Berliner Journal für Soziologie
 
 Home
 Aktuelles Heft
 Vorschau
 Archiv
 Bestellung
 Kontakt
 Manuskripte
 English Version

 

 

Die neue Online-Ausgabe des
Berliner Journal für Soziologie
finden Sie unter:
www.bjs-digital.de

 

Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Zusammenfassungen 2002






















Zusammenfassungen 2000
Heft 1/2002
 
Jens Alber
Modernisierung als Peripetie des Sozialstaats?

Tief greifende VerŠnderungen wie der demographische Wandel, zunehmende FrauenerwerbstŠtigkeit, wachsende BeschŠftigungsprobleme gering Qualifizierter sowie die ethnisch-kulturelle Heterogenisierung als Resultat von Migrationsprozessen setzen die Sozialpolitik europŠischer Gesellschaften zunehmend unter VerŠnderungsdruck. Welche politischen Maßnahmen ergriffen werden, bestimmt sich daraus, was politische Eliten fŸr geboten erachten und einflussreiche VerbŠnde und WŠhler fŸr akzeptabel halten. Die Analyse des jŸngsten Wandels der Sozialpolitik in den Mitgliedstaaten der EU zeigt, dass die Ausdehnung traditioneller sozialpolitischer Programme zwar zu Beginn der 90er Jahre ihren Hšhe- und Wendepunkt erreicht hat, dass Umstrukturierungen der Leistungs- und Finanzierungsstruktur des Sozialstaats sich bislang aber in engen Grenzen hielten. Die aktuelle Suche nach einem neuen Dritten Weg zwischen liberaler angelsŠchsischer Wachstumspolitik und sozialdemokratischer europŠischer Arbeits- und Sozialpolitik ist von einer erheblichen Ambivalenz gekennzeichnet. Geht es einerseits darum, die Formierung einer Unterklasse durch die mšglichst breite Integration gering Qualifizierter in den Arbeitsmarkt zu verhindern, so sind andererseits mit der Verpflichtung zur Eigenverantwortung und Arbeitsaufnahme auch disziplinierende und repressive Elemente verbunden. Die Anpassung des Sozialstaats an gesellschaftliche VerŠnderungen besteht insofern keineswegs ausschließlich in seiner Flexibilisierung im Sinne des AbrŸckens von NormalitŠtsfiktionen, sondern auch in der Durchsetzung von Standards des Wohlverhaltens, die in ethnisch-kulturell heterogenisierten Gesellschaften als Fremdkontrollen an die Stelle weniger allgemeiner Selbstkontrollen treten.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Walter MŸller/Hildegard Brauns /Susanne Steinmann
Expansion und ErtrŠge tertiŠrer Bildung in Deutschland, Frankreich und im Vereinigten Kšnigreich

Dieser Beitrag untersucht in einem Vergleich von Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Kšnigreich die institutionelle Struktur des tertiŠren Bildungssystems sowie die ErtrŠge unterschiedlicher Formen tertiŠrer Bildung auf dem Arbeitsmarkt. Er zeigt zudem, wie sich Strukturen und ErtrŠge im Zuge der Bildungsexpansion gewandelt haben. Im Ergebnis unterscheiden sich die drei LŠnder erheblich darin, wie die tertiŠren Bildungssysteme den Zugang zur BeschŠftigung in vorteilhaften Klassenpositionen formen. Das franzšsische strukturiert den Eintritt in die Dienstklassen eindeutig am stŠrksten, das System im Vereinigten Kšnigreich am wenigsten, wŠhrend Deutschland eine mittlere Position einnimmt. Der Aufsatz zeigt, worin dieses unterschiedliche Ausmaß der Strukturierung spŠterer Berufschancen begrŸndet ist. Im Hinblick auf die Folgen der Bildungsexpansion ist in allen LŠndern eine leichte Verringerung der absoluten BildungsertrŠge festzustellen, von der die Absolventen an der Spitze des Bildungssystems in allen drei LŠndern am wenigsten betroffen sind. Die relativen ErtrŠge unterschiedlicher tertiŠrer AbschlŸsse im VerhŠltnis zueinander und im Vergleich zu AbschlŸssen auf dem Sekundarniveau verŠndern sich aber kaum. Nur in Deutschland sind die Berufsperspektiven der Fachhochschulabsolventen denen von Absolventen universitŠrer StudiengŠnge zunehmend Šhnlicher geworden.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Armin Nassehi/Susanne BrŸggen/Irmhild Saake
Beratung zum Tode. Eine neue ars moriendi?

