© Nepomuk Nitschke: "Bleibt alles anders" Zeitstrukturen in Musikvideos. Humboldt-Universität zu Berlin 1999.

"Bleibt alles anders" Zeitstrukturen in Musikvideos

von

Nepomuk Nitschke 1999

Inhalt

1. Musikhören und Fernsehen
1.1. Die Entwicklung des Musikfernsehens
1.2. Videoclips in der Kritik
2. Die Zeit im Videoclip
2.1. Grundlegende Eigenschaften des Videoclips
2.2. Die Zeit der Technologie: Veränderungen in der Musikproduktion
2.2.1. Speicherung der Zeit
2.2.2. Der Zeitverlauf der Musikproduktion
2.3. Die Zeit des Klangs: Analogien zwischen Musik und Bild
2.3.1. Zeitspiel der Musikinstrumente
2.3.2. Zeitliche Wahrnehmung musikalischer Strukturen
2.4. Die Zeit der Worte: Zusammenhang zwischen Text und Bild
2.5. Die Zeit der Gefühle: Orte und Situationen
2.5.1. Leben in der Großstadt
2.5.2. Leben in der Erinnerung
2.5.3. Welt und Gegenwelt
3. Fazit
4. Literatur

(Die massenhafte Verbreitung populärer Musik durch Videoclips im Musikfernsehen hat ein geteiltes Echo hervorgerufen. Die Bindung des Klanges an Bilder traf bei vielen Kritikern und Hörern auf Ablehnung, bei anderen jedoch auf helle Begeisterung und bei Produzenten und Musikern knüpften sich neue Hoffnungen daran, dass durch diese Entwicklung, ihre kreativen Ausdrucksmöglichkeiten erweitert werden könnten. Auffällig ist auf jeden Fall, dass sich mittlerweile ein eigener Stil in dem Aufbau vieler Clips entwickelt hat, in denen besonders die Strukturierung von Zeit eine große Rolle spielt. Diese Arbeit will zuerst einmal den Versuch unternehmen, die verschiedenen Ebenen der Zeit in der Musik und in den Erzählstrukturen zu beschreiben und dann Möglichkeiten von Verbindungen zwischen diesen aufzuzeigen.)

1. Musikhören und Fernsehen

1.1 Die Entwicklung des Musikfernsehens

Zu der Entstehung des Musikfernsehens führten vor allem wirtschaftliche Gründe. Mitte der siebziger Jahre kam es infolge demographischer Entwicklungen in den westlichen Staaten zu einer Interessenkollision zwischen den Tonträgerherstellern und der Rundfunkindustrie, da die Zielgruppen, an denen beide Unternehmen interessiert waren, nicht mehr identisch waren. Dadurch musste sich die Musikindustrie ein neues Popularisierungsinstrument für ihre Veröffentlichungen suchen, das sie in der Form eines Fernsehsenders fanden.[1] Dieses Medium bot sich an, da der Markt für Musik in Form von Filmen in den Jahren zuvor durch die Entwicklung des Videorecorders deutlich gewachsen war.[2] Es ergab sich jedoch das Problem, dass die Songs nun neben dem auditiven über eine visuelle Komponente verfügen mussten, dass es also nötig war, zu jedem Musiktitel eine Illustration, den sogenannten Videoclip, zu erstellen. Dies entfachte nicht nur größere Produktions- und Promotionkosten, sondern es mussten zugleich jedes Mal Konzepte entwickelt werden, wie die Bilder zu den Songs aussehen sollten. Aus dem Versuchsprojekt MTV entwickelte sich schnell ein nicht nur in Amerika äußerst erfolgreicher Musiksender sondern auch zahlreiche im Konzept ähnliche Anstalten in anderen Staaten. Die neue Methode war so erfolgreich, dass das Fernsehen bald die Rundfunkanstalten an Bedeutung für die Vermarktung überholte und dazu führte, dass heutzutage ein Song, zu dem kein Video produziert wird, keine Chance mehr hat, sich erfolgreich zu verkaufen.[3]

1.2 Videoclips in der Kritik

Das Entstehen dieses Spartenkanals wird durchgängig als ein zentraler Wendepunkt in der populären Musik bezeichnet, dem ebenso große Auswirkungen auf die Musikentwicklung zugeschrieben wird, wie zum Beispiel der Erfindung der Single-Schallplatte.[4] Dies ist nüchtern betrachtet eigentlich nicht logisch, denn die Verbindung von Auditivem und Visuellem stellt eigentlich eine Einheit wieder her, die über Jahrtausende hinweg die Normalität bedeutete, nämlich dass Musik immer zu hören und zu sehen ist, ob dies nun Instrumentalisten oder ein Ballett meint. Erst durch die Einführung von Tonträgern ist der Klang von der Person, die sie ausübt, losgelöst worden.[5] Also scheint es sich bei den Videoclips wohl um mehr zu handeln, als um einen abgefilmten Auftritt. Und in der Tat hat sich ein Genre entwickelt, dass die Elemente Musik, Text und Bild auf eine ganz neue Art zusammenfügt und zu einer neuen Einheit verschmilzt. Dieses Produkt entwickelte sich dabei aber nicht im luftleeren Raum, sondern hatte zahlreiche Vorläufer, wie die Musikfilme, die Jukeboxfilme, die Musiksendungen im Fernsehen, die Aufzeichnung von  Livekonzerten sowie zahlreiche künstlerische Formen und Experimente.[6] Doch durch dieses neue Medium scheinen sich die Ausdrucksmöglichkeiten für Musiker und alle an dem Prozess Beteiligten zu verändern[7], denn es finden sich sowohl Personen, die die neuen Möglichkeiten begeistert aufnehmen und als Herausforderung ansehen[8] und solche, die ihre Schwierigkeiten damit haben. Sie meinen, dass Lieder nicht für Videos tauglich sind, dass die Bilder sogar das Wesentliche ihrer Musik nicht wiederzugeben vermögen.[9] Es stellt sich also die Frage, was es denn genau ist, das sich durch diese Form verändert hat. Dies ist ohne weiteres gar nicht so leicht zu bestimmen. Von den einen wurde diese Entwicklung emphatisch als "kritische Offenbarung der Postmoderne"[10] gefeiert, wie dies zum Beispiel John Fiske formuliert hat, "MTV is orgasm"[11]. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Arbeiten, die sich mit dem Thema beschäftigen, doch diese dem Genre in weiten Teilen von Grund voreingenommen kritisch gegenüber stehen.[12]

"Im Video triumphiert die Idee, dass eine Pop-Schallplatte für den bloßen Verkauf da ist; es zerstört endgültig den Glauben daran, eine Single könnte produziert und angeboten werden, weil ein paar Leute das dringende Bedürfnis verspüren, gerade diesen Song unbedingt in die Welt hinausschicken zu müssen."[13]

Andere beschränken sich in ihren Aussagen auf Beschreibungen der Stilmittel und beschreiben deren Bedeutungen und Auswirkungen nur vage.

"Von ihm (Russell Mulcahy, bekannter Regisseur der frühen Videoclips; Anm. d. A.) sind die aus der Film- und Fernsehwerbung bekannten Bildeffekte wie Slow Motion, Zeitlupenaufnahmen zerspringender Gegenstände und spritzenden Wassers, stroboskoplichtartige Schnittfolgen im Sekundentakt und zerfließende Mehrfachüberblendungen zu optischen Standards im Musikvideo gemacht worden.(...) Zusammengehalten wird diese Überfülle visueller Symbolik nicht etwa durch den Songtext und seinen Inhalt, sondern vielmehr durch raffiniert gemachte rein formale Verknüpfungen.(...) Was hier stattfindet, ist ein Recycling von Medienbildern, eine Synthese von Symbolen, musikalischen und visuellen Stereotypen, Bruchstücken vorangegangener Medienerfahrung, die im freien Spiel der Phantasie aufeinander bezogen werden können, gerade weil ihre Verknüpfung lediglich formalen Gesetzen folgt."[14]

"Wenn es überhaupt eine Formel gibt, die die visuelle Rhetorik des Musikvideos auf den Begriff bringen kann, dann ist es die Formel "Diskontinuität und Zusammenhangslosigkeit". Gesten, Aktionen und Intentionen sind hier fast völlig aus jedem systematischen Kontext herausgerissen (...)"[15]

Unter der Vielzahl der Techniken, die Verwendung finden, sind es vor allem die schnellen, am Rhythmus orientierten Schnitte, die besonders negativ bewertet werden.

