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Nadja S. Braun

Visual History – Bilder machen Geschichte

Geschichte ist nicht das Abbild vergangener Realität, sondern vielmehr das Produkt auswählender und deutender Rekonstruktion von Vergangenheit aus ihren Zeugnissen. Einer Definition von K.-E. Jeismann zufolge „tritt uns (Geschichte) entgegen als ein auf Überrest und Tradition gestützter Vorstellungskomplex von Vergangenheit, der durch das gegenwärtige Selbstverständnis und durch Zukunftserwartungen strukturiert und gedeutet wird. Nur in dieser Form haben wir Geschichte in unserer Vorstellung; sie ist eben nicht die reale Vergangenheit selbst oder ihr Abbild, sondern ein Bewusstseinskonstrukt, das von einfachen Slogans zu elaborierten, mit wissenschaftlichen Methoden gestützten Rekonstruktionen reicht. Wir ‚haben‘ Geschichte in der Form solcher Vorstellungen, die Auslegungen von Auslegungen sind – Auslegungen, die bereits konstitutiv in den Quellen stecken und nicht etwa nur Unvollkommenheiten später Erkenntnis sind.“

Dies bedeutet, dass Geschichte immer eine gesellschaftliche Konstruktion ist gebunden an eine bestimmte Kultur, Zeit, Wertevorstellung etc. und ein Historiker vergangene Ereignisse nicht aus der Perspektive der Handelnden, sondern immer nur aus seinem eigenen Erfahrungshorizont heraus beschreiben kann. Die Deutung der Vergangenheit wird wesentlich beeinflusst wird durch diese Standortgebundenheit, so dass den Ereignissen aus der Retrospektive nicht selten ein anderer Sinn zukommen kann und das Konstrukt Geschichte sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Gesellschaft stetig verändert.
Zu den wichtigsten Quellengattungen für die Rekonstruktion von Geschichte zählen neben Text- und Sachquellen die Bildquellen. Nachdem Bilder in den letzten Jahrzehnten verstärkt auch ins Blickfeld der Neueren und Neuesten Geschichte gerückt sind, befindet sich die Geschichtswissenschaft derzeit mitten im visual bzw. pictural turn. Im Zuge dieser visuellen Revolution hat der österreichische Zeithistoriker G. Jagschitz im Jahre 1991 analog zu Oral History den Begriff Visual History eingeführt. Die Visual History fordert allerdings nicht nur die Anerkennung von Bildquellen als wichtiger Teil der historischen Analyse, sondern will vor allem deutlich machen, dass Bilder seit jeher essentieller Bestandteil der Deutungsmacht einer gesellschaftspolitischen Ordnung sind: Sie konditionieren die Sehweise, prägen Wahrnehmungsmuster, transportieren historische Deutungsweisen und organisieren die ästhetische Beziehung historischer Subjekte zu ihrer sozialen und politischen Wirklichkeit. Durch die Verwendung von Bildern wird bewusst auf präexistente Werte, Normen, Ziele, Überzeugungen, Einstellungen etc. einer Gesellschaft zurückgegriffen, um insbesondere in Krisenzeiten für die Stabilität der bestehenden Ordnung zu garantieren oder eine neue Ordnung zu legitimieren. In diesem Zusammenhang werden gerade Bilder, die historische Ereignisse darstellen, gezielt inszeniert, da man sich über ihre Wirkungsmöglichkeiten klar war und ist: Äußere Bilder generieren mentale Bilder bzw. leiten innere Bilder dann wieder die Rezeption äußerer.
Aus der Gedächtnis- und Lernpsychologie ist auch bekannt, dass Bilder affektiv-motivationale und kognitive Funktion erfüllen, d.h. sie wecken Interesse, fokussieren Aufmerksamkeit und bewegen emotional mehr als Texte – und Ereignisse prägen sich durch Bilder (leichter) ein. Die menschliche Erinnerung wird also entscheidend über Bilder gesteuert; sie sind Quelle für Erinnerungskonstruktion und Geschichtspolitik. W. Benjamin behauptet daher, dass „Geschichte […] in Bilder (zerfällt), nicht in Geschichten“. Folglich sind Bilder geradezu Geschichtsmotoren (Th. Lindenberger) bzw. Mythomotoren (G. Riederer) mit geschichtspolitischer Wirkung, die einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten.
Eben aus diesen Gründen wurden und werden Bilder immer wieder bewusst eingesetzt, um politische Wirkungsmacht zu entfalten. Bilder sind nicht nur ein Spiegel der Wirklichkeit, sondern sie sind vielmehr in der Lage, selbst Realität und damit Geschichte zu machen, anstatt nur über historische Ereignisse zu berichten.
Im Alten Ägypten waren es gerade Gewaltdarstellungen, die seit dem 4. Jt. v.Chr. gezielt inszeniert wurden, um die Vorstellung von der Überlegenheit des ägyptischen Herrschers zum Ausdruck zu bringen und im kulturellen Gedächtnis der Zeitgenossen lebendig zu halten – beginnend mit den frühesten Darstellungen vom Niederschlagen der Feinde im Grab 100 in Hierakonpolis über die Narmer-Palette bis hin zu den überlebensgroßen Darstellungen Pharaos auf den Wänden der Tempel. Während es anfangs vermutlich noch darum ging, ein einmaliges historisches Ereignis darzustellen, wurde das Bild des Erschlagens der Feinde somit im Laufe der Zeit geradezu zum Symbol für die Macht und Überlegenheit Pharaos und sollte einen Zustand der Dauerhaftigkeit repräsentieren und garantieren.
Heutzutage würde man diese Bilder aufgrund ihrer Häufigkeit, Dauer, Streuung und dem damit erreichten kontinuierlich hohen Bekanntheitsgrad als Medienikone bezeichnen oder als patriotisches Schlüsselbild, das sich durch deutliche Präsenz im kollektiven Gedächtnis auszeichnet und als Träger für identitätsrelevanten Sinn mit geschichtspolitischer Intention genutzt wird. Mit J. Assmann könnte man auch von einer Erinnerungsfigur sprechen, d.h., einem kulturell geformten, gesellschaftlich verbindlichen Erinnerungsbild, das Träger mnemischer Energie ist und durch dessen Pflege das Selbstbild einer Gesellschaft stabilisiert wird, wodurch es normative und formative Funktion erfüllt.
Zur Verdeutlichung soll ein Beispiel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts herangezogen werden. Eine der bekanntesten Bildikonen aus dieser Zeit ist das berühmte Foto Joe Rosenthals aus dem Jahre 1945, das US-amerikanische Soldaten beim Hissen des Sternenbanners nach der Eroberung der Pazifikinsel Iwo Jima zeigt. Nach der opferreichsten Schlacht des Zweiten Weltkrieges ließ der Kriegsfotograf diese Szene nachstellen und sein mit dem Pulitzer-Preis gekröntes Foto wurde zu dem patriotischen Schlüsselbild schlechthin und ist seitdem fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der US-Amerikaner. Mittels dieser Aufnahme ist es Rosenthal gelungen, eine für den Durchschnittsamerikaner einfache Botschaft dauerhaft im kollektiven Gedächtnis zu verankern und mit dem damit verbundenen Zukunftsversprechen „As the marines on Mt. Suribachi demonstrated, the United States was still raising its flag around the world“ dem verlustreichen, weit entfernten Krieg einen verständlichen Sinn zu geben.
Rosenthals Bildikone wurde in der Folgezeit vielfach zitiert und nachgestellt, um durch Bezugnahme auf das damit verbundene historische Ereignis den Mythos von der stets siegreichen US-amerikanischen Nation zu reaktivieren. So beziehen Fotos wie das von Thomas E. Franklin, welches drei Feuerwehrmänner beim Aufstellen der amerikanischen Flagge auf Ground Zero am 11. September zeigt, ihre Wirkungskraft gerade daraus, dass sie dieses Siegesbild zitieren, um der US-amerikanischen Bevölkerung mittels der vertrauten und Mut machenden Bildsymbole über die erlebte Katastrophe hinweg zu helfen; im Angesicht der Notlage dient es der Identitätsvergewisserung und dem Ausdruck der Selbstbehauptung.
Gerade in Krisenzeiten wurde und wird also vermehrt auf solche kanonisierten Bilder zurückgegriffen, um sich des daran gebundenen kollektiven, verbindlichen, normativen Kanons zur Stabilisierung einer instabil gewordenen Ordnung zu bedienen. Man nutzte die bekannte Wirkung der bewussten Inszenierung von Situationen, um Einstellungen, Mentalitäten, Geschichtsbilder u.ä. zu generieren. Solche Bilder dienen daher keineswegs nur dazu, historische Ereignisse passiv wiederzugeben, sondern prägen selbst Geschichte; sie fungieren als sog. „Traditionsmotoren“, Sinn produzierende und reproduzierende Medien des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft. Und gerade in einer Kultur wie dem Alten Ägypten, wo nur ein geringer Teil der Bevölkerung lesen konnte, wurden sicherlich gerade Bilder eingesetzt, um beispielsweise die Wahrnehmung eines Krieges und die Einstellung dazu nachhaltig zu prägen und den Glauben an die bestehende Ordnung und deren Sieghaftigkeit aufrecht zu erhalten.
Diese aktive, gestaltende Handlungs-, Deutungs- und Erinnerungskraft von Bildern versucht man in der Visual History mit der sog. Bildakttheorie zu erklären, welche den die Wahrnehmung strukturierenden und handlungsorientierenden Charakter von Bildern betont und den Bild-Begriff im Hinblick darauf erweitert, dass Bilder selbst politische Handlungen steuern.

