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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 2000






















Zusammenfassungen 2000
Heft 1/2000
 
Stefan Breuer
Moderner Fundamentalismus

Genuiner Fundamentalismus ist ein in Erlösungsreligionen auftretendes Phänomen, das Heilserwartungen und Weltablehnung verbindet; moderner Fundamentalismus die Abschwächung der Weltablehnung zur Ablehnung der modernen, auf funktionaler Differenzierung und formaler Rationalisierung gegründeten Welt (Zeitablehnung) sowie die Übertragung der Heilserwartungen auf innerweltliche Instanzen wie Moral, Kunst und Erotik. Die Idealtypen des moralischen, ästhetischen und erotischen Fundamentalismus werden anhand von Beispielen illustriert und im Licht von Max Webers Typologie der Erlösungswege interpretiert. Abschließend werden in wissenssoziologischer Perspektive die Beziehungen zwischen modernem Fundamentalismus und Intellektualismus erörtert.
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Peter Noller
Globalisierung, Raum und Gesellschaft: Elemente einer modernen Soziologie des Raumes

In diesem Essay wird ein Wechsel der Perspektive auf die soziale Kategorie des Raumes vorgeschlagen. Globalisierung bedeutet weder das Verschwinden des Raumes noch einfach die räumliche Ausdehnung sozialer Beziehungen, sondern einen tiefgreifenden Wandel im Verhältnis von Raum und Gesellschaft. Raum muss deshalb als Gegenstand soziologischer Theoriebildung und Praxis grundlegend neu gedacht werden. In einem ersten Schritt wird der Wandel sozialer Raumbeziehungen durch Globalisierung skizziert. Die These ist, dass sich soziale Gemeinschaftsbildung zunehmend von territorial und kulturell vorgegebenen räumlichen Gebieten entkoppelt. In einem zweiten Schritt wird danach gefragt, welche Effekte diese Entwicklung auf die Raumkonzeptionen der traditionellen Soziologie hat und wie sie in neueren Debatten aufgegriffen werden. Schließlich werden Konstruktionselemente für eine moderne Soziologie des Raumes diskutiert, die in der bisherigen Diskussion vernachlässigt wurden. Die Studie läuft auf den Vorschlag hinaus, Raum als integralen Bestandteil der Produktion moderner Gesellschaften zu verstehen. Gerade unter den Bedingungen der Globalisierung ist der Bezug auf den Körper als Zentrum sozialer Raum-Praxis unerlässlich – von ihm aus wird die Vielfalt existierender und möglicher Entwicklungspfade konkret erfahrbar.
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Helmuth Berking
"Homes away from Home": Zum Spannungsverhältnis von Diaspora und Nationalstaat

In den gegenwärtigen Debatten über die kulturellen Effekte der Globalisierung spielen sowohl das Konzept als auch historische Praktiken der Diaspora eine strategisch unhintergehbare Rolle, werden sie doch als exemplarische Repräsentationen einer neuen/alten Vergesellschaftungsform thematisiert, an der sich nicht nur eine transnationale Politik des Raumes, sondern auch die Alternativen zur nationalstaatlich organisierten Gesellschaft in Gestalt postnationaler Identitäten anschaulich studieren lassen. Der Artikel lässt sich von der These leiten, dass dieses Bild der Diaspora nur um den Preis einer systematischen Verkennung der nationalstaatlichen Rahmen aufrechterhalten werden kann, in denen und gegen die lokale Diasporas ihre kulturelle Eigenständigkeit zu behaupten versuchen. Am Beispiel der US-amerikanischen Gesellschaft werden die lokalen Kontextbedingungen und die institutionellen Zwänge, die in die Konstruktion jener "diasporic spaces" eingehen, anhand dreier ineinandergreifender Politiken der Ethnizität beschrieben. Auf diesem Weg soll die Ausgangsvermutung, dass nationalstaatlich organisierten Gesellschaften ihrerseits eine entscheidende Rolle bei der Produktion transnationaler Räume zufällt, plausibel gemacht werden.
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Robert Kecskes
Soziale und identifikative Assimilation türkischer Jugendlicher

