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Sitzung des Plenums
19. Oktober 2000

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Rita Schober:
Von Platon zu Houellebecq? Zu Michel Houellebecqs utopischem Roman "Elementarteilchen"

Frau Prof. Schober (82) ist Romanistin und Literaturtheoretikerin sowie Gründungsmitglied der Leibniz-Sozietät. Nach Studium und Promotion in Prag wurde sie in Halle Assistentin von Victor Klemperer, mit dem sie 1951 zur Humboldt-Universität nach Berlin ging. Hier leitete sie von 1957 bis zu ihrer Emeritierung 1978 das Romanische Institut sowie dessen Nachfolgeeinrichtung. Sie publizierte nicht nur viele Fachveröffentlichungen und gab die Zeitschrift "Beiträge zur Romanischen Philologie" heraus, sondern wurde auch einem breiten Publikum bekannt durch die Herausgabe des 20bändigen Zyklus "Die Rougon-Macquart" von Emile Zola (1952 - 1976) sowie durch vielfältiges Wirken zu Leben, Werk und Tagebüchern Victor Klemperers. Sie gehört dem PEN-Club, der Société Européenne de Culture, der AILC (Association Internationale de Littérature Comparée) und dem deutschen Romanistenverband an. Gastvorlesungen führten sie an mehr als zwei Dutzend europäische Universitäten von Bordeaux bis Moskau; zu Gastprofessuren weilte sie 1970 in Moskau und 1985 in Graz.

In ihrem Vortrag behandelt sie einen der erfolgreichsten Gegenwartsautoren der französischen Literatur. 1998 publiziert, erreichte sein Roman in zwei Jahren eine Auflage von 400 000 Exemplaren, wurde in 30 Sprachen übersetzt (ins Deutsche 1999); am 23. November wird seine Dramatisierung in der Volksbühne Berlin uraufgeführt. Den Prix Goncourt verfehlte er 1998 mit einer Stimme, erhielt aber den angesehen Prix Novembre. Houellebecq selbst wurde für sein Gesamtwerk mit dem Grand Prix National des Lettres Jeunes Talents ausgezeichnet.
Der Roman "Elementarteilchen" stand sofort im Feuer der Pressekritik. Von den einen als eine Wende der Literatur, von den anderen als ein armseliger Porno bezeichnet, richteten sich die Angriffe vor allem gegen die Utopie, durch Genmanipulation, Klonen und Rassenzüchtung eine neue, geschlechtlose, unsterbliche posthumane Spezies zu schaffen, und insgesamt gegen seine Sicht der Realität, wobei letzteres wahrscheinlich das Entscheidende ist.
Houellebecqs Geschichte zweier Halbbrüder - des Erotomanen Bruno, der nach einer ausführlich beschriebenen Jagd nach Sex in Nudisten- und Swingerclubs sein vergeudetes Leben in einer psychiatrischen Klinik beendet, und des völlig introvertierten, kontaktlosen Genforschers Michel, dessen Leben zwischen fast-food und Supermarkt verläuft, dessen Forschungen aber die Grundlage für die oben skizzierte Utopie darstellen - diese Geschichte übt in der Beschreibung der beiden konträren Lebenswege schonungslose sozio-kulturelle Kritik an den Verfallserscheinungen der Lebensweisen, der Denkmodelle und Mentalitäten nach 1968 in Frankreich. Andere Autoren - herangezogen wird eine ökonomische Arbeit und die philosophische Grundsatzarbeit über die Postmoderne - stimmen in ihren zentralen Befunden damit überein.
Die Brisanz der Utopie steht angesichts des erreichten Standes der Gen-Forschung außer Frage - und somit auch die Brisanz der damit verbundenen ethischen Probleme.

Houellebecq wird übrigens an einem Podiumsgespräch zu diesen Problemen am 27.10. in der Volksbühne teilnehmen und anschließend - begleitet von seiner Band - eigene Gedichte vortragen.

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Aktualisiert am: 13.10.2000