In der Ägyptologie reicht die Bedeutung eines solchen Bildaktes aufgrund der Vorstellung von einer magischen Wirklichkeitsmacht der Bilder jedoch noch weiter. Entsprechend der Bildakttheorie von J. Assmann waren Bilder nach ägyptischer Vorstellung sogar in der Lage, durch ihre bloße Existenz Wirklichkeit zu schaffen bzw. zu verändern. Als in Stein gehauene und damit zeitlich entgrenzte, permanent wirksame Sprechakte vermochten sie nach Ansicht der Ägypter nicht (nur), die Haltung der Rezipienten und damit historische Prozesse zu beeinflussen, sondern nahmen schon allein durch ihre Präsenz Einfluss auf geschichtliche Abläufe.

Stefan Burmeister
Die Varusschlacht als historisches Ereignis – Ereignis für wen?

Die Niederlage der Römer wurde vor kurzem an prominenter Stelle als »Urknall der deutschen Geschichte« bezeichnet. Damit stellte sich die für die Römer so verheerende Schlacht als Ereignis par excellence dar. Die Varusschlacht ist ein Gründungsmythos deutscher Geschichte. Es soll jedoch weniger um die Sinnhaftigkeit gehen, den deutschen Kreißsaal nach Kalkriese, dem heutigen Ort des Schlachtfeldes, zu legen, als vielmehr dem Ereignishaften dieses ›Ereignisses‹ nachzugehen.

Seit dem 16. Jahrhundert ist die Varusschlacht im öffentlichen Diskurs und war vor allem im 19. Jahrhundert sinnstiftend für die Ausbildung deutscher Identität. Die vagen und auch sehr heterogenen Angaben der historischen Berichte liefern die Modelliermasse, mit der jeweilige zeitgenössische ›Erzählungen‹ ausgestaltet wurden.

Die historische und die seit 20 Jahren vorliegende archäologische Überlieferung geben einen jeweils eigenen Blick auf das Ereignis der Varusschlacht. Vor allem die archäologischen Quellen sollen auf ihre Tauglichkeit überprüft werden, das Ereignis – zumindest in Ansätzen – widerzuspiegeln.

Für den Versuch der Standortbestimmung einer archäologischen ›Geschichtsschreibung‹ ist an diesem konkreten Fall zu fragen, warum dieses spezifische Ereignis konkret ein Ereignis historischer Wirkmächtigkeit ist und was überhaupt das Wissenswerte daran ist.

Martin Fitzenreiter

Das Jahr 12 des Echnaton – Facetten eines Ereignisses

Die Amarna-Zeit bzw. Regierungszeit des Pharao Amenophis IV./Echnaton (ca. 1365 – 1349/47 v.u.Z.) spielt in der Rezeption des pharaonischen Ägyptens eine besondere Rolle. Die vorliegenden Beschreibungen dieser Periode zeichnet sich durch einen ungewöhnlichen Reichtum an Details aus, in der sich die vorhandenen Befunde in der Regel zu einem schlüssigen Bild des Verlaufs und des Wesens der Regierungszeit dieses Königs zusammenfügen. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Kohärenz der geschichtlichen Erzählung(en) nur scheinbar und der Quellenbestand – soweit er gewöhnlich herangezogen wird – recht überschaubar ist. Die „Dichte“ der historischen Narrative betrifft vor allem die Interpretationen, die einen bestimmten Sinn aus diesen Quellen ableiten. Dementsprechend stark scheint die Historiographie der Amarnazeit vom Willen und den Vorstellungen der involvierten Forscher beeinflusst (Montserrat 2000).

Erfahrungsgemäß wendet sich die historische Narrative besonders den Anfängen und dem Ende bestimmter Phänomene zu. Das gilt auch für die Amarnazeit. Die hier vorgestellte Untersuchung will sich hingegen mit Erscheinungen beschäftigen, die eher in der „Mitte“ der Amarna-Zeit liegen (Echnaton bezog die neue Hauptstadt in seinem 5./6. Regierungsjahr und regierte insgesamt ca. 17 Jahre). Um das Jahr 12 herum datieren eine ganze Anzahl von Veränderungen: die Titulatur des Königs und des Gottes Aton werden letztmalig neugefasst, das Königsbild wird stilistisch weniger expressiv und gefälliger, Personen aus dem Umfeld des Königs bekommen in den Repräsentationen eine neue und auch sich ändernde Präsenz usw. Diese im  archäologischen Befund – im weitesten Sinne gesehen – zu erhebenden Beobachtungen deuten auf Ereignisse, die allerdings fast ausschließlich in Form von Veränderungen in strukturell determinierten Medien erfassen lassen: dem Textformular, dem Stil der Repräsentation, in religiösen Konzepten usw. Eine Narrative der Ereignisse selbst fehlt und wird in den vorliegenden Beschreibungen ergänzt.
Ziel der Untersuchung ist es, möglichst viele und möglichst heterogene Quellen zu untersuchen, aus denen sich Informationen zum Charakter der um das Jahr 12 stattfindenden Ereignisse erheben lassen. Dabei soll die Modellierung des Zusammenhanges von ereignishafter Praxis und deren strukturellen Rahmen als eine Möglichkeit entwickelt werden, aus archäologischen Quellen auf die Handlungsebene von Individuen schließen zu können. Dabei wird auch eine Rolle spielen, wie weit man bei der Rekonstruktion der „harten Fakten“ eines Ereignisses gehen kann und ab wann die „Vermutung“ als hermeneutische Kategorie notwendig wird.
Literatur:
  • zur forschungsgeschichtlichen Rezeption der Amarnazeit:
    Dominic Montserrat (2000), Akhenaten. History, Fantasy and Ancient Egypt, London / New York: Routledge
  • Zusammenstellung und Interpretation des vorhandenen Materials zur späteren Amarnazeit:
    Marc Gabolde (1998), D’Akhenaton à Toutânkhamon, Collection de l’Institute d’Archéologie et d’Histoire de l’Antiquité Université Lumière-Lyon 2 (CIAHAULL) vol. 3, Lyon / Paris