Ausgehend von der Annahme einer hinsichtlich der Assimilation und Integration heterogenen Zusammensetzung der in Deutschland lebenden Jugendlichen mit türkischer Staatsangehörigkeit, wird der Frage nach Determinanten ihrer (dimensionsspezifischen) Assimilation nachgegangen. Dazu werden unterschiedliche Konzepte der Assimilation und Integration diskutiert, um dann die Determinanten einer sozialen und identifikativen Assimilation theoretisch abzuleiten. Die empirische Prüfung der Annahmen erfolgt durch die Analyse von Daten einer standardisierten Befragung von 614 türkischen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Die Ergebnisse zeigen, dass die Kontextmerkmale "Nachbarschaft" und "Ausbildungsstätte" einen starken Effekt auf die Netzwerkzusammensetzung haben. Auf die intraethnische Heiratspräferenz haben die Individualmerkmale "Religiosität" und "Geschlecht" die stärksten Effekte. Neben diesen Merkmalen hat die Häuftigkeit des Moscheenbesuchs einen gewichtigen Einfluss sowohl auf die Netzwerkzusammensetzung als auch auf die intraethnische Heiratspräferenz.
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Hermann Strasser/Andrea Maria Dederichs
Die Restrukturierung der Klassengesellschaft: Elemente einer zeitgenössischen Ungleichheitstheorie

Der Aufsatz diskutiert mögliche Korrespondenzen zwischen sozialkulturellen Phänomenen und klassenkulturellen Invarianzen mit dem Ziel, Elemente einer zeitgenössischen Ungleichheitstheorie sichtbar zu machen – einer Ungleichheitstheorie, die kulturelle Pluralisierungseffekte machtsoziologisch rahmt. Ausgehend von der These der veränderten Mechanismen, die soziale Ungleichheit strukturieren, plädieren die Autoren für das Modell einer restrukturierten Gesellschaft(sstruktur), das mit Hilfe der modifizierten Habitus-Feld-Theorie Pierre Bourdieus den veränderten Entstehungszusammenhang und Stellenwert moderner Ungleichheiten erklärt. Nachindustrielle Klassenkämpfe spielen sich nicht zwischen traditionellen Klassen ab. Vielmehr beruhen sie einerseits auf Schließungsstrategien verschiedener Berufsgruppen und ihrer Organisationen; andererseits sind sie das Ergebnis der unterschiedlichen Fähigkeit, angemessene Werthaltungen zu vertreten, legitime Standards zu (er-)kennen und distinktive Lebensstile zu inszenieren.
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Wolfgang Merkel
Die Dritten Wege der Sozialdemokratie ins 21. Jahrhundert

Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich die Kontexte sozialdemokratischen Regierungshandelns dramatisch verändert. Tony Blair, Anthony Giddens und New Labour haben mit dem Konzept des Dritten Weges eine Debatte in die Sozialdemokratie getragen, die insbesondere in der praktischen Regierungspolitik die Züge einer programmatisch-strategischen Konkurrenz angenommen hat. Der Beitrag stellt vier paradigmatische Wege der europäischen Sozialdemokratie vor, indem er die Regierungspolitik der britischen, holländischen, schwedischen und französischen Sozialdemokraten/Sozialisten in wichtigen Bereichen (Fiskal-, Beschäftigungs-, Sozialpolitik) diskutiert. An der Leistungsperformanz der vier Regierungen werden spezifische Politikmuster erkennbar: New Labour und die holländischen Sozialdemokraten weisen eine sehr gute Beschäftigungsbilanz auf, die u.a. mit Abstrichen in den sozialstaatlichen Sicherungsstandards bewusst "erkauft" werden. Die schwedischen Sozialdemokraten und insbesondere die französischen Sozialisten haben dagegen eine mäßige bzw. schlechte Beschäftigungsbilanz bei weiterhin hohen wohlfahrtsstaatlichen Standards. Wenn auch in unterschiedlichem Maße, so unterschätzen alle vier sozialdemokratischen Parteien die Europäische Union als einen wichtigen "strategischen Handlungsraum" für das 21. Jahrhundert. Der Aufsatz prüft deshalb abschließend die Kooperations- und Konzertierungspotenziale der Sozialdemokratie auf europäischer Ebene.
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Wolfgang Schluchter
Handlungs- und Strukturtheorie nach Max Weber

Die aktuelle Grundlagendiskussion in der Soziologie lässt sich anhand von zwei Unterscheidungen ordnen: der Unterscheidung zwischen System- und Handlungstheorien (unter Einschluss von Strukturtheorien) einerseits, der zwischen mentalistisch und linguistisch fundierten Handlungstheorien andererseits. In diesem Bezugsrahmen wird Max Webers verstehende Soziologie meist den mentalistisch fundierten Handlungstheorien zugerechnet, da er ein teleologisches Handlungsmodell vertreten habe, zentriert um Zwecktätigkeit und Zweckrationalität. In diesem Aufsatz soll gezeigt werden, weshalb diese Einordnung falsch ist, weshalb Webers Ansatz weder mit der Systemtheorie noch mit der Theorie des kommunikativen Handelns, aber auch nicht mit der RC-Theorie zusammenfällt. Dafür muss freilich der genannte Bezugsrahmen differenziert werden. Dann wird auch deutlich, weshalb es sich nach wie vor lohnt, an Webers Ansatz anzuknüpfen und ihn weiterzuentwickeln.
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Zusammenfassungen 1998
Heft 2/2000
 
