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Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät / Auszüge
 
 
 
   
 

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Sie finden eine Übersicht über den kompletten Jahrgang, wenn Sie dem Link der Heftnummer folgen. Eine Gesamt-Übersicht über bisher erschienene und geplante Sitzungsberichte und Abhandlungen der Leibniz-Sozietät ist unter der Rubrik Publikationen zugänglich.

Band 34 (1999) Heft 7
134 S., geb., ISSN 0947-5850, ISBN 3-89626-214-4

Wolfgang Eichhorn/Wolfgang Küttler
Geschichte in möglichen Perspektiven denken. Formationsentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert

Viele linke Grundsatzdebatten machen deutlich, daß auch heute noch zu viel in dem alten, starren Kapitalismus-Sozialismus-Begriffsschema gedacht wird. Zeichneten sich schon in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erste Inkongruenzen zwischen den gewandelten geschichtlichen Realitäten und diesem Schema ab, so kann dieses heute den veränderten Transformationserfordernissen nicht mehr gerecht werden. Die Nutzung des Marxschen formationstheoretischen Ansatzes in seinem methodologischen Reichtum - unter Einschluß des Marxschen Spätwerks - führt zu einer wesentlich veränderten Sicht auf die geschichtlichen Gegenwartsprozesse.

Im folgenden ein Auszug aus "Sitzungsberichte der Leibnis-Sozietät". Band 34,. S. 31 ff
(Vorausgehende Abschnitte: 1. Der formationstheoretische Ansatz des "Kapital"; 2. Der weltgeschichtliche Formationsprozeß in Marx' Spätwerk; 3. Kapitalexpansion - Weltkrieg - periphere Revolution; 4. Alternativen und Extreme - der Systemkonflikt; 5. Geschichtsprozeß als Resultante.)

6. Formationsbegriff und kapitalistische Gegenwart
An diese Stelle kommen wir auf die in den ersten Abschnitten erörterte Genesis der Marxschen Formationstheorie zurück. Wenn wir, das früher weithin unterschätzte Spätwerk besonders hervorhebend, ein Fazit versuchen, so fallen drei unterschiedliche, zugleich aber eng verknüpfte Betrachtungsweisen bzw. Interpretationen von "Gesellschaftsformation" auf. Erstens ist unter Formationsentwicklung der gesellschaftliche Produktions- und Reproduktionsprozeß der materiellen und gesamtgesellschaftlichen Lebensbedingungen zu verstehen, der der Menschheitsgeschichte im Ganzen zugrunde liegt. Ihn konstituieren dialektische Beziehungen von Natur und Gesellschaft, von Sein und Bewußtsein, ökonomischen Grundlagen und politischen, rechtlichen, kulturellen und ideologischen Formen bzw. Institutionen (d .h. die vielfach dogmatisch interpretierte Basis-Überbau-Dialektik). Zweitens zielt der Terminus bei Marx auf die ideelle Rekonstruktion der realgeschichtlichen Genesis der bürgerlich-kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft. Dabei treten einerseits Entwicklungsstufen hervor, die schließlich zur Herausbildung des Kapitalismus führten ("progressive Epochen"), andererseits wird auf das konkrete Werden der Totalität bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse wie in England orientiert, was zugleich das Aufspüren von Widersprüchen einschließt, die auf den Übergang zu einer qualitativ neuen Stufe verweisen. Diese Sichtweise ermöglicht einen komplexen System- und Entwicklungsbegriff für hochentwickelte Gesellschaften. Drittens wird, bereits in den "Grundrissen" 1857/58 angedeutet , dann aber nach 1877 von zentraler Bedeutung, ein weiterer veränderter Bedeutungsgehalt des Terminus sichtbar. Er bezeichnet nun Formationsgrundtypen bzw. Formationsreihen je nach den gentilen, agrarischen oder gewerblich-marktwirtschaftlichen