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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 1999






















Zusammenfassungen 1999
Heft 1/1999
 
Alois Hahn
Die Systemtheorie Wilhelm Diltheys

Für Niklas Luhmann
Der Aufsatz schlägt eine Lesart Diltheys vor, die ihn als Soziologen rehabilitiert und zum prominentesten Vorläufer der neueren soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns erklärt. Parallelen liegen auf der Hand: Für Dilthey wie für Luhmann sind Verstehen und Sinn unlösbar aufeinander bezogen, Sinn ist Operationsmodus für Bewußtseine und für Gesellschaft, die Problematik des hermeneutischen Zirkels und des rekursiven Operierens selbstreferentieller Systeme sind ineinander übersetzbar, das Soziale wird jeweils auf den Ordnungsniveaus gesellschaftlicher bzw. kultureller Subsysteme und der Interaktion abgehandelt etc. Die drei Theoriekomplexe: Verstehenstheorie, Theorie der Ausdifferenzierung von Kultur- und Organisationssystemen und die Theorie von den "autobiographischen Zusammenhängen" werden systematisch aufeinander bezogen. So kann gezeigt werden, daß die verstehenstheoretische Einsicht: Sinn erschließt sich nicht als gemeinter Sinn der Mitteilenden, sondern durch die subsystemspezifisch unterschiedlichen Anschlüsse, eine neue differenzierungstheoretische Tradition begründet. Ausdifferenzierung orientiert sich für Dilthey wie für Luhmann nicht an der Arbeitsteilung, sondern an der Kopplung temporalisierter Sinn-Ereignisse.


 
Hans-Jürgen Aretz
Weder "Tausch" noch "Macht": "Einfluß" als Koordinationsmechanismus internationaler Kooperation

Zur Konstitutionslogik "Internationaler Regime" als Systeme transnationaler politischer Vergemeinschaftung
In diesem Beitrag wird argumentiert, daß hinsichtlich einer transnationalen Kooperations- und Ordnungsbildung die Ausrichtung der Akteure an der "Logik der Vergemeinschaftung" eine dauerhaftere Stabilität verbürgt. Eine solche Handlungsorientierung muß allerdings im Hinblick auf ein "Flexibilitätsmanagement" notwendigerweise auch die von den aktuell diskutierten Großparadigmen im Forschungsfeld der internationalen Beziehungen zentrierte Nutzenlogik, Machtlogik und diskursive Logik einbinden können. Dies wird dann auf "Internationale Regime" spezifiziert, die als transnationale politische Gemeinschaftssysteme mit "Einfluß" als dem dazugehörigen Interaktionsmedium konzipiert werden. Damit gerät "Einfluß" als weiterer Steuerungsmechanismus des Handelns ins Blickfeld der "Globalisierungsdebatte". Abschließend wird darauf hingewiesen, daß über eine transnationale Vernetzung solcher "issue-spezifischen" Gemeinschaftssysteme und der zunehmenden Inklusion auch nicht-staatlicher Akteure möglicherweise Anzeichen einer sich herausbildenden globalen Zivilgesellschaft ermittelt werden können.


 
Anne Waldschmidt
Subjekt und Macht: Die Humangenetik als eine Ordnung des Selbst

Genetische Beratung und Diagnostik haben sich nach 1945 von paternalistischen Interventionsstrategien hin zu nicht-direktiven, kommunikationstheoretisch begründeten und kundenorientierten Dienstleistungen entwickelt. Zugleich sind im innerfachlichen Diskurs verschiedene Subjektvorstellungen entworfen worden, die mit den institutionellen Entwicklungsphasen und der Wissenschaftsgeschichte der Humangenetik eng verknüpft sind. Mit dem Postulat der individuellen Selbstbestimmung, das seit Mitte der achtziger Jahre ins Zentrum der genetischen Beratungskonzeption gerückt ist, verschwindet die eugenisch-präventive Grundorientierung jedoch nicht; statt dessen wird sie den Prämissen der individualisierten Moderne angepaßt. Die heutige Humangenetik läßt sich als das Dispositiv einer normalisierenden Disziplinarmacht begreifen, die mittels spezieller Verfahren, der "Prüfung" und des "Geständnisses", zur Produktion des autonomen und geständniswilligen Subjekts beiträgt.