 

"MTV ist schnell. Die meisten Videos gehen mit hoher Schnittgeschwindigkeit auf Augenfang. (...) Eine Geschwindigkeit, die nicht anfängt und aufhört, ist zeitlos. Wenn man einen Fluß betrachtet, hat die Frage, wie lange er fließt, keinen Sinn, wohl aber, ob er träge dahinfließt oder ins Tal stürzt. Ebenso ist MTV schnell, aber zeitlos.[16]

Eine wirklich genaue Analyse der angesprochenen Phänomene fehlt aber zumeist. So macht es zum Beispiel bei den schnellen Schnitten natürlich für die Tempowahrnehmung einen wesentlichen Unterschied, ob immer das gleiche Motiv aus ähnlichen Perspektiven mehrfach schnell hintereinander geschnitten wird, was nicht allzu schwer zu verfolgen ist, oder ob eine Vielzahl ganz unterschiedlichen Motiven kurz hintereinander gesetzt werden, was sehr viel schwieriger aufzunehmen ist. Außerdem spielt es eine Rolle, ob es sich um Bilder handelt, die in sich Bewegungen haben oder eher statische sind. Zudem beschränken sich die Untersuchungen zumeist ausschließlich auf das visuelle Element und lassen den Klang dazu fast völlig außer Betracht.[17]

Eine genauere Untersuchung nimmt dagegen Andrew Goodwin vor. Er weist darauf hin, dass zwar die Bilder der Videoclips in sehr freier und rascher Abfolge erscheinen, die Musik sich aber meist in sehr festen Strukturen bewegt[18]. Weiterhin macht er darauf aufmerksam, dass die einzelnen Videoclips nicht nur von verschiedener Qualität sind, sondern sich ihre Art in den letzten zwanzig Jahren durchaus mehrfach verändert hat.[19] Außerdem macht er die Feststellung, dass es große Unterschiede zwischen den Musikvideos und den Ansagen der VJs[20] auf MTV gibt, so dass von einer permanenten Bilderflut und ununterbrochenen Bewegung nicht die Rede sein kann.[21] Als sinnvoll ist außerdem die Kategorisierung der Videos anzusehen, wie sie in dem "Handbuch der populären Musik"  vorgenommen wird. Dort werden drei Grundformen unterschieden: das freie Konzeptvideo, das narrative Konzeptvideo und das Performance Video.[22] Zwar ist diese Einteilung vor allem im ersten Fall sehr weit gefasst, dennoch hilft sie, die mehrfach vertretene These, dass Videoclips generell über keine narrativen Strukturen verfügen, zu widerlegen.[23]

Vereinzelt wird der Versuch unternommen, einen Zusammenhang zwischen Bild, Musik und Text herzustellen oder eine Verbindung zwischen dem Inhalt der visuellen Erzählung und der Aussage des Videoclips zu schaffen.[24] Solche Beziehungen werden nicht immer beachtet oder ausdrücklich verneint.[25] Es wird angeführt, dass die Qualität der Videoclips für die Vermarktung unerheblich sei, und von dieser Erkenntnis abgeleitet, dass der Machart der einzelnen Produkte kein Augenmerk zu widmen sei.[26] Diese These halte ich für grundlegend falsch, denn es erscheint mir absolut unwahrscheinlich, dass durch die Entwicklung einer eigenen Bildlichkeit zu Musik keine Veränderungen in dieser stattfanden. So ist es doch möglich, dass die Bilder Vorgänge beschreiben, die in der Musik schon immer enthalten waren, jedoch im Klang nicht deutlich dargestellt werden konnten, oder dass durch diese Form der Präsentation sich ein neuer Musikstil herausgebildet hat. Zudem wird generell eine enge Verbindung zwischen dem Zeit- und dem Raumempfinden, das ja durch Videobilder erzeugt wird, als ein konzeptionelles Element diverser Musik im 20. Jahrhundert angesehen.[27]

Die Entwicklung des Videoclips könnte sich vielleicht in gewisser Weise mit der Erfindung der europäischen Notenschrift im Mittelalter vergleichen lassen. Auch hier wurde zu einer bereits existierenden Musik eine graphische Ausdrucksform entwickelt, wenn auch sicherlich aus einem ganz anderen Grund und zu einem völlig anderem Zweck. Dennoch bewirkte diese Schriftlichkeit erhebliche Veränderungen in der Musik. Sie ermöglichte nicht nur komplexere Kompositionsstile, weite Teile der sogenannten abendländischen Musik wären sicher ohne sie nie entstanden, sondern auch eine neue Form des Musikmachens, nämlich die Ablösung des Komponisten von dem Vortragenden durch die Übermittlung der Musik durch Noten, und schließlich die Erschließung einer neuen Tonsprache, da bestimmte musikalische Formen aufgrund ihrer graphischen Darstellungsweise einen eigenen symbolischen Gehalt bekamen, wie dies zum Beispiel für die barocke Affektenlehre gilt.

Tiefgreifende Veränderungen lassen sich heutzutage unumstritten in bezug auf die Musiker und den Videoclip machen.

"Für die Musiker war die neue Sichtbarkeit nicht nur die Möglichkeit, sondern Pflicht. Wie sie aussehen und wie sie wirken, ist wichtiger geworden. Waren sie, wen überhaupt, auf den Plattencovern und in den Musikzeitschriften auf Photographien zu sehen, dann auf einen Augenblick und eine Aussage fixiert. Musikfernsehen verlangt nun eine Präsentation und, viel wichtiger als vorher, ein Image."[28]

Eine Betrachtung über das genaue Verhältnis von Bild und Musik in bezug auf die besonders auffälligen Schnitttechniken dagegen ist bisher weitgehend ausgeblieben. Da die Vielfalt der Videoclips und ihrer Stile unübersehbar geworden ist, werde ich mich in dieser Arbeit auf einen kleinen Aspekt beschränken, nämlich auf die Frage, wie und aus welchem Grund verschiedenen Zeitstrukturen in Videoclips dargestellt werden. Ich werde keine allgemeingültigen Aussagen treffen können, weil die Techniken einerseits auf ganz unterschiedliche Art eingesetzt werden und in verschiedenen Situationen andere Bedeutung erhalten, und weil anderseits die Musikstile der Videoclips so unterschiedlich sind, dass sie nicht einheitlich betrachtet werden können. Deshalb wird diese Arbeit in einzelne Abschnitte aufgeteilt sein, die jeweils eigene Annäherungsversuche an das Problem darstellen sollen. Es wird trotz dieser Vorgehensweise dennoch sichtbar werden, dass die einzelnen Stilmittel alles andere als zufällig und unreflektiert eingesetzt werden.


Inhalt

2. Die Zeit im Videoclip

Obwohl in den meisten Abhandlungen über Videoclips die verschiedensten Stilmittel, mit denen Zeiterfahrungen beeinflusst werden, beschrieben werden, sind die Aussagen über die Wirkungen meist sehr gering und undifferenziert. Die Hauptthese, die immer angetroffen werden kann ist, dass die populäre Musik im allgemeinen und die Videoclips im besonderen das Zeitgefühl der Gegenwart erzeugen, ja bewusst das Ziel verfolgen, die "Erfahrung der Gegenwart zu intensivieren"[29].

"Ein Maßstab für gute Musik ist, anders gesagt, ihr "Präsenz", ihr Vermögen, die Zeit "anzuhalten", uns das Gefühl zu geben, wir lebten den Augenblick, ohne Erinnerung oder Furcht vor dem, was zuvor gewesen ist oder was danach passieren mag. Hier kommt die physische Wirkung mit ins Spiel - der Einsatz von Beat, Impuls und Rhythmus, um uns unmittelbare körperliche Beteiligung in eine Organisation von Zeit zu zwingen, die von der Musik beherrscht wird."[30]

Tanja Busse beschreibt dieses Phänomen unter dem Begriff des "Mythos des Augenblicks"[31]. Seine permanente Wiederholung in den Videoclips bezeichnet sie "Ritus als Vollzug des Mythos"[32]. Darin sieht sie den Wunsch des Menschen die Grenzen der Zeit und des Raumes zu überwinden.[33] Verwirklicht wird dies durch die Schnitttechnik.

