Die biologische Uhr austricksen
Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi über den Erfolg der Anti-Baby-Pille,
die Trennung von Sex und Fortpflanzung und die Zukunft des Kinderkriegens.
Djerassi, 78, hat vor fast genau 50 Jahren ein Hormon zur Empfängnisverhütung chemisch
hergestellt und daraus die Anti-Baby-Pille entwickelt. Seit 1985 widmet er sich einer
anderen Leidenschaft: dem Schreiben. In seinen zahlreichen Romanen und Theaterstücken blieb Djerassi stets seinen Lebensthemen treu: Wissenschaft, Sex und Fortpflanzung.
Journalist:
Professor Djerassi, einst haben Sie die Anti-Baby-Pille entwickelt, heute beschäftigen
Sie sich in Romanen und Theaterstücken mit der künstlichen Befruchtung. Worin besteht
der Zusammenhang?
Carl Djerassi:
In der Trennung von Sex und Fortpflanzung natürlich. Millionen von Menschen haben
sich daran gewöhnt, Sex aus Spaß und Liebe zu haben, ohne dass dabei ein Kind entsteht.
Deshalb fällt es ihnen jetzt so leicht, auch das Gegenteil zu akzeptieren: Leben
erschaffen ohne Sex. Damals hat mich der enorme Erfolg der Pille sehr überrascht. Sie war
ein ganz normales Medikament, und plötzlich war Verhütung das beliebteste aller Gesprächsthemen
auf Dinner-Partys. Ich bin aber fast sicher, dass wir diese Revolution auch ohne die Pille gehabt hätten. Der Rock'n' Roll, die Hippiekultur, die Drogen, die
Frauenbewegung -- all das hat in den sechziger Jahren eine Rolle gespielt. Die Pille
hat die ganze Revolte nur erleichtert -- und natürlich angenehmer gemacht.
Der Wunsch der Eltern, das bestmögliche Kind zu haben, wird die Fortpflanzung der
Zukunft dominieren. Und genau das wird die Fortpflanzung im Labor bieten. Der Geschlechtsverkehr
mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen, ist etwas Besonderes, etwas Mythisches. Das wird in drei Vierteln der Welt in den nächsten paar Jahrhunderten auch weiter so
sein. Ich spreche über das, was in den Wohlstandsländern bei den reichen Leuten passieren
wird. Diese Paare wollen im Labor die genetischen Eigenschaften ihres Nachwuchses
aussuchen. Das ist ja nicht Genmanipulation, sondern Auswahl. Eigentlich steckt dahinter
ein Gedanke, der bereits jetzt ununterbrochen verfolgt wird: Wir versuchen, unsere
Kinder in die beste Schule zu schicken, ihnen alles zu schenken, was ihre Zukunftsaussichten verbessern könnte. Die Präimplantationsdiagnostik eröffnet nun die Chance,
zwischen sechs oder acht Embryonen den genetisch besten Nachfahren auszuwählen. Das
ist doch sehr praktisch, wenn auch nicht angenehm.
Mehr und mehr Frauen vertagen das Kinderkriegen auf ihre späten dreißiger oder sogar
frühen vierziger Jahre, ein Alter also, in dem es viel gefährlicher ist, ein Kind
zu haben. Fast alle diese Frauen lassen ein Fruchtwasseruntersuchung über sich ergehen,
um genau zu wissen, ob das Kind eine Krankheit haben wird -- und zwar zu einem Zeitpunkt,
wo sie bereits seit drei Monaten schwanger sind. Und wenn der Befund positiv ist,
treiben die meisten das Kind ab. Ich behaupte, dass am Ende Verhüttungsmittel total
unnötig sein werden. Die Menschen werden ihre Spermien und Eier in einer Bank auf Eis
legen können und lassen sich anschließend sterilisieren. Frauen hätten einen Vorrat
an gefrorenen Eiern und könnten diese genau dann befruchten lassen, wenn es ihre
Karriere zulässt. Auf diese Weise könnten Frauen die biologische Uhr austricksen und das
Kinderkriegen um fünf oder zehn Jahre verschieben -- unter Umständen sogar, bis sie
fast 50 sind.
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