und - für die Zukunft - modern kommunistischen Dominanten menschlicher Existenzsicherung, auf Basis der Sippe, des Grundeigentums und Kapitals, schließlich der mit der gesellschaftlichen Nutzung der modernsten Produktivkräfte verbundenen Wiederherstellung des Gemeineigentums im modernen Kommunismus. Das läßt uns Grundformen und große Formierungsfolgen der Lebens- und Produktionsweise bei gleichzeitigem Hervortreten vielfältiger geschichtlicher Antriebkräfte unterscheiden. Diese verschiedenen Aspekte des Marxschen Formationsbegriffs weisen einen methodischen Reichtum auf, der in der Vergangenheit dogmatisch simplifiziert wurde, der aber erschlossen und heute in Anschlag gebracht werden sollte. Ihre Zusammenschau kann den Blick öffnen für eine Bilanz des 20.Jahrhunderts und für heutigen Perspektivprobleme, die sich von der verarmten Formationsauffassung und der damit verbundenen Epochebestimmung von 1957/60 deutlich abhebt, da sie die für die Formationsperspektiven praktisch wie theoretisch ins Gewicht fallenden Modifikationen und Aberrationen nicht ausblendet, sondern gerade in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Es liegt nahe, bereits die gesamte "modern-bürgerliche" (wie Marx sie nennt) Transformation, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in ein weites Spektrum unterschiedlicher, teilweise gegensätzlicher Formierungen aufsplittete, in der Projektion einer besonderen Entwicklungsreihe zu betrachten. Die vielschichtigen Formen der Genesis des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft in Europa seit dem 15. und 16. Jahrhundert, die Entwicklung und weltweite Expansion des modernen Industriekapitalismus von diesem Zentrum aus, das imperialistische Weltsystem und schließlich der Systemkonflikt erscheinen als unterschiedliche Stadien und Formierungsschübe einer auf Industrie, Markt und Kapitalverwertung gegründeten Formationsentwicklung, die nach zeitlicher Ausdehnung und struktureller Vielfalt weit über den engeren Systembegriff von "Gesellschaftsformation" hinaus reicht. Synchron und diachron öffnet das Ende des Ost-West-Dualismus in dieser Hinsicht den Blick für die sehr große Variationsbreite von Formationsprozessen innerhalb der modernen Produktionsweise. Zum einen gilt das in bezug die Vielfalt kapitalbestimmter Gesellschaftstypen, die heute von der Europäischen Union, Nordamerika und Japan bis Indien und Südostasien, Lateinamerika, Afrika und Osteuropa reichen. Retrospektiv wird das Spektrum noch vielschichtiger und umfaßt dann auch die Reiche der Hohenzollern, Habsburger und Romanovs vor 1917 ebenso wie die faschistischen Staaten der Zwischenkriegszeit und die viele Entwicklungsdiktaturen im Ergebnis des Zerfalls der Kolonialreiche nach dem zweiten Weltkrieg. Es fällt schwer, alle diese Formen unter ein und dasselbe Formationssystem, genannt "der Kapitalismus", zu subsumieren. Hier sollte auch auf die oft übersehene Wortwahl im ersten Satz des "Kapital" verwiesen werden, wo Marx von "Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht" spricht, wobei zu berücksichtigen ist, daß diese "kapitalistische Produktionsweise" bei Marx als sich entwickelnde begriffen wird. Zum anderen läßt sich ähnliches auch für die sozialistisch orientierten Gesellschaften nach 1917 und 1944-49 sagen. Die ostmittel- und südosteuropäischen Länder waren unter sich und von der Sowjetunion und der DDR schon sehr verschieden, ganz abgesehen von China, Vietnam und Kuba, wo Sozialismus und kommunistische Herrschaftssysteme noch existieren. Manfred Kossok antwortete auf die Frage, welchen