"In den Musikvideos gibt es keine lineare, chronologische und gleichförmig ablaufende Zeit. Die Slowmotion-Technik hält die Zeit augenblicksweise an. Rückwärts ablaufende Bewegungsabläufe haben die Richtungsgebundenheit der Zeit auf, (...) die einzelnen Bilder sind nicht chronologisch, sondern durcheinander gemischt geschnitten. Die Zeit wird im Musikvideo von ihrer Funktion, Kausalketten zu ordnen, entbunden."[34]

Die Zeitwahrnehmung spielt durchaus eine wichtige Rolle in der populären Musik, aber die hatte sie schon inne, bevor sie über das Musikfernsehen verbreitet wurde und es verwundert deshalb nicht, dass sie es in diesem Medium beibehält. Ob damit jedoch die Stilmittel, die Busse anführt, ausreichend beschrieben sind, ist zu hinterfragen, besonders aus dem Grund, da sie von einem Ideal der "normalen" Wahrnehmung ausgeht, das die Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt, dabei aber vernachlässigt, dass es in anderen Kulturen[35] und zu anderen Zeiten[36] Konzepte der Zeit existieren, die durchaus Parallelen zu den von ihr beschriebenen Abläufen haben. Somit sind ihre Aussagen zu der Wirkungsweise der Stilmittel mit Vorsicht zu genießen.

Als weiteres Argument für die Erzeugung eines Gefühls der Gleichzeitigkeit wird allenthalben die Programmgestaltung der Musiksender selbst angeführt.

"The absence of narrative development is further exaggerated by the degree of repetition involved in both the heavy rotation of the same clips, an the re-broadcast of the same slots. (...) We are aware (if we follow pop music, as most MTV viewers do) that we are seeing a mix of very new, current, older and "historic" clips, and this may well temper the apparently timeless nature of the MTV experience."[37]

"Außerdem zeigt MTV eine Mischung aus neuen, alten und neugemischten Stücken, die eine Art beständiger Gegenwart erschaffen. Sie schaffen eine Gleichzeitigkeit von eigentlich Ungleichzeitigem, eine Art Eigenzeit des Senders."[38]

Hierbei wird leider übersehen, dass das Programmangebot eines Radiosenders ganz ähnlich strukturiert ist. Eine Argumentation, warum der Eindruck gerade beim Fernsehen ein ganz anderer sein soll, bleibt aus, zumal überhaupt von Interesse wäre, woher eigentlich die Erkenntnis über die Wirkung dieser Gestaltung stammt. Es ist also erkennbar, dass die bisherigen Untersuchungen kein befriedigendes Ergebnis für die Frage nach Zeitstrukturen im Videoclip abgeben.

Ich werde mich in dieser Arbeit darauf beschränken, die ästhetischen Konzepte von Zeit in Videoclips zu untersuchen. Zu diesem Zweck habe ich eine Vielzahl von Stücken ausgewählt, die ich zum größten Teil dem aktuellen Programm[39] von MTV und VIVA entnommen habe. Dabei sind selbstverständlich nicht nur Neuerscheinungen sondern auch ältere Stücke, die in dem Programm gespielt wurden. So ist die Untersuchung vielleicht strenggenommen nicht repräsentativ, in bezug auf meine Fragestellung bietet sie jedoch eine breite Ausgangsbasis, die durchaus Aussagekraft hat. Ausgelassen werden dabei die besonders künstlerisch gestalteten Videoclips, wie zum Beispiel die von Peter Gabriel. Dies geschieht aber nicht, weil diese nicht über vergleichbare Strukturen verfügen, sondern weil sie durch ihre Eigenheiten so aus dem Rahmen des Allgemeinen fallen, dass sie eine Minderheit im Bezug auf ihre Ästhetik darstellen und zudem eine Kurzuntersuchung in diesem Rahmen ihnen in keiner Weise gerecht werden würde. Da ich zuvorderst auf bestimmte einzelne Merkmale aufmerksam machen möchte, werde ich die Beispiele nie im ganzen untersuchen, sondern nur auf ihre Besonderheiten hinweisen. Ich denke, das ist in diesem Kontext durchaus gerechtfertigt. Eine Kassette mit den besprochenen Videoclips ist der Arbeit angefügt.

Inhalt

2.1 Grundlegende Eigenschaften des Videoclips

Generell lässt sich natürlich sagen, dass jeder Videoclip einer Zeit untergeordnet ist, nämlich der Weltzeit, sowie weiterhin in den verschiedenen Ländern der entsprechenden Tages- oder Nachtzeit. Durch Programmschienen, in denen ein ausgewähltes Angebot an Musikstilen geboten wird, ist bestimmte Musik dadurch nur zu bestimmten Tageszeiten empfangbar.[40] Weiterhin gibt es Songs, die an bestimmte Jahreszeiten gebunden sind.[41] Auch die Darsteller selbst stehen in einem engen Zusammenhang mit der Zeit, denn sie sind dem Altern unterworfen.[42] All diese Betrachtungen sollen hier jedoch keine Rolle spielen, da die Videoclips nicht in Bezug zu der äußeren Zeit betrachtet werden, sondern auf ihre inneren Zeitebenen hin. Dabei fallen einige grundsätzlichen Merkmale sofort auf. Dies kann beispielhaft an dem Video "Each time" der Gruppe E 17 dargestellt werden. Hier existieren mehrere Erzählebenen, die parallel nebeneinander ablaufen, aber durchaus eigene Zeitdauern haben können. Zum einen gibt es eine Zeitschiene, die die Musiker beim Singen dieses Liedes an verschiedenen Orten zeigt. Auch wenn sie nicht durchgängig sichtbar ist, hat sie die reale Länge des Songs und muss in realem Tempo erscheinen, da die Lippen synchron mit dem Gesangstext erscheinen sollen. Wenn sie schneller oder langsamer ablaufen, muss dies bereits bei der Aufzeichnung dementsprechend verändert werden.[43] Die zweite Zeitschiene beinhaltet bei den narrativen Konzeptvideos zumeist eine Erzählung, die in irgend einer Form Bezug zu dem Inhalt des Liedes nimmt. In diesem Beispiel wird die Geschichte von einer Frau geschildert, die nach der Nacht mit einem Mann heimlich seine Wohnung verlässt und mit einem Taxi davonfährt. Der Mann erwacht alleine und fährt mit seinem Auto der Fliehenden hinterher, in der Hoffnung sie einzuholen. Dieser Ablauf ist nach der Erzählweise von Spielfilmen aufgebaut, das heißt, er arbeitet mit Zeit- und Raumsprüngen, so dass die Geschichte in einen viel längerem Zeitabschnitt stattfindet als der Song. Des weiteren lässt sich in vielen Videoclips, die einen besonderen Akzent auf das Tänzerische ihrer Musik legen, eine Zeitebene finden, in der sich eine Reihe von Tänzern zu dem Song bewegen. In wieder anderen tauchen noch weitere Zeitschienen auf, wie Videoclips mit einem Film im Film[44] oder mit einer eigenen Gegenwelt[45]. Diese verschiedenen Ebenen laufen alle parallel und überlagern sich teilweise, stellen aber auch die verschiedenen Arten dar, auf die die gleiche Musik wahrgenommen werden kann.[46] Gemeinsam sind ihnen, dass sie alle in chronologischer Abfolge erscheinen, aus diesem Grund sind Sprünge zwischen ihnen nicht allzu schwer nachzuvollziehen. Ergänzt wird in dem Song von "E 17" jedoch eine weitere Ebene, die persönliche Erinnerungen und Gedanken widerspiegelt. So denkt nämlich während der Verfolgungsfahrt der Fahrer mehrfach an die vergangene Nacht mit der Frau zurück. Da das Bild der beiden im Bett jedoch aus dem Anfang der Geschichte bekannt ist und zudem über die Hauptperson eine Identifikation erfolgt, sind seine Gedankensprünge ebenso leicht zu erkennen.

Komplizierter wird es jedoch hingegen, sobald Zeitstrukturen erscheinen, die nicht in einer narrativen Struktur verankert sind oder die durch verschiedenste Mittel nicht in chronologischer Abfolge erscheinen. Diesen Phänomenen werden die weiteren Untersuchungen vorwiegend gelten.

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2.2. Die Zeit der Technologie: Veränderungen in der Musikproduktion

Viele technische Erfindungen haben in den letzten einhundert Jahren dazu beigetragen, dass Musik heutzutage an allen Orten gehört werden kann. Einige Entwicklungen erscheinen heute so selbstverständlich, dass sie schon überhört werden, dennoch haben sie ihre Spuren in der Musik hinterlassen, die in Videoclips mehrfach reflektiert werden.

