Aufklärung: Der deutsche, didaktisch wirkende Begriff der Aufklärung für eine
endlich freie Nutzung des kritischen Verstandes spricht die Rationalität und potentielle
Einsicht der 'aufzuklärenden' Personen an. Aber das deutsche Aufklären bezeichnet
zunächst einmal das Erhellen, Aufklaren, einen Prozeß - im Gegensatz zum französischen
Lumières, das eben den Zustand der Helle beschreibt.1 Auch
die beiden bezeichneten Phänomene Aufklärung und Lumières sind nur bedingt
vergleichbar. Der deutsche, nicht selten neidvolle Blick auf den fortschrittlichen
französischen Nachbarn erklärt sich nicht zuletzt aus dessen staatlicher Einheit;
moderne Auffassungen von Politik, Wirtschaft und Ideologie scheiterten im Deutschen Reich
zumeist an der nächsten Landesgrenze. Die deutsche Kleinstaaterei unterdrückt auch eine
der französischen parallele Entwicklung eines Nationalgefühls, so daß die
Träger/Vermittler der Aufklärung meist mühevoll bei der Erziehung der jeweiligen
Fürsten, Bischöfe usw. zu 'Landesvätern' beginnen mußten. Als glückliches Beispiel
mag hier Leibniz' Wirken bei Zar Peter dem Ersten dienen, als abschreckendes sein Ende an
einem deutschen Fürstenhof. Die Fürstenaufklärung stellte zwar ein zentrales Anliegen
deutscher Aufklärer dar, fand jedoch nur bei den wenigsten ihrer Schüler wohlwollendes
Entgegenkommen. Die eigentlich aufklärbare Schicht waren die Bewohner der Städte, war
das relativ gebildete und kulturell offene Bürgertum. Deren potentielle Toleranz wurde
vor allem durch eine Stärkung ihres Selbstbewußtseins gefördert. Eine besonders
wichtige Rolle bei der Verbreitung der Aufklärung spielten die protestantischen
Universitäten (beispielsweise Halle und Göttingen) und die Berliner Akademie der
Wissenschaften, an denen nicht zuletzt über die religiöse Spekulation wichtige Anstöße
für kulturelle Entwicklungen gegeben wurden. Die Überwindung der ständischen Ordnungen
sowie die an Begriffen wie 'Sprache' und 'Bildung' ausgerichtete Forschung und Lehre
schufen neben anderem einen Bezugsrahmen für ein nun auch politisch zu verstehendes
Nationalbewußtsein.
Romantik: Bezeichnet eine geistige, speziell künstlerische Bewegung der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts im europäischen Raum. Die Romantik wird oft als
Gegenströmung zur Klassik interpretiert, obwohl sich diese Einschätzung u.a. anhand der
Tatsache relativieren läßt, daß manche Künstler beiden Richtungen zuzuordnen sind -
nicht nacheinander, sondern jeweils vom Stoff des jeweiligen Kunstwerkes ausgehend neu
wählend. Zentrum des Beginns der deutschen literarischen Romantik bildete die Zeitschrift
Athenäum, die zwischen 1798 und 1800 erschien und, ausgehend von der Weimarer
klassischen Tradition, eine Art Programm erarbeitete. In Abgrenzung zum aufklärerischen
Bildungs- und Rationalitätsideal und zur Überhöhung und Formelhaftigkeit des
Klassizismus wandte sich die Romantik der Sprachgeschichte, der Volkskunde (die als
Disziplin erst noch etabliert werden sollte) und der Mythenforschung zu. Bekannte Texte
der Romantik sind Märchensammlungen (wie die der Brüder Grimm) oder Lieder- und
Gedichtsammlungen (wie Achim von Arnims und Clemens Brentanos Des Knaben Wunderhorn).
Die städtische Salonkultur nahm einen ungeahnten Aufschwung, und hier begegneten sich
neben Schriftstellern und Malern auch Politiker und Wissenschaftler (Wilhelm von Humboldt)
und Philosophen (Schlegel). Ein zentraler Begriff der Romantik ist der des Zweifels -
geworfen in einen Zustand der Skepsis läßt sich die menschliche Existenz als Streben
nach dem Endlich- oder Wieder-bei-sich-sein (Kierkegaard) denken. Neben der Mythisierung
der Welt ist auch die Ästhetisierung derselben (zu der auch die Ironisierung - Heine -
zählt) eine Methode, dem Leiden am die Persönlichkeit ausmachenden Zweifel durch einen
qualitativen Sprung zu entgehen. Die künstlerische: gezähmte, zivilisierte Natur war
endlich denkbar geworden. Mit dem Zauber, der der Welt zunehmend verlorenging, entwarfen
romantische Künstler Gegenwelten, in denen der Mensch noch nicht auf seine Funktion
reduziert, das Individuum für sich geachtet ist, Bewußtes und Unbewußtes eine Einheit
bilden. In diesen Kontext gehört auch das nicht spezifisch deutsche geistesgeschichtliche
Phänomen einer Personifizierung der Völker (Germania, Svea etc. - neben dem Geschlecht
und der 'Ausrüstung' der Figuren war deren Alter von großer Bedeutung), das seitdem bis
weit in dieses Jahrhundert im öffentlichen Diskurs eine nicht zu unterschätzende Rolle
spielt.