Dieser Artikel prŠsentiert Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung deutschsprachiger Ratgeberliteratur zu Sterben, Tod und Trauer. Vor dem Hintergrund eines allgemeinen Beratungsbooms widmet sich der Aufsatz der Frage, welche Funktion Beratung, speziell die Beratung zum Tode, in der modernen Gesellschaft haben kann. Beratung wird als Kommunikative Gattung definiert, die in erster Linie auf das Problem der "fragilen AnschlussfŠhigkeit" " insbesondere bei schriftlichen Ratgebern " verweist. Eine Auswertung der Ratgeberliteratur zum Thema Tod zeigt, dass man anhand der Texte drei typische Problemhorizonte unterscheiden kann, in denen der Tod platziert wird. Die Bedeutung des Todes lŠsst sich somit nur im Hinblick auf die Erwartungsstrukturen erschließen, die in den Texten typischerweise konstruiert werden. Tod kann dann verstanden werden erstens als Abschied vom Leben, zweitens als bedeutungsloser Zwischenfall oder drittens als gleiches Schicksal fŸr alle. Dieser Typologie entsprechen drei unterschiedliche Kontexturen. Damit bestŠtigt sich die Vermutung, dass die moderne Gesellschaft keine ars moriendi mehr kennt. Stattdessen finden sich kommunikative "RŠume", innerhalb derer das Unsagbare sagbar gemacht werden kann.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Henning Nuissl
Bausteine des Vertrauens " eine Begriffsanalyse

Vertrauen ist in den vergangenen Jahren zu einem in den Wirtschafts-, aber auch den Sozialwissenschaften populŠren Forschungsgegenstand geworden. Es wird mit verschiedenen Fragestellungen sowie unter Zugrundelegung unterschiedlicher handlungstheoretischer Grundannahmen untersucht. Dementsprechend existiert eine ganze Reihe wissenschaftlicher Vertrauenskonzepte, die vielfach kaum kompatibel sind: Šhnlich wie in der Sprache des Alltags wird auch im wissenschaftlichen Diskurs eine mehr oder minder heterogene Klasse von Beziehungen und Entscheidungen unter dem Begriff des Vertrauens gefasst. Dieser Beitrag mšchte einen systematischen †berblick Ÿber die Gemeinsamkeiten und Unterschiede wissenschaftlicher Vertrauenskonzepte geben. Zu diesem Zweck werden einzelne Dimensionen des PhŠnomens "Vertrauen" unterschieden, entlang derer eine Begriffsanalyse erfolgt. Hinter dieser Begriffsanalyse steht das fernere Erkenntnisinteresse, den Blick fŸr potenzielle Vertrauensressourcen zu schŠrfen, entsprechend der Einsicht, dass sich Vertrauen als eine Form von "social capital" verstehen lŠsst. Die Identifikation von Vertrauensressourcen erfordert es, unterschiedliche empirische Formen des Vertrauens prŠzise zu unterscheiden.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Manfred Garhammer
Zeitarbeit " ein Muster fŸr die Arbeits- und Betriebsorganisation der Zukunft?

Vielfach wird Zeitarbeit als Muster fŸr die Arbeits- und Betriebsorganisation der Zukunft gesehen, das heißt, fŸr die VerknŸpfung von FlexibilitŠt im Personaleinsatz und von BeschŠftigungssicherheit fŸr Zeitarbeitnehmer. Wenngleich diese BeschŠftigungsform in Deutschland erst ein Prozent der BeschŠftigungsformen ausmacht, lassen sich an ihr, einem DreiecksverhŠltnis zwischen Verleih-, Entleihunternehmen und Zeitarbeitnehmer, generelle Entwicklungstendenzen von Arbeit und Betrieb aufzeigen: die Erosion des NormalarbeitsverhŠltnisses, der †bergang von Arbeits- auf "KaufvertrŠge" von Arbeit, die Hybridisierung von ArbeitsvertrŠgen und die Bearbeitung der Risiken fŸr Unternehmen durch ihre Externalisierung. Damit einher geht ein Wandel der Betriebsorganisation durch horizontale Netzwerke und der Organisationsrolle der Arbeitnehmer durch "just in time"-Abruf anstelle dauerhafter Inklusion. Entspricht die geforderte MobilitŠt zwischen Betrieben und Arbeitsorten einem Trend im Lebensstil? Worin bestehen Auswirkungen auf die berufliche, personale und soziale IdentitŠt? Ausgehend von theoretischen †berlegungen Ÿber die Institution des NormalarbeitsverhŠltnisses und die Segmentierung von ArbeitsmŠrkten untersucht der Beitrag diese Fragen empirisch auf der Basis neuer europŠischer und deutscher Daten zu Diffusion, Struktur und Wirkungen von Zeitarbeit. Die Folgen fŸr das deutsche Modell der Arbeitsorganisation werden mit den Stichworten Hybridisierung, PfadabhŠngigkeit und Einpassung in das deutsche Modell zusammengefasst.
Zur InhaltsŸbersicht





