 
Waldemar Vogelgesang
Jugendkulturelle Identitätsinszenierung und Szenengenerierung im Internet

Unsere ethnographischen Studien in verschiedenen Jugend- und Medienkulturen bestätigen, was die neuere Jugendsoziologie als allgemeines Urteil über Jugendszenen festhält: Sie sind Fundgruben und Kristallisationspunkte für kleine Lebenswelten und Stilgemeinschaften, deren jugendliche Mitglieder sich durch einen hohen Freiheitsgrad im Selbstentwurf und in der Handlungsdramaturgie sowie einer beachtlichen Medienkompetenz auszeichnen. Im Internet setzen sich diese jugendkulturellen Diversifizierungsprozesse nun nicht nur fort, sondern in der durch spezifische Formen der Netzkommunikation generierten virtuellen Sphäre beschleunigt sich die Ausdifferenzierung eigenständiger und eigenwilliger Inszenierungs- und Gesellungsformen. Am Beispiel der Cyberpunks und Online-Rollenspieler wird gezeigt, wie szeneneigenes Symbolkapital neben einer Überhöhung und Ästhetisierung des Alltäglichen auch strategisch zur fiktiven Erkundung des Anders-sein-Könnens eingesetzt wird. Ihr theatrales Spiel mit spezifischen In- und Exklusionszeichen, fiktionalen Handlungsabläufen und fluiden Identitäten annonciert ein Experimentierfeld für die spielerische Erprobung des Möglichen, erlaubt Grenzgänge zwischen inneren und äußeren Welten und kann als existentielle Erfahrung für das Leben in der "Multioptionsgesellschaft" (Gross) angesehen werden.


 
Uwe Krähnke
Dynamisierte Theoriebildung. Das Forschungsprogramm von Georg Simmel

Bis heute lassen sich in der Rezeption von Simmel zwei gravierende Schwächen ausmachen. Zum einen verfällt sie regelmäßig in eine personenzentrierte Interpretation, die methodisch nicht hinreichend kontrolliert wird. Zum anderen findet sie für die inhaltliche Fragmentierung, durch die seine theoretische Hinterlassenschaft gekennzeichnet ist, keine überzeugende theorieimmanente Erklärung. In diesem Aufsatz wird vorgeschlagen, Simmels Gesamtwerk als ein von ihm selbst gestaltetes Forschungsprogramm aufzufassen. Simmels Bemühungen galten einer dynamisierten Theoriebildung auf dem Feld der Kultur- und Sozialwissenschaften. Dabei wurden von ihm vier kognitive Muster als Instrumentarien eingesetzt: das epistemologische Muster der Wechselwirkung, das methodische Muster der Abduktion, das metaphysische Muster der immanenten Transzendenz sowie das stilistische Muster des Essays. Die Vertiefung des metatheoretischen Problems einer dynamisierten Theoriegenerierung führt -- so die These -- nicht zu einer systematisch entwickelten Theorie mit einer konsistenten Gedankenstruktur, aber sie bewirkt eine Kohärenz der Gedankenführung. Hierin liegt der eigentliche Zusammenhang des Gesamtwerkes und eine wesentliche Bestimmung des Theorietypus, der durch den Klassiker Georg Simmel repräsentiert wird.


 
Uwe Schimank
Soziologie und Schach

Die soziologische Analyse weitreichender und tiefgreifender gesellschaftlicher Vorgänge muß sich von der Vorstellung verabschieden, dafür allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten finden zu können. Sie könnte von der Schachliteratur lernen, sich statt dessen um die Entdeckung und das Durchdenken von theoretischen Partialmustern für Episoden solcher Vorgänge zu kümmern. Die Analogie von gesellschaftlichen Vorgängen und Schachpartien vermag dieses Plädoyer weiter zu klären.




















Zusammenfassungen 1999
Heft 2/1999
 
Marshall D. Sahlins
Zur Soziologie des primitiven Tauschs

Die genaue Analyse der Wechselwirkungen zwischen Formen, materiellen Bedingungen und sozialen Beziehungen des Tausches in primitiven Gesellschaften ermöglicht es, die Bedeutung außerökonomischer Faktoren für die Organisationsweise des Wirtschaftslebens herauszuarbeiten. Auf der Grundlage einer analytischen Differenzierung der Tauschhandlungen entlang eines Kontinuums dreier Reziprozitätsformen (generalisierter, ausgeglichener und negativer Reziprozität) zeigt sich der unmittelbare Zusammenhang von ökonomischen Transaktionen und der spezifischen Struktur der sozialen Beziehungen. So sind es insbesondere der Grad verwandtschaftlicher Beziehungen, räumliche Nähe und Distanz, der relative Wohlstand, wie auch die Art der getauschten Güter, die die jeweils vorherrschenden Reziprozitätsnormen wirtschaftlicher Interaktionen bestimmen und in unterschiedlicher Weise Struktur und Funktionsweisen sozialer Einheiten prägen.