Ein gewisser Hang einiger Romantiker zu Mystizismus, religiöser Schwärmerei (s.o.) und
Mittelalterkult hat der Epoche den Ruf einer wirklichkeitsleugnenden, weltflüchtenden
Bewegung eingebracht; ihre kultisch wirkende Verehrung vom einfachen, harten, sinnvollen
Leben in Einklang mit der Natur läßt immer wieder Stimmen aufkommen, die vom
Nationalsozialismus eine direkte Linie zur Romantik ziehen. Die künstlerische
Ergiebigkeit der thematisierten gesellschaftlichen Strömungen und Widersprüche der Zeit
(zunehmende Industrialisierung, Etablierung des Bürgertums in allen Schlüsselpositionen
der Gesellschaft, Kriege) wird hierbei oft übersehen. Das häufig Fragmentarische in der
Romantik wird meist als Unzulänglichkeit gewertet, liegt aber zum einen darin begründet,
daß sich ein romantischer Künstler kein Allwissen, also keine Göttlichkeit anmaßen
konnte, wollte und durfte, läßt sich jedoch zum anderen auch als Indiz dafür deuten,
daß die angestrebte Einheit von Religion, Philosophie und staatlicher Ordnung schon für
diese Künstlergeneration nur noch unter größten Schwierigkeiten her- und darstellbar
war. Die Romantik läßt sich damit auch als eine Epoche begreifen, auf der schon der
Schatten lag, den die Modernisierung vorauswarf, der von den geistigen Eliten wahrgenommen
wurde und sie politisch, philosophisch, künstlerisch prägte.
[CB]
'Aufklärung' und 'Romantik' sind Begriffe, an denen sich die epistemologische Krise
der Moderne auf zentrale Weise manifestiert. Sie sind besonders gut dazu geeignet, sich
davon zu überzeugen, daß Sprache nicht eine außerhalb und unabhängig von ihr
existierende Realität repräsentiert, sondern ganz im Gegenteil diese erst generiert.
Foucaults Definition der Diskurse als einer Praxis, die systematisch die Dinge
hervorbringt, von denen sie spricht,2 findet in
'Aufklärung' und 'Romantik' deswegen ein gutes Paradigma, weil die plakative Einführung
der Begriffe historisch tatsächlich zusammenfällt mit der Verkündigung eben dieser
vielleicht ambitioniertesten Programme der Neuzeit. Die Schlagkraft der Programme liegt
nicht zuletzt in ihren 'Taufnamen', deren rhetorische Wirkung sich aus dem ergibt, was
eine Grenze aller Veränderungsbestrebungen ist: Radikale Brüche sind nicht möglich.
Für die Wirkung von Sprache, die besonders über Konnotationen funktioniert, ist das
alles andere als bedauerlich. Bedenklich nur, daß im Formulieren neuer Positionen das,
von dem abgegrenzt werden soll, immer evoziert wird. In der Aufklärung soll der Mensch
frei von feudalen und kirchlichen Institutionen seine Mündigkeit im selbständigen
Vernunftgebrauch demonstrieren - die Lichtmetapher 'Aufklärung' aber betont nicht weniger
die Kontinuität als die Revolution im Verhältnis zum zu entmachtenden theologischen
Prätext "Und es ward Licht", selbst wenn es nun gerade die Quelle des eigenen
Verstandes und nicht mehr die der göttlichen Weisheit ist, die den sublimen Zustand
herbeiführen soll, und man das Platonische Höhlengleichnis als Referenztext seiner Wahl
anführen würde. Mit der Bezeichnung 'Romantiker' belegen die Aufklärer die, in welchen
sie ihre Gegner zu erkennen glauben. Deren Versuch, das aufklärerische Vernunftkonzept
mit Intuition und Phantasie bis zu seiner Sprengung zu erweitern, quittieren die
Aufklärer mit einem Begriff, durch den alles evoziert wird, was sie als das Dunkle
verachten und ausgrenzen: Das Mittelalterliche, die Phantasterei, das Klerikale findet
sich in der Bezeichnung 'romantisch', die von einem im Mittelalter geprägten Begriff für
volkstümliche Erzählungen in der Landessprache abgeleitet ist, denotiert bzw.
konnotiert. Die Beschimpften machen aus dem Schmähwort einen Ehrentitel - und erreichen
damit, daß durch die polemische Genese des Begriffs das, von dem sie sich unterscheiden
wollen, immer mitrepräsentiert ist.