2.2.1 Speicherung von Zeit

Grundsätzlich lässt sich als wesentliche Neuerung und Grundlage der massenhaften Verbreitung von Musik die Tatsache festhalten, dass Klang durch die Erfindung von Aufzeichnungsgeräten speicher- und reproduzierbar geworden ist. Dabei kam es zu einer Trennung in ein Produkt, nämlich dem Tonträger, und einer Handlung, nämlich dem Abspielen desselben, das nur in einem Zeitabschnitt erfolgen kann. Diese Technik mag oft nicht mehr als etwas Außergewöhnliches angesehen werden, vor allem weil die Erfahrung des Hörens durch die Wiedergabetechnik mittlerweile von der eines Konzertes nur schwer zu unterscheiden ist - ganz im Gegensatz zum Film, der zwar auch mit gespeicherter Zeit arbeitet, dessen Wahrnehmung jedoch durch die Notwendigkeit eines Bildschirmes oder einer Leinwand bis heute deutlich eingeschränkt ist.

Zuvor ermöglichten lediglich graphische Techniken die Konservierung von Gedanken, Augenblicken und Erscheinungen, nämlich Schrift, Malerei und Photographie. Interessanterweise finden gerade diese Techniken in Videoclips eine erneute Aufnahme und eine fiktionale Weiterentwicklung. So spielt das Video "You needed me" von der Gruppe Boyzone in verschiedenster Weise mit dem Motiv des Bildes. In einem Raum hängen verschieden große leere Bilderrahmen von der Decke, zwischen denen sich die Sänger bewegen. Im Verlauf des Songs erscheinen einzelne Paare in den Rahmen, als ob sie gemalt oder fotografiert worden wären, jedoch mit der bewussten Brechung der Illusion dadurch, dass der Hintergrund sich bewegt und sie so abgefilmt werden, dass ihre gesamten Körper zu sehen sind. Die Momentaufnahme eines Bildes wird also aufgehoben, die Personen brechen bildlich aus dem Rahmen aus, die Zeit kann nicht mehr einmalig festgehalten werden.

Ganz ähnlich wird dieses Thema in dem Videoclip "Everybody" der Gruppe N-TUNE dargestellt. Immer wieder in dem Stück kommt es zu einer Handlung, bei der eine Person ein Bild vor der Kamera ausbreitet. Sobald es das volle Bildschirmformat ausfüllt, fängt es an, sich solange zu bewegen, bis es als Bild von einer neuen Person wieder von der Kamera entfernt wird. Weiterhin erscheint an mehreren Stellen der Text des Liedes, jedoch nicht als fest geschriebene Einheit auf einem Untergrund, sondern als Projektion auf den Gesichtern und Körpern der Menschen.

Das Spiel mit der Speicherung von Zeit in ihren unterschiedlichsten Formen ist also eine der Techniken, die in Videoclips zur Anwendung kommt, wobei der besondere Aspekt darauf liegt, gerade die Möglichkeit der Veränderung und des zeitlichen Ablaufs dieser Art der Konservierung deutlich von anderen abzugrenzen.

2.2.2 Der Zeitverlauf der Musikproduktion

Scheinbar unhörbar hat sich in der Herstellung von Musik in den letzten Jahrzehnten ein großer Wandel vollzogen. Dies wurde durch die Entwicklung des Mehrspurverfahrens und der digitalen Tonbearbeitung ermöglicht. Konnte früher nur die Musik gehört werden, die gleichzeitig gespielt wurde, so ist es nun möglich und auch Praxis, dass verschiedene Personen zu unterschiedlichen Zeiten Teile eines Songs aufzeichnen, die nicht einmal in chronologischer Reihenfolge vorgenommen werden müssen. Zudem können im Anschluss daran, die einzelnen Abschnitte noch individuell durch Soundeffekte verändert werden, bevor das Stück dann aus seinen Einzelteilen zusammengesetzt und endgültig abgemischt wird. [47] Diese Technik ermöglicht neben dem Ausmerzen von Fehlern während einer Aufnahme auch bisher ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten, wie zum Beispiel dass ein Sänger mit sich im Chor oder gegen sich selbst zweistimmig singen kann.[48] Das Ergebnis ist also niemals eine Aufzeichnung eines bestimmten Zeitabschnittes der "Weltzeit", sondern setzt sich aus verschiedenen Teilzeiten zusammen.

Daher rührt auch das Problem her, dass diese Musik nicht mehr bei einem Auftritt in gleicher Weise reproduzierbar ist. Erstmals auffällig wurde dieses Phänomen bei der Produktion des "Sgt. Pepper" Albums der Beatles im Jahre 1967, das von diesen technischen Möglichkeiten Gebrauch machte.[49] Wird nun ein Blick auf das Promotionvideo geworfen, das zu dieser Platte produziert wurde, so sind dort schon all die Techniken zu finden, die Videoclips charakterisieren, nämlich der verlangsamte und beschleunigte Bildablauf, sowie das vor- und rückwärts Ablaufenlassen von Sequenzen. Sicherlich gibt es dabei auch besondere Parallelen zu dem Text des Liedes "Strawberry Fields Forever", dennoch sind eben auch Analogien zu der Produktionsweise und den zeitlichen Strukturen des Filmes zu ziehen.

Auf ganz andere Art spiegelt sich diese Thematik in zahlreichen Videos wieder, die auf zwei Ebenen spielen, nämlich auf der fiktionalen, die eine Geschichte zu dem Film erzählt, und auf der realen, die zahlreiche Situationen während den Drehaufnahmen zu dem Videoclip zeigt. So ist dies zum Beispiel in dem Song "Torn" von Natalie Imbruglia der Fall: die Handlung spielt in einem Zimmer, in dem sowohl die Sängerin ihr Lied singt, als auch die Geschichte der Beziehung zu ihrem Partner gespielt wird. Die Drehaufnahmen müssen jedoch mehrfach wiederholt werden, weil die Szenen nicht gelungen sind, oder weil es Probleme mit den Kulissen gibt. Dieser Vorgang wird in unchronologischer Reihenfolge aneinander geschnitten. Dennoch ergibt sich im ganzen eine durchgängige Bebilderung des Liedes, wie auch das Lied als eine Einheit erklingt, ganz gleich unter welchen Umständen es aufgenommen wurde.

Im Bereich der Soundeffekte, die nachträglich Tonaufnahmen verändern, findet in der populären Musik vor allem der des Echo große Verbreitung. Eine musikalische Sequenz wird also mehrfach ohne weitere Aktion des Senders durch einen Schallrückwurf wiederholt. Diese Technik hat auch manchmal in der bildlichen Sprache eine Analogie, wie zum Beispiel in dem Song "Heut' ist mein Tag" der Sängerin Blümchen. Die Wiederholung des Wortes "Tag" wird durch kurze Sequenzen in unterschiedlichen Kameraeinstellungen, in denen sie immer nur das eine Wort singt, dargestellt. Das Wiederkehren einer auditive Quelle erhält also ein Äquivalent in der bildlichen Ebene.

In einigen Videoclips sind also Vorgänge visualisiert worden, die die Produktionsabläufe der Musik widerspiegeln, die anhand des klingenden Stückes alleine oft nicht zu erkennen sind. Es ist aber noch einmal festzuhalten, dass am Schluss dieses Vorganges sowohl im auditiven als auch im visuellen jeweils ein unveränderliches Produkt entsteht, dass eben all diese kleinen Teil- und Zeitabschnitte beinhaltet.

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2.3 Die Zeit des Klangs: Analogien zwischen Musik und Bild

2.3.1 Zeitspiel der Musikinstrumente

Beinahe zeitgleich mit der Entwicklung des Musikfernsehens entsteht in Amerika der Musikstil Rap, der diesem Medium zugleich seine Popularität verdankt.[50] Neben dem rhythmischen Sprechgesang zeichnet sich dieses Genre vor allem durch die Benutzung eines Gegenstandes aus, der zuvor nur als Wiedergabegerät für Tonträger diente, nämlich dem Plattenspieler. Durch die Technik des "Scratchens", dem rhythmischen Bewegen von Schallplatten während des Abspielens, das ein rhythmisches Geräusch erzeugt, das jederzeit wieder in Musik übergehen kann, wird dieses Gerät zu einem Musikinstrument.[51] Dabei ist wichtig zu beachten, dass weder nur das Geräusch beim Bewegen alleine, noch dass dadurch erzeugte mehrfache Erklingen kleinster Musikabschnitte den Reiz dieser Musik ausmacht, sondern gerade das Zusammenspiel dieser beiden Faktoren. Das besondere an dieser Technik ist die Tatsache, dass das Instrument die Fähigkeit hat, Musik rückwärts zu spielen und zwar nicht nur getreu den Tonhöhen, sondern durch die Bindung an das Produkt Schallplatte wirklich zeitlich entgegengesetzt. Diese Musizierpraxis blieb aber auf Dauer nicht nur auf den Rap beschränkt, sondern fand auch Eingang in andere Stile wie den HipHop[52] oder Techno.