Antonia Giewekemeyer
Feindbild, Königsbild, Weltbild: Widerständige Realität in zwei Texten des Neuen Reiches
Jenseits stereotyper Thematisierungen vom Einbruch der Unordnung in das Gefüge der Maat innerhalb der ägyptischen Weisheitsliteratur kommt faktisches normwidriges Verhalten von Untertanen in ägyptischen Texten üblicherweise nicht zur Sprache. Als prominente Ausnahmen von dieser Regel sind das Kadesch-Poem sowie die Haremsverschwörungspapyri anzuführen. In beiden Fällen wird das Fehlverhalten Untergebener thematisiert und mit der vorbildhaften Rollenkonformität des Königs konfrontiert. Die Texte unterscheiden sich dabei dahingehend, dass die Schilderung der Untreue in den Haremsverschwörungspapyri im juridisch-administrativen Kontext erfolgt, während die Flucht der ägyptischen Soldaten im Kadesch-Poem im Kontext einer umfangreichen königlichen Tempelinschrift thematisiert wird und damit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gewesen sein dürfte.

Vor dem Hintergrund dieser differenten Verwendungssituation werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Umgangs mit normwidrigem Verhalten im Kadesch-Poem und in den Haremsverschwörungspapyri (v.a. in den Rifaud-Abschriften) untersucht. Dabei wird das in den Texten vermittelte Königsbild bzw. Feindbild herausgearbeitet sowie der Frage nachgegangen, in welcher Weise die normwidrigen Handlungen erklärend in das ägyptische Weltbild eingeordnet werden. Sodann sollen mit Blick auf die Überlegungen des Historikers Hayden White hinsichtlich möglicher Interpretationsstrategien kontingenter historischer Ereignisse mittels para-literarischer Vertextung („Emplotment“) Erklärungsangebote dafür vorgestellt werden, warum die genannten Texte Ereignisgeschichte in der gegebenen Form darbieten.

Amir Gilan

Telipinu in the dock – ancient and modern historical accounts of a usurpation that may have never happened

In my presentation, I will take a closer look at the account of Telipinu’s ascension to the throne, as narrated in his famous Proclamation (CTH 19) and examine various modern historical reconstructions of this obscure event. The aim of the paper is to discuss different methodological approaches to historical interpretation of ancient historical accounts, reveal their strengths and weaknesses and suggest new ways to approach the problem.

Roberto B. Gozzoli

History and Stories in Ancient Egypt. Theoretical Issues and the Myth of the Eternal Return.

At the Cairo Congress in year 2000, one of the Millennium debates was a discussion relative to the History in Ancient Egypt. The main paper of the session was delivered by D.B. Redford, who criticised the lack of historiographical preparation among Egyptologists. As such training is absent, any study of Egyptian historical text lacks of any firm base to start to reconstruct the series of events.
While scholarly works dealing with various aspects of Ancient Egyptian historiography have certainly appeared by then, it is still true that History in the modern studies of ancient Egypt is still a sort of Cinderella. I am keen to see the progresses of philology and religion for the application of concepts which trespass the narrow limits of Egyptology. The same statement however cannot be said for History, which is essentially confined to quite generic syntheses, often made only as publishers and printing houses need a new version of History of Ancient Egypt and reduced to a summary and/or translation of what various historical sources say about the specific pharaoh or personage. The focus is obviously on the pharaohs, with a great attention to the Old, Middle and New Kingdom figures, just reducing the first two intermediate periods and the entire first millennium BC to just a few pages of those works.
Therefore, I remark the necessity of having a theoretically oriented analysis of the sources. Thus, the need of conceptualizing the contents of any ancient Egyptian historical text is stronger than ever. More than just analysis a text in order to extract historical details through which we can build a chronological framework, it is important to define the historical text(s) within their own historical setting.
As instance of it, the analysis of the figure of Psammetichus I throughout various sources is here proposed. As any book of Egyptian history points out, Psammetichus I was the Twenty-Sixth Dynasty founder. The real historical figure has quite uncertain contours, as very few Egyptian historical sources mention any of his achievements. A Serapeum stela, some other quite conventional royal stelae along the Dahshur Road into the Desert, and the Nitocris stela are all the contemporary sources tells about him.
While no many deeds are transmitted by contemporary Egyptian sources, the figure got a very special status in Egyptian folklore, especially for the return motif. Herodotus is certainly the first writer in doing so. His chapters devoted to Psammetichus are possibly one of the richest in details for the entire section of Egyptian history. Psammetichus’ achievements in Herodotus are also exemplary of what happened to Psammetichus I’s figure once it was transferred into legend. In the story of the oracle of Buto, Psammetichus unintentionally used his helmet as cup, which implies as consequence his exclusion from the group of Dodecarchs. He is unfairly treated, and he is somehow justified to return and fight back for his own rights.
Herodotus’ Anysis (II, 137-140) – a sort of symbol of Egyptian kingship and possibly an embodiment of Psammetichus I’s himself - and his escape to the marshes are part of Herodotus’ Egyptian (hi)story.
Within this picture of middle fifth century BC, the figure of Psammetichus I as embodiment of the Saite royal family as whole has already become legendary, as what Herodotus portrays is more a hagiography than a picture of a real pharaoh.
As Psammetichus III was defeated and subjugated by Cambyses, the Saite connection became a powerful ideological instrument. The recurrence of the name Psammetichus and family connection for the various leaders of the ill-fated Egyptian rebellions against the Persian domination confirm this assumption.
And a few centuries later, the Oracle of the Lamb with its unnamed ruler and his 55 years long reign is a possible reference to Psammetichus I various centuries after his death.
If I have to write a history of Psammetichus I and the Saite royal family, I can dismiss the entire group of information given as substantially not proven at least, if not completely untrue.  Analysed about historical “truth”, nothing is correct, as etiological motifs cover most of Herodotus’ statements about Psammetichus, and folklore worked over the narrative.
This is not the major point however. What is really fundamental here is the role of the return motif in the first millennium BC society and beyond. It gives glimpses – as partial and difficult to discern in details it may be – of folklore connected to pharaohs as well as of hopes present in the Egyptian society for such a long time after any Saite connection has gone lost.
References
  • Gozzoli R.B., The Writing of History in Ancient Egypt during the First Millennium BC (ca. 1070–180 BC). Trends and Perspectives, (Egyptology 5; London: Golden House Publications, 2006).
  • -----, Hieroglyphs and the Writing of History, (in preparation).
  • Redford D.B., “The Historiography of Ancient Egypt”, in K. Weeks (ed.), Egyptology and the Social Sciences (Cairo: The American University of Cairo Press, 1979), 3–20.
  • -----, “Millennium Debate: The Writing of the History of Ancient Egypt”, in Z. Hawass and L. Pinch Brock (eds.), Egyptology at the Dawn of the Twenty-first Century, Vol. 2 (Cairo: American University in Cairo Press, 2003), 1–22.
  • -----, “History and Egyptology”, in R. H. Wilkinson, Egyptology Today (Cambridge and New York: Cambridge University Press, 2008), 23-35.