Charakter der Revolutionszyklus des 20. Jahrhunderts hatte, zu Recht: "Die Fülle der Revolutionen (Rußland, Ungarn, Deutschland, Lateinamerika: Mexiko, Chile, Kuba, Nicaragua u. a. m., China, Spanien, Ost- und Südosteuropa, Südostasien) mit dem Begriff 'sozialistische' und/oder 'proletarische' Revolutionen nach dem Wesen ihrer unterschiedlichen Triebkräfte und Hegemoniekonstellationen zu belegen, erweist sich als unmöglich." Gesellschaftliche Ordnungen des sowjetischen Typs sind einerseits als alternative Sonderentwicklung, andererseits als Reaktion auf neue Formierungsschübe des "Zentrums" zu verstehen. Hatten die revolutionären Umwälzungen im Osten ihre Ausgangsbedingungen in einer langfristigen Strukturkrise und Umschichtung des Kapitalismus um die Jahrhundertwende, so war ihr Fehlschlag mit der tiefgreifenden Umstrukturierung des hochentwickelten Kapitalismus seit den 1970er Jahren verbunden. Alles in allem zeigt folglich dieser Versuch einer grundsätzlichen Alternative neben seinen inneren Impulsen und Widersprüchen in allen Phasen auch übergreifende Wandlungen und Umwälzungen an, die in der Weltentwicklung des 20. Jahrhunderts überall vor sich gingen oder potentiell angelegt waren. Konstellationen der Koexistenz (und teilweise auch schon des direkten Konflikts) von unterschiedlichen Formationstypen in einer übergreifenden Gesamtentwicklung gab es schon im Gegensatz antiker und orientalischer Formen im Altertum wie auch des west- bzw. mitteleuropäischen Feudalismus und der in despotischen Herrschaftssystemen ausgeprägten Gesellschaften großen Grundeigentums in Osteuropa, bei den Arabern, in Indien und China, die jeweils wieder untereinander große Formationsunterschiede aufweisen. Demnach würde der "Kapitalismus" in einer universalen Formationsübersicht einen ähnlichen umfassenden Platz einzunehmen wie "traditionale Agrargesellschaft" als Synonym für die sekundäre antagonistische Reihe der auf dem Grund und Boden als dominierendem Produktionsmittel begründeten Klassengesellschaften. Er umfaßt übergreifend alle auf Kapitalverwertung, großer Industrie und Marktmechanismen beruhenden Gesellschaften wie jene die ganze Entwicklungsreihe auf Agrarproduktion und Grundeigentum gegründeter Formationen und wie "Urgesellschaft" alle ursprünglichen Gemeinwesen mit gentilen oder später gemeinwirtschlichen Verhältnissen der Erzeugung der materiellen Lebensbedingungen. "Kapitalismus" wäre dann gewissermaßen die "tertiäre" Stufe, von der in den Zasulic-Briefentwürfen die Rede ist, einmal als einfache Fortführung innerer Abstufungen unterschiedlicher Schichten innerhalb der großen Entwicklungsreihen von Urgesellschaft und Klassenantagonismus, zum anderen aber als Entwicklung nach dem Umbruch des Kapitalismus, die Marx offenbar dem modernen Kommunismus zuschreibt. Wir wissen heute nicht, ob die Entwicklungsreihe der Kapitaldominanz, die mit dem Früh- und Handelskapitalismus des 15. und 16. Jahrhunderts begann, gegenwärtig innere Neuformierungen aufweist oder, worauf manches hindeutet, ein Umbruch des Formationsgrundtyps begonnen hat, der die Geschichte nicht weniger verändert als die neolithische Revolution, mit der die Kultur- und Zivilisationsentwicklung begann. Das impliziert unter der gegenwärtigen globalen Ausdehnung der Progressions- und Destruktionsgewalt der herrschenden Verhältnisse die Alternative des Beginnes einer neuartigen formationellen Entwicklungsreihe oder auch des katastrophalen Abbruchs der erreichten Hochzivilisation bis hin zu den ja tatsächlich faßbaren Gefahren des Untergangs der Gattung homo sapiens.