 
Ingo Bode/Hanns-Georg Brose
Die neuen Grenzen organisierter Reziprozität: Zum gegenwärtigen Wandel der Solidaritätsmuster in Wirtschafts- und Nonprofit-Organisationen

In modernen Gesellschaften sind Austauschbeziehungen, die auf reziproken Verpflichtungen beruhen, zentrale Voraussetzungen für die Entstehung und Aufrechterhaltung sozialer Solidarität. Entsprechend scheint es angebracht, die gegenwärtige Diskussion über gesellschaftliche Entsolidarisierungstendenzen auf die Frage nach dem Wandel von Reziprozitätsmustern zuzuspitzen. Dabei stellt die Ebene der Organisationen eine vielversprechende Untersuchungsperspektive dar. Ein Blick auf aktuelle Transformationsprozesse in erwerbswirtschaftlichen wie in Nonprofit-Organisationen zeigt, daß sich die Grenzen, die sich in den Reziprozitätsarrangements der Industriemoderne herausgeschält haben, gegenwärtig in unterschiedliche Richtungen verschieben -- auch aus kulturellen Gründen. Die neuen Arrangements verlieren in vielen Fällen an Inklusivität, was einer Verengung des relevanten Austauschkorridors gleichkommt. In bestimmten Bereichen können wir aber auch eine Erweiterung der Reziprozität ausmachen, so daß der Wandel des gesellschaftlichen Solidaritätshaushaltes differenzierte Effekte zeitigt -- allerdings mit nicht unwesentlichen Folgen in bezug auf die Verteilung von Wohlfahrtschancen.


 
Helmut K. Anheier
Der Dritte Sektor im internationalen Vergleich: Ökonomische und zivilgesellschaftliche Dimensionen von Nonprofit-Organisationen

Die zwischen Markt und Staat angesiedelten Institutionen können entlang verschiedener soziologischer und ökonomischer Dimensionen gemessen und untersucht werden, so zum Beispiel mittels Beschäftigung, ehrenamtlicher Tätigkeit, Mitgliedschaften in freiwilligen Organisationen oder der Dichte institutioneller Einheiten. Bisher liegen keine systematischen Versuche vor, eher ökonomische Dimensionen des Dritten Sektors mit zivilgesellschaftlichen Aspekten in Verbindung zu bringen und auf ihren gemeinsamen theoretischen Beitrag hin zu untersuchen. Der Artikel versucht, eine solche Analyse mit Hilfe eines internationalen Vergleichs vorzulegen.  Dies geschieht in drei Schritten.  Im ersten sollen auf der Grundlage vorliegender Daten aus acht Ländern zentrale wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Dimensionen des Dritten Sektors ausgelotet werden; zum zweiten werden theoretische Überlegungen im Sinne des Neoinstitutionalismus entwickelt, um die jeweiligen Dimensionen auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin abzuklären und schließlich wird auf neuere Entwicklungen und Tendenzen im Bereich des Dritter Sektors hingewiesen.


 
Cornelia Bohn
Schnittstellen: Konversation und Schriftlichkeit im Übergang zur Moderne

Der Text geht davon aus, daß Vergesellschaftungsformen immer Kommunikationsformen sind. Daher wird der Übergang von der stratifizierten zur funktionalen Differenzierung medientheoretisch anhand der Differenz schriftlich/mündlich analysiert. Gezeigt wird, daß die Selbstbeschreibung der stratifizierten Gesellschaft auf Mündlichkeit zentriert. Ihr eleganter Prototyp ist die Konversation. Die schriftlichen Genera werden in der französischen Konversationssemantik des 17. Jahrhunderts als Derivate behandelt. Mit dem Übergang zur Moderne wird die Differenz schriftlich/mündlich neubewertet. Dies wird anhand zeitgenössischer Texte von Rousseau bis zur deutschen Romantik belegt. Kritisch und schließlich anerkennend wird hier eine von der interaktiven Finalität entlastete Schriftlichkeit praktiziert und kommentiert. Mit der Umstellung der Differenzierungsform der Gesellschaft geht ein Formwechsel der Kommunikationssemantik einher: Die Differenz schriftlich/mündlich wird auf der jetzt hinlänglich autonom gewordenen Seite der Schriftlichkeit im Sinne eines re-entry wiedereinführbar.