Klaus Eder
Zur Transformation nationalstaatlicher Öffentlichkeit in Europa. Von der Sprachgemeinschaft zur issuespezifischen Kommunikationsgemeinschaft

Es gibt bereits viel europäische Öffentlichkeit. Die öffentliche Thematisierung Europas wie im BSE-Fall, im Korruptionsfall oder im Bereich der Migrationspolitik hat Resonanzen erzeugt, die über nationale Öffentlichkeiten hinausreichen. Um diese Öffentlichkeit in Europa zu fassen, wird zunächst ein analytisches Modell der variablen sozialen Lokalisierung dieser Öffentlichkeit vorgeschlagen. Im Unterschied zu nationaler Öffentlichkeit ist diese Öffentlichkeit nicht mehr an die Unterstellung einer Sprachgemeinschaft (ein "Volk" oder "Demos") gebunden. An deren Stelle treten Netzwerke politischer Akteure, die über issuespezifische Kommunikationsgemeinschaften, nicht mehr über Sprachgemeinschaften zusammengehalten werden. Die Strukturoptionen dieser emergenten Öffentlichkeit werden schließlich in einem weiteren analytischen Modell bestimmt mit Implikationen für die normative Frage nach der Demokratisierungsfunktion und -fähigkeit europäischer Öffentlichkeit.
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Peter Flora
Externe Grenzbildung und interne Strukturierung - Europa und seine Nationen. Eine Rokkan’sche Forschungsperspektive

Ausgehend von den Begriffen Grenzziehung und Strukturierung werden Grundgedanken aus Stein Rokkans Arbeiten über die Staaten- und Nationenbildung in Europa aufgegriffen, um sie für eine Analyse des europäischen Einigungsprozesses nutzbar zu machen. Danach war das aus dem Zusammenbruch des Römischen Westreiches entstehende Europa durch einen Gegensatz zwischen ethnisch-partikularistischen und religiös-universalistischen Grenzziehungen gekennzeichnet und die Außengrenzen Europas und damit seine Identität entwickelten sich aus religiös-kirchlichen Gegensätzen heraus. Mit der Schwächung der universalistischen Kräfte rekonstruiert sich Europa als System von Nationalstaaten, die die europaweiten Spaltungen "internalisieren" und im Prozess der Demokratisierung und Sozialstaatsentwicklung spezifisch nationale Konfigurationen von Akteuren und Institutionen entwickeln. Der europäische Einigungsprozess, der aus der Selbstzerstörung Europas resultiert, aber zugleich an die historische Identität der Europäer anknüpft, stellt eine ganz neue Form und Phase der politischen Systembildung in Europa dar. Anstatt jedoch den Nationalstaat und die kulturelle Heterogenität zu Bausteinen der politischen Neuordnung Europas zu machen, wurde versucht diese durch die Abwertung des Nationalstaates und die Errichtung eines politisch flankierten Gemeinsamen Marktes aufzubauen. In diesem Widerspruch liegt ein möglicher Keim für einen durch den Einigungsprozess generierten Nationalismus.
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Peter A. Kraus
Von Westfalen nach Kosmopolis? Die Problematik kultureller Identität in der europäischen Politik