7. Transformationsdruck und Entwicklung der produktiven Kräfte
Das ist nun aber der springende Punkt: Angesichts der verheeerenden Konsequenzen, die das ungestörte Obwalten des neu entfesselten, nunmehr globalen Kapitalismus nach sich zieht, kann es nicht unsere Sache sein, die Perspektiven als westlich-kapitalistische Vollendung der Geschichte zu denken, wie es ja schon oft genug versucht wurde und auch heute oft mit dem Schlagwort "Globalisierung" unterstellt wird. Gerade der Ansatz des Marxschen Spätwerkes und im übrigen auch viele Ausführungen über die kapitalistische Produktionsweise und deren Vorbedingungen in den "Grundrissen" erhellen, auf unsere Zeit bezogen, mit aller Schärfe den Transformationsdruck der Gegenwart über die aktuelle Kapitalherrschaft hinaus als Existenzfrage der menschlichen Zivilisation, vielleicht sogar noch viel drängender, als es Marx um die vorige Jahrhundertmitte wissen konnte. Das Ende der Systembipolarität hat kein einziges der Menschheitsprobleme gelöst, sondern nur - wie es der Club of Rome vor einigen Jahren treffend formulierte - den Deckel weggerissen vom Hochdruckkocher der Weltprobleme . Die Problemlage, die wir als Transformationsdruck umschreiben, hat sich, wie bereits gesagt, seit Ende des 19. Jahrhunderts vorbereitet. Im besonderen ist sie Resultat vielschichtiger formationeller Prozesse, die in den letzten Jahrzehnten zum großen Teil noch unter der Oberfläche des Dualismus der Blöcke und Systeme - durch diesen mehr verdeckt als an den Tag gebracht - vor sich gingen. So setzte gegen Ende der 60er Jahre eine Umwälzung der Arbeits- und Lebensweise eines großen Teils der Menschheit ein - ein geschichtlich beispielloser Prozeß, der mehr und mehr globale Maßstäbe annahm. In Stichworten: Ungeahnte Zunahme der industriellen und der landwirtschaftlichen Produktion wie des Handels, explosionsartiges Wachstum der Erdbevölkerung bei steigender Lebenserwartung, grundlegende und zugleich sehr vielgestaltige strukturelle Wandlungen der Arbeiterschaft, rapide Abnahme der Bauernschaft, die seit dem Neolithikum die Grundlage aller Entwicklung war, Agglomeration großer Menschenmassen in Groß- und Megastädten, technische Revolutionierung der alltäglichen Lebensweise, allgemein rasch wachsendes Bildungsniveau, entschiedene Veränderungen in der gesellschaftlichen Rolle und der Interessenvertretung der Frauen. Grundlegend war die technische Rationalisierung der Produktion und schließlich die in Gang kommende informations- und kommunikationstechnologische Revolution. Festzuhalten ist, daß der angedeutete Wandel einerseits weitestgehend systemübergreifend ablief. Andererseits vollzog er sich regional wie sozial extrem ungleichmäßig und mit rasch sich zuspitzender Gegensätzlichkeit. Vor allem nahm der Gegensatz von armen und reicheren Ländern dramatisch zu, und erstmalig traten die ökologischen Negativfolgen unkontrollierter Entwicklung mit massiver Wucht und als tiefgreifende Krise des gesamten herrschenden Reproduktionstyps hervor. Die möglichen Richtungen, Triebkräfte, Prinzipien anstehender Transformationsprozesse müssen heute anders als früher gedacht werden. Die Konsequenzen, die sich bei einer umfassenderen Sicht der Formierungsprozesse ergeben, unterscheiden sich wesentlich von jenen, die aus der teleologisch auf das Sowjetsystem fixierten Formations- und Epochevorstellung gewonnen wurden. Aber sie entsprechen dem in der "Deutschen Ideologie" von Marx' und Engels' proklamierten Herangehen. Marx und Engels bestimmen da den von ihnen intendierte modernen Kommunismus im Sinne des Konzepts kognitiv begründeter Weltveränderung entgegen utopischen Idealisierungen, nach denen sich die Wirklichkeit zu richten habe, als "die wirkliche Bewegung, welche den jetzt bestehenden Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung". "Moderner Kommunismus" ist also für sie der Entwurf möglicher Wege zur gedeihlichen und zukunftssichernden Lösung vorhandener Widersprüche und Konflikte. Wir haben uns unter den gegenwärtigen Umbruchsbedingungen zu fragen, was denn heute "der bestehende Zustand" ist und wo eine ihn aufhebende Bewegung anzusetzen hat, und müssen Marx darauf hin gewissermaßen neu lesen.