 
Jörg Hüttermann
Kultur als Irritation? Über den Umgang der Luhmannschen Systemtheorie mit dem Problemfeld der Kulturbegegnung

Der Artikel unterzieht die Systemtheorie Luhmannscher Provenienz einer kritischen Würdigung hinsichtlich ihres von Überlegenheitsgesten begleiteten Beitrags zur soziologischen Erforschung des Problemfeldes der Kulturbegegnung. Die Kritik nimmt die endogene Logik systemtheoretischer Theoriebildung zu ihrem Ausgangspunkt und entfaltet sich in fünf Schritten: 1. Das durch die Systemtheorie propagierte Primat der Konsistenz gegenüber empirisch überprüfbarer Adäquanz mündet in zirkuläre Argumentationen und teleologischen Denkfiguren. 2. Die Systemtheorie macht den empirisch überprüften Zusammenhang ethnisch-kultureller Konflikte mit sozialer Ungleichheit und Ressourcenknappheit unkenntlich. 3. Sie schlägt den konkurrierenden Integrations-/Desintegrationsansatz zum alteuropäischen Eisen, indem sie ihm zu unrecht vormoderne Prämissen unterstellt. 4. Die Systemtheorie hat sich durch ihre teleologische Grundverfassung dazu verleiten lassen, Probleme der Kulturbegegnung als bloße Übergangsphänomene zu bagatellisieren. 5. Schließlich empfiehlt der Autor einschlägigen Forschungen, sich nicht mit sachfremden Limitierungen und Konsistenznöten der Systemtheorie zu belasten. Er sieht einstweilen keinen Grund, vom pragmatischen Umgang mit unterschiedlichen Theorietraditionen abzusehen.


 
Gerhard Hauck
Radikaler Bruch? Niklas Luhmann und die sozialwissenschaftliche Tradition

Niklas Luhmanns Gesellschaftstheorie ist nicht der radikale Bruch mit der sozialwissenschaftlichen Überlieferung, als den sie sich selbst sieht, sondern die bruchlose Fortsetzung ganz bestimmter Linien aus dieser Überlieferung. Die meisten der Traditionen, die Luhmann mit großer Geste aus seinem Theoriegebäude austreibt, befördert er heimlich und großenteils unbemerkt in kaum veränderter Form durch den Seiteneingang wieder zurück. Dies wird in dem Aufsatz gezeigt anhand seiner Überlegungen zur Erkenntnistheorie, zum Gesellschaftsbegriff, zur Autopoiesis und zur Evolutionstheorie.




















Zusammenfassungen 1999
Heft 3/1999
 
Dieter Langewiesche
Vom Wert historischer Erfahrung in einer Zusammenbruchsgesellschaft: Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert

Der Zusammenbruch der DDR 1989 reiht sich insofern bruchlos in die moderne deutsche Geschichte ein, als sich diese als eine Geschichte der Zusammenbrüche und Neuordnungen interpretieren läßt: das Scheitern der Revolution von 1848, der Zusammenbruch und Neuaufbau der Reichsgründung von 1871, die gescheiterte Revolution von 1918/19, die krisenhaften Zusammenbruchsjahrzehnte 1918 bis 1948. Alle diese Ereignisse zeigen das moderne Deutschland als eine Zusammenbruchsgesellschaft. Aus einer Geschichte ständiger Zusammenbrüche kann nicht oder doch nur schwer historische Erfahrung hervorgehen, die der Gesellschaft einen Konsens in den Grundwerten stiften könnte. Die deutsche Zusammenbruchsgeschichte bietet aber auch Kontinuitäten in den historischen Erfahrungen, von denen zwei als besonders wertvoll für das/die Geschichtsbild(er) im vereinigten Deutschland angesehen werden können: den Erfahrungskomplex der Nationalisierung und Europäisierung und den republikanischer Staats- und Gesellschaftsordnungen.