Werden die Videoclips "Turn Around" von Phats & Small und "Pullover" von Hypertrophy nun unter diesem Aspekt betrachtet, so zeigen sich zwischen der Musik und den Bildern deutliche Analogien. Beide teilen ihre Erzählung sowohl in die Ebene des Spielens der Musik wie in eine Geschichte dazu. Dabei treten Parallelismen zwischen dem Scratchen und der Erzählung auf. Wird zum Beispiel die Schallplatte rückwärts gespielt, so laufen auch die anderen Handlungen rückwärts.[53]

Die Stilmittel des Slowmotion und das Rückwärtsablaufen von Sequenzen können also auch durch den Vergleich mit der Musik erklärt werden, die sich eben in gleicher Weise verändert hat, wie die Art der Präsentation. Dabei kann vielleicht gemutmaßt werden, dass sich die Wahrnehmung dieser Videoclips - wie die der Musik - nicht nur an den verschiedenen Bewegungsrichtungen festmachen lässt, sondern der Reiz gerade durch den Wechsel der Richtungen erzeugt wird, wie das auch beim Geräusch des Scratchens der Fall ist.

2.3.2 Zeitliche Wahrnehmung musikalischer Strukturen

Christian Kaden weist in seinem Aufsatz "Populäre Musik" auf das Phänomen hin, dass die Lieder der Gruppe The Cure durch ihr doppelt dimensioniertes Metrum völlig verschieden gehört werden können.[54] Dies gilt jedoch nicht nur für diesen Musikstil sondern überhaupt für weite Teile der populären Musik, wobei das Metrum noch weitaus vielschichtiger werden kann.

Als komplexestes Beispiel für diese Art soll der Song "Music is the key (Love Parade 99) von DJ Dr. Motte & Westbam dienen. Der Techno-Track ist zu dem weltweit größten Rave, der seit elf Jahren jährlich in Berlin stattfindet, entstanden. Der Videoclip zeigt die verschiedensten Ausschnitte aus den Feiern der letzten Jahre, wobei die Menschen fast durchgängig beim Tanzen abgefilmt werden. Dabei fällt auf, dass es Abschnitte gibt, die in realer Zeit ablaufen und andere, die schneller oder langsamer sind. Betrachtet man die Schnitttechnik, so lässt sich feststellen, dass sie sich stark an dem Rhythmus des Stückes orientiert, dass also in weiten Teilen auf den Metrumsschlag umgeschnitten wird, an einigen Stellen dies aber nicht der Fall ist. Ein Blick auf die musikalischen Strukturen gibt Hinweise auf die Beweggründe. Reale Zeitabläufe orientieren sich zumeist nach dem Rhythmus des tiefsten Schlagzeuges, also der Bass Drum. Die Tanzenden setzten ihren Schwerpunkt dann auf diese musikalische Ebene. Die Verlangsamungen und Beschleunigungen sind niemals fließend, sondern stehen immer in einfachen Verhältnissen zu dem normalen Ablauf. Sie orientieren sich bei halbem Tempo also nur an jedem zweiten Schlag der Bass Drum oder bei beschleunigtem Tempo an einem Vielfachen des Grundschlages. Letzteres findet sich in den einzelnen Schlagzeugen wieder, wie zum Beispiel in der Hi-Hat. Über der stark dominierenden Rhythmusgruppe treten aber auch Motive sowie einzelne Sounds auf, die innerhalb eines Taktes beginnen und über einige Zeit hinweg erklingen können, wobei ihr Klang permanent durch diverse Filter verändert wird. Der Schnitt orientiert sich an den Stellen, an denen er nicht auf den Rhythmus gekoppelt ist, meist genau an diesen Klängen. Dazu zeigt das Bild nicht immer direkt Tanzende, sondern zum Beispiel einen Schwenk über ein großes Publikum. Die Bilder stehen also in diesem Fall in einem engen Bezug zu den verschiedenen Wahrnehmungsweisen der Musik, sei es in dem rhythmischen Bereich, oder in dem der Sounds.

Eine ganz andere Fragestellung wäre, zu überlegen, ob die Annahme zutrifft, dass ein Musikstück in seiner klanglichen Form wirklich eine einzige kontinuierliche Zeitstruktur darstellt. Untersucht man nur die Bilder zu dem Lied "Canned Heat" von Jamiroquai, so lässt sich leicht feststellen, dass die Handlung in mehreren Räumen zu unterschiedlichen Zeiten spielt. Der Sänger verfügt über die übernatürliche Gabe, durch die Wände und Zeiten springen zu können. Vergleicht man nun die Musik mit den einzelnen Szenen, so wird erkennbar, dass die Räume zu Beginn des Videoclips immer nur zwischen Musikabschnitten gewechselt werden. Besonders auffällig ist dies beim Refrain, er sich auch musikalisch deutlich von der Strophe absetzt. Es könnte sich also hier um ein Beispiel dafür handeln, dass verschiedene Ebenen der Zeit- und Raumerfahrung nebeneinander gesetzt werden, ohne dass sie miteinander verschmelzen.

Das ähnliche Phänomen lässt sich auch in dem Lied "If You Had My Love" von Jennifer Lopez finden. Der Videoclip schildert die Geschichte verschiedener Menschen, die über Computer Kontakt zu der Homepage der Sängerin aufnehmen und dort die Möglichkeit haben, mit verschiedenen Kameras, die in mehreren Räumen ihrer Wohnung aufgestellt sind, der Darstellerin beim Singen des Songs zuzusehen. Jeder kann frei entscheiden, wann er von einem Raum zum nächsten springt, und somit auch in eine andere Zeit, denn die Sängerin vollzieht die Wechsel ohne Verzögerung mit, während der Song dagegen kontinuierlich abläuft. Weiterhin kann er den Stil der Musik beeinflussen. Auch in diesem Videoclip werden verschiedene Zeitebenen gezeigt, die von der Musik her motiviert werden, aber anhand des Klanges alleine nur bedingt zu erkennen sind. 

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2.4 Die Zeit der Worte: Zusammenhang zwischen Text und Bild

In einigen Videoclips lassen sich eindeutige Parallelen zwischen dem Inhalt des Liedes und den Bildern machen. Als deutlichstes Beispiel dafür mag der "Earth Song" von Michael Jackson dienen. In dem Text wird die Zerstörung der Welt durch den Menschen beschrieben und immer die Frage gestellt, inwieweit der Untergang der menschlichen Umgebung verhindert werden kann. In einem ersten Abschnitt zeigt der Videoclip verschiedene Orte der Welt mit den Katastrophen, die sich dort ereignen. Durch das Graben in der Erde erhebt sich dann ein Sturm, der die Ereignisse wieder rückgängig macht. Technisch wird dies durch das Rückwärtslaufenlassen der Ereignisse des ersten Teils realisiert. Die Zeit läuft also in die entgegengesetzte Richtung, der Wunsch des Sängers "Is there a time?" wird erfüllt und die Erde gerettet. In dieser Konsequenz geht das Bild sogar über den Text hinaus, der gegen Ende des Liedes in einer Anklage verharrt, von dem musikalischen Ende und inhaltlichen Gesamtaussage her ist jedoch der Filmabschluss durchaus logisch und konsequent.

Viele andere Songs beschreiben fast ausschließlich Zustände, in denen die Zeit auf besondere Art und Weise erfahren wird, zum Beispiel "Mysterious Times" von SASH! Featuring Tina Cousins. Dabei ist nicht immer genau auszumachen, ob es sich um besondere Zustände handelt, die auf emotionale Ereignisse, auf Musik oder Drogen zurückzuführen sind, oder ob diese Erfahrungen im allgemeinen Lebensablauf gemacht werden.

"(...) Time, mysterious time,

We are counting the hours

And days till the end of the time

 

We are feeling the change

And we don't know why

Choose one direction

Just one more time

Don't say I'm thinking to much

If you see what's behind

And these are mysterious times (...)