Hier muß auf eine elementare Grundlage der Formationstheorie zurückgegangen werden, auf die Problematik der Produktivkraftentwicklung und der Gestaltungsmöglichkeiten von Entwicklungsprozessen in der Dialektik von Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen. Die Widersprüche, die sich heute in diesem Bereich ausbilden, induzieren einen Transformationsdruck ganz neuer Qualität, die sich von der vorausgegangener Krisen und Umwälzungen in der kapitalistisch dominierten Moderne grundlegend unterscheidet. Ihre teils neuartigen, teils die oben skizzierten Wandlungen der vorausgegangenen Jahrzehnte fortsetzenden und vertiefenden Merkmale sind oft beschrieben worden: eine neue, tiefgreifende Umwälzung von Wissenschaft und Technik und damit aller Bereiche der Produktion, der Kommunikation und Konsumtion, der Wandel der Arbeitswelt und der Bildung und Ausbildung, ein neuer Schub der Kapitalkonzentration mit riesigen Fusionen, die schnelle qualitative Umschichtung und quantitative Schrumpfung der Arbeitsmärkte, die rasche weitere Vergrößerung des Entwicklungsgefälles in den reichen Ländern wie auch zwischen diesen und den Entwicklungsländern, dazu die wachsende Disposition zu Kriegen und Bürgerkriegen und die Destabilisierung der internationalen Sicherheit. Alles dies vollzieht sich bei eher noch wachsenden, aber immer mehr machtpolitisch verdrängten ökologischen Krisenerscheinungen. Vieles deutet darauf hin, daß die aktuellen Umbrüche die gesamte moderne Zivilisation bis in ihre Tiefenschichten erschüttern und dadurch in ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung nur mit der sogenannte neolithischen oder agrarischen Umwälzung zu vergleichen sind, die vor etwa 10-20 Tausend Jahren mit der seßhaften Lebensweise die menschliche Zivilisation erst hervorbrachte. Die tieferen Ursachen der weltweit spürbaren Krisensituation, bei denen auch jede Debatte über Auswege aus der Krise ansetzen muß, liegen darin, daß das gewaltige - und ohnehin mit Gefahrenpotentialen behaftete - Innovations- und Produktivitätspotential heutiger Wissenschaft und Technik in die progressiv-destruktive Doppeldynamik der modernen kapitalbestimmten Produktionsweise integriert ist. Bereits bei Marx - vor allem in den "Grundrissen" - wird auf die Perspektive einer grundlegenden Verschiebung der Quellen des gesellschaftlichen Reichtums und damit der gesamten Arbeitswelt und der gesellschaftlichen Strukturen verwiesen. Was Marx hier ausführt, muß zu seinen bedeutendsten prävisionellen Leistungen gerechnet werden. Nicht mehr die Arbeit des Menschen im unmittelbaren Produktionsprozeß werde der Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums sein, sondern die Verwandlung des Produktionsprozesses in einen wissenschaftlichen Prozeß, die Akkumulation des Wissens und des Geschicks, des Menschen "Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper - in einem Wort, die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums" . Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, auf der der kapitalistische Reichtum beruhe, erscheine demgegenüber als "miserable Grundlage". Das liest sich wie ein Vorgriff auf die heute anstehende Umwälzung der Produktivkräfte, die mit der informations- und kommunikationstechnologischen Revolution verbunden ist. Die Produktivität der Köpfe, exzellente Bildung und Ausbildung, ständiges Lernen, Mobilität und Flexibilität, die Kultur der alltäglichen Lebensweise, der Austausch von know how, die Förderung von Innovationsinteressen und die Gestaltung innovativer Strukturen werden zu den Hauptquellen des gesellschaftlichen Reichtums und wachsender Produktivität. Das unterscheidet die heutige Entwicklung von der industriellen Revolution, und es wird diese mehr und mehr hinsichtlich der gesellschaftlichen Wirkungen in den Schatten stellen, und zwar sowohl in den produktiven wie den destruktiven Möglichkeiten. Eine grundlegende, tief in ökonomische, finanzielle und rechtliche Strukturen und Regulierungsmechanismen eingreifende Reform der Arbeitsgesellschaft steht auf der Tagesordnung. Die These, wonach die Gesellschaft die Arbeit ausgehe, und manches, was heute über Arbeitsbeschaffung, Abbau der Arbeitslosigkeit u. ä. debattiert wird, ist weit entfernt von den sich