 
János Kis
Zwischen Reform und Revolution

1989 prägte T. Garton Ash den Neologismus "Refolution", um den paradoxen Charakter der rapiden und unvorhergesehenen Umbrüche in "Osteuropa" hervorzuheben: Ihre Ergebnisse waren zweifellos revolutionär, wenn man hierunter einen bewußt herbeigeführten radikalen Bruch mit den Struktur- und Organisationsprinzipien eines Ancien régime versteht. Ihre Verlaufsform jedoch erinnerte in vielem an tiefgreifende gesellschaftliche Reformprozesse. J. Kis greift die für den nunmehr zehnjährigen Verlauf der postkommunistischen Wandlungsprozesse wichtige Frage: Reform oder Revolution? noch einmal auf. An den Kriterien der Kontinuität und Diskontinuität der Verfassungs- und Rechtsordnung beim Übergang zu einem echten parlamentarisch-demokratischen System und der Konfiguration etablierter und oppositioneller politischer Akteure orientiert, entwickelt er im ersten Teil seines Beitrages einen deskriptiv-explinatorischen Bezugsrahmen für die Analyse "koordinierter Transitionen", die neben Reformen und Revolutionen einen eigenständige Typ politischer bzw. gesellschaftlicher Strukturbrüche bezeichnen. Koordinierte Transitionen sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für entwickelte Industriegesellschaften wahrscheinlicher als Ereignisse, die dem modernistischen Modell radikaler Revolutionen folgen. Im zweiten Teil entwickelt der Autor ein Set von fünf Hypothesen über die Bedingungen, die relevante politische Akteure dazu bewegen können, die Option der koordinierten Transition gegenüber revolutionären und reformerischen Optionen zu präferieren.


 
Frank Ettrich
Historische Kontingenz und Zusammenbruchsdynamik

Nach 1989 wurde häufig die Ansicht vertreten, der unvorhergesehene und vollständige Zusammenbruch der Sowjetunion und der sozialistischen Systeme in deren ehemaligen Satellitenstaaten stelle eine große Herausforderung an die Analyse- und Erklärungskraft der modernen Soziologie und Sozialtheorie dar. Was ist aus dieser Behauptung geworden? Nahezu zehn Jahre nach den historischen Geschehnissen liegt eine breite Literatur zum Thema vor und lassen sich eine Reihe von Erklärungsversuchen der Ereignisse von 1989-1991 unterscheiden, ohne daß sich klarer umreißen ließe, worin die Herausforderungen an die Erklärungsfähigkeit der heutigen Sozialwissenschaften genau bestehen. Der vorliegende Aufsatz versucht im Durchgang durch eine Reihe vorhandener Erklärungsansätze drei solcher Probleme zu identifizieren. Neben einem Perspektivenproblem, das sich mit R. Bendix als "Eindruck der Unvermeidlichkeit durch Rückblick" umschreiben läßt, lassen sich vor allem (und noch immer) konzeptionelle Schwierigkeiten bei der genaueren Eingrenzung des Analyseobjekts (Was ist eigentlich zusammengebrochen?) und der Rekonstruktion langfristiger und situativ-kontingenter kausaler Faktoren (Revolution und/oder Zusammenbruch) ausmachen.


 
Rainer Weinert
Divellierung und Personalisierung oder: Wer bestimmte die Politik in der DDR?

Ausgehend vom Typus bürokratischer Herrschaft Max Webers, den elitensoziologischen Studien Peter Christian Ludz' sowie neueren Ergebnissen zur Wirtschaftsführung der DDR werden die Verwaltungsstäbe des Parteistaates analysiert. Der Kern der Verwaltungsstäbe bestand aus dem Apparat des ZK mit den Abteilungsleitern an der Spitze. Diese Regelorganisation war jedoch von kontrollierenden Aufgaben dominiert, was zu einer Verlagerung der Konzipierung strategischer Grundsatzaufgaben in gesonderte Stäbe führte (Divellierung). Die Vermittlung zwischen Regelorganisation und divellierten Stäben erfolgte über Akteure, die in einem engen persönlichen Loyalitätsverhältnis zum Parteiführer standen (Personalisierung). Diese These wird anhand der Sicherheits- und Militärapparate, der Wirtschaftskommission und des Bereichs Kommerzielle Koordinierung in der DDR exemplifiziert. Auf dieser Basis wird abschließend versucht, die Frage zu beantworten: Wer bestimmte die Politik in der DDR?


 
Bogdan W. Mach/Wlodzimierz Wesolowski
Politiker in Zeiten der Transformation: "Transformational correctness" oder divergierende Wahrnehmungen?