Wolfram Grajetzki

Der Untergang der christlich-nubischen Reiche

Die materielle Kultur der christlichen Reiche in Nubien ist sehr gut bekannt. Die Geschichte dieser Staaten, die im nördlichen Sudan von etwa 650 bis 1450, blühten, wirft jedoch noch viele Fragen auf. Eine Ereignisgeschichte ist fast nur an Hand arabischer Quellen verfolgbar, die sich jedoch vor allem auf militärische Zwischenfälle konzentrieren. Vor allem der Untergang dieser Reiche liegt noch weitestgehend im Dunkeln. Hier bieten neue archäologische Untersuchungen und Vergleiche mit Ereignissen in anderen Teilen Afrikas neue Lösungsvorschläge.

Stefan Grunert

Erlebte Geschichte -- ein authentischer Bericht

Die altägyptischen Bild- und Schriftquellen sind reich an Darstellungen über historisch relevante Abläufe, doch arm an Schilderungen, aus denen sich das tatsächliche Geschehen direkt ablesen läßt. Dies wird um so schwieriger, wenn die beschriebenen Ereignisse ganz offensichtlich gegen das Prinzip der Maat verstießen.

In dieser Hinsicht stellt die Biographie des Henqu eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Ursache hierfür ist sein Bemühen, die eignen Leistungen bei der Bewältigung der lokalen Mißstände im Atfet-Gau während Ägyptens Erster Zwischenzeit hervorzuheben. Aber wie werden Ereignisse, werden gesellschaftliche Entwicklungen beschrieben, die es im Sinne der Maat gar nicht geben durfte? Zur Vermeidung einer durch den Bericht für die Nachwelt bewahrenden Form des Übels erzählt Henqu als Zeitzeuge -- gleichermaßen verschwiegen wie beredt -- von seiner Rolle und seinem Wirken als Bewältiger der chaotischen Zustände. Doch führte gerade diese Gratwanderung dazu, dass sich bislang der Text einem Verständnis entzog.

Friederike Herklotz
Ptolemaios XII. Neos Dionysos – Versager oder siegreicher Pharao?

Als Ptolemaios XII., der Vater der berühmten Kleopatra, im Jahre 80 v. Chr. König von Ägypten wurde, hatte das Land am Nil viel von seiner einstigen Stärke eingebüßt, denn die einstige Großmacht war schon seit dem 2. Jh. v. Chr. immer stärker von Rom abhängig geworden. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Ägypten, wie auch die anderen hellenistischen Königreiche zuvor, Teil des römischen Imperiums werden würde.

Ptolemaios XII. gelang es, die Selbständigkeit seines Reiches zu erhalten – jedoch zu einem hohen Preis. Mit Hilfe von enormen Bestechungsgeldern ließ er sich in Rom als König bestätigen und wurde zum amicus et socius populi Romani ernannt. Diese Gelder brauchten jedoch das Vermögen des Staates auf. Da der König zudem nichts gegen die Annexion Zyperns durch Rom unternahm, das bis zu diesem Zeitpunkt Teil des Ptolemäerreiches gewesen war, wurde der Herrscher im Jahre 58 v. Chr. von den wütenden Alexandrinern vertrieben und musste in Rom um Asyl bitten. Erst im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. konnte Aulus Gabinius, der Prokonsul von Syrien, den König zurück nach Ägypten führen und ihn dort wieder als Herrscher einsetzen.

In seinem Testament verfügte Ptolemaios XII., dass seine Tochter Kleopatra VII. zusammen mit ihrem Bruder Ptolemaios XIII. die Herrschaft nach seinem Tod übernehmen sollte. Rom verpflichtete er, für die Einhaltung der Bestimmungen dieses Testamentes einzutreten.

Die griechischen und römischen Schriftsteller beschreiben Ptolemaios XII. als äußerst schwächlichen Pharao, der nur durch die Hilfe der Römer an der Macht bleiben konnte. Sein Spitzname „Auletes“ – der Flötenspieler – ist ebenfalls wenig vorteilhaft. Eine Passage aus der Geographie des Strabon (Strab. 17, 796) mag dies verdeutlichen:

„Alle aber nach dem dritten Ptolemaios haben, durch Üppigkeit verdorben, den Staat schlecht verwaltet; am schlechtesten aber der vierte, siebente und letzte, Auletes, welcher abgesehen von seiner übrigen Lasterhaftigkeit, den Flötenspieler machte, und mit dieser Kunst sich dermaßen brüstete, dass er sich nicht schämte, in seinem Palaste Wettkämpfe anzustellen, in welchen er mit den Gegnern wettspielend auftrat. Diesen vertrieben die Alexandriner...“

Ein völlig anderes Bild überliefern die ägyptischen Denkmäler. Ptolemaios erscheint hier als großer Bauherr. Im Jahre 70 v. Chr. wurde der Edfu-Tempel eingeweiht, am 16. Juli des Jahres 54 v. Chr., nach der Wiedereinsetzung des Ptolemaios, erfolgte die Grundsteinlegung des Dendara-Tempels. Darstellungen am ersten Pylon des Isis-Tempels in Philae zeigen ihn als Pharao, der seine Feinde in traditioneller Manier niederschlägt. Darüber hinaus pflegte der König offenbar gute Beziehungen zur Familie des Hohenpriesters des Ptah in Memphis. Im Jahre 76 v. Chr. wurde er dort gekrönt. Kurze Zeit später ernannte er den Hohenpriester zum Propheten des Pharaos – so berichtet es die Harris-Stele, die sich heute im Britischen Museum befindet (BM 886).

In den letzten Jahren wird von althistorischer Seite aus versucht, ein positiveres Bild des Ptolemaios auf der Grundlage der griechischen und lateinischen Quellen zu zeichnen; ägyptische Zeugnisse werden jedoch häufig nur am Rande erwähnt. Das mag darin begründet liegen, dass Darstellungen des siegreichen Pharaos von den Priestern auf Tempelwänden angebracht wurden, um auf magische Weise eine Realität zu begründen, die so nie stattgefunden hat. Zudem ist nicht klar, inwieweit Ptolemaios XII. an der Finanzierung der Bauten überhaupt beteiligt war.

Im Vortrag soll untersucht werden, ob die ägyptischen Zeugnisse bei der Rekonstruktion der Regierungszeit des Ptolemaios XII. nicht doch genutzt werden könnten, um die Ereignisse, die in der antiken Geschichtsschreibung geschildert werden, zu ergänzen und vielleicht ein umfassenderes Bild dieses Pharaos zu gewinnen.

Karl Jansen-Winkel

Die Rolle des Unbekannten in der ägyptischen Geschichte

Thema des Treffens ist das (historische) Ereignis, und es kann kein Zweifel bestehen, daß wichtige Ereignisse und ihre Ursachen und Zusammen-hänge zentral für Verständnis und Darstellung von Geschichte sind.

