie zu berÅcksichtigen: Wachsende Abh"ngigkeiten von der Weltmarktentwicklung und die Verschiebung wirtschaftspolitischer Zust"ndigkeiten auf die europ"ische Ebene wirken als Restriktionen fÅr die voraussichtlich auf nationalstaatlicher Ebene verbleibende Sozialpolitik.Diese Entwicklungen werden aus gesellschaftstheoretischer Sicht in der Perspektive von Inklusion und Integration diskutiert. Die bisherige evolution"re Vorteilhaftigkeit der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung resultierte aus der Synergie kultureller, politischer, "konomischer und sozialer Wirkungen der Sozialpolitik. Dabei bestand eine Konvergenz zwischen den drei theoretisch zu unterscheidenden Integrationsdimensionen funktionaler Interdependenz, rechtlicher Statuszuordnung und moralisch fundierter Anerkennung reziproker Verpflichtungen. FÅr die Zukunft mu· mit divergierenden Entwicklungen in den drei Dimensionen gerechnet werden, wie die schon heute zu beobachtenden partiellen Entsolidarisierungstendenzen zeigen. Der Umstand, da· die internationale Zurechnung von Standortfaktoren auf Nationalstaaten ebenso anh"lt wie die Orientierung der gesellschaftlichen Interessen, spricht fÅr eine fortdauernde Pr"dominanz der nationalstaatlichen Ebene fÅr die sozialpolitischen Auseinandersetzungen und Solidarit"tserwartungen.


 
Armin Nassehi
Das Problem der Optionssteigerung. öberlegungen zur Risikokultur der Moderne

Der Beitrag setzt sich zum Ziel, die soziologische Risikodebatte kultursoziologisch weiterzudenken. Ausgehend von der Theorie funktionaler Differenzierung der Gesellschaft wird gezeigt, da· sich als Komplement"rph"nomen entfesselter Optionssteigerungen in den Funktionssystemen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik etc. eine Risikokultur herausgebildet hat, die gewisserma·en als Negativfolie jenes ungebrochenen Optionshorizonts dient. Die zentrale These des Beitrages lautet, da· mit der Ausdifferenzierung von Teilsystemperspektiven fÅr je exklusive Funktionsbereiche die Gesellschaft externe Stopregeln fÅr Optionssteigerungen innerhalb der Funktionssysteme verloren hat. Folgen dieses Syndroms sind zum einen riskante Strategien innerhalb der Funktionssysteme, zum anderen die fast ubiquit"re Erwartung von Gefahren und Sch"den in einer Risikokultur, die den Glauben an die selbstbewu·ten Potentiale der Moderne verloren zu haben scheint. Es wird herausgearbeitet, da· sowohl die entfesselte Optionssteigerung als auch die risikokulturelle Erwartung der kommenden Katastrophe legitime Erben jenes Aufkl"rungs- und Entzauberungsprozesses sind, dessen Syndrom unter dem Label "Moderne" gefÅhrt wird.


 
Kai-Uwe Hellmann
Integration durch ôffentlichkeit. Zur Selbstbeobachtung der modernen Gesellschaft

Wie schon der Titel "Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften" des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft fÅr Soziologie in Dresden angezeigt hat, wird die Integrationsthematik angesichts einer beschleunigten Differenzierungsdynamik der modernen Gesellschaft als immer wichtiger wahrgenommen. Es stellt sich nur die Frage, wie die Integration der modernen Gesellschaft theoretisch vorstellbar ist, ohne das Differenzierungsprinzip selbst und damit die Spezifik der modernen Gesellschaft zu gef"hrden. Denn es macht keinen Sinn, die moderne Gesellschaft theoretisch zu integrieren, wenn sie vor der Integration zwar hochgradig differenziert, aber desintegriert ist, und nach der Integration zwar integriert, aber nicht mehr hochgradig differenziert. Integration und Differenzierung mÅssen daher als Steigerungszusammenhang begriffen werden und und nicht als Nullsummenspiel.Im vorliegenden Beitrag wird davon ausgegangen, da· ôffentlichkeit die Funktion hat, die moderne Gesellschaft zu integrieren, und zwar negativ. Negative Integration soll hei·en, da· die ôffentlichkeit s"mtliche Teilsysteme der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft mit ihrer eigenen Kontingenz konfrontiert und dadurch deren Eigendynamik zu irritieren und zu bremsen sucht. Dadurch bewirkt ôffentlichkeit eine Einschr"nkung von Freiheitsgraden, so da· im Konzert der Systeme nicht mehr alles m"glich ist, um den st"ndigen Differenzierungsdruck innerhalb der Belastungsgrenzen der modernen Gesellschaft zu halten.