"Westfälisch" inspirierte Analysen des europäischen Integrationsprozesses behaupten, dass kulturelle Heterogenität die Bildung eines gemeinsamen politischen Willens der Europäer verhindert. Demgegenüber leitet sich für "kosmopolitische Demokraten" der normative Reiz der EU gerade aus der Notwendigkeit ab, eine politische Gemeinschaft neuen Typs zu konstituieren, die historisch erstmals tatsächlich rein "zivile" Wurzeln hat. In Abgrenzung zu diesen Positionen geht der folgende Beitrag davon aus, dass die Regulierung des kulturellen Pluralismus auf europäischer Ebene von den Widersprüchen gekennzeichnet ist, die der institutionellen Entwicklung der EU generell zugrunde liegen: Während das intergouvernementale Prinzip die Rolle der Nationalstaaten hervorhebt und dem Schutz der entsprechenden "Nationalkulturen" einen hohen Stellenwert beimisst, eröffnet der europäische Transnationalimus auf der anderen Seite jedoch auch Möglichkeiten für die Artikulation kultureller Identitäten unterhalb und jenseits der Nationalstaaten und trägt damit in gewissem Umfang zu einer "Denationalisierung" politischer Kulturen bei. Am Beispiel der Sprachpolitik lässt sich diese Situation gut illustrieren. Im Schlussteil befasst sich der Beitrag mit dem Potenzial des Subsidiaritätsprinzips für ein "reflexives Identitätsmanagement" in der EU.
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Michael Mann
Eliminatorische ethnische Säuberungen: Eine makrosoziologische Erklärung

Der vorliegende Aufsatz entwickelt eine makrosoziologische Strategie zur Erklärung eliminatiorischer ethnischer Säuberungen. In einem ersten Schritt wird gezeigt, dass Ansätze, die den Staat oder eine schwache Zivilgesellschaft als zentralen Erklärungsfaktor heranziehen, der historischen Vielfalt und Komplexität der zu erklärenden Ereignisse nicht gerecht werden. Vielmehr ist eine präzise Analyse politischer Akteure und Akteurskonstellationen erforderlich. In einem zweiten Schritt wird in der Form einer Typologie das theoretische Möglichkeitsfeld politischer Konstellationen ethnischer Gruppen abgesteckt, wobei Multikulturalismus und Genozid die Extrempole der Typologie markieren. Im dritten und umfangreichsten Teil des Aufsatzes wird schließlich in Form einer fünfstufigen weltgeschichtlichen Periodisierung eine historisch-vergleichende Strategie zur Erklärung ethnischer Säuberungsprozesse skizziert. Dabei wird deutlich, wie die Faktoren Sprache, Religion und Territorialität (Provinz) bei der politischen Formierung konkreter ethnischer Akteurskonstellationen so zusammenwirken, dass das gesamte zuvor entwickelte typisierende Möglichkeitsfeld historisch abgedeckt wird.
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Dieter Rucht
Zur Europäisierung politischer Mobilisierung

Die Politik der EU gewinnt gegenüber nationalen Regierungen und Parlamenten zunehmend an Gewicht. Kommt es entsprechend auch zu einer Europäisierung der politischen Mobilisierung durch Parteien, Verbände und soziale Bewegungen? Dieser Frage wird anhand von illustrativen und systematischen Befunden nachgegangen. Im Bereich der Parteipolitik und namentlich des Wahlverhaltens gibt es keine deutlichen Anzeichen dafür, dass das Gewicht europäischer Fragen gestiegen ist. Mit Blick auf die Interessenverbände zeichnet sich eine kräftige Zunahme des EU-Lobbying ab, wobei nach wie vor große strukturelle Ungleichheiten bestehen zwischen den ressourcenstarken europäischen Dachverbänden in den Bereichen Industrie, Handel und Landwirtschaft einerseits und den Organisationen und Netzwerken von Arbeitnehmern, Frauen, Umweltschützern, Verbrauchern sowie Menschen- und Bürgerrechtlern andererseits. Im Feld der Protestpolitik ist die Datenlage zur Europäisierung nicht eindeutig. Auf Basis von in ihrer Qualität noch schwer einschätzbaren Daten scheint die Zahl EU-bezogener Proteste insgesamt, aber nicht in allen einzelnen EU-Ländern zuzunehmen. Auf der Grundlage detaillierter und verlässlicher Längsschnittdaten zum gesamten Protestgeschehen der vergangenen Jahrzehnte in der Bundesrepublik Deutschland sowie speziellerer Untersuchungen zu Umweltprotesten von 1988 bis 1997 ergibt sich ein Negativbefund. Von einer Europäisierung des Protests in der Bundesrepublik kann keine Rede sein. Dieses unerwartete Ergebnis sowie das weitgehende Fehlen von Protestaktionen in Brüssel wird abschließend anhand von vier Faktorenbündeln zu erklären versucht.
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Willfried Spohn
Die Osterweiterung der Europäischen Union und die Bedeutung kollektiver Identitäten. Ein Vergleich west- und osteuropäischer Staaten