Im alten Ägypten werden historische Ereignisse v.a. durch bestimmte Quellen der „Tradition“ (z.B. Königsinschriften und Biographien) überliefert, allerdings nur solche Ereignisse, die positiv bewertet wurden, also Erfolge widerspiegeln. Aber auch positiv bewertete Ereignisse sind durch den Zufall der Erhaltung natürlich nur sehr ausschnitthaft überliefert. Eine zeitgenössische Geschichts-schreibung, die größere Zeiträume umfaßt und Zusammen-hänge deutlich macht, vergleichbar der griechischen und römischen, gibt es aus vorptolemä-ischer Zeit nicht. Dadurch werden auch Vorgeschichte und Zusammenhänge der wenigen bekannten Ereignissen in der Regel nicht explizit benannt. Die Quellen der „Überreste“ sind reichlicher vorhanden, und aus ihnen lassen sich oft indirekte Schlüsse auf den Zustand des Landes ziehen. Auch sie sind allerdings sehr einseitig und weitgehend auf den funerären und den sakralen Bereich (Gräber und Tempel) beschränkt.
Die ägyptologische Geschichtsschreibung hat also das Problem, daß sehr viele, ja die meisten selbst der wichtigsten und dramatischsten historischen Ereignisse nicht überliefert und damit unbekannt sind. Auch über den „Zustand des Landes“ lassen sich für die meisten Epochen nur sehr unvollkommen und begrenzt Aussagen machen. Von diesem Verhältnis des wenigen Bekannten zu dem vielen Unbe­kannten, und wie die Geschichtsschreibung damit umgeht, soll im Vortrag die Rede sein.
Jede Darstellung, aber auch jeder gedankliche Rekonstruktionsversuch historischer Vorgänge hat narrative Züge. Für Narrativität ist Unbekanntes aber schlecht geeignet. Das führt dazu, daß die Historiographie das Ausmaß des Unbekannten kaum jemals explizit macht; im Gegenteil wird implizit oft eher versucht, die Lücken zu überbrücken und zu verdecken statt sie offenzulegen, und zwar
a) durch Füllen der Lücken durch kulturgeschichtliche Fakten: es wird alles erzählt, was man von der jeweiligen Epoche weiß.
b) Durch Herstellen von Zusammenhängen auf unzureichender Basis: aus dem wenigen Bekannten werden Entwicklungslinien konstruiert, und die spärlichen disparaten Funde nach Möglichkeit in diesen – oft nur vermeintlichen Zusammenhang – eingeordnet.
c) Sehr oft läßt sich beobachten, daß aus dem Nichtvorhandensein von Quellen über bestimmte Ereignisse und Vorgänge geschlossen wird, es habe entsprechende Ereignisse nicht gegeben: „absence of evidence as evidence of absence“.

Im Vortrag werden Beispiele für diese verfehlte Vorgehensweise gegeben und zu zeigen versucht, wie das Mißverhältnis von Bekanntem zu Unbekanntem in der Rekonstruktion und Darstellung ägyptischer Geschichte angemessener berücksichtigt und dargestellt werden kann.

Christoph Kümmel
Ereignisse ohne Schrift, Strukturen ohne Ereignisse?
Überlegungen zur historiographischen Praxis der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie zwischen Spurensicherung und Metaerzählung

Der Beitrag behandelt die grundlegende Frage, inwiefern historische Ereignisse in Abwesenheit schriflicher Quellen durch archäologische Befunde repräsentiert werden können und ob sich aus solchen indirekt überlieferten Ereignissen »Strukturen« rekonstruieren lassen, die etwas mit Strukturgeschichte zu tun haben. Da in der archäologischen Theoriediskussion häufig die Meinung vertreten wird, dass eine der Stärken der materialbezogenen Archäologie in ihrem strukturgeschichtlichen Beitrag liege, berührt diese Frage zugleich auch den Diskurs zur Legitimierung und Identitätsbestimmung archäologischen Fächer.

Zur stärkeren Konzentration der Diskussion sollen zwei idealtypische Arten der historischen Erzählung im archäologischen Diskurs kontrastiert werden: Einerseits die detailgenaue Befundinterpretation der deutschsprachigen archäologischen Forschung mit ihren individualhistorischen Implikationen (der Fall des »Keltenfürsten von Hochdorf«) und die makrohistorische Perspektive der strukturmarxistischen englischsprachigen Weltsystemtheoretiker (Modell des ancient world system). In beiden Fällen kann man – wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung – ein historistisches und ein universalistisches Element herausarbeiten – gewissermaßen nach dem Prinzip »zu jeder Zeit ist alles verschieden« vs. »alles war immer schon dasselbe«. Durch die Analyse der bewusst vereinfachten Beispielansätze wird deutlich, inwiefern man es im ersten Beispiel lediglich mit Pseudo-Ereignissen und im zweiten Beispiel mit Pseudo-Regelhaftigkeiten zu tun hat.

Daran anschließend soll diskutiert werden, ob das Konzept historischer »Strukturen« zwischen einer geschichtslosen, immer gleichen Vorzeit und einer geschichtsträchtigen, immer spezifischen historischen Zeit vermitteln kann. Leitgedanken werden dabei aus der inzwischen klassischen französischen Strukturgeschichte übernommen, vor allem aus dem Ebenenmodell von Fernand Braudel. Im ganzen versucht der Beitrag damit, dem Wortbestandteil »Geschichte« in der Ur- und FrühGESCHICHTlichen Archäologie auf den Zahn zu fühlen.

Dieter Metzler

„Achsenzeit als Ereignis und Geschichte“

Abraham-Hyacinthe Anquetil-Duperron (1731-1805) entdeckte bei seinen zoroastrischen Studien in Indien und von dort im brieflichen Kontakt zu Jesuiten in China die epochale Gleichzeitigkeit Zarathustras mit Konfuzius, Laotse, Buddha, den Propheten Israels und den griechischen Philosophen.

1771 formuliert er dazu: „Dieses Jahrhundert, das als eine bemerkenswerte Epoche in der Geschichte der menschlichen Gattung angesehen werden kann. Damals also ereignet sich in der Natur eine Art Revolution, die in mehreren Teilen der Erde Genies hervorbrachte, die dem Universum den Ton angeben sollten.“ 1949 wird Karl Jaspers diese Revolution als „Achsenzeit“  definieren und analysieren, nachdem schon mehr als Dutzend Autoren auf diese Gleichzeitigkeit der großen Denker hingewiesen hatten, von denen er auch zwei – Victor von Strauß und Ernst von Lasaulx – ausdrücklich zitiert. Begriff und Inhalt werden seit den 80er Jahren besonders im Kreis um S.N. Eisenstadt immer wieder behandelt. Soviel zur Entdeckung, Vernachlässigung und Wiederbelebung eines historischen und historiographischen Komplexes.

Unter dem Aspekt von „Ereignis und Geschichte“ wäre also über die Situierungen der einzelnen Philosophen und Religionsstifter in ihren jeweilig epichorisch-soziokulturellen Kontext hinaus nach ihnen allen gemeinsamen Phänomenen und Begründungen zu fragen, die ihr epochal annähernd gleichzeitiges Erscheinen - Probleme der Datierungen sind zu beachten – der Aufklärung des 18. Jhds. (Anquetil 1771) wie der philosophischen Rückbesinnung (Jaspers 1949) nach dem Sieg über den Faschismus – geschichtsphilosophischer Hervorhebung wert erscheinen ließen. Anquetil wie Jaspers lassen ihr humanes Interesse an einer Menschheitsgeschichte deutlich erkennen. Mein Interesse ist es, die „oft bemerkte Gleichzeitigkeit“ – so der Sinologe J. Needham 1954 – aus der Höhe ihrer metaphysischen Beliebigkeit auf die Erde und deren historische Gegebenheiten und Möglichkeiten herabzuziehen.

