lat. 'norma' Maßstab, Richtschnur, Regel, Vorschrift
Norm (1): Norm im weiteren Sinne
Norm (2): sprachliche Normen / Sprachnormen
Norm (3): Normbegriff nach Eugenio Coseriu
Im weiteren Sinne Bezeichnung für Verhaltensregularitäten innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft, von welchen die Mitglieder dieser Gemeinschaft glauben, dass man sie befolgen sollte. Normen sowie Bedingungen und Verlauf ihrer Entwicklung sind zentrale Themen aller Humanwissenschaften.
Die Einhaltung von Normen wird in menschlichen Gemeinschaften unterschiedlich eingefordert und unterschiedlich sanktioniert (belohnt bzw. bestraft; entsprechend unterscheidet D. K. Lewis (1969/1975: Kap. III-3.) zwischen solchen Normen, die als bloße Orientierungshilfen dienen, und Konventionen (>Konventionalität) als Normen, die sich auf in der Erfahrung bewährte Verhaltensweisen beziehen und "mit gesellschaftlichem Druck ausgestattet[...]" (a.a.O. S. 99) sind – Konventionen besitzen in jedem Fall eine regulierende Funktion für zukünftige Handlungen;
"Conventions can therefore be substituted as external correlating signals to promote coordination."
[Mukherjee et al. (2007: 1)]
Normen (inklusive Konventionen) dienen somit als Orientierungshilfen und darüber hinaus als Verhaltensforderungen (man soll sich 'normal' verhalten, weil man glaubt, dass dies die Grundlage des sozialen Gefüges einer Gesellschaft bildet) und somit zur Ausgrenzung 'nicht-normaler' Verhaltensweisen.
Die institutionelle zielgerichtete Einflußnahme auf Normen wird als Normierung bezeichnet (zur Normierung sprachlichen Verhaltens vgl. Norm (2)), die Einflussnahme auf die Einhaltung von Normen als die Durchsetzung von Normen; als durchgesetzt kann eine Norm dann gelten, wenn die Mitglieder der betreffenden Gemeinschaft (die Normsubjekte) die betreffende Norm aus eigenem Antrieb so gut wie möglich in Standardsituationen einhalten (zur Durchsetzung von Normen aus interdisziplinären Perspektiven vgl. z.B. die Arbeiten im Rahmen des Züricher Forschungsprogramms Foundations of Human Social Behavior (2004ff.)).
Normen unterscheiden sich dementsprechend insbesondere (und unter anderem, vgl. z.B. Gloy (2004)) von
(1) Naturgesetzen, welche im Rahmen von Theorien empirisch gewonnene und systematisierte Aussagen über als real bewertete Abläufe formulieren; dementsprechend gilt für Naturgesetze im Gegensatz zu Normen die Anforderung, dass sie in Beziehung zu anderen Naturgesetzen widerspruchsfrei sein sollten;
(2) so genannten Rechtsnormen, welche durch hoheitliche Beschlüsse festgesetzte, für eine unbestimmte Zahl von Personen allgemein verbindliche Regelungen darstellen und in förmlichen Gesetzgebungsverfahren erstellt, ordnungsgemäß ausgefertigt und verkündet werden; im Gegensatz zu Normen sind Rechtsordnungen durch eine Hierarchie von Rechtsnormen gekennzeichnet (an deren Spitze z.B. eine Verfassung stehen kann), wobei jede Rechtsnorm mit allen ranghöheren Rechtsnormen kompatibel sein muss;
(3) an Individuen oder Gruppen von Individuen gerichteten Verhaltensanforderungen, von welchen die Mitglieder einer Gemeinschaft nicht glauben müssen, dass man sie befolgen sollte; Verhaltensanforderungen wie Bitten, Anweisungen, Befehle usw. können Normen zuwiderlaufen.
Da menschliche Gesellschaften auf Arbeitsteilung und Kooperation in großen Gruppen zwischen genetisch nicht verwandten Individuen basieren, unterscheidet sich die menschliche Kooperation zudem wesentlich vom Kooperationsverhalten anderer Arten: insbesondere zeichnet sich die menschliche Kooperation durch altruistische (kostenverursachende) Bestrafung von Normverletzungen aus, welche die Kooperation fördernde Normen aufrecht erhalten (vgl. z.B. die Arbeiten von E. Fehr et al.).
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(2) sprachliche Normen / Sprachnormen
Bezeichnung für das Resultat der institutionellen Einflussnahme auf sprachliche Gebrauchsformen oder auf sprachliche Varietäten (= unterschiedliche systemhafte Ausprägungen sprachlicher Verhaltensweisen); die betreffende sprachliche Norm, welche alle Ebenen der Sprache (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik) und der sprachlichen Realsierung (schriftsprachliche, mündliche und gebärdensprachliche Äußerungsprodukte) betreffen kann, wird von staatlichen bzw. hierzu autorisierten Institutionen empfohlen und gegebenenfalls für sprachliches Verhalten in bestimmten – insbesondere in öffentlichen oder fachsprachlich geprägten – Situationen verbindlich gemacht ('standardisiert').
In Bezug auf die involvierten Institutionen kann zwischen allgemeinsprachlichen Normen, fachsprachlichen Normen und DIN-Normen (>DIN) unterschieden werden, welche jeweils nach spezifischen Methoden entwickelt werden.
Werden entsprechende Normen publiziert und verbindlich gemacht, spricht man von Kodifizierung (engl. codification); das Resultat der Kodifizierung sind normative Beschreibungen (z.B. 'normative Grammatiken', 'normative Wörterbücher'). Die durch eine Kodifizierung beschriebenen Sprachgebrauchsvarianten bzw. sprachlichen Varietäten können unter staatlicher Einflussnahme für verschiedene gesellschaftliche Bereiche (z.B. Behörden, Schule, Theater, Lehrmaterialien für bestimmte Gruppen usw.) den Status verbindlicher, so genannter Standardvarietäten, in umfassender Weise den Status einer so genannten Standardsprache (engl. standard language) erhalten.