Der Artikel präsentiert ausgewählte Ergebnisse einer im Frühjahr 1996 durchgeführten Studie unter führenden polnischen Politikern Mitglieder des Parlaments von 1993-1997 sowie zweier wichtiger Parteien, die den Einzug ins Parlament verfehlten. Die Ergebnisse beziehen sich auf fünf Aspekte der Einstellungen von Politikern: (1) Ansichten hinsichtlich der Qualitäten, über die Politiker verfügen sollten bzw. tatsächlich verfügen, (2) normativ akzeptierte Definitionen von Politik, (3) Idealvorstellungen vom "guten Staat", (4) Auffassungen von Demokratie und (5) Merkmale, die nach Ansicht der Befragten "rechts" oder "links" orientierte politische Einstellungen charakterisieren. Für alle fünf Bereiche stellte sich eine starke Ähnlichkeit der Einstellungen von Politikern verschiedenster politischer Parteien und Orientierungen heraus. Dieses Ergebnis wird interpretiert als Widerspiegelung einer fundamentalen "Richtungsähnlichkeit" in der Art und Weise, wie polnische Politiker die wichtigsten Aufgaben wahrnehmen, welche die gesamte politische Klasse in Zeiten systemischer Transformation konfrontieren. Die These des Aufsatzes lautet, daß "transformational correctness", der Glaube der politischen Klasse, sie habe in Zeiten der Transformation die Pflicht, marktwirtschaftliche und demokratische Reformen durchzuführen, einer der Gründe für diese Ähnlichkeiten sein könnte.


 
Rainer Neef
Formen und soziale Lagen der Schattenwirtschaft in einem Transformationsland: Rumänien

Die Schattenwirtschaft war in sozialistischen Ländern schon umfangreich, seit 1989 hat sie in ganz Osteuropa an Bedeutung noch zugenommen. Für Rumänien, wo sich die Wirtschaftslage seit den frühen 80er Jahren ständig verschlechtert hat, gilt das verstärkt. Fast die Hälfte rumänischer Haushalte ist informell tätig. Aus einer explorativen Untersuchung unter 100 Haushalten identifizierten wir: drei Arten schattenwirtschaftlicher Zweit- oder Nebenbeschäftigungen sowie betriebsbezogene Aktivitäten als Fortsetzung der überkommenen "Sekundärwirtschaft"; neue Formen waren deutlicher polarisiert zwischen prekären Lohnarbeitern und arbeitsintensiven informellen Selbständigen sowie Angestellten in besserer Position. In sozialer Hinsicht katapultiert die Schattenwirtschaft eine Gruppe in eine Position des Reichtums, sie trägt andererseits zur Verewigung von abhängiger Armut bei. Zugleich hilft sie vielen Haushalten, Armutssituationen zu überwinden -- Armut ist in Rumänien ein Massenproblem -- und sie stabilisiert soziale Mittellagen. Angesichts dieser Befunde ist das Modell einer polarisierten osteuropäischen Schattenwirtschaft zu simpel.


 
Thomas Lemke
Der Kopf des Königs-- Recht, Disziplin und Regierung bei Foucault

In der sozialwissenschaftlichen und philosophischen Foucaultrezeption wird bis heute von einem wichtigen theoretischen Bruch in dessen Werk ausgegangen. Dieser Annahme zufolge wird die Genealogie der Macht in den letzten Arbeiten Foucaults von einer Theorie des Subjekts abgelöst. Auf der Grundlage teilweise unbekannten Materials soll in einer werkimmanenten Rekonstruktion und Systematisierung der Machtproblematik Foucaults gezeigt werden, daß diese Interpretation korrekturbedürftig ist. Dabei wird zunächst die von Foucault in Kritik an juridisch-diskursiven Konzeptionen entwickelte strategisch-technologische Machtanalytik dargestellt. Die Konzentration der Analytik auf Disziplinierungsprozesse im Kontext einer "Mikrophysik der Macht" führt jedoch ihrerseits zu Problemen, die eine angemessene Thematisierung subjekt- und staatstheoretischer Fragestellungen verhindern. Meine These lautet, daß der von Foucault Ende der 70er Jahre entwickelte Begriff der Regierung eine Reaktion auf diese Probleme darstellt. Er signalisiert jedoch nicht die Aufgabe, sondern eine Erweiterung der Machtanalytik, in deren Mittelpunkt die Frage nach dem Verhältnis von Subjektkonstitution und der Konstitution des modernen Staates rückt.




















Zusammenfassungen 1999
Heft 4/1999
 
Lothar Krappmann
Die Rolle der Soziologie im "Kinderbericht" der Bundesregierung (Zehnter Kinder- und Jugendbericht)

Kinder- und Jugendberichte, die im Auftrag der Bundesregierung alle vier Jahre von Sachverständigenkommissionen für Bundestag und Bundesrat erarbeitet werden, enthalten für Soziologen wichtige Informationen über das Leben und die Entwicklungsbedingungen von Kindern in Deutschland. Die aus Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen und Praktikern zusammengesetzten Kommissionen, an denen Soziologen mehrmals beteiligt waren, beeinflussen mit ihrem Bericht Vorstellungen über Kinder und Jugendliche sowie Maßnahmen und Programme. Soziologen sollten ihre Perspektive beitragen, aber aus diesen Berichten, die reichhaltige Daten und vielfältige Erfahrungen integrieren, auch Anregungen aufnehmen.