Zusammenfassungen 2002
Heft 2/2002
 
Hans-Peter MŸller
Die Einbettung des Handelns. Pierre Bourdieus Praxeologie

Der Artikel rekonstruiert die GrundzŸge der Handlungstheorie Pierre Bourdieus anhand dreier Thesen: Die werkgeschichtliche These behauptet die KontinuitŠt des Bourdieu’schen Denkens, die methodologische reklamiert die †berwindung der zentralen Schismen der Sozialtheorie, die theoretische geht davon aus, dass sein Ansatz ein fruchtbares Zusammenspiel von Sozialstruktur und Kultur eršffnet. Auf dieser Grundlage entwickelt der Aufsatz schrittweise Bourdieus Ansatz und demonstriert dabei dessen handlungstheoretische Fruchtbarkeit, und dies sowohl entlang der vertikalen als auch der horizontalen Achse. Die Rekonstruktion des Bourdieu’schen Ansatzes zeigt, dass dieser alle typischen Probleme der Handlungstheorie konstruktiv aufnimmt. Er markiert damit zugleich die Bedeutung der Trias Struktur"Habitus"Praxis innerhalb und außerhalb der Soziologie.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Klaus Kraemer
Charismatischer Habitus. Zur sozialen Konstruktion symbolischer Macht

In diesem Beitrag wird vorgeschlagen, die Arbeiten Pierre Bourdieus als kultursoziologische Wiederaufnahme bzw. Erweiterung der Weber’schen Charismaproblematik zu deuten. Wie im Einzelnen dargelegt wird, ist dieser RŸckbezug auf Weber gleichwohl an einige grundlegende Revisionen gebunden. Im Gegensatz zu Weber fasst nŠmlich Bourdieu Charisma nicht als Sonderform legitimer politischer Herrschaft auf ("FŸhrertum"), sondern als Dimension jeder Form symbolisch vermittelter Macht. WŠhrend Weber den Charismabegriff fŸr außeralltŠgliche Ereignisse reserviert und damit als Gegenpol zum Alltag einfŸhrt, kšnnen mit Bourdieu charismatische Zuschreibungsprozesse in alltŠglichen kulturellen Praktiken in den Blick genommen werden. Schließlich trŠgt der Charismabegriff im Werk Webers heroische und naturalistische ZŸge, die sich letztlich einer soziologischen ErklŠrung entziehen. DemgegenŸber kann Bourdieu mit den Begriffen Habitus und kulturelles Kapital ein Instrumentarium anbieten, mit dem die Aufmerksamkeit auf die soziale Konstitution und Reproduktion charismatisch vermittelter symbolischer Macht selbst gerichtet werden kann.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Margit Weihrich
Die RationalitŠt von GefŸhlen, Routinen und Moral

Im Gegensatz zum Handlungsmodell des homo sociologicus kann ein Modell rationalen Handelns eine ErklŠrung dafŸr anbieten, warum Akteure Regeln fŸr ihr Zusammenleben brauchen, denn gerade durch ihr eigennŸtzig kalkulierendes rationales Handeln geraten sie in dilemmatšse Situationen, denen sie gerne entkŠmen. Aus diesem Grund wird hier ein Modell rationalen Handelns als Basis eines allgemeinen Modells soziologischer ErklŠrung empfohlen; gleichzeitig aber sollte das verwendete Handlungsmodell auch erklŠren kšnnen, wie sich Lšsungen solcher Abstimmungsprobleme etablieren lassen. HierfŸr aber stŸnden rationale Akteure viel besser da, wenn es ihnen gelŠnge, nicht immer rational zu sein. Man kŠme in die kollektive Gewinnzone, wenn man GefŸhlsbindungen eingehen, Routinen entwickeln oder moralische Regeln befolgen kšnnte. Im RŸckgriff auf drei einschlŠgige Untersuchungen unternimmt der Aufsatz den Versuch, das Zustandekommen von Selbstbindungen aufzuzeigen, ohne den Kern des Modells rationalen Handelns " die Verfolgung der eigenen Interessen " aufgeben zu mŸssen.
Zur InhaltsŸbersicht