Besonders bemerkenswert an 'Aufklärung' und 'Romantik' ist, daß der wissenschaftliche
Diskurs, der sie mit hervorgebracht hat, entschieden an ihnen festhält und seine Konzepte
von Wahrheit und Wert von ihnen bestimmen läßt. Dies ist alles andere als evident, da
durch das Ereignis der Moderne grundlegende Prämissen aufklärerischen und romantischen
Denkens aufgegeben worden sind, so daß das Vertreten dieser Positionen nur mit 'List und
Tücke' möglich geblieben ist.
Das 'Romantische' als Wert zu konstruieren ist dabei ein besonders problematisches
Unternehmen: Aufklärerische Werte haben den Vorteil, sich über den Erfolg sozialer
Praxis legitimieren zu können - das Romantische muß ideell substantialisiert werden, und
das bedeutet, daß es spätestens im Zusammenhang mit der Repräsentationskrise
unbehauptbar geworden ist. Die Romantikforschung ist davon wenig beeindruckt - ein
interessantes Beispiel dafür liefert Nemoianu, dessen Arbeit The Taming of Romanticism3 demonstriert, wie die (von ihm explizit vorgetragene)
Weigerung, eine nominalistische Romantik-Definition zu akzeptieren, unweigerlich in den
Idealismus führt. Wie es in der Romantikforschung inzwischen der Standard fordert4, studiert Nemoianu sie im politischen Zusammenhang als eine
Reflexion auf die französische Revolution (durch den Terror von Vernunft und Tugend im
Namen der Aufklärung wurde diese durch die revolutionären Ereignisse selbst
problematisch, und 'Romantik' meint die Modifizierung oder gar Ablehnung von
aufklärerischen Positionen in diesem Kontext). Abrams' Romantik-Theorie in Natural
Supernaturalism5 gefällt Nemoianu vor diesem
Hintergrund als die "vollständigste und intellektuell am zufriedenstellendste"
- nur daß eben selbst diese Theorie nicht auf alle und alles zutrifft, was gemeinhin als
romantisch rubriziert wird.6 Vor die Alternative gestellt,
entweder die Theorie oder die komplexe Fülle des Materials zu opfern, entscheidet sich
Nemoianu zugunsten der Theorie: Das Gros der Untergruppen und Autoren, das gerade unter
der Prämisse, daß Romantik die Aporien von Aufklärung zu korrigieren sucht oder andere
Wert- und Erklärungsmodelle lanciert, dem Begriff zugeordnet wird, unterliegt der
Ausgrenzung: Historismus und E.T.A. Hoffmann z.B. zählen nicht mehr dazu.
Problematisch erscheint Nemoianus Entscheidung für die Theorie auf Kosten des Kanons,
wenn man die Kriterien sieht, nach denen diese Wahl stattfand. Romantik wird u.a. nach
Abrams als Säkularisierung von chiliastischen Vorstellungen definiert - Nemoianu
präzisiert: 'Pragmatische' Versuche, dem Himmel auf Erden näher zu kommen, sollen
ausgeschlossen sein (z. B. alle bislang als romantisch bezeichneten Versuche, dieses Ziel
mittels Gemeinschaftskonstruktionen zu realisieren) - als Parameter für die Zuordnung
gilt Friedrich Schlegels visionäres Diktum, eine universalromantisch-poetische Revolution
erzeuge den Himmel auf Erden, wenn der Poet sich nur mit dem Universum identifiziere.7 Bezeichnenderweise hat Nemoianu keine Scheu, auf Dilthey und
damit den deutschen Idealismus zu verweisen, um die Richtung anzugeben, in der das Prinzip
seiner restriktiven Auffassung zu suchen ist:
Eine grenzenlose Energie des Willens zum Ideal und zu Freude, ungeheure Forderungen an die Ordnung der Gesellschaft, ja an die Natur selbst, Sehnsucht an unendliche Fernen und nach unerhörten Glückszuständen,
so zitiert Nemoianu Diltheys Charakterisierung des Romantischen.8 Mit anderen und Nemoianus Worten: Romantik ist vor allem 'Expansion', ein grenzüberschreitender Energiezustand; also eine transzendente Kraft. Und eine solche transzendente Energie beobachten und verehren nicht wenige Dekonstruktivisten (Dekonstruktion) als Aggregatzustand eines jeden Textes.