 

Soul, I feel my soul

For this moment nobody can stop me

From flying so high

Real, nothing is real

In a world of illusion

You only see what you feel"

Auf jeden Fall zeigt der Songtext deutlich, dass es Zeiterfahrungen, die über das "Normale" hinausgehen, gemacht werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Videoclip zu diesem Lied auf das Thema eingeht und eine Geschichte erzählt, die sich zwischen Realität und Science Fiction Film abspielt, wobei die Bewegungen und Ereignisse immer wieder in unterschiedlichem Tempo gezeigt werden, die mysteriöse Zeit wird also nicht nur durch außergewöhnliche Ereignisse, die in ihr stattfinden, charakterisiert, sondern auch durch andere Erfahrungen des Zeitverlaufes, "You only see what you feel". Dabei geht die Aussage des Textes soweit, die gefühlte Zeitebene als die reale anzusehen, die wirkliche dahingegen als Illusion.

Ähnliche textliche Analogien finden sich auch in deutschsprachiger Musik, wobei hier der Aspekt der zeitlichen Wahrnehmung noch ein Stück komplexer ausgedrückt werden kann.

 

"Thron über Konvention,

das Leben kommt von vorn,

stehst unter dem hellen Stern,

verträum dich in deinem Traum,

verlaß dich auf Zeit und Raum,

du gehörst zum festen Kern.

 

Trockne die Tränen, zieh deine Kreise

der stille Weg, folg dem Sonnenaufgang leise (...)

 

Stell die Uhr auf Null, wasch den Glauben im Regen

die Sintflut ist verebbt, die Sünden vergeben (...)

 

Es gibt viel zu verlieren,

du kannst nur gewinnen,

genug ist zu wenig,

oder es wird so wie es war.

 

Stillstand ist der Tod,

geh voran, bleibt alles anders

der 1. Stein fällt aus der Mauer

der Durchbruch ist nah.

 

Es kommt der Moment,

kommt die Zeit,

Wasser wird zu Wein,

und die Sekunden bleiben stehen,

auf den Punkt (...)"

In diesem Text des Liedes "Bleibt alles anders" von Herbert Grönemeyer ist vielfach von Zeitabläufen die Rede. Zu untergliedern ist der Text nach zyklischen Zeitstrukturen, die sich auf dem Kosmos und dem Erdlauf beziehen, wie "Stern", "Sonnenaufgang" oder "zieh deine Kreise", nach allgemeinen Zeitwahrnehmungen wie "das Leben kommt von vorn" und "verlaß dich auf Zeit und Raum" und nach paradoxen Zeitaussagen wie "stell die Uhr auf Null" oder "die Sekunden bleiben stehen". Der Text stellt also unterschiedliche Zeitstrukturen dar, die nebeneinander existieren und erfahren werden.[55] Grönemeyer spielt meiner Meinung nach in seinen Versen bewusst mit Assoziationsketten, die ohne weitere Erklärung nicht eindeutig zu erläutern sind, besonders weil er mehrfach widersprüchliche Sätze formuliert wie eben der Titel des Liedes, "Bleibt alles anders". So verfremdet er seine Gedanken, soweit sie sich für ihn auf etwas konkretes beziehen, so, dass die Zuhörer den Song mit ihren eigenen Bedeutungsinhalten aufladen können.[56] Anderseits hat auch er selbst die Möglichkeit, ständig anders über die Zeilen zu denken. So haben zum Beispiel die Worte des Refrains "Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders..." seit dem Tod seines Bruders und seiner Frau im vergangenen Jahr für ihn eine andere Bedeutung bekommen.[57] Die Rede von der Zeit spielt also eine ganz besondere Rolle in diesem Lied, wobei das Augenmerk vor allem auf der Tatsache beruht, dass keine eindeutige Aussage gemacht wird, sondern nur der Reiz des Spiels mit der Zeit erzeugt wird, die Kraft der Worte kommt direkt aus ihrer Widersprüchlichkeit. Wendet sich der Blick nun dem Videoclip zu diesem Lied zu, so finden sich zu dem Phänomen eindeutige Parallelen. Der weitaus größte Teil schildert eine Verfolgungsjagd zwischen dem Sänger und seinem Alter Ego, die damit endet, dass der Gejagte in eine Holzhütte flüchtet, die explodiert. Dieser Abschnitt visualisiert vor allem das Paradoxe und Zweideutige des Textes. In dem Vor- und Abspann des Liedes jedoch findet eine ganz andere Handlung statt, die als Kontrast zu dem Mittelteil in schwarz-weiß gehalten ist. Chronologisch erzählt tritt der Sänger an einen ungesäuberten Swimming Pool, springt in das Wasser, schwimmt zum anderen Beckenrand, erholt sich dort, steigt dann wieder heraus und trocknet sich ab. Diese Handlung wird aber nicht in ihrer zeitlichen Abfolge geschnitten, sondern in einzelnen Teilen durchmischt, ohne dass der Ablauf der einzelnen Sequenzen jedoch rückwärts erfolgt. Dieser Teil spiegelt genau die Erfahrungen, die in den Worten der ersten Strophe mit den unterschiedlichen Zeitebenen geschildert wird, nämlich dass die Zeit nicht linear abläuft. Der Videoclip zu diesem Lied nimmt also sehr bewusst auf die Textgrundlage Bezug, wobei sich auch die Frage stellt, ob der Song nicht vielleicht gerade umgekehrt im Text versucht, etwas auszudrücken, was die Musik für den Komponisten ausmacht. Dieser erklärte nämlich vor kurzem in einem Interview, dass in seinem Produktionsprozess immer zuerst die musikalische Struktur vorhanden sei und er während den Proben zuerst meist einen Text dazu singen würde, der ihm spontan einfällt und nicht immer Sinn macht.

Die populäre Musik der letzten Jahre beschäftigt sich also nicht nur auf der bildlichen Ebene mit dem Thema der Zeitwahrnehmung, sondern auch bis in die Texte hinein. Es scheint also um Erfahrungen zu gehen, die in dem Leben besonders wichtig erscheinen und in engem Zusammenhang mit der Musik stehen. Dies wiederum findet auch seine Entsprechung in der Umsetzung in Videoclips.

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2.5 Die Zeit der Gefühle: Orte und Situationen

Die oben entwickelten Aussagen zu der Veränderung der allgemeinen Zeitwahrnehmung, werfen natürlich die Frage auf, woher diese rühren mag, sofern sie sich aus dem Erleben der Hörer und Macher entwickelt hat. Bei der Untersuchung der verschiedensten Videoclips fiel mir auf, dass es gewisse Topoi gibt, in deren Zusammenhang bestimmte Stilmittel in auffällig häufiger Weise auftauchen.

2.5.1 Leben in der Großstadt

Die Großstadt gehört zu den Lebensräumen, die eine Zeitwahrnehmung erzeugen, die in einem rasenden Tempo abläuft. Dabei sind es besonders die Orte, an denen der Einzelne mit einer Masse konfrontiert wird, wie zum Beispiel in U-Bahn Stationen oder auf befahrenen Straßen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Darsteller sich unbedingt diesem Tempo anpassen muss, so steht Madonna in ihrem Song "Ray of Light" eher außerhalb des Geschehens, obwohl sie ebenfalls in einem schelleren Tempo tanzt. Häufiger ist der Zustand anzutreffen, dass die Protagonisten ganz in dem realen Zeitablauf bleiben, während sich die Welt um sie herum nur schneller dreht, wie das in dem Videoclip "2 become 1" der Spice Girls zu finden ist, das zudem noch das Gefühl der Liebe außerhalb des Ablaufes der Großstadt setzt. In ähnlicher Weise taucht das Motiv auch in "Thank You" von Alanis Morisette auf, wobei die Trennung des Individuums von der Masse hier noch deutlicher visualisiert wird, indem die Sängerin beinahe unbemerkt nackt inmitten des Großstadttreibens steht. Die Menschen um sie herum laufen zwar nicht immer schneller an ihr vorbei, doch sind ihre Bewegungen so verschwommen, dass sie ebenfalls in einer anderen Zeit stattfinden. Das Leben um die Personen herum wird also auf einer anderen Ebene wahrgenommen, ohne dass es die eigene Lebensweise beeinflusst. Die rasanten Bewegungen werden also nicht in ihren Einzelteilen und ihrer Schnelligkeit erkannt, sondern nur als ein rhythmischer Strom oder als ein Farbenspiel angesehen.