ergebenden gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen. Überhaupt darf die Entwicklung der Produktivkräfte nach Marx nicht verstanden werden - auch wenn das immer wieder unterstellt wird - als exzessives Wirtschaftswachstum mit quantitativ anwachsendem Ressourcen- und Energieverbrauch und ebenso wachsender Umweltbelastung. Bei Marx ist die Rede von den Produktivkräften als dem Resultat angewandter Energie der Menschen, als erworbener und von Generation zu Generation tradierter und weiterentwickelter Kraft, deren Entwicklung die Basis der sozialen wie der individuellen Geschichte der Menschen darstelle. Im Zentrum steht demnach das, was durch menschliche Energie, durch Anstrengung und Schöpferkraft des Intellekts erworben, tradiert und weiterentwickelt wird: Wissen, verallgemeinerte Arbeits- und Organisationserfahrungen, Methoden, Verfahren, Arbeitskultur, Mentalitäten, kurz, das multivalent nutzbare know why und know how, weiter verallgemeinert: Information. Es sei aber auf folgendes aufmerksam gemacht. Wenn hinsichtlich der Produktivkraftentwicklung das Augenmerk auf Prozesse, Implikationen und Perspektiven der informations- und kommunikationstechnologischen Revolution gelenkt wird, so ist das berechtigt, aber nur zu billigen, wenn man sich bewußt bleibt, daß das vorerst nur eine Minorität der Menschheit betrifft. Das menschliche Leben im größten Teil der Welt wird durch weit niedrigere Niveaus der Produktivkraftentwicklung bestimmt, aus denen bei den heutigen, mehr und mehr durch den sogenannten Neoliberalismus dominierten weltwirtschaftlichen Verhältnissen kein Volk aus eigner Kraft einen Ausweg finden kann, die aber ausreichen, um die Masse der Völker in materieller und kultureller Armmut und in Subalternität zu halten. Dabei ist noch gar nicht erwähnt, daß eine große und rasch wachsende, sich aus der sich auflösenden Bauernschaft rekrutierende Masse von Menschen in Slums und auf Müllbergen von Megastädten lebt, wo von der Entwicklung und Handhabung produktiver Kräfte, also von menschlicher Existenz, überhaupt keine Rede sein kann. Man muß sich vergegenwärtigen, welche gewaltigen materiellen und kulturellen Potentiale der Menschheit durch diese Entwicklung der Dinge, die ja auch eine Begleiterscheinung der heutigen Globalisierung ist, brachgelegt und vernichtet werden. Marx und Engels hatten elementar recht, als sie sagten, daß die Menschen sich stets nur "so weit befreiten, als nicht ihr Ideal vom Menschen, sondern die existierenden Produktivkräfte ihnen vorschrieben und erlaubten." Es wird klar, wo angesetzt werden muß, wenn die klassischen Losungen von Freiheit und Menschenrechten nicht gefährliche Lügen und hohle Phrasen sein sollen und wenn man den Migrations- und Wanderströmen, die andernfalls die entwickelteren Weltteile unaufhaltsam und mit verheerenden Konflikten einhergehend überschwemmen werden, Einhalt gebieten will. Unübersehbar ist auch, daß die barbarische, mörderische Zuspitzung ethnischer Konflikte in fast allen Teilen der weniger entwickelten Welt ihren Ursprung in dieser ungleichen Entwicklung hat. Man kann sich nur wundern über die Torheiten aller, die meinen, mit fremdenfeindlichem juristischem Mauerwerk und Parolen oder gar mit moralisch drapierten Militärschlägen könnte man gegenhalten. Es kommt hinzu, daß die Widersprüche, die diese gefährlichen Prozesse hervorbringen, nicht auf die weniger entwickelten Weltteile beschränkt sind. Sie greifen mit dem Voranschreiten des Neoliberalismus ja auch in den hochentwickelten Ländern - man denke nur an die anwachsenden und sich vertiefenden Gräben zwischen den Lebensbedingungen der adäquat Beschäftigten, der Unterbeschäftigten oder Billiglöhner und der Arbeitslosen und Pauperisierten. Engels entwickelte die Formel, daß die Menschen "Herren ihrer eignen Vergesellschaftung" werden. Das ist treffend und erfaßt mit Bezug auf die Produktivkraftentwicklung in unserer Zeit die conditio sine qua non - und das im vollen Wortsinn - heutiger und künftiger Gesellschaftsentwicklung. Wie wir wissen, ist das eine Frage nicht nur theoretischer Konzepte (ohne die natürlich nichts geht) oder des Wunsches, des Willens, der Absichten, sondern primär eine Frage der Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen, vor