 
Ulrich Beck
Die Zukunft der Arbeit oder Die Politische Ökonomie der Unsicherheit

Aufgrund des zunehmenden Einflusses von Informationstechniken, Globalisierung und Individualisierung ist die Arbeitswelt einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt. Die Verminderung des Arbeitsvolumens hat weitreichende Auswirkungen sowohl auf die Struktur des Erwerbssystems an die Stelle von Vollzeit-Normarbeit treten Nicht-Normarbeitsverhältnisse als auch auf die Lebenssituation der Individuen prekäre Arbeitsverhältnisse haben zur Folge, daß die Individuen eine politische Ökonomie der Unsicherheit entwickeln müssen. Der hierdurch induzierte Gestaltwandel moderner Gesellschaften von einer erwerbszentrierten Arbeitsgesellschaft hin zu einer erwerbszentrierten Wissensgesellschaft läßt sich an den Dimensionen Reflexivität als Quelle der Produktion, transsektorale Dynamik sowie Enträumlichung der Arbeit und informationstechnologischer Indeterminismus gesellschaftstheoretisch nachzeichnen. Um auf diese Situation gesellschaftspolitisch reagieren zu können, werden einige politische Vorschläge entwickelt, wobei insbesondere in der Schaffung der Voraussetzungen bezahlter Bürgerarbeit, ein wirkkräftiges Instrument zur Reformierung von Staat und Gesellschaft gesehen wird.


 
Bernhard Nauck
Migration, Globalisierung und der Sozialstaat

Deutschland hat sich in den letzten vier Jahrzehnten zu einer Einwanderungsgesellschaft entwickelt. Besonderheiten ergeben sich daraus, daß das nationalstaatliche Regime zwar das Abstammungsprinzip zum zentralen Inklusionskriterium erhebt, aber durch die Ausgestaltung des Sozialstaates und die individuelle Teilhabe der gesamten Wohnbevölkerung wesentliche Mechanismen zur sozialen Integration von Migrantenminoritäten bereithält. In wachsendem Maße beginnen jedoch Globalisierungsprozesse solche nationalen Inklusionsmechanismen zu überlagern. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Universalisierung von naturrechtlich legitimierten individualistischen Rechtsnormen, die sowohl die Art der Wanderungsströme als auch den Verlauf der sozialen Integration zukünftig verändern werden: Humankapitalallokation verliert gegenüber minoritätenspezifischem sozialem Kapital an Bedeutung. Die aussichtsreichste Option für die Ausgestaltung der Politik für Familien ausländischer Herkunft wird unter diesen Bedingungen in der normativen Orientierung an einer Zivilgesellschaft gesehen.


 
Hildegard Maria Nickel
Frauen - Ein Appendix von Zukunftsmodellen? Der geschlechtsblinde Zukunftsdiskurs um Arbeit

Der Beitrag nimmt den Bericht der Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Anlaß, um den Gender-Bias der Zukunftsdiskurse aufzuzeigen. Dabei wird zunächst der Stellenwert von Erwerbsarbeit in den Zukunftsmodellen fokussiert, dann wird am "Modell Deutschland" der geschlechtliche Verteilungskampf um Arbeit thematisiert, und es werden Ost-West-Differenzen angesprochen, die in den Zukunftsdebatten weitgehend ausgeblendet sind. Drittens schließlich geht es um die Frage, ob die Entwicklung von Humanressourcen auf der einen Seite und der Ausbau des Niedriglohnsektors auf der anderen Seite beschäftigungspolitische Reformperspektiven für das Geschlechterverhältnis beinhalten.