 
André Brodocz
Institution als symbolische Form

Ernst Cassirers "Philosophie der symbolischen Formen" (PSF) dient gegenwŠrtig in den Institutionentheorien von Gerhard Gšhler und Karl-Siegbert Rehberg als ErklŠrung fŸr die generell konstitutive Bedeutung der symbolischen Dimension von Institutionen. In diesem Beitrag wird ŸberprŸft, in welcher Hinsicht und mit welchen Konsequenzen die jeweilige Integration von Cassirers PSF vollzogen wird. Dabei werden drei Thesen entfaltet: (1) Gšhlers Integration der Cassirer’schen Kategorien fŸhrt zu einer Auflšsung der PSF innerhalb dieser Institutionentheorie, wŠhrend Rehbergs RŸckgriff auf Cassirer eine Auflšsung seiner Institutionentheorie in der Gesellschaftstheorie bedeutet. (2) Trotz dieses Unterschieds beruhen die Schwierigkeiten beider AnsŠtze auf demselben Problem: Sie nehmen die PSF immer nur in ihrer Relevanz fŸr die GegenstŠnde in Anspruch, die sie als Institutionen bezeichnen, aber nicht fŸr den Institutionenbegriff selbst. (3) Abschließend wird noch kurz zur Diskussion gestellt, warum genau dieser Aspekt eine Mšglichkeit bietet, Institution selbst als symbolische Form zu begreifen.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Ursula Mense-Petermann
KontinuitŠt und Wandel .Zum ErklŠrungspotenzial institutionalistischer AnsŠtze in der Transformationsforschung

Nach einer ersten Phase der "Ad-hoc-Transformationsforschung" (Hradil 1996) begann mit einiger VerspŠtung die Debatte um theoretische ErklŠrungsmšglichkeiten der postsozialistischen Transformationsprozesse. AnknŸpfend an kritische Auseinandersetzungen mit so genannten "grand theories" wird hier fŸr die Nutzung neoinstitutionalistischer Theorieangebote in der Transformationsforschung plŠdiert. Der Aufsatz will zur KlŠrung des verwendeten Institutionenbegriffs beitragen und versucht " in Reaktion auf kritische EinwŠnde gegen institutionalistisch inspirierte Transformationsforschungen " zu zeigen, dass ein AnknŸpfen an neoinstitutionalistische Theorieangebote weder mit einer Abstraktion von Akteuren und Akteurshandeln verbunden ist, noch die KontinuitŠten der alten Ordnung Ÿberbetont. Meine These ist vielmehr, dass mit einem neoinstitutionalistischen Ansatz auch rapide und tiefgreifende Wandlungsprozesse erklŠrt werden kšnnen, ohne jedoch den in der Transformationsforschung zunŠchst verbreiteten "Tabula-rasa-Vorstellungen" zu verfallen.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Axel P. Paul
Money Makes the World Go Round. †ber die Dynamik des Geldes und die Grenzen der Systemtheorie

Der Aufsatz untersucht die StŠrken und SchwŠchen einer systemtheoretischen Konzeption der Wirtschaft. Im Unterschied zu einer allein mit dem Datenkranz oder der sozialen Einbettung škonomischer Prozesse befassten Wirtschaftssoziologie erhebt die Systemtheorie den Anspruch, auch Theorie der Wirtschaft zu sein. Es wird argumentiert, dass sie diesen Anspruch im Wesentlichen einlšst und die moderne Ökonomie im Unterschied zu herkšmmlichen Modellen der Neoklassik als Geldwirtschaft zu verstehen erlaubt. WŠhrend die Systemtheorie auf der einen Seite die dem Kommunikationsmedium Geld selbst inhŠrente Dynamik erhellt, welche (zumindest) das Wirtschaftssystem zur permanenten SelbstŸberwindung treibt, muss auf der anderen Seite der von Luhmann behauptete Systemrelativismus, demzufolge die moderne Gesellschaft kein Zentrum mehr kenne, in Frage gestellt werden.
Zur InhaltsŸbersicht





