allem der Produktionsverhältnisse. Dies kann zumal heute, wo die Produktivkräfte hochkomplexe, extrem dynamische, produktive und destruktive Potentiale enormen Umfangs zugleich freisetzende Systeme bilden, kein einmaliger Akt sein, sondern muß als ständige Aufgabe der Formierung gesellschaftlicher, primär sozialökonomischer Strukturen verstanden werden. Produktionsverhältnisse können weder vorweg konstruiert noch eingeführt werden. Es kann sich da nur um "werdende Formen" handeln, die sich im praktischen Prozeß der Produktivkraftentwicklung formieren, sozusagen in einem beständigen, kontrollierten Suchprozeß, der auf die Bewältigung sich rasch veränderter Komplexitäten im Sinne der genannten Engelsschen Formel gerichtet ist. Am Wesen der Sache vorbei geht die früher bei uns vorherrschende mechanistische Vorstellung, es müsse einem "Gesetz der Übereinstimmung" entsprochen werden, und die Produktivkräfte müßten, damit sie "sich" wieder frei entwickeln können, von Zeit zu Zeit einen neuen Rahmen erhalten. In Wahrheit geht es darum, ökonomische, soziale, rechtliche und natürlich entsprechende moralische Regelmechanismen zu finden und gestalten, die zweierlei gewährleisten: (a) daß bei einer wachsenden Masse von Menschen innovatorische Interessen an der Entwicklung von Wissenschaft, Technik, Produktion, an ökonomischer Effizienz, am Austausch von Tätigkeiten entfesselt werden und (b) daß humane, also friedenssichernde, sozial gerechte, der Wohlfahrt und der allseitigen Entwicklung der Gesellschaftsmitglieder dienende, ökologisch verträgliche Alternativen zu den destruktiven Tendenzen, die der heutigen Zivilisation innewohnen, durchgesetzt werden. Nur so, also gewissermaßen von einem Gesamtkomplex entwicklungsregulierender Prinzipien her, können Produktionsverhältnisse theoretisch gefaßt werden, die einem heute erforderlichen Sozialismusverständnis entsprechen. Was heute bei der Entwicklung der Produktivkräfte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt - und das ergibt sich schon aus Marx' Ansatz -, ist die Subjektzentriertheit eines sich stets ausweitenden und komplexer werdenden Systems, in das immer mehr natürliche, technische und geistig-kulturelle Zusammenhänge einbezogen werden: biotische Mikrostrukturen, der erdnahe Weltraum, der Meeresboden, die ganze Biosphäre, die Infrakstruktur, der Weltmarkt, die Bildungssysteme, die Nutzung der freien Zeit. Das entscheidende Problem dabei ist, wie die Menschen ihre Herrschaft über die Entwicklung und die Auswirkungen dieser Systeme sichern, wie sie die Wirkungen dieses von ihnen selbst in Bewegung gesetzten Systems auf ihr Subjektsein und Subjektwerden zurückkoppeln können. Hier wird deutlich, daß die postmoderne Theorie von subjektlosen Strukturen, wie sie uns Jaques Derrida als wesentlichen Inhalt der Geschichte anbietet , ein grundverkehrter Ansatz ist. Eine andere Frage ist die nach immanenten Widersprüchen der Subjektentwicklung. In den letzten Jahrzehnten war viel von Grenzen des Wachstums die Rede. Gemeint war vor allem, daß die Natur der Entwicklung der Produktivkräfte im Hinblick auf Rohstoffe, ökologische Gleichgewichte usw. Grenzen setzt. Wir wissen, daß das berechtigt ist; aber hierbei handelt es sich nicht um Grenzen dessen, was im Zentrum der Produktivkraftentwicklung steht: der menschlichen Subjektivität. Ein ganz anderes, tiefergreifendes Problem ist, ob die menschliche Subjektivität auf andere, in ihr selbst, in der Individualität und der sozialen Organisation liegenden Grenzen stoßen kann. Eine zweckoptimistische Antwort wäre nach unserer Meinung falsch. Die Frage, ob auch die Entwicklung der subjektiven Seite der Produktivkraftentwicklung in Anbetracht der ungeheuren Komplexität moderner Produktivkraftsysteme, welche die menschliche Subjektivität schafft und in Bewegung setzt, Grenzprobleme dieser Art aufwirft oder aufwerfen kann oder wird, muß offen bleiben, aber gestellt werden. Wir erinnern an das, was Friedhard Klix zum Schluß seines damaligen Beitrags in unserer Sozietät zum Risikofaktor Mensch ausführte: "Es kann aber auch sein, daß die Zunahme hyperkomplexer Weltzustände so vehement fortschreitet, daß sie sich der Beherrschbarkeit durch menschliche Intelligenz überhaupt entzieht."