Auf der Grundlage eines historisch-soziologischen Ansatzes stellt dieser Beitrag eine Analyse der Osterweiterung der Europäischen Union und der darin eingebetteten kollektiven Identitäten in einem west- und osteuropäischen Vergleich vor. Er geht grundsätzlich davon aus, dass der Prozess der Osterweiterung im Kontext der Rekonstitution der europäischen Zivilisation als einer Rekonstruktion ihrer historisch-strukturellen: sozioökonomischen, politischen wie kulturellen Ungleichheitsmatrix analysiert werden muss. Für den Prozess der Osterweiterung, seine Grundlagen, Sequenzen und zukünftige Entwicklungsrichtung spielen dabei vor allem auch die kollektiven Identitäten und ihr wechselseitiger Bezug auf der west- wie osteuropäischen Seite eine zentrale Rolle. Auf der westlichen Seite zeigt die vergleichende Analyse Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens und Schwedens gegenüber Osteuropa eine grundsätzlich westlich-zivilisierende, allerdings je nach Struktur der nationalen Identitäten und politischen Kulturen unterschiedliche Ausrichtung auf. Auf der östlichen Seite zeigt sich dagegen im Vergleich zwischen Polen, Tschechien, Ungarnsund Russland eine ebenfalls je nach Struktur der nationalen Identität unterschiedliche, aber ambivalente: imitative wie defensive Orientierung auf Westeuropa. Diese kulturelle Ungleichzeitigkeit zwischen West- und Osteuropa wird – so die Grundthese – eine entscheidende Rolle in dem faktischen Verlauf der Osterweiterung der Europäischen Union spielen.
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Zusammenfassungen 1998
Heft 3/2000
 
Christoph Deutschmann
Geld als "absolutes Mittel". Zur Aktualität von Simmels Geldtheorie

Folgt man den immer zahlreicheren kritischen Stimmen, so kann der heutige Stand nicht nur der soziologischen, sondern auch der ökonomischen Geldtheorie nicht befriedigen. Im folgenden Beitrag wird daher für eine erneute Auseinandersetzung mit Simmel als einem Autor plädiert, dessen Denken noch nicht durch die heute etablierte akademische Arbeitsteilung zwischen Wirtschaftswissenschaften und Soziologie bestimmt war. Im Mittelpunkt der Simmel’schen Analyse steht die Auffassung des Geldes als "absolutes Mittel". Gezeigt wird, dass diese Auffassung der in der heutigen Wirtschaftssoziologie gepflegten funktionalistischen Interpretation des Geldes diametral widerspricht. Zugleich erlaubt sie es, viele der in der heutigen Individualisierungs- und Modernisierungstheorien breit diskutierten gesellschaftlichen Phänomene in einer neuen und analytisch schärferen Weise zu erfassen. Simmels Geldtheorie lässt sich darüber hinaus für eine gegenwartsbezogene Analyse wirtschaftlicher Wachstums- und Innovationsprozesse fruchtbar machen.
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Viviana A. Zelizer
Die Farben des Geldes. Vielfalt der Märkte, Vielfalt der Kulturen

Die Pluralisierung kultureller Formen ist auch in der Ökonomie nicht folgenlos geblieben. Der umfassende Prozess der Homogenisierung von Konsumpräferenzen und Warenangebot legt zwar die Auffassung nahe, dass die ökonomische Entwicklung zu einer Nivellierung bislang distinkter kultureller Praxen führt, doch es zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass auch die Ökonomie eine kulturell feinkörnig differenzierte Sphäre ist. Homogenisierung und Differenzierung sind zwei Seiten einer Medaille. Deshalb hat die Homogenisierung von unterschiedlichen kulturellen Praktiken durch ökonomisch oder politisch intendierte Versuche der Vereinheitlichung unter multikulturellen Bedingungen von jeher zu Gegenbewegungen geführt, die den Fortbestand von Unterschieden, Abgrenzungen und Vielfalt sicherten. Zu Konflikten führt das Beharren gesellschaftlicher Gruppen auf kulturelle Unterscheidbarkeit nur dann, wenn dieser ambivalente Prozess mit Segregation, Benachteiligung und Ungleichheit einhergeht.
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Steffen Sigmund
Grenzgänge: Stiften zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und symbolischer Anerkennung

Bislang von den Sozialwissenschaften nur wenig beachtet, gewinnen Stiftungen in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung. Insbesondere vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatten über Möglichkeiten einer Entstaatlichung moderner Gesellschaften jenseits des Marktes, werden immer wieder Forderungen nach der Stärkung zivilgesellschaftlicher Dimensionen laut. In diesem Beitrag soll das Stiftungswesen als Kernelement der institutionellen Infrastruktur von Zivilgesellschaften analysiert werden. Der Schwerpunkt der Argumentation liegt einerseits auf der historischen und systematischen Rekonstruktion der Autonomisierung des Stiftungswesens und andererseits auf der Analyse stifterischen Handelns als einer besonderen Interaktionsform, die es dann erlaubt, die Sozialfigur des Stifters als eines Grenzgängers genauer zu umschreiben.
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Neil Fligstein
Verursacht Globalisierung die Krise des Wohlfahrtsstaates?