Zusammenfassungen 1998
Heft 3/2002
 
Thomas Luckmann
VerŠnderungen von Religion und Moral im modernen Europa

Religion ist keine vorŸbergehende Phase in der Evolution der Menschheit. Sie ist ein universales Merkmal der Conditio humana; sie verarbeitet Transzendenz. In der alltŠglichen Erfahrung begegnen wir zwei Ebenen der Transzendenz: den fortlaufenden kleinen Transzendenzen, die durch die Grenzen von Raum und Zeit auferlegt werden, und den mittleren Transzendenzen, die sich aus der Andersheit unserer Mitmenschen ergeben. In TrŠumen, Ekstasen, Meditationen, extremen Schmerzen und im Angesicht des Todes stoßen wir hingegen an die Grenzen des Alltagslebens selbst und machen Erfahrungen der großen Transzendenzen. Die Ausbreitung der SŠkularisierung markiert das Auftreten einer historisch besonderen Form der Religion " ihrer privatisierten sozialen Form. Religion wurde zum Glauben, Moral zum Gewissen, beides sozial definierte subjektive Wirklichkeiten. Die "Inhalte" der privatisierten Sozialform der Religion werden Ÿber das Fernsehen, eine breite "devotionale" Literatur sowie populŠrwissenschaftliche BŸcher verbreitet. Sie zeichnen sich durch eine Verlagerung der Transzendenzen aus, die sie bewŠltigen " von den großen zu den mittleren und vor allem den kleinen. Die rationalistische Sichtweise jedoch, die Religion als ein vorŸbergehendes historisches PhŠnomen ansah, ist offensichtlich falsch.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Hubert Knoblauch
Ganzheitliche Bewegungen, Transzendenzerfahrung und die Entdifferenzierung von Kultur und Religion in Europa

Ausgehend von der Beobachtung einer religišsen Resakralisierung beschŠftigt sich der Beitrag mit der vermeintlichen Sonderrolle Europas. Europa gilt manchen als (letzte) Bastion der SŠkularisierung - mithin eine Ausnahme auf globaler Ebene. Dagegen will der Aufsatz zeigen, dass die Entwicklung in Europa sehr große Šhnlichkeiten mit den religišsen PhŠnomenen hat, die auf weltweiter Ebene zunehmen. Es handelt sich um pfingstlerische, charismatische Bewegungen, die sich durch einen Antiinstitutionalismus und eine starke Erfahrungsorientierung auszeichnen. Diese Erfahrungsorientierung ist auch in der alternativen ReligiositŠt ausgeprŠgt, die in Europa eine starke Verbreitung gefunden hat. Sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas finden sich also Bewegungen, die das pflegen, was man im Anschluss an SchŸtz und Luckmann als Erfahrungen großer Transzendenz bezeichnen kann. Sie sind Teil eines Prozesses der Subjektivierung und Betonung der Ganzheitlichkeit, die strukturell zu einer Entdifferenzierung von Kultur und Religion fŸhren.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Armando Salvatore/Schirin Amir-Moazami
Grenzgänge: Stiften zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und symbolischer Anerkennung

Die jŸngere Forschung zum sozialen Handeln von Muslimen in westeuropŠischen EinwanderungslŠndern hebt hŠufig die reflexive Individualisierung von Lebensformen und religišsen Gesinnungen vor allem junger Muslime hervor. Der folgende Beitrag hinterfragt die diesem Ansatz zugrunde liegende Annahme eines Wertekanons ziviler europŠischer Gesellschaften und Öffentlichkeiten, in die sich in Europa sozialisierte junge Muslime vermeintlich einfŸgen und muslimische IdentitŠten "europŠisch" rekonstruieren. Dieser Transformationsprozess wird in diesen Theorien sowohl im Hinblick auf die familiale Lebenswelt wie im Hinblick auf die šffentliche SphŠre, in denen Muslime agieren, unterschŠtzt. Im RŸckgriff auf AnsŠtze der historisch-vergleichenden Soziologie und der Religionsanthropologie erarbeitet der Aufsatz zunŠchst einen Begriff von "Tradition", der die Konstituierung, Verwaltung und Transformation von religišsen Diskursen, Praxen und Subjekten diachronisch und transgenerationell erklŠrt und der Gleichzeitigkeit von sozialer Einbettung und diskursiver Autonomie von Tradition Rechnung trŠgt. Wir zeigen, dass die sozialen Praktiken von Muslimen in Europa eine Transformation erfahren, die ihre besondere Grundlage im muslimischen Reformdiskurs im kolonialen und postkolonialen Kontext mehrerer Zentren der islamischen Welt hat. Der Fall junger Kopftuch tragender Musliminnen in Deutschland und Frankreich, die der zweiten und dritten Migrantengeneration angehšren, zeigt schließlich weder eine selbst-reflexive IdentitŠtssuche noch das "coming out" der Heldinnen einer nicht-westlichen ModernitŠt, sondern ein praxisorientiertes und wissensgestŸtztes RŠsonieren der jungen Frauen Ÿber die Wiedereinbettung des Traditionsdiskurses in die sozialen Felder (Familie, Studium, Arbeit und islamische Vereine), in denen sie operieren. Ihr Streben, das von der Traditionsdynamik der KohŠrenzsuche geleitet wird, konfiguriert eine "Alltagspolitik", in der die Frauen ihre islamisch inspirierten Lebensprojekte gleichzeitig von moralisch erstarrten familiŠren "Lebenswelten" und von normativ erstarrten politischen Öffentlichkeiten abkoppeln und kultivieren.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Klaus Eder
EuropŠische SŠkularisierung " ein Sonderweg in die postsŠkulare Gesellschaft? Eine theoretische Anmerkung