Der Standardisierung zuwider laufende und das Prestige substandardsprachlicher Varietäten erhöhende Prozesse werden als Destandardisierung bezeichnet (vgl. hierzu Danes (1968/1982), Mattheier/Radtke (1997), Delbecque et al. (2005), Ziegler (2007; 2008)). Entsprechende Prozesse können beispielsweise durch Konzepte wie code crossing oder language crossing ('sprachliche Kreuzung', Hinnenkamp (1998), Androutsopoulos (2002)) expliziert werden, welche von B. Rampton (1995; 1997) definiert werden als
"the use of language varieties associated with social or ethnic groups that the speaker does not normally belong to"
[Rampton (1995: 14f.)]
"Language crossing involves a sense of movement across quite sharply felt social or ethnic boundaries, and it raises issues of legitimacy that participants need to reckon with in the course of their encounter".
[Rampton (1997: 1)]
Beispielsweise können das so genannte African American English (vgl. Mufwene et al. (1998), zur Bibliographie: Patrick (1997ff.)) oder die so genannte Kanak-Sprak oder Kiez-Sprache (vgl. z.B. Wiese (2006); die Arbeiten von J. Androutsopoulos und P. Auer) bzw. Stylized Turkish German (Eksner (2006)) als Resultate sprachlicher Kreuzung expliziert werden, gegebenenfalls als Ethnolekte (s.u.).
Normativen Beschreibungen folgende sprachliche Gebrauchsformen werden als 'korrekt' bewertet, von ihnen abweichende sprachliche Gebrauchsformen als 'falsch' bzw. als nach unterschiedlichen Gesichtspunkten (z.B. nach ihrer Form; ihrer Ursache; ihrer Auftretenshäufigkeit; der involvierten sprachlichen Beschreibungsebene usw.) klassifizierbare 'Fehler' (z.B. sind von normativen Beschreibungen des Deutschen abweichende flektierte Formen wie lilanes Kleid, lilaes Kleid als 'morphologische systematische Fehler' bewertbar).
Von Standardvarietäten, insbesondere von einer Standardsprache abweichende, an bestimmte räumliche Gebiete gebundene und nicht-kodifizierte sprachliche Varietäten werden als Dialekte bezeichnet; Nicht-Standardvarietäten,
"that mark speakers as members of ethnic groups who originally used another language"
[Clyne (2000: 86)]
werden als Ethnolekte bezeichnet (vgl. hierzu auch Androutsopoulos (2002), Auer (2003)).
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(3) Normbegriff nach Eugenio Coseriu
In der Sprachtheorie E. Coserius (1921-2002) aus der Auseinandersetzung mit der durch den 'Cours de linguistique générale' nachhaltig geprägten Dichotomie von langue und parole entwickelte sprachliche Beschreibungsebene. E. Coseriu differenziert in seiner Sprachtheorie vier Ebenen linguistischer Explikation (vier Strukturierungsebenen):
(1) "die Ebene der Realisierung (konkretes Sprechen oder Rede) und drei Ebenen eigentlicher oder virtueller Technik (des Sprachwissens als solchen):"
(2) die Sprachnorm, das ist das System der normalen Realisierungen, die das enthält, was bereits realisiert und traditionell fixiert ist,
(3) das Sprachsystem, das ist die Ebene der funktionellen Oppositionen und des bereits Realisierten und des virtuell Realisierbaren einer Sprache, und
(4) der Sprachtypus als Einheit der Verfahren verschiedener Sprachsysteme.
"Die Rede entspricht ungefähr der parole bei Saussure; Sprachnorm und Sprachsystem entsprechen insgesamt annähernd Saussures langue. Der Sprachtypus dagegen ist eine von Saussure als solche nicht identifizierte Strukturierungsebene."
[Coseriu (1988: 293ff.)]
Norm in diesem Sinne ist nicht zu verwechseln mit der präskriptiven Norm, der exemplarischen Norm in einer Gemeinschaft (vgl. hierzu Kabatek/Murguía (1997)):
"Die Sprachnorm enthält dagegen all das, was in der einer funktionellen Sprache entsprechenden Rede traditionell, allgemein und beständig, wenn auch nicht notwendig funktionell ist, nämlich alles, was man 'so und nicht anders' sagt (und versteht)."
[Coseriu (1988: 297)]
(vgl. ferner z.B. Coseriu (1952; 1958; 1979; 1988), Gauger (1981)). In einer Hinsicht ist die Sprachnorm umfassender als das Sprachsystem: Sie beinhaltet auch nicht-funktionelle Sprachrealisierungen wie z.B. Realisierungen wie tosk. [akkása] (statt [a kása],) [arróma] (statt [a róma]) in der toskanischen Sprachnorm ('exemplarisches' Italienisch). Andererseits ist das Sprachsystem umfassender als die Sprachnorm, da es
"eine offene Technik darstellt, die virtuell auch noch nicht Realisiertes beinhaltet, das aber aufgrund der distinktiven Oppositionen und der Kombinierungsregeln ihres Gebrauchs möglich wäre."
[Coseriu 1988: 299]
Zur Anwendung der Differenzierung von System und Norm auf die Analyse gesprochener Sprache und ihre Differenzierung von geschriebener Sprache (ausgehend von der Auffassung Coserius, dass das Sprechen "nicht von der Sprache her zu erklären [ist], sondern umgekehrt die Sprache nur vom Sprechen" (Coseriu 1988: 58)), vgl. Hennig (2006).
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