Wirtschaftliche Globalisierung bezieht sich auf drei miteinander zusammenhängende Prozesse: 1. das Wachstum der Weltwirtschaft; 2. den Wandel in den Beziehungen zwischen den Ländern der "ersten" und "dritten" Welt, der sich aus dem Einsatz von Informationstechnologien zur Reorganisation der Produktion sowohl auf nationaler wie globaler Ebene ergibt; 3. die Integration der Weltfinanzmärkte. Diese Prozesse werden gemeinhin für die Deindustrialisierung in fortgeschrittenen Wohlfahrtsstaaten, die Zunahme der Einkommensungleichheiten und jenen Druck verantwortlich gemacht, unter dem Wohlfahrtsregime Arbeitnehmerschutz und Unterstützungsleistungen transformieren sollen. Ich zeige, dass die Veränderungen innerhalb der Weltwirtschaft viel kleiner, unspektakulärer sind als die Globalisierungsthese behauptet und das Ausmaß je nach Gesellschaft variiert. Wichtiger noch: Zwischen der Globalisierung und ihren mutmaßlich negativen Konsequenzen bestehen bestenfalls schwache Zusammenhänge. Die Rhetorik der Globalisierung hat eher mit den USA und den Veränderungen innerhalb ihrer politischen Ökonomie zu tun als mit Veränderungen des Welthandels. Abschließend werden die daraus sich ergebenden Auswirkungen auf Westeuropa diskutiert.
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Helga Krüger/René Levy
Masterstatus, Familie und Geschlecht. Vergessene Verknüpfungslogiken zwischen Institutionen des Lebenslaufs

Intention des Beitrages ist es, Geschlecht und Familie auf der Basis eines institutionenorientierten Lebenslaufansatzes neu zu durchdenken. Die Zentrierung auf gesellschaftliche Institutionen als Orte der Vermittlung von individuellem Handeln und sozialstrukturellen Bedingungen ermöglicht es, mikro-, meso- und makrosoziale Interdependenzen in den Mittelpunkt zu rücken und bisher zum großen Teil verdeckten, da indirekten Strukturierungen von Geschlechterverhältnissen auf die Spur zu kommen. Aus dieser Perspektive relativiert sich die in der Lebenslaufforschung dominierende Individualisierungs-These zugunsten der Erkenntnis, dass Individuen sich durch institutionelle Eigenlogiken untereinander vernetzt sehen, die sie in neue Zwickmühlen bringen. Der Beitrag von Lebenslauf-Institutionen zur Rekonstruktion einer Geschlechterordnung gerät zwar zunehmend in Widerspruch zu Anforderungen an das individuelle Management der eigenen Biographie, doch der relationale Bezug zwischen Institutionen scheint Familie und Geschlecht weder aus ihren subjektiven Verpflichtungsmustern zu entlassen, noch aus ihrer sozialstrukturellen Vermittlerrolle zwischen biographischen Optionen und inkompatiblen institutionellen Verfügbarkeits-Ansprüchen.
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Jörg Rössel
Mobilisierung und Streikverhalten. Eine Analyse des amerikanischen Stein- und Anthrazitkohlenbergbau am Ende des 19. Jahrhunderts

Der Artikel untersucht die Streikaktivität der Arbeiterschaft in zwei nahe verwandten Industrien, dem amerikanischen Stein- und Anthrazitkohlenbergbau am Ende des 19. Jahrhunderts. Es zeigt sich, dass die Beschäftigten der beiden Branchen trotz einer relativ ähnlichen Position in der Klassenstruktur ein deutlich voneinander abweichendes Streikverhalten aufweisen. Als entscheidende Mobilisierungsbedingungen erweisen sich erstens die Gegenstrategien und Ressourcen der Unternehmen, zweitens das Ausmaß der gewerkschaftlichen Organisation, drittens die soziale Differenzierung der Belegschaften, viertens die Konjunkturabhängigkeit und damit die Unsicherheit der Löhne und fünftens die Autonomie und damit die Interaktionsmöglichkeiten der Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz. Die Ergebnisse führen zu der These, dass gleichartige Klassenstrukturen nicht notwendig zu ähnlichen sozialen und politischen Konflikten führen. Die Mobilisierung zu Konflikten ist dagegen von spezifischen Bedingungen abhängig, die eigenständig untersucht werden müssen.
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Zusammenfassungen 1998
Heft 4/2000
 
Uwe Schimank
Gesellschaftliche Integrationsprobleme im Spiegel soziologischer Gegenwartsdiagnosen.