In anderer Weise wird die Großstadt in "Big Big World" von Emilia dargestellt. Das ruhige Lied fällt vor allem durch die vielen weichen Blenden zwischen den einzelnen Sequenzen auf. Streng genommen sind diese Schnitte nicht logisch aneinander gesetzt, sie werden zwar durch den kontinuierlich verlaufenden Gesang zusammengehalten, die einzelnen Einstellungen sind aber nicht aufeinander abgestimmt, so dass sie in der Abfolge als Zeitsprünge erscheinen. Da die Umgebung aber immer dieselbe bleibt, ist es plausibel, dass die Bilder bewusst nicht in chronologischer Weise montiert wurden, sondern dass das Gefühl der Verlassenheit in der Großstadt und die Unmöglichkeit der Veränderung des Zustandes so visualisiert werden sollten. Es spielt also keine Rolle, wann und wo die Sängerin ist, die Emotion ist immer dasselbe, der Song stellt nur eine Zusammenfassung von dem dar, was sie seit langem erlebt. Die Wiederholungen der Wörter im Refrain unterstützen diese Wahrnehmung noch.

2.5.2 Leben in der Erinnerung

Da wahrscheinlich die meisten populären Songs von der Liebe in all ihren Erscheinungsformen handelt, ist es nicht verwunderlich, dass sich darunter auch viele befinden, die von dem Abschied und Trauern um eine Person handeln. Dabei kommt es unweigerlich dazu, dass man sich des Menschen und den Situationen, die man mit ihm verbracht hat, erinnert. Dass dieses Gedenken sich in den Videoclips wiederfindet, ist nicht erstaunlich.

Toni Braxtons Videoclip "Un-break My Heart" ist für dieses Genre ein typisches Beispiel. Zu Beginn des Liedes wird gezeigt, wie die Sängerin bei einem Unfall ihren Freund verliert. Während sie alleine um ihn trauert, werden nun sowohl Rückblicke aus dem Leben, das sie mit ihm verbracht hat gezeigt, als auch die nun leeren Räume in der Wohnung, in denen ihr Partner im Geiste immer noch anwesend ist. So erscheint er ihr im Traum, der jedoch visualisiert wird, indem seine Person unerwartet in leere Orte ein- und wieder ausgeblendet wird.

In einer ähnlichen Situation befindet sich die Sängerin Jessica in ihrem Videoclip "How Will I Know" in ihrer Wohnung. Sie trauert ihrem Partner hinterher und der Zeit, die er mit ihr in dieser Umgebung verbracht hat. Sobald sie an ihn denkt, erscheint er wieder in den Räumen wie eine Halluzination, kann aber ebenso wieder verschwinden. Durch den einheitlichen Ort, ist es möglich die Person wiederzuholen, ohne dass eigens zu dem Mittel der Rückblenden gegriffen werden muss, gezeigt werden einfach die subjektiven Erinnerungen der Darstellerin. Dieser Raum, der zwischen Realität und Traum wechselt, wird weiterhin noch durch eine weitere Einstellung verdeutlicht, bei der die Sängerin vor einem Tisch sitzt, dessen Fläche so poliert ist, dass diese sie widerspiegelt. Sie selbst ist also ebenso real und zugleich nur ein Bild von sich. So ist nicht klar, ob die Bilder von ihr aus der augenblicklichen Zeit stammen oder ob sie auch nur eine Erinnerung darstellen, denn sie hat sich in der Zwischenzeit durch die Erlebnisse zumindest innerlich verändert. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Zeitebenen sollen bewusst verschwimmen.

Das Stilmittel der Rückblende und visualisierten Erinnerung gehört natürlich ebenso in die Reihe der nicht chronologischen Schnitttechniken, jedoch unterscheidet sie sich natürlich deutlich von anderen Einsätzen dergleichen Methode. Zuerst passt sie sich sofort logisch erkennbar in die Geschichte ein und wird zudem oft noch von dem Text parallel begleitet, anderseits zeichnet sie sich selten durch einen schnellen Schnittrhythmus aus, da diese Art von Songs meist eher ruhiger sind und die Ausschnitte meist in längeren Sequenzen aufeinander folgen.

2.5.3 Welt und Gegenwelt

Es gibt aber auch Videoclips, die über die Zweiteilung der Welt in Realität und Erinnerungswelt hinausgehen, und zu der Wirklichkeit eine Art eigene märchenhafte Traumwelt erschaffen. Diese Illusion lässt sich natürlich mit den Tricks des Films besonders gut darstellen, wobei bei der Realisation gerne auf mythische Elemente zurückgegriffen wird.

Der Videoclip "Underwater Love" der Gruppe Smoke City gestaltet dieses Phänomen zum Beispiel. Es existieren zwei Welten, die durch die Wasseroberfläche voneinander getrennt werden, sozusagen geschieden und zugleich aneinander gespiegelt werden. Dadurch entsteht das Spiel mit den seitenverkehrten Spiegelungen, das innerhalb der Sequenzen durch Vor- und Rückwärtslaufen abgebildet wird. Das Wasser wird zudem als Symbol der verlaufenden Zeit eingesetzt, jedoch wird bewusst der philosophischen Grundsatz "panta rei" gebrochen und ihm die rückwärtslaufende Zeit entgegen gesetzt. Diese Trennung der Welten setzt sich auch innerhalb anderer Abschnitte fort, ohne dass die Wasseroberfläche eine Rolle spielt, nämlich zum Beispiel laufen Aufnahmen in einer Tanzbar sowohl nach vorne wie auch wieder zurück.

Ziel ist es also anscheinend, die Zeitwahrnehmung in ihrem linearen Verlauf zu brechen und die Möglichkeit einer anderen Welt aufzuzeigen. Es lässt sich aber auch die Aussage machen, dass Musik an sich - wie im romantischen Ideal angestrebt - eine eigene Welt erschafft[58], die bildliche Darstellung also nichts anderes ist, als gerade die Verbildlichung dieser Idee.

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3. Fazit

Bei der Untersuchung verschiedenster Videoclips auf die ihnen innewohnenden Zeitstrukturen, konnten mehrere Ebenen der Darstellung gefunden werden, die auf die unterschiedliche Weise der Rezeption hinweisen. Dabei gilt zu unterscheiden, ob diese parallel in chronologischer Abfolge erscheinen, oder ob es sich um Phänomene handelt, die nicht linear erscheinen. Für letztere habe ich mehrere Erklärungsversuche abgegeben: es könnte die Produktionsweise, das Erzeugen und die Struktur der Musik eine Rolle spielen, ebenso sind Analogien zwischen dem Text und Bild denkbar. Weiterhin ist darauf hinzuweisen, dass bestimmte Situationen und Orte, in denen sich die Darsteller befinden, eine bestimmte Zeitwahrnehmung erzeugen. Viele dieser Erklärungsmodelle sind durchaus in vermischter Form in den einzelnen Videoclips vorzufinden, wobei die einzelnen Schnitttechniken durchaus in verschiedenen Kontexten eine andere Bedeutung haben können. Die Behauptung, dass sie jedoch nur als Effekthascherei eingesetzt werden, lässt sich aber in keiner Weise rechtfertigen. Sicherlich gibt es Videoclips, die derart billig produziert werden, dass es auch dazu kommen kann, diese stellen jedoch eher die Minderheit dar.

Die Ergebnisse sagen natürlich noch nichts darüber aus, zu welchen Wirkungen das Verwenden dieser unterschiedlichen Stilmittel letztlich führt[59], es dürfte aber unwahrscheinlich sein, dass sie in ihrem unterschiedlichen Einsatz nur das Gefühl der Gegenwart erzeugen. Dazu übernehmen sie viel zu unterschiedliche Funktionen innerhalb der einzelnen Lieder, die selber wiederum in ihrem Stil sehr variieren und unter keinen Umständen einheitlich betrachtet werden können. Auch ob die verschiedenen Formen der Videoclips durch ihre eigenen Zeitstrukturen die Vermarktung der Musik in irgend einer Weise beeinflussen, ist nicht gesagt, ich halte es aber nicht grundsätzlich für ausgeschlossen, da populäre Musik generell in einem sehr engen Aneignungsprozess zwischen dem Klang und dem Hörer steht[60], der durchaus auch mit Bildern gefördert oder behindert werden kann.


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4. Literatur

Busse, Tanja, Mythos in Musikvideos: Weltbilder und Inhalte von MTV und VIVA, Münster, 1996.

