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Sitzung der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
19. Oktober 2000
Prof. Dr. Gabriella Schubert, Jena:
"Rideo ergo sum" - Alltagsbewältigung durch Lachen in Südosteuropa
Frau Prof. Schubert
(57) ist Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1999 und lehrt an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena Südslawistik. Geboren und
aufgewachsen in Budapest, studierte sie Slawistik und Balkanologie an
der Freien Universität Berlin. In Jena baute sie den interdisziplinären
Studiengang "Südosteuropastudien" auf. Sie gibt die "Zeitschrift
für Balkanologie" sowie Sammelbände zur Balkanologie und
zu deutsch-südslawischen Kulturbeziehungen heraus, zählt mehr
als hundert Veröffentlichungen zu slawistischen, balkanologischen,
hungarologischen und ethnologischen Themen und ist Mitglied des Präsidiums
und des Wissenschaftlichen Beirats der Südosteuropa-Gesellschaft
sowie Vizepräsidentin und Jenaer Zweigstellenleiterin der Deutsch-Bulgarischen
Gesellschaft e.V.
Seit Ende der achtziger Jahre sind
über große Teile Südosteuropas wirtschaftliche Katastrophen
sowie heftige ethnische und soziale Auseinandersetzungen hereingebrochen.
Vor dem Hintergrund des blutigen Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien
präsentiert sich diese Region in den Medien als ein infernalisches
Chaos, in dem Krieg, Flüchtlingselend und wirtschaftliche Not regieren.
Solche Darstellungen sind nur zu leicht dazu geeignet, alte Stereotypen
und Verzerrungen im westeuropäischen Balkan-Bild zu verstärken.
Es ist die Aufgabe einer verantwortungsbewußten Wissenschaft, auch
die Normalität und jene Elemente im Alltagsleben der hier lebenden
Menschen aufzuzeigen, die dazu geeignet sind, einseitige Vorstellungen
von ihnen zu relativieren und sie besser verstehen zu lernen.
Formen oraler Erzählkultur sind dafür
in hohem Maße geeignet. Beim Erzählen wird Erlebtes verarbeitet,
interpretiert und in lebendige Bilder umgesetzt, wird Identität hergestellt
und begründet. Einige dieser Bilder werden in dem Vortrag präsentiert.
Sie gehören zu den folkloristischen Gattungen des Schwanks und des
Witzes, die sich in Südosteuropa allgemeiner Beliebtheit erfreuen,
einen hohen Diffusionsgrad und eine große Vielfalt an Formen und
Motiven aufweisen. Die dazugehörigen Textbeispiele sind verschiedenen
Sammlungen von Schwankerzählungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert
sowie Witzsammlungen der Gegenwart entnommen; viele der genannten Witze
wurden der Vortragenden mündlich mitgeteilt.
Die älteren Schwänke vermitteln Einblicke
in den Alltag und das Zusammenleben der Menschen in der Vergangenheit,
im Rahmen der Großreiche - des Osmanischen Reiches und des Habsburgerreiches.
Hauptakteure in ihnen sind zumeist einfache Menschen aus den unteren sozialen
Schichten: listige Bauern, Handwerker und andere, die sich gegenüber
offiziellen Normen oder Trägern weltlicher und kirchlicher Macht
in Opposition befinden.
Mit dem Zusammenbruch der historischen Großreiche
in Südosteuropa, im Zuge von "Modernisierung" und "Europäisierung",
änderten sich Inhalte und Formen alltäglichen Erzählens.
Während traditionelle Schwänke im ländlichen Milieu bis
in die Gegenwart überdauerten, verbreiteten sich in den Städten
neue Themen und Erzählinhalte, in denen sich die politischen und
sozialen Veränderungen und damit zusammenhängende Probleme widerspiegeln.
Hierher gehören auch die sog. Ostblockwitze, die im sozialistischen
Südosteuropa nach 1945 in reichem Maße produziert und reproduziert
wurden. Mit dem Zerfall der sozialistischen Systeme nehmen sie eine neue
Qualität an. In ihnen wird nunmehr das "gemeinsame europäische
Haus" und die Ausgrenzung Südosteuropas aus diesem "Haus"
reflektiert.
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