* * *

Uns geht es darum, den Blick auf gesamtgeschichtliche Zusammenhänge zu richten, in denen die Umbruchssituation unserer Zeit zu einer Existenzfrage im eigentlichen Sinne geworden ist - daß es nämlich um Sein oder Nichtsein zumindest der hochentwickelten Zivilisation geht, die in Jahrhunderten entstanden ist, und daß dieser Kreuzweg vor allem aus den Formationsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts folgt. Nehmen wir alles in allem, so ähnelt auch in marxistischer Sicht eine Weltdiagnose Ende des 20. Jahrhunderts einem umfassenden Krisenbericht. Ihm ist vorerst wenig Trostreiches über wirksame Gegenkräfte und korrektive Tendenzen im Sinne der erweiterten Existenzsicherung und Entfaltung der menschlichen Zivilisation entgegenzusetzen. Die Formationsfragen von heute sind nicht mehr die von 1848 oder 1867, auch nicht mehr die von 1917 oder nach 1945. Aber sie sind unverändert wie bei Marx primär nach den materiellen Existenzbedingungen und -veränderungen, nach der Art und Weise, wie diese erzeugt, gesichert und entwickelt bzw. bedroht werden, zu stellen. Formationsdenken heißt, daß wir die neuen ökologischen, klimatischen und anderen Szenarien wachsender Bedrohung der Zivilisation nicht für sich, sondern immer in Verbindung mit den ökonomischen und sozialen Strukturen und den Interessen ihrer Trägerschichten in Verbindung setzen, und umgekehrt, daß die ökonomischen und sozialen Fragen auch als solche der Mensch-Umwelt-Relation betrachtet werden. Die Veränderungen der technischen Mittel von Produktion und Kommunikation wie auch die kulturellen Reaktionsweisen der Individuen und Gruppen müssen gesamtgesellschaftlich in den Auswirkungen auf Sozialstrukturen und Machtverhältnisse gesehen werden. Das bedeutet vor allem auch: Wir können uns nicht auf tradierte Auffassungen von sozialen Klassen und ihren Interessen bzw. politischen Bewegungen verlassen. Die Marxsche Subjektbindung seines emanzipatorischen Projekts an das moderne Industrieproletariat ist bei allen ihren transformatorischen und revolutionären Wirkungen, die sie in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten unzweifelhaft aufzuweisen hatte, gescheitert, was immer auch mit Hinweisen auf die nach wie vor bestehende Gegensätzlichkeit von Kapital und Arbeit dagegen eingewendet werden mag. Wir meinen hier nicht die Möglichkeit künftiger Arbeiterbewegungen, auch nicht ihre weiterhin denkbare Rolle in revolutionären Bewegungen in einzelnen Regionen, sondern ihre von Marx vorausgesetzte gesamtgesellschaftliche Emanzipationsperspektive. Vielmehr geht es uns in bezug auf die Träger aktueller und künftiger Transformationen um die Analyse von Interessenverbindungen und möglichen Bündnissen für Gegenmächte in konkreten Existenzfragen sowohl unterschiedlicher Regionen als auch der Welt im ganzen.

 

 

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Aktualisiert am: 11.07.2000