Dahlhaus, Carl, Musikästhetik, Köln, 1967

Eggebrecht, Hans Heinrich, Musik im Abendland, München, 1996.

Fiske, John, MTV: Post-Structural, Post-Modern, Journal of Communication Inquiry, 1986, S.74-79

Frith, Simon, Zur Ästhetik der Populären Musik, In: PopScriptum 1/92, S.68-88.

Frith, Simon / Goodwin, Andrew / Grossberg Lawrence (Hrsg.), Sound And Vision - The Music Video Reader, London/New York 1993.

Kaden, Christian, Des Lebens wilder Kreis Kassel, 1993.

Mahrenholz, Simone, Musikästhetische Aspekte, In: Finscher, Ludwig (Hrsg.), Musik in Geschichte und Gegenwart, Band 9, Kassel, 1998.

Mbiti, John Samuel, African Religions And Philosophy, Oxford, 1989.

Neumann-Braun, Klaus (Hrsg.), Viva MTV! Popmusik im Fernsehen, Frankfurt am Main, 1999.

Walter, Michael, Grundlagen der Musik des Mittelalters, Stuttgart/Weimar, 1994.

Wicke, Peter, Musikindustrie im Überblick - Ein historisch systhematischer Abriß, In: http://www2.hu-berlin.de/inside/fpm/texte/musikind.htm

Wicke, Peter, "Populäre Musik" als theoretisches Konzept, In: PopScriptum 1/92, S.6-42.

Wicke, Peter,"Video Killed the Radio Star" Glanz und Elend des Musikvideos, In: Positionen. Beiträge zur Neuen Musik, 1994, S.7ff.

Wicke, Peter / Kai-Erik und Wieland Ziegenrücker, Handbuch der populären Musik, Schott International, 1997.


[1] Wicke, "Musikindustrie im Überblick"

[2] Wicke / Ziegenrücker, S.348

[3] Jody Berland, "Sound, Image And Social Space: Music Video And Media Reconstruction" in "Sound and Vision", S.31

[4] vgl. Wicke, Video Killed The Radio Star". Die Single hat durch ihre maximale Spiellänge von etwa 3 1/2 Minuten dazu geführt, daß sich für die meisten Lieder eben diese Dauer durchgesetzt hat, auch wenn die Begrenzung in späteren Zeiten eigentlich nicht mehr zwingend gewesen wäre.

[5] vgl. Busse, S.7

[6] Wicke,/ Ziegenrücker, S. 346ff; auch Wicke "Video Killed The Radio Star"

[7] vgl. dazu Holly Johnson in New Musical Express, 11.Mai 1985, S.2f

[8] z.B. David Bowie in New Musical Express, 4.April 1983, S.11

[9] z.B. Bruce Springsteen in: Dolezal, Rudi / Rossacher, Hannes "Power Vision Pop Galerie: Bruce Springsteen", DoRo im Auftrag von ZDF, 1997

[10] Müller, Egon "Populäre Visionen" S. 74 in: "Viva MTV"

[11] Fiske, S.75

[12] vgl. Tanja Busses Buch "Der Mythos im Musikvideo". Sie stellt ihrer Arbeit folgendes Zitat von Klaus Ernst Behne voran: "Wer auch nur die geringste Neigung zu Kulturpessimismus hat, sollte sich nicht mit Video-Clips beschäftigen, er würde mit Sicherheit in tiefe Depression verfallen."

[13] Morley, Peter, "Video and Pop" in: Marxism Today, XXVII, Mai 1983, S.39

[14] Wicke, "Video Killed The Radio Star"

[15] Gehr, Richard; "The MTV Aesthetic", in: Film Comment, XIX, November 1983, S.39

[16] Busse, S. 11f

[17] vgl. dazu besonders die Analysen bei Tanja Busse, S.69ff

[18] Goodwin, "Fatal Distractions: MTV Meets Postmodern Theory" S.47

[19] Goodwin, S.49ff

[20] VJ = VideoJockey, gemeint sind die Moderatoren bei den Musiksendern

[21] Goodwin, S.54f

[22] Wicke / Ziegenrücker, S.349f. Vergleiche auch ähnliches Konzept bei Neumann Braun, Klaus / Schmidt, Axel "McMusic. Einführung" S.13 in: "Viva MTV!"

[23] Busse, S.11, auch bei Goodwin, S.45

[24] vgl. Anzahl der Untersuchungen bei Neumann Braun, Klaus / Schmidt, Axel "McMusic. Einführung" S.20f in: "Viva MTV!"

[25] Wicke, "Video Killed The Radio Star"

[26] Wicke / Ziegenrücker, S.350

[27] Mahrenholz, Sp.2237

[28] Busse, S.8

[29] Frith, "Zur Ästhetik der populären Musik" S.68ff

[30] Frith, "Zur Ästhetik der populären Musik" S.68ff

[31] Busse, S.165

[32] Busse, S.168

[33] Busse, S.170

[34] Busse, S.163

[35] vgl. z.B. Mbiti, S.15ff

[36] vgl. z.B. Walter, S.85ff

[37] Goodwin, S.58

[38] Busse, S. 11f

[39] Es handelt sich dabei hauptsächlich um das erste Halbjahr 1999, sowie um einzelne aus den Jahren davor, die jedoch aufgrund ihrer Popularität immer noch hin und wieder im täglichen Programm zu finden sind.

[40] vgl. das Programm der einzelnen Musiksender. Es kommt dabei zu einer deutlichen Differenzierung des Programmes in Bezug auf die Tageszeiten und das Zielpublikum.

[41] vgl. den Track zum "Mayday", zur "Love Parade" etc.

[42] Dahlhaus (1967) bezeichnet all diese Phänomene als Musik "in der Zeit" im Gegensatz zu Musik, die "Zeit in sich" enthält.

[43] vgl. Video "It must habe been love" von Roxette. Hier mußte die Sängerin bei den Aufzeichnungen doppelt so schnell singen, damit das Material in Slow Motion gezeigt werden konnte. Vgl. Aussagen im Booklet zur CD "roxette's greatest hits" EMI 7243 8362032 6

[44] siehe z. B. Videoclip "Maria" von Blondie

[45] siehe z.B. Videoclip "Sexy Boy" von Air. Dort ist eine Vermischung von Realität mit Comic beziehungsweise Animation zu finden.

[46] vgl. Wicke, "Populäre Musik" als theoretisches Konzept. Der Autor beschreibt dort die unterschiedlichen Möglichkeiten, in denen populäre Lieder rezipiert werden können. Ob dies im Konzert, in einer Diskothek oder Zuhause unter einem Kopfhörer stattfindet, läßt jeweils andere Aspekte der Musik für die Wahrnehmung bedeutsam werden.

[47] vgl. Wicke / Ziegenrücker S.312ff

[48] Dies kann bei der bildlichen Realisierung durchaus zu Irritationen führen, vgl. dazu den Clip "They don't care about us" von Michael Jackson. Gegen Ende des Liedes kommt es zu einer Überlagerung von Refrain und Improvisation, in der der Sänger nur letztere im Bild vollzieht.

[49] vgl. Wicke, "Video Killed The Radio Star"

[50] Wicke, "Populäre Musik" als theoretisches Konzept

[51] Wicke / Ziegenrücker, S.418f

[52] Wicke,/ Ziegenrücker, S.482

[53] vgl. auch Michaelas Pfadenhauers Analyse "Tanz in den Ruinen" S.294ff in: "Viva MTV!"

[54] Kaden, S.213f

[55] Auf die grundsätzliche Möglichkeit, Parallelität von zyklischer und linearer Zeit in Musik zu verbinden, weist auch Simone Mahrenholz (Sp.2233) hin.

[56] Ich persönlich habe seit dem Erscheinen des Liedes 1998 noch niemanden gefunden, der mir sagten konnte, um was es bei dem Song eigentlich geht. Dennoch verband jeder damit ein Gefühl, auch wenn er es in Worten nicht ausdrücken konnte.

[57] vgl. die Rezension über ein Grönemeyer Konzert im Tagesspiegel am 7.7.99, S.27

[58] vgl. Eggebrecht, S.592ff

[59] Generell ist der Forschungsstand in Bezug auf Rezeption und Wahrnehmung von Videoclips noch nicht sehr weit entwickelt, vgl. bei Neumann Braun, Klaus / Schmidt, Axel "McMusic. Einführung" S.24 in: "Viva MTV!"

[60] Frith, "Zur Ästhetik der populären Musik" S.9f