Zwar gibt es nirgends in den antiken Zeugnissen so intensive Begegnungen zwischen den Kulturen wie sie Gore Vidal – teilweise auf frappierende Quellenkenntnis gestützt – in seinem Roman „Creation“ (amerik. 1981, dtsch. unter dem Titel “Ich, Kyros Enkel des Zarathustra“ 1986) die Gestalt seines Helden von Griechenland über Iran und Indien bis China erleben läßt, aber von intellektuellen Kontakten zwischen relativ weit entfernten Partnern - literarisch (z. B. Religionsgespräch zwischen Indern und Griechen am Hofe des Dareios) oder archäologisch belegten (z. B. Grabfunde aus Ostanatolien und China im skythenzeitlichen Pazyryk (Altai) – ausgehend, darf man wohl in Analogie zu buddhistischen Händlern, die das Baveru-Jataka nach Babylon = Baveru reisen läßt, annehmen, daß mit Luxusartikeln auch geistige Güter auf den Fernhandelswegen transportiert werden, zumal Händler als Missionare verschiedenster Religionen in späteren Jahrhunderten durchaus geläufig sind.

Dieser weiten Perspektive steht allerdings zunächst Chauvinismus entgegen – im Altertum die Selbstgenügsamkeit der Kulturen vom chinesischen Typus eines „Reichs der Mitte“ oder des griechischen mit seiner – glücklicherweise nicht konsequent durchgehaltenen – Verachtung für die „Barbaren“ und in der neuzeitlichen Forschungspolitik die nationalistische Betonung autochthoner Entwicklungen. Die Folge davon ist die Förderung einer myopischen Spezialisierung auf philologische oder historische Einzelfächer. Fächergrenzen zu überschreiten sollte daher, um Schlimmeres zu vermeiden, nicht länger als verächtliches Wildern hinter fremden Kleingartenzäunen abgetan werden, zumal wenn hinter ihnen auch noch ein Gartenzwerg der Größte sein kann.

Die „Geschichte“ qua Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein bekäme somit über das „Ereignis“ - z. B. Leben und Wirken des Konfuzius in China – hinaus, die Aufgabe, globale Erklärungsmuster zu finden, zu begründen und zu vermitteln. Begreift man die „revolutionären“ (nach Anquetil) Phänomene der Achsenzeit als Reaktion auf Krisen ihrer langfristig stabilen, hoch entwickelten sozialen und politischen Systeme, so entfalten sie auf den ersten Blick zwar offensichtlich ganz unterschiedliche Formen in den jeweiligen Einzelkulturen und dort meist auch nur bei bisher randständigen, aber aufstiegsinteressierten intellektuellen Eliten, leben aber gerade auch deswegen von dem Anspruch, Wege aus eben dieser Krise aufzeigen zu können. Insofern solche Achsenzeit-Phänomene Antworten des intellektuellen Überbaus auf Dysfunktionalität der ökonomisch-politischen Basis sind, ist das Konzept der Achsenzeit auch noch durchaus in eine materialistische Geschichtswissenschaft zu integrieren.

Literatur:
K. Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1949, 19-42. D. Metzler über Anquetil und Achsenzeit jetzt in: Kleine Schriften zur Geschichte und Religion der Antike und deren Nachleben, Münster 2004, 565 ff. und 577 ff.

Juan Carlos Moreno García
From Dracula to Rostovtzeff or the misadventures of the economic history in early Egyptology

The origins of modern, scientific Egyptology can be traced back to the "Description de l´Egypte", which remains an admirable monument of research and a source of precious information about the country, its natural environment and the organization of its productive activities. Nevertheless, Egyptology did not succeed to become a leading discipline in the domains of archaeology, ancient history or, in general, social sciences. Quite the contrary, it has remained a rather conservative one, where the search for beautiful oeuvres d´art, the excavation of prestigious sites like temples and tombs, or the discovery of spectacular objects have been traditionnally expected to be the goals of any Egyptologist.

The unbalanced image of pharaonic Egypt that results from  such choices is reinforced by the inner divisions of Egyptology itself into many different specialities. Except for philology, scholars prefer to deal with specific historical periods (i. e. Old Kingdom) or kinds of documents (i. e. abnormal hieratic, demotic papyri, etc.). Transversal historical studies or the combination of, say, philology and archaeology, figure rarely among the main interests of many Egyptologists, thus deeping the incommunication between areas of knowledge and further avoiding to get a coherent, dynamic picture of the social, economic and political history of ancient Egypt. This situation explains why Egyptologists have rather preferred to look for analogies taken from other disciplines in order to explain historical changes or social phenomena. Or why they have encouraged the myth of an "eternal Egypt" equated to an isolated oasis of social harmony, paternal administration, conservative agrarian order and sincere spirituality, where Egyptologists appear themselves playing the heroic role of keepers of the memory of such a traditional order.

The particularity of Egyptology in the context of the social sciences goes back to the fin-de-siècle Western culture. Bram Stoker´s "Dracula" and "The Jewel of Seven Stars" are symptomatic of the gradual isolation of Egyptology from the main stream of humanities and social sciences. Whereas the first novel celebrates the triumph of modern science over irrationality and superstitions, the second one introduces a more disturbing, pessimistic perspective, as its main character (a mummy resurrected by a team of imprudent Egyptologists) destroys the world. Stoker was aware of the discoveries made by celebrated Egyptologists of his time, like Petrie, and the idea that a refined civilization could end and its legacy be lost due to social upheavals menaced his liberal belief in continuous progress and cumulative knowledge. In fact, at the turn of the 19th century Egyptology was being influenced by the concepts of decadence, racial degeneration and loss of a nation´s nerve, which could ruin in the end a formerly sophisticated civilization.

As a result, the economic history of pharaonic Egypt was not seriously studied, and Egyptology did hardly any contribution to the then current discussions about the agrarian history of Antiquity, ancient slavery or traditional irrigation systems in the Fertile Crescent. Quite the contrary, the conservative perspective which dominated Egyptology at the turn of the 19th century definitively consolidated the popular image of an "eternal Egypt", where a plurisecular conservative peasantry was dominated by a powerful but paternal monarchy, and where the deserts preserved the country from any (undesired) foreing influence or change. Finally, pharaonic Egypt became a kind of romantic lost paradise and a last refuge of beauty and spirituality which could not but fascinate many scholars during the period of uncertainty which preceded and followed the Great War.