Religion ist ein PhŠnomen, das mit der Zunahme der Umlaufgeschwindigkeit von Kommunikation zunimmt. Je mehr Gesellschaften sŠkularisiert werden, umso mehr erhšht sich religišse Kommunikation. Dieses Paradox wird zunŠchst theoretisch kommentiert und als Herausforderung fŸr kommunikationstheoretisch ansetzende Gesellschaftstheorien aufgenommen. Zunehmende religišse Kommunikation produziert weiterhin " Ÿber die alten institutionalisierten Formen hinaus " neue soziale Formen religišser Kommunikation, die in besonderen Forschungsfeldern thematisiert werden: in der Forschung zu den neuen religišsen Bewegungen, in der Forschung zur Mobilisierung religišser Differenz, sowie in der medialen VerstŠrkung religišser Kommunikation. Unter diesem Blickwinkel erscheint die Beschreibung Europas als eines sŠkularen Kontinents als theoretisch zu einfach und empirisch irrefŸhrend. Die These der "unsichtbaren Religion" hat dieses Bild zwar zu korrigieren begonnen. Die These der "neuen Sichtbarkeit" von Religion in Europa geht darŸber noch hinaus. Religion wird " entgegen der SŠkularisierungserwartung " zunehmend ein šffentliches PhŠnomen. Europa lŠsst sich als ein šffentlicher Raum beschreiben, in dem religišse Kommunikation mit dem SelbstverstŠndnis moderner šffentlicher Kommunikation zusammentrifft und beides, religišse Kommunikation wie die Öffentlichkeit, in der kommuniziert wird, zur weiteren Reflexion und kognitiven Dezentrierung des SelbstverstŠndnisses von ModernitŠt zwingt.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Steffen Mau
Wohlfahrtsregimes als ReziprozitŠtsarrangements. Versuch einer Typologisierung

Der Artikel beschŠftigt sich mit der sozialen Akzeptanz des Wohlfahrtsstaates. Ausgehend von einer Kritik an AnsŠtzen, die die soziale UnterstŸtzung fŸr den Wohlfahrtsstaat vornehmlich aus den von ihm gemachten Leistungsangeboten ableiten, richtet der Artikel das Augenmerk auf den Wohlfahrtsstaat als normativen Anerkennungszusammenhang. Das Konzept der Moralškonomie wird als konzeptioneller Rahmen eingefŸhrt, um zu zeigen, dass Sozialtransfers auf normativen Vorstellungen Ÿber Angemessenheit und Fairness aufsitzen. Es wird gezeigt, dass es vor allem ReziprozitŠtsnormen sind, die einen SchlŸssel zum VerstŠndnis der Moralškonomie des Wohlfahrtsstaates liefern. Damit rŸcken unterschiedliche institutionelle Designs und die Art und Weise, wie sie bestimmte ReziprozitŠtserwartungen befestigen und validieren, in den Mittelpunkt der Analyse. Auf der Grundlage einer analytischen Differenzierung unterschiedlicher ReziprozitŠtsnormen werden verschiedene idealtypische Modelle sozialstaatlicher Sicherung herausgearbeitet. Der Artikel versteht sich sowohl als Beitrag zur Erkundung der normativ-motivationalen Grundlagen des Wohlfahrtsstaates als auch zur anhaltenden Typologiediskussion in der Wohlfahrtsstaatsforschung.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Karsten Grabow
Der Weg zur VollbeschŠftigung. Sozialdemokratische Arbeitsmarktpolitik unter den Bedingungen globaler KonjunkturschwŠche