Ein prominentes Thema soziologischer Zeitdiagnosen sind nach wie vor Integrationsprobleme der modernen Gesellschaft. Wichtige Gegenwartsdiagnosen der letzten zwanzig Jahre aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten werden im Hinblick auf ihre Aussagen zu den drei Dimensionen gesellschaftlicher Integration – Systemintegration, Sozialintegration und ökologische Integration – analysiert.
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Thomas Schwinn
Inklusion und soziale Ungleichheit.

Im Mittelpunkt des Artikels steht die Frage, wie funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit als die beiden wichtigsten makrostrukturellen Konzepte der Analyse moderner Gesellschaften verknüpft werden können. Ausgehend von der Differenzierung verschiedener Ordnungen mit je eigenen Ungleichheitskriterien stellt sich die Frage, wie die übergreifenden Schichtungsverhältnisse zustande kommen. Entgegen der systemtheoretischen These je spezifischer Inklusionen und Exklusionen wird hier von empirisch aufweisbaren ungleichheitsprägenden Inklusionsverkettungen zwischen verschiedenen ordnungsbezogenen Partizipationsbedingungen ausgegangen. Erklärt werden diese mit drei Machtressourcen: Bildung und die damit verbundene Deutungskompetenz, ökonomische Chancen und politische Macht, die zwischen den Ordnungen konvertierbar und dadurch institutionell wie stratifikatorisch verwendbar sind. Im Schnittfeld dieser drei Ressourcen und damit des Zusammenhangs von Differenzierung und sozialer Ungleichheit steht der Beruf, mit dem die Feingliederung der Schichtverhältnisse erklärt wird. Die ungleichheitsprägenden Schließungs- und Monopolisierungsbestrebungen stellen ein eigenständiges Strukturierungsfeld dar, das aus dem Differenzierungsprinzip nicht abgeleitet werden kann.
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Ingrid Gilcher-Holtey
Der Transfer zwischen den Studentenbewegungen von 1968 und die Entstehung einer transnationalen Gegenöffentlichkeit.

Analysiert werden die Veränderungen des Kommunikationsraumes, der Diskursformen und Partizipationschancen, welche die Studentenbewegungen von l968 herbeigeführt haben. Ausgehend vom Internationalen Vietnam-Kongress, der in Berlin am 17. und 18. Februar l968 stattgefunden hat, wird der Transfer von Ideen und Aktionsformen zwischen den Bewegungen vor und nach dem Kongress skizziert und die Handlungsdynamik "kollektiver Sinnstrukturen" akzentuiert, die nicht an die "direct relational" oder "non-relational channels" der Kommunikation zwischen Bewegungen geknüpft sind. Geprüft wird, ob und wie eine transnationale "Gegenöffentlichkeit" unter den Bedingungen der "Medienöffentlichkeit" entstehen und wirksam werden konnte.
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Andreas Heinemann-Grüder
Ist Europa "demokratiefähig"?

Das sogenannte Demokratiedefizit der EU wird gemeinhin auf drei Arten reflektiert. Intergouvernementalisten bestreiten es, den Anhängern eines organischen Nationenbegriffs fehlt die soziale Legitimation, schließlich erkennen einige Politikwissenschaftler in den Euro-Netzwerken eine der Transnationalität angemessene Form deliberativer Demokratie. Die drei Reflektionsweisen werden einem normativen Verständnis von demokratischem Konstitutionalismus gegenüber gestellt, dessen Grundidee im Gesellschaftsvertrag einer freien Bürgergesellschaft besteht. Im Unterschied zu institutionellen Antworten auf das Demokratiedefizit, die die Identifikation mit Europa den inklusiven und aggregierenden Eigenschaften von Institutionen zusprechen, wird die Notwendigkeit einer positiven Legitimation der Bestandsgründe der EU für eine Verfassungsgebung hervorgehoben. Als entscheidende Implikation einer Konstitutionalisierung der EU stellt sich die Komplementarität der nationalen Souveränitäten und der Euro-Souveränität heraus. Der Aufsatz plädiert für einen konstitutionalistischen Prozess, der die Gemeinsamkeiten im Verfassungstelos der nationalstaatlichen Verfassungen politisiert.
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Andreas Langenohl
Politische Kultur in den Zeiten der Konfliktenttarnung: Zur postkommunistischen Modernisierung kollektiver Erinnerungspraktiken.