Ludwig D. Morenz

Ereignis Reichseinigung(?) und der Fall Buto.
Inszenierungen von Deutungshoheit der Sieger und - verlorene - Perspektiven der Verlierer

Die Vorstellung vom historischen Ereignis selbst wurde im letzten Jahrhundert in der historischen Forschung vielfach problematisiert (histoire évémentielle). Darüber hinaus ist wohl niemandem wirklich klar, was denn überhaupt ein historisches Ereignis ist. Zwar fehlt uns aus Altägypten in der Regel wegen des Überlieferungszufalls und bestimmter Aufzeichnungsbedingungen eine vom Historiker gewünschte Perspektivenvielfalt, doch sollten wir genug vor einer allzu naiven Konzeptionalisierung von Ereignissen gewarnt sein. Vielmehr werden uns Ereignisse aus dem Alten Ägypten immer nur durch ein komplexes und oft komplementäres Wechselspiel von „Fakten“ und „Interpretationen“ erfahrbar. Auf dieser Ebene komplexer Zusammenspiele kann das Ereignis partiell in der Historiographie rehabilitiert werden, etwa im Sinne von G. Dubys „Sonntag von Bouvines“. Jede Art Geschichtsschreibung steht als Erzählung zwangsläufig im Spannungsfeld von Fiktionalität und Faktionalität. Der kanadische Literaturwissenschaftler Herman Northrop Frye schrieb bereits im Jahre 1960 in den „New Directions of Old“: „Wenn das Schema eines Historikers ein gewisses Maß an Geschlossenheit erreicht hat, erhält es eine mythische Ausrichtung“. Diesen Faden spann dann in der Forschung besonders kontrovers und folgenreich Hayden White in der Metahistory weiter. Im folgenden versuche ich selbst eine Art Metahistory im Frye-Whiteschen Sinne, indem ich die Entwicklungen des späten 4. Jt. v.Chr. nicht nur als Formierungsphase der „ägyptischen“ Kultur, sondern unter der spezifischen Perspektive der Inszenierung von Deutungsmacht im Rahmen der Etablierung einer Nachkriegsordnung erzähle. Dabei sind die „Deutungen“ leichter zu fassen als die „Ereignisse“.
Im Rückblick erscheint uns fernen Betrachtern die Zeit des späten 4. Jt. v.Chr. als die entscheidende Formierungsphase der ägyptischen Kultur. In Wechselwirkung mit sozio-ökonomischen Veränderungen wurde damals im Niltal in substantiellem Ausmaß ein neuartiges symbolisches Kapital geprägt. Die zweite Hälfte des vierten Jahrtausend war eine Periode der Stadtstaaten, und zwischen den verschiedenen Regionen bestanden ökonomische, politische und diplomatische Kontakte. Diese Interpretation wurde erst durch archäologische Funde der letzten Jahrzehnte möglich, insbesondere in der Nekropole von Abydos. In einem komplexen und auch kriegerischen Prozeß wurde dann der erste Nationalstaat der Weltgeschichte mit einer N-S-Ausdehnung von etwa 1000 km geschaffen. Diese neuartige Situation einer in Komplexität und Ausdehnung enorm gewachsenen Gesellschaft erforderte in Verbindung mit dem Aufbau sozio-ökonomischer Strukturen auch einen hohen Deutungsaufwand.
Mit dem Kriegsszenarium als Hintergrund, prägte die Vorstellung des Kampfes von Ordnung gegen Chaos das ägyptische Weltbild für die folgenden Jahrhunderte. Demnach bedurfte die rechte Ordnung – ägyptisch Maat – immer wieder des Gewaltpotentials. Ikonographisch gerann dies zur Bildformel Erschlagen der Feinde, und die Vorläufer aus der Negade-Zeit wurden ikonographisch verfestigt. Dieses Motiv verkörpert die komplexe Durchwebung von Fakten und Fiktionen. Für die Formierungsphase der ägyptischen hohen Kultur und insbesondere die Schöpfung des ägyptischen Nationalstaates können wir einige konkrete Daten – etwa Namen und Titel von Gegnern der siegreichen Ordnung – fassen, doch ist ebenso deutlich, dass die erhaltenen Monumente Machtkunst mit stark ideologielastigen Darstellungen aus der Perspektive der Sieger aus den Residenzen Abydos und Hierakonpolis sind. Sehr viel schwieriger zu beurteilen ist die ereignisgeschichtliche Faktizität. Objektintern ist diese gar nicht zu erschließen, und aus der ägyptischen Geschichte kennen wir Darstellungen von Siegen tatsächlich nie errungener Siege, teilweise gegen spezifisch benannte Gegner, die zu dieser Zeit gar nicht mehr als historische Größen existierten. Es ist nun eine historiographisch und mentalitätsgeschichtlich spannende Frage, ob diese Art fiktiver Geschichte schon in diesem sakro-politischen Diskurs des ausgehenden 4. Jt. v.Chr. möglich war oder vielleicht sogar entstand. In jedem Fall wurden in diesem Diskurs folgenreiche Muster entwickelt, die die Struktur des ägyptischen Geschichtsbildes wesentlich prägten.
Wenn wir grundsätzlich zwischen Ereignisgeschichte und Deutungsgeschichte unterscheiden, ergibt sich die historiographische Paradoxie, dass in unseren Quellen die Deutungsgeschichte direkt, die Ereignisgeschichte dagegen nur indirekt gespiegelt ist. Zudem würde eine einfache Rückübersetzung drastische Verzerrungen schaffen. Wir kennen nämlich im wesentlichen nur die Perspektive der Sieger. Allerdings soll im Sinne W. Benjamins gerade um die verdrängte Geschichte der Verlierer gerungen werden. Wie weit können wir in dieser ideologisch geprägten Machtkunst trotzdem Spuren der Geschichte der Verlierer aufdecken?
Bisher in der Forschung noch kaum diskutierte Ansätze dazu bietet uns die Auseinandersetzung Hierakonpolis versus Buto aus dem späten 4. Jt. v.Chr. So können wir in einem archäo-linguistischen Tiefenschnitt eine drastische Veränderung beobachten. Der ältere, etymologisch nicht sicher zu erklärende Ortsname dbc wurde nach der Eroberung und Eingemeindung in den ägyptischen Territorialstaat mit dem neuen Namen „Thronsitz“ (p) belegt. Der alte Name wurde aber nicht ganz aufgegeben, sondern in einem größeren Rahmen noch über Jahrhunderte neben dem dominierenden neuen fortgeschrieben. Dieser Namenswechsel steht auch für die Ablösung eines älteren Lokalgottes („der von dbc“, von dem wir fast nur den Namen kennen) durch „Horus, den Harpunierer“. In dieser Verortung zeigt sich eine enge Verwebung von Geschichte und Mythologie zur Legitimierung der neuen Ordnung. Dagegen zeigt die Ikonographie die radikale Auslöschung einer älteren Buto-Kultur in Form der erschlagenen Gegner. In diesem Kampf um Deutungshoheit wurde aus der neuen „nationalägyptischen“ Perspektive eine ältere Tradition umgeschrieben, sofern eben dieses Buto zu einem wichtigen Sakralort des ägyptischen Königtums gemacht wurde. Entsprechend wurde dieser Ort von den frühen Königen regelmäßig besucht und hier wurden spezifische Königsfeste zelebriert.
Eine Momentaufnahme dieses Aktes der sakro-politischen Umwertung Butos in Folge der Eroberung durch das Königreich von Hierakonpolis und der Integration in den neuen, nunmehr „ägyptischen“ Staat bietet die Prunk-Keule des Königs SKORPION von Hierakonpolis.

Hier sehen wir aus der ägyptischen Innenperspektive den Kern des Aufbaus einer Nachkriegsordnung. Im Mittelregister wird die Neugründung des sakralen Bezirks durch den siegreichen König gezeigt (königliches Ritual des Erdhackens als Gründungshandlung), das dem Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug (tote Buto-Einwohner im unteren Register) folgt. Die hier entwickelte Buto-Ikonographie (gewundener Wasserlauf, Kapellen und Palmen) war dann für die folgenden Jahrhunderte in der ägyptischen Sakralkunst Beispiel gebend. Gerade am Fall von Buto und der weitestgehenden Absenz der Verliererperspektive zeigt sich beispielhaft, wie radikal die Sieger im Rahmen der Schaffung des neuen Nationalstaates Deutungsmacht beanspruchten, inszenierten und durchsetzten. In diesem Rahmen wurden ursprünglich eigenständige und teilweise rivalisierende sozio-kulturelle Einheiten in den neuen Staat integriert und ihnen eine neue kulturelle Identität zugeschrieben. Widerstände dagegen lassen sich jedenfalls bisher nicht fassen, doch könnte dies an der von den Siegern gesteuerten Überlieferung liegen. So läßt der Kulturvergleich erwarten, daß nicht nur biologisch-kulturellen Körper der Unterlegenen (vgl. die Siegeparade des Nar-meher auf dessen Prunk-Keule), sondern auch ihre symbolischen Machtträger rituell zerstört wurden. Der scheinbare Überlieferungszufall erweist sich als ausgesprochen gerichtet. Die Sensibilisierung für die ideologische Gerichtetheit der Semiophore erlaubt aber eben auch, in der skrupulösen Analyse auch die Monumente der Sieger für die unterworfene Geschichte heranzuziehen.