[AB]
(1) Romantik ist kein Bruch mit der Aufklärung, sondern vielmehr als reflexive
Aufklärung zu verstehen. Entsprechend ist die Romantik keine Gegenströmung zur
Modernisierung, wie z.B. van der Loo/van Reijen behaupten.9
Das Projekt der Aufklärung, das untrennbar verschränkt ist mit dem Phänomen der
Modernisierung, hatte als Rationalismus begonnen, der zwar seine Erkenntnismöglichkeiten
thematisierte, nicht aber die Abhängigkeit dieser Erkenntnis vom sprachlichen Diskurs.
Diese Reflexion der sprachlichen Bedingtheit von Mitteilungen wurde in der Romantik
nachgeholt. Grundlegend für alle Spielarten der ansonsten sehr pluralistischen Romantik
ist eine semiotische Krise, die z.B. durch die fiktionszerstörende romantische Ironie,
Fragmentästhetik, phantastische Literatur etc. artikuliert wird. Immer geht es um den
Bezug eines textuellen Universums zum Kon-Text; ausgedrückt wird die Unzulänglichkeit,
eine reibungslose Kongruenz zwischen Diskurs einerseits und Glauben bzw. Erfahrung
andererseits herzustellen, Signifikant und Signifikat zur Deckung zu bringen. In seiner
'modernsten' Form weigert sich ein romantischer Text, endgültige, denotative
Bedeutungszuweisungen vorzunehmen, stattdessen zeigt er das allein diskursive 'Spiel'
solcher vermeintlicher Bedeutungszuweisungen auf (was sich in romantischen Zeiten durchaus
als negative Bestätigung von Transzendenz deuten ließ, da die Materialität der Sprache
ja notwendig dem Immanenten verhaftet bleiben muß).
Eine solche diskursive Strategie ist jedoch nicht mit Verweigerung gegenüber der
modernen, technologischen Wirklichkeit gleichzusetzen, wie dies häufig getan wurde und
wird. Diese Strategie ist vielmehr eine Autoreflexion der Aufklärung und eine notwendige
Problematisierung der zuvor naiv betrachteten Beziehung zwischen sprachlicher und
außersprachlicher Wirklichkeit. Der Akzent, der auf die Autoreferentialität der Sprache
gelegt wird, bereitet den 'linguistic turn' vor.
Wenn man also überhaupt der Verlockung erliegen will, die pluralistische Romantik auf
einen gemeinsamen Nenner zurückzuführen, so muß die sprachliche Modalität des
romantischen Diskurses in den Mittelpunkt der Überlegungen rücken: Nicht was oder
mit welcher Intention etwas ausgesagt wird, ist spezifisch für die Romantik,
sondern wie es ausgedrückt wird.
(2) In bezug auf die Modernisierung ist die literarische Romantik als notwendige
Funktionalisierung des Literatursystems zu verstehen, das sich hier von anderen,
rhetorisch und nicht wie die Literatur symbolisch organisierten Aussagensystemen absetzt.
Erst durch diese Funktionalisierung, durch das Herausbilden einer eigenen 'Identität'
wurde das Literatursystem in die Lage gesetzt, sich - spätestens mit dem Expressionismus
- kontingent und kritisch mit der Modernisierung und ihren Folgen wie z.B. den
veränderten Wahrnehmungsbedingungen in der Moderne auseinanderzusetzen.
[SMS]
Trotz der Polyvalenz des Begriffes 'Romantik' hat das romantische Projekt in den
meisten europäischen Kulturen wiedererkennbare gemeinsame ideologische und stilistische
Züge. Das romantische Projekt trug bei allen, die sich in der intellektuellen Zwangsjacke
der Aufklärung oder in den Krallen fremder Mächte gefangen fühlten, folgende
grundsätzliche Züge:
[NW, übersetzt von SMS]
1
: Georges Gusdorf: "Aufklärung/Lumières". In: Jaques Leenhardt u. Robert Picht (Hg.): Esprit/Geist. 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen. München u. Zürich: Piper, 1989 (= Serie Piper; 1093), 135-148.