 
Ingrid Gilcher-Holtey
Menschenrechte oder Vaterland? Die Formierung der Intellektuellen in der Aff"re Dreyfus

Mag der Fall Dreyfus - hundert Jahre nach Er"ffnung des Prozesses gegen den Hauptmann Alfred Dreyfus - keine Geheimnisse mehr bergen, die konstitutiven Elemente der Formierung der Intellektuellen in der Dreyfus-Aff"re sind keineswegs aufgekl"rt. Die Polarisierung der Intellektuellen in zwei konkurrierende Lager - "Dreyfusards" und "Antidreyfusards" - erfolgt quer zu den Parteiformationen und entzieht sich dergestalt dem politischen Rechts-Links-Spektrum. Sie l"·t sich auch nicht auf sozialstrukturelle Bedingungsfaktoren reduzieren. Christoph Charles in Anlehnung an Pierre Bourdiues Habitus- und Feldtheorie unternommener Versuch, Dreyfus-Verteidiger und Dreyfus-Gegner aufgrund ihrer Positionen im literarischen und akademischen Feld - entlang der Pole "dominants" und "dominÇs", Orthodoxie und Avantgarde, Etablierte und Marginalisierte - zu klassifizieren und daraus eine Regel in bezug auf ihre Stellungnahme zur Aff"re Dreyfus zu konstruieren, bel"·t zu viele Ausnahmen von der Regel. Der ideengeschichtliche Zugang schlie·lich, der den Antisemitismus als treibende Kraft herausstellt, erfa·t eine zentrale Dimension, die den Proze· der Lagerbildung pr"gt, doch kann auch er die Zuordnung zu den jeweiligen Lagern nicht aufkl"ren. Nicht alle "Antidreyfusards" sind Antisemiten, nicht alle "Dreyfusards" ohne antisemitische Vorurteile. Die Formierung der Intellektuellen im dramatischen Ereignisverlauf der Dreyfus-Aff"re l"·t sich, so die These des nachfolgenden Beitrags, nur durch einen methodischen Zugang entfalten, der Politik-, Sozial- und Ideengeschichte verbindet. Die konstitutiven Elemente des sozial-und kulturgeschichtlich bedeutsamen Prozesses werden in einer Konstellationsanalayse ermittelt, die Ereignisse, rechtliche Strukturen und Wertideen akzentuiert und deren Interaktion in der konkreten Handlungssituation aufzeigt. Drei Thesen, die aus der historisch einmaligen Konstellation für die Formierung und Wirkung von Intellektuellen allgemein gewonnen werden k"nnen, schlie·en die Darstellung.


 
Henning Hillmann
Zwischen Engagement und Autonomie: Elemente für eine Soziologie der Intellektuellen

Der Beitrag versucht Elemente für einen soziologischen Begriff des Intellektuellen zu entwickeln, der im Gegensatz zu einem rein normativen Zugang sowohl die spezifischen Strukturbedingungen als auch die besonderen Merkmale der intellektuellen Praxis zu erfassen vermag. Die Implikationen dieser Überlegung werden durch eine Interpretation und Gegenüberstellung der Ans"tze von Michael Walzer und Pierre Bourdieu entfaltet. Walzer bietet eine Beschreibung der intellektuellen Praxis als einer kritischen Interpretation von kulturellen Schemata und Wertemustern an, die jedoch normativen Vorannahmen sowie einer einseitig ph"nomenologischen Sicht auf die pers"nlichen Merkmale von Intellektuellen verhaftet bleibt. DemgegenÜber versucht Bourdieu die Intellektuellen und ihre Praxis aus ihrer Einbettung in die Strukturbedingungen des intellektuellen Feldes heraus zu verstehen. Im Anschlu· an diese Konzepte l"·t sich anhand des Kriteriums der Ambivalenz zwischen kultureller Autonomie und politischem Engagement eine klare Unterscheidung zwischen Kulturproduzenten im allgemeinen und Intellektuellen im besonderen treffen: Als Angeh"rige der Intelligentsia werden Schriftsteller, Künstler usf. nur dann zu kritischen Intellektuellen, wenn sie ihre symbolische Autorit"t und Legitimit"t dazu benutzen, sich für einen begrenzten Zeitraum im politischen Feld zu engagieren. Abschlie·end werden die kulturellen Schemata, sozialen Netzwerke und kulturellen Organisationen als die grundlegenden kognitiven, kommunikativen und institutionellen Ressourcen identifiziert, auf die sich die symbolischen Strategien und politischen Interventionen der Intellektuellen stützen.


 
Herbert Willems
Rahmen, Habitus und Diskurse. Zum Vergleich soziologischer Konzeptionen von Praxis und Sinn

In diesem Beitrag werden drei Ans"tze zur Konzipierung von Praxis und Sinn (Rahmen, Habitus, Diskurs) vorgestellt und verglichen. Im Mittelpunkt steht zum einen der Versuch, sinnstrukturtheoretische Gemeinsamkeiten, Divergenzen und Anschlußfähigkeiten herauszuarbeiten. Zum anderen geht es um ein Verständnis der psychischen Dispositionen, die den sozialen Sinnstrukturen und deren Kontingenzspielruämen entsprechen. Hierzu wird ein "kleinster gemeinsamer Nenner" verschiedener Habituskonzepte gebildet.