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Gerhart Neuner
Wer zahlt die Zeche ?
Bildung unter den Bedingungen eines sich ausbreitenden
Neoliberalismus
Neoliberalismus ist nicht die avancierte
Form von liberal, sondern laut NOAM CHOMSKY handelt es sich um eine Art
Begriffsdiebstahl, eine fälschlich etikettierte Rücknahme liberaler
Ideen und Strukturen. In dem nachfolgenden Beitrag, der sich auf Debatten
im Rahmen des Forums Bildung bezieht, soll untersucht werden, inwieweit
im heutigen bundesrepublikanischen Bildungswesen Neoliberalismus bereits
konsensfähig ist, und zwar, erstens, im Hinblick auf den erstaunlichen
Wandel des Neoliberalismus selbst, zweitens, unter Berücksichtigung
von Antinomien hinsichtlich Chancengleichheit und relevanter Wirkungen
von Lehr- und Lernkonzepten und, drittens, der Verbindung hoher Leistungsansprüche
und maximaler Förderung.
1) Ursprünglich mit dem
Anspruch strenger ökonomischer Wissenschaft angetreten, mutierte
der Neoliberalismus zu einer Ideologie, die die neue "monopolare
Weltordnung" begründen und rechtfertigen sollte. Die Weltmacht
USA gab und gibt hierfür die Regeln vor, sowohl im militärisch-technologischen,
im monetär-industriellen als auch im ideologisch-mentalen Bereich.
Den anderen großen Zentren, der pazifischen Region oder der Europäischen
Union, verbleibt, sich den von den USA vorgegebenen Standards anzupassen.
Mit dem sogenannten "Washington-Consensus" 1989 akzeptierten
sie diese Spielregeln.
2) Eine neue "Kultur der Differenz" zieht
auch in Deutschland bisher unbekannte Formen sozialer Ungleichheit nach
sich. Chancengleichheit wird infolgedessen zu einer Schlüsselfrage
der bevorstehenden Bildungsreformen. Zumindest zwei Konzeptionen stehen
sich derzeit konfrontativ gegenüber, die mehr bildungs- und sozialpolitisch
orientierte, verbal vom Forum Bildung favorisiert, und die tendenziell
neoliberale. Auch hinsichtlich des Verständnisses von Lehr- und Lernprozessen
sind derartige Gegensätze nachzuverfolgen. Reformpädagogisch
inspirierte Auffassungen, ein überzogenes "Vom Kinde her"
sowie radikale Individualisierung des Lernens sind das eine Extrem, das
andere sind Vorstellungen von einer knochenharten Lern- und Leistungsschule,
in der Büffeln und Pauken sowie das rücksichtslose Rangeln um
Zensuren und Rangplätze dominieren. Kurzlebige Konjunkturen und Moden,
die derartigen Lernvorstellungen folgten, haben in der Vergangenheit nur
Schaden angerichtet. Die Vermittlung messbaren Wissens und Könnens
und, damit verknüpft, längerfristig zu verfolgendes Kompetenzlernen
sowie Ausbildung menschlicher Beziehungen und Haltungen - das sollte im
Zentrum weiterer Debatten um eine neue Lehr- und Lernkultur stehen.
3) Relativierung von Leistungsansprüchen in
Schule und Unterricht, wie immer motiviert, kann kein taugliches und überzeugendes
Rezept für Lehr- und Lernprozesse sein. Die Zeche hierfür zahlen
schließlich stets die betroffenen jungen Menschen. Die Schlüsselfrage
von Chancengleichheit bleibt die verstärkte, differenziert und breit
angelegte Förderung. Das gilt für aktive, leistungsfähige
und vielfältig begabte Schüler. Aufmerksamkeit, Fürsorge
und Förderung gebührt aber auch jenen, die zurückbleiben
und durch soziale Verhältnisse benachteiligt sind. Es ist zu begrüßen,
dass sich in dieser Hinsicht in den Debatten des Forums Bildung eine Akzentverlagerung
andeutet, obwohl die Frage noch keineswegs gelöst ist, wie die hierfür
erforderlichen Bedingungen geschaffen werden sollen, finanzielle, materielle
und personelle. Auch in der Gesellschaft braucht es hierfür einer
entsprechenden Atmosphäre.
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Prof. Dr. sc. Gerhart
Neuner ist Mitglied der Leibniz-Sozietät
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