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Sitzung der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
20. September 2001
Ronald Lötzsch
Die Legende von der "Staatsnation"
Prof. Ronald
Lötzsch (69) ist Sprachwissenschaftler und Mitglied der
Leibniz-Sozietät seit 1998. Bis zur Abwicklung 1991 war er Mitarbeiter
der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1993 bis 1995 hatte er den Lehrstuhl
für sorabistische Linguistik an der Universität Leipzig inne
und war Direktor des dortigen Instituts für Sorabistik. Er kann auf
zahlreiche Publikationen verweisen über slawische und deutsche Dialektologie,
Kontaktlinguistik, zweisprachige Lexikografie und Lexikologie, Interlinguistik,
Geschichte der Sprachwissenschaft, Minderheiten- und Sprachenpolitik sowie
deutsche Rechtschreibung.
Die Konzeption der sog. "Staatsnation",
nach der alle Bürger eines Staates unabhängig von ihrer ethnischen
Herkunft und ihrer Muttersprache sich in einer angeblich "freien
Willensentscheidung" zu einer Nation zusammengeschlossen hätten,
gilt als besonders emanzipatorisch und zukunftsweisend. Als Muster einer
solchen "Nation" gilt in Europa Frankreich, dessen Bevölkerung
diese Entscheidung unter der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"
getroffen habe. Auf ähnliche Weise wird vielfach auch der Status
solcher Vielvölkerstaaten wie Großbritannien, Spanien oder
Belgien beschrieben.
Die mit dieser Auffassung unvereinbare Existenz
unterschiedlicher Nationalitäten bzw. nationaler Minderheiten in
solchen Staaten wird entweder einfach ignoriert oder sogar explizit geleugnet.
Auf nationale Bewegungen der nicht dominierenden Nationalitäten wird
nicht selten mit Repressalien reagiert. Nicht zuletzt gilt das für
die Unterdrückung ihrer Sprachen. Von einer "freien Willensentscheidung"
bei der Herstellung der "nationalen Einheit" kann keine Rede
sein.
Einzige Ausnahme ist in Europa die Schweiz, deren
aus vier gleichberechtigen Sprachgemeinschaften bestehende Bevölkerung
sich in der Tat als Willensnation versteht.
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