 
Birgit Sauer
Transition zur Demokratie? Zur Geschlechterkritik sozialwissenschaftlicher Transformations- und Konsolidierungstheorien

Während Wissenschaftler sich in großer Zahl um eine Theorie der Transformation und Demokratisierung bemühen, verhalten sich Wissenschaftlerinnen geradezu abstinent. Unbeschadet unterschiedlicher Zugänge und normativer Orientierungen sind aber "Geschlecht" als Untersuchungskategorie wie auch Geschlechterverhältnisse als Untersuchungsgegenstand spektakulär abwesend. (Westliche) Transformationsforschung erweist sich mithin als Element von Wirklichkeitskonstruktion: Die Marginalisierung von Frauen und die Zentrierung von Männern in den Transformationsprozessen Ostmitteleuropas korrespondieren mit der Marginalisierung von Frauen und der impliziten Universalisierung des Untersuchungsobjekts Mann in den begleitenden Wissenschaften. Folgende Aspekte von Transformations- und Demokratisierungstheorien machen die geschlechtsblinde Grammatik aus: erstens die Renaissance (soziologischer) Modernisierungs- und Differenzierungstheorien, zweitens ein Modell der "transition to democracy" mit einem bias zu politischen Institutionen, einem formalistischen Demokratieverständnis und einem funktionalistisch verkürzten Begriff von Politischer Kultur sowie schließlich drittens die Prominenz von Rational-Choice-Theorien. Alle drei Perspektiven arbeiten mit "Verlusten" dem Verlust gesellschaftlicher Subjekte, eines Herrschaftsbegriffs, eines gesellschaftlichen Strukturbegriffs sowie eines prozessualen Politik- und Institutionenbegriffs. Eine geschlechtersensible Konzeptualisierung von Transformations- und Demokratisierungsprozessen sollte die gegenseitige Konstitution von Geschlechterverhältnissen und Wandlungsprozessen in den Blick nehmen. Transformationen sind geschlechtlich kodierte Verschiebungen zwischen öffentlich und privat sowie zwischen Staat und Gesellschaft.


 
Ortwin Renn
Sozialwissenschaftliche Politikberatung. Gesellschaftliche Anforderungen und gelebte Praxis

Angesichts der Steuerungsproblematik in pluralistischen Gesellschaften bedienen sich politische Akteure mehr denn je wissenschaftlicher Beratungsgremien, deren Aufgabe es ist, Probleme zu identifizieren, Hintergrundwissen für Entscheidungsträger aufzuarbeiten, Lösungswege aufzuzeigen oder Handlungsalternativen zu entwerfen. Die Wirksamkeit der wissenschaftlichen Politikberatung hängt von drei Faktoren ab: erstens der Fähigkeit, innerhalb eines Beratungsgremiums Konsens oder zumindest einen Konsens über den Dissens über konkurrierende Wissensansprüche zustande zu bringen; zweitens, die Ergebnisse in eine Form zu fassen, daß sie mit den Erwartungen und strukturellen Anforderungen der politischen Auftraggeber anschlußfähig sind; und drittens, daß die mit wissenschaftlicher Hilfe getroffenen Entscheidungen bessere Chancen auf Legitimation in die Gesellschaft hinein besitzen. Das heute vorherrschende Modell neokorporatistischer Politikberatung bietet theoretisch wie praktisch keine befriedigende Lösung für das Problem einer angemessenen Beratung unter den Bedingungen des Wissensdissens, der Ambivalenz und Unsicherheit. Erst wenn wissenschaftliche Politikberatung als Teilelement eines umfangreicheren diskursiven Ansatzes gesehen wird, lassen sich die heute beklagten Defizite der mangelnden Wirksamkeit und Implementationsfähigkeit wissenschaftlicher Politikberatung zumindest teilweise überwinden.


 
Eva Barlösius/Barbara Maria Köhler
Öffentlich Bericht erstatten - Repräsentationen gesellschaftlich umkämpfter Sachverhalte

Berichte sind Repräsentationen gesellschaftlich umkämpfter Sachverhalte, die mit einem hohen Maß an Legitimität ausgestattet sind. Sie gehören in die Gruppe jener Repräsentationsformen, die staatliche Institutionen und gesellschaftliche Akteure zur Durchsetzung ihrer Sichtweisen nutzen: "offizielle" Klassifikationsordnungen, Statistiken, Gutachten etc. Es ist von soziologischem Interesse zu untersuchen, wie es einigen Berichten gelingt, als "legitime Repräsentation" anerkannt zu werden, während andere dies nicht erreichen und deshalb als "partikulare Sichtweise" bewertet werden. Dabei kommt dem Verfahren der Berichterstattung eine enorme Bedeutung zu, weshalb deren formaler und institutioneller Rahmen im Mittelpunkt der Aufsatzes steht. Dabei zeigt sich, daß die Verfahrensregeln mit dazu beitragen, über kontrovers diskutierte Tatbestände in einer als legitim erachteten Form zu berichten und so eine konsensfähige Gesamtsicht des behandelten Themas zu liefern.