Nach einer kurzen Phase der Erholung haben sich die Arbeitsmarktdaten der Bundesrepublik trotz aller BemŸhungen der Regierung, die Zahl der Arbeitslosen zu senken, wieder deutlich verschlechtert. Dieser Beitrag untersucht in vergleichender Sicht die Arbeitsmarktentwicklung in vier weiteren LŠndern, die wie Deutschland von sozialdemokratischen Parteien (mit)regiert werden,und versucht GrŸnde zu finden, die die großen Varianzen der Arbeitsmarktdaten zwischen den LŠndern erklŠren kšnnen. Das Argument lautet, dass den Regierungen ungeachtet aller nationalen und internationalen ZwŠnge, die sich u.a. aus engen BudgetspielrŠumen, internationalen Verpflichtungen und nicht zuletzt aus globalen Konjunkturschwankungen ergeben, politische Mittel zur VerfŸgung stehen, die bei konsequenter Anwendung die Arbeitsmarktentwicklung positiv beeinflussen kšnnen. Nach einem Blick auf einzelne PolitikansŠtze folgen eine vergleichende Erfolgsbewertung der Regierungsmaßnahmen zum Abbau der Arbeitslosigkeit und ein Ausblick auf notwendige Reformschritte in Deutschland.
Zur InhaltsŸbersicht





















Zusammenfassungen 2002
Heft 4/2002
 
Harald Wenzel
Jenseits des Wertekonsensus. Die revolutionŠre Transformation des Paradigmas sozialer Ordnung im SpŠtwerk von Talcott Parsons

Die Lesart von Parsons’ Theorie ist heute dominiert von einem normativistischen Modell sozialer Ordnung, wie es Parsons in der voluntaristischen Handlungstheorie und im Strukturfunktionalismus entwickelt hat: das Modell eines gemeinsamen, moralisch verpflichtenden Systems von Wertorientierungen, einer shared culture. Mit der Konvergenzthese hat Parsons nicht nur das zentrale Problem der sozialen Ordnung definiert und die klassische, normative Lšsungsstrategie der soziologischen Theorie ausgearbeitet, seine Theorie ist selbst die letzte, dominierende AusprŠgung der klassischen, normativen Theorie geworden. Als theoretische Leitfigur des sozialwissenschaftlichen Funktionalismus wird Parsons zum primŠren Ziel einer in vielerlei Gestalt auftretenden Kritik, die alternativen, nichtnormativen Konzeptionen sozialer Ordnung zur Geltung verhelfen will. Parsons’ Rolle in der soziologischen Theoriediskussion wird damit jedoch vorschnell festgeschrieben, die Errungenschaften von Parsons’ SpŠtwerk, des Systemfunktionalismus, geraten " bis heute " aus dem Blick: In seiner Theorie der Funktionssysteme und ihrer Ausdifferenzierung legt Parsons selbst einen alternativen, nichtnormativen Lšsungsentwurf fŸr das Problem der sozialen Ordnung vor. Zentrales Element dieses Entwurfs ist die Theorie der symbolischen Kommunikationsmedien, die fŸr die Ausdifferenzierung monofunktionaler Handlungssysteme verantwortlich sind, und hier besonders die Medien Wertbindungen, Einfluss und Affekt. Parsons Ÿberwindet damit das mechanische Ordnungsmodell eines moralisch verpflichtenden Wertekonsensus durch ein ausgefeiltes Konzept integrativer Kommunikation.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Richard MŸnch
Die Grenzen der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation. Ein modernisierungstheoretischer Blick auf die amerikanische Debatte Ÿber Multikulturalismus, Gemeinsinn und Sozialkapital

Der Aufsatz expliziert das von Talcott Parsons entwickelte theoretische Modell der gesellschaftlichen Gemeinschaft. Nach diesem Modell stellen die Vereinigten Staaten einen besonderen, nŠmlich weit von askriptiven Zugehšrigkeiten entfernten Typus der gesellschaftlichen Gemeinschaft dar. Auf diesen Typus wird im Einzelnen eingegangen und seine Struktur herausgearbeitet: zivilgesellschaftliche Selbstorganisation, Pluralismus und kompetitiver Voluntarismus. Im Anschluss daran werden die gegenwŠrtige Mutation vom Pluralismus zum Multikulturalismus und die damit verbundene Ethnisierung des Kampfes um Gleichheit dargestellt, der im weiteren Verlauf eine Vergeschlechtlichung dieses Kampfes folgt. Vor diesem Hintergrund wird die Frage des verlorenen Gemeinsinns einer in den Gruppenpartikularimus zerfallenden Gesellschaft geklŠrt: Erscheinungsformen, Ursachen und FehleinschŠtzungen.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Jens Beckert
Interpenetration versus Einbettung. Talcott Parsons im Licht der neuen Wirtschaftssoziologie