Es werden ein theoretisches Konzept und eine empirische Operationalisierung politischer Kultur entwickelt, die den Bedingungen der "postnationalen Konstellation" Rechnung tragen sollen: der empirischen und normativen Abwertung des Nationalstaats als Regulationsinstrument wie auch als Identifikationsfokus. Die nationale Form wird besonders in den postsozialistischen Ländern zum Problem, da es hier zu einer Enttarnung von kulturellen Konflikten kommt, die unter dem sozialistischen Regime unterdrückt worden waren, heutzutage aber keine ausschließlich affirmative Bezugnahme auf "Nation" mehr zulassen. Dem entsprechend wird politische Kultur aus der Perspektive eines diskursethisch informierten Zivilgesellschaftskonzepts formuliert, das öffentliche Debatten der kollektiven Selbstverständigung in den Mittelpunkt rückt. Politische Kultur, so verstanden, ist vorfindlich in Debatten über die kollektive Vergangenheit, weil sich in diesen die argumentativen Mikrostrukturen, die jenem Verständnis politischer Kultur zugrunde liegen, besonders deutlich zeigen. Die Skizze einer Erinnerungsdebatte im gegenwärtigen Russland dient zur Exemplifizierung der Thesen und führt zu der Einschätzung, dass das postsowjetische Russland im Zeitraffer die Prozesse nachvollzieht, die für hochmoderne Gesellschaften typisch sind, allerdings unter dilemmatischen Bedingungen.
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Stefan A. Litz
Die Zitadellengesellschaft: Soziale Exklusion durch Privatisierung und Befestigung urbaner Lebenswelten.

In den Vereinigten Staaten wie auch in einer Reihe anderer westlicher Industrienationen ist seit einiger Zeit eine radikale Privatisierung und Befestigung von urbanen Lebensräumen zu verzeichnen. In sogenannten "gated communities" wird kollektiver und traditionell öffentlich genutzter Raum zum interdiktorischen Raum redefiniert. Der breiten Öffentlichkeit wird der Zutritt zu diesen Territorien mit Hilfe von Zäunen, Mauern und Überwachung der Zugänge durch moderne Sicherheitssysteme bzw. durch Angehörige privater Sicherheitsdienste verwehrt. Hauptziel dieser Einrichtungen ist die soziale Exklusion unerwünschter Personen zur Sicherstellung physischer, sozialer und kultureller Integrität der Bewohner. Inzwischen existieren in den USA schätzungsweise mehr als 20.000 dieser Anlagen, in denen etwa acht Millionen Menschen Zuflucht vor den insbesondere in den Großstädten virulenten sozialen Problemen suchen. Die radikale räumliche Abschottung hat jedoch gravierende soziale, kulturelle, politische und psychische Konsequenzen. In diesem Beitrag werden Ursachen, Typen und Formen der als "Zitadellen der Sicherheit" bezeichneten Lebensräume sowie Konsequenzen ihrer Proliferation kritisch diskutiert.
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Rolf Lindner
Not bad stuff. Robert E. Park als literarischer Held.

Robert Ezra Park, der "Kopf" der Chicago School of Sociology, hat seine Laufbahn bekanntlich als Reporter und Redakteur begonnen, sich an literarischen Werken versucht und sich literarischer Werke als Quelle bedient. Weniger bekannt ist, dass er selber zur Figur einer literarischen Darstellung geworden ist. In "Organized Crimes" (1984), einem Roman von Nicholas von Hoffman, spielt Robert Park eine tragende Rolle als Soziologieprofessor. Der Artikel geht der Frage nach, woher der Autor seine detaillierten Kenntnisse hat, die bis hin zu Parks Vorliebe für Anzüge aus schwarz-grünem Plaid ("... attributed around the department to an allegedly gamey youth spent as a newspaper reporter") reichen. Die Story des Romans und die Biographie des Autors führen uns auf die Spur. Saul Alinsky, radikaler Community-Organizer in Chicago und Mentor von Nicholas von Hoffman, hatte Ende der 1920er Jahre am Chicagoer Department studiert. "Organized Crimes" kann also durchaus auch als eine Quelle für die Geschichte des Departments zur Hochzeit der Chicago School gelesen werden.
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