Die Auseinandersetzung mit Ökonomie und Wirtschaftswissenschaften ist ein bedeutender Schwerpunkt in Talcott Parsons’ Werk. Parsons’ Arbeiten in diesem Bereich wurden von der neuen Wirtschaftssoziologie allerdings eher kritisch betrachtet. In dem Artikel werden diese Kritiken diskutiert und auf die Frage hin untersucht, ob sie der Bedeutung der wirtschaftssoziologischen Arbeiten Parsons’ gerecht wurden. Es zeigt sich, dass die Kritiken sich zumeist nur auf dessen strukturfunktionalistische Werkphase stŸtzen. Insbesondere wird die in der systemfunktionalistischen Phase entwickelte Theorie der expressiv-symbolischen Kommunikation von Affekt ausgeblendet. Gerade die damit verbundenen Theorieentwicklungen finden jedoch direkten Anschluss an das Konzept der sozialen Einbettung als dem Kernbegriff der neuen Wirtschaftssoziologie. Eine stŠrkere VerknŸpfung mit dieser Theorie von Parsons kšnnte die neue Wirtschaftssoziologie der bis heute fehlenden handlungstheoretischen Fundierung nŠher bringen.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Hans-Peter MŸller
Die drei Welten der sozialen Ungleichheit: Belohnungen, Prestige und Citizenship. Ein Blick zurŸck auf Talcott Parsons und die funktionalistische Schichtungstheorie

Talcott Parsons’ Auseinandersetzung mit dem Problem sozialer Ungleichheit ist in der Soziologie mittlerweile in Vergessenheit geraten, die funktionalistische Schichtungstheorie gilt als erledigtes StŸck Theoriegeschichte. Der Blick zurŸck macht jedoch deutlich, dass von einer einheitlichen funktionalistischen Schichtungstheorie nicht die Rede sein kann. Die These des Aufsatzes lautet daher, dass mindestens drei Versionen der Theorie auseinander gehalten werden mŸssen: Erstens die Belohnungstheorie, wie sie neben Parsons vor allem von Kingsley Davis und Wilbert E. Moore entwickelt wurde; zweitens die Theorie moralischer Achtung, die Parsons in zwei Versionen vorgelegt hat; drittens schließlich die Theorie der Balance von Gleichheit und Ungleichheit, die Parsons im Anschluss an T.H. Marshalls Theorie der StaatsbŸrgerschaft im Kontext einer soziokulturellen Evolutionstheorie entwickelt hat. Die historisch angelegte und systematisch gerichtete Analyse dieser unterschiedlichen ZugŠnge zeigt, dass die funktionalistische Schichtungstheorie zwar gescheitert ist, sie verdeutlicht aber zugleich, dass sie wichtige Aspekte wie etwa die Unbestimmtheit, Vagheit und FluiditŠt sozialer Schichtung oder auch die enorme Bedeutung von Bildung fŸr die Verwirklichung differenzieller Lebenschancen in modernen Gesellschaften vorweggenommen hat.
Zur InhaltsŸbersicht



 
Cornelia Koppetsch/GŸnter Burkart
Werbung und Unternehmensberatung als "TreuhŠnder" expressiver Werte? Talcott Parsons’ Professionssoziologie und die neuen škonomischen Kulturvermittler

Der Beitrag untersucht, inwiefern die Professionssoziologie nach Parsons - bzw. deren Weiterentwicklung oder Modifikation - bei der Untersuchung des Berufsfeldes Werbung und Unternehmensberatung fŸr einen neuen Professionstypus fruchtbar gemacht werden kann. In der allgemeinen Theorie von Parsons geht es um das spezifisch moderne VerhŠltnis von Wertbezug und RationalitŠt. Aus diesem Grund ist die Professionstheorie von Parsons fŸr die neuen škonomischen Kulturvermittler aufschlussreich. Allerdings unterscheiden sich die neuen Kulturvermittler von den klassischen Professionen, wie sie Parsons untersucht hat: Werbeberufe orientieren sich an den expressiven Funktionen des Konsums und Unternehmensberater und -beraterinnen tragen dazu bei, individuelle AnsprŸche auf Selbstverwirklichung und IndividualitŠt in die SphŠre der Arbeit zu verankern. FŸr die Analyse dieser Berufe ist es sinnvoll, auf die Bedeutung der expressiven Kultur bei Parsons einzugehen. Mit der Theorie der symbolischen Kommunikationsmedien hat Parsons zunehmend die Idee ausgearbeitet, dass der Wertbezug von Berufen nicht starr in der Persšnlichkeitsstruktur verankert (internalisiert) und im System der Berufsrollen institutionalisiert ist, sondern "zirkuliert". Auch diese Idee, die vor allem die Rolle von Reputation als Quelle professionellen Einfluss und Anerkennung hervorhebt, trŠgt zu einem besseren VerstŠndnis der neuen škonomischen Kulturvermittler bei.
Zur InhaltsŸbersicht