Lutz Popko
Toposaktualisierung oder Exempla virtutis? Zur historischen Wahrheit in Ägypten
Bezugnehmend auf historische Inschriften konstatierte Wolfgang Helck im Jahre 1985:  „So wie geschildert, sind die Vorgänge historischer oder politischer Art nicht abgelaufen; erst wenn man die Topoi der maatgerechten Darstellung abzieht, bleibt vielleicht hier und da ein Körnchen Wirklichkeit zurück.“ Das Zitat gibt einen kleinen Einblick in die Diskussion über zwei verschiedene Realitäten, durch die die ägyptische (Schrift-)Kultur geprägt worden sein soll. Die eine bildet die vom Dogma des siegreichen Königs geprägte „Wahrheit“, die andere die „Wirklichkeit“, das Wie-es-eigentlich-gewesen, um Rankes oft zitierte Worte zu bemühen. Die Existenz zweier verschiedener Realitäten wird meist mit der magischen Wirksamkeit des geschriebenen Wortes begründet: Was aufgeschrieben wird, wird verewigt; und da negative Ereignisse wie z. B. militärische Niederlagen, Unruhen oder anderweitige Katastrophen im ägyptischen Weltbild keinen Bestand haben sollen, werden derartige Ereignisse in der Berichterstattung schlichtweg vermieden.

Auch wenn diese Deutung sicherlich nicht von der Hand zu weisen ist, so kann sie doch gerade im Fall der Historiographie nicht überall greifen. Es bleibt nämlich keineswegs bei einer geradezu topischen Präsentation der überlegenen und allen Widrigkeiten trotzenden kulturellen ägyptischen Überlegenheit. Vielmehr fällt immer wieder (gerade im Neuen Reich) die stetige Aktualisierung des Dogmas auf. Die Feinde bleiben zwar unterlegen und die Folgen von Katastrophen werden überwunden, letztlich wird aber durch ihre Verschriftlichung nicht allein die Überwindung negativer Ereignisse, sondern überhaupt auch deren Existenz verewigt. Anders formuliert: Ein Bericht über eine überwundene Gefahr verewigt auch, dass es eine solche Gefahr überhaupt gibt.

Die nur in Auswahl verschriftlichten Feldzüge und das Verschweigen von Negativerlebnissen ist also wohl weniger mit der Magie des Wortes zu begründen, sondern hat vielleicht „profanere“ Gründe: Einer der Zwecke ägyptischer historiographischer Texte war die Belehrung der Leser, und hierfür gaben die Autoren Episoden ihres Lebens als Exempel einer maatgerechten Existenz weiter. Die Erinnerung an eine bestimmte Person als Voraussetzung seiner Fortdauer im Jenseits ist ein weiterer Zweck derartiger Texte; und da man sich nur an einen guten Charakter erinnert (so die Lehre für König Merikare), ist es verständlich, weshalb man sich im möglichst besten Licht präsentiert.

Die Gründe für die nur selektiv berichtende ägyptische Historiographie sind daher nicht allein in der magischen Wirksamkeit des geschriebenen Wortes zu suchen. Vielmehr ist zu überlegen, inwiefern profanere Erklärungen greifen und die Episodenwahl nicht eher durch bisher weniger beachtete Motivationen beeinflusst wurde.

Beat Schweizer

"... da den Tyrannen sie erschlugen, gleiches Recht den Athenern schufen." Archäologie eines Attentats.

Das politische Attentat kann als Extrem des Ereignisses verstanden werden, das sich gegenüber den für Ereignisse üblichen, komplexen Handlungssequenzen – z. B. von Revolutionen und Kriegen – durch die Konzentration auf einen einzelnen Zeitpunkt auszeichnet. Mit dem die üblichen strukturellen Zustände durchkreuzenden, überraschenden Moment, mit der Plötzlichkeit des Geschehens ist ein Kriterium des Ereignisses erfüllt. Um aber wirklich als solches zu gelten, sollte das Attentat sowohl als Bruch von Verläufen und Strukturen erkannt werden können als auch weitreichenden Veränderungen von Erfahrungen und Wahrnehmungen korrespondieren. Das Attentat von Harmodios und Aristogeiton auf den den Panathenäenzug, die Prozession des wichtigsten Festes der Polis Athen, ordnenden Peisistratiden Hipparchos im Jahre 514 v. Chr. galt nicht nur dem klassischen Athen und Griechenland, sondern auch sozialen Gruppen des republikanischen Rom und der modernen Geschichte als paradigmatisches antityrannisches Ereignis.

Zuletzt hat jedoch insbesondere E. Flaig, in der Sache der Argumentation des Thukydides folgend, theoretisch an Konzeptionen des kollektiven Gedächtnisses und kulturellen Vergessens anknüpfend, mit Nachdruck die Bedeutung des Attentats für die Entwicklung der athenischen Demokratie in Frage gestellt, den Vorgängen des Jahres 514 v. Chr. damit quasi den Ereignischarakter abgesprochen. Dass Harmodios und Aristogeiton im 5. und 4. Jh. v. Chr. als diejenigen galten, die durch das Attentat auf den bzw. einen der Tyrannen den Athenern Isonomie und Demokratie gebracht hätten, wäre demnach Geschichtsklitterung. Denn für Flaig ist der Widerstand gegen die Forderung des Isagoras bzw. der mit ihm verbundenen Spartaner nach Auflösung der Boule im Jahr 507 v. Chr. der entscheidende Einschnitt auf dem Wege zur Herausbildung der demokratischen Ordnung.

Basis dieser Interpretation ist die Vorstellung, dass sich Änderungen der Struktur, der politischen Ordnung – z. B. der Athens – im Rahmen langsam ablaufender Prozesse ergeben. Ohne den Widerstand Athener Bürger gegen die spartanische Übermacht an der Seite des Isagoras gering zu schätzen, war dieser eben möglich, weil er institutionell verankert, also Bestandteil der politischen Struktur Athens war. Unter solchen Prämissen sind Ursprünge der Demokratisierung des 5. Jhs. v. Chr. dann sogar in der Tyrannis des Peisistratos gesehen worden. Ereignisse sind dann aber lediglich Symptom der Struktur. Allerdings sind Ereignisse aus Strukturen und strukturellen Prozessen langer Dauer allein nicht herzuleiten, können darüber hinaus auch strukturelle Veränderungen nach sich ziehen, die von Akteuren nicht intendiert waren, weil sie außerhalb ihrer Erfahrungshorizonte standen.

Das Athener Attentat von 514 v. Chr. bietet aufgrund der Quellenlage einen Idealfall, um die Relation Struktur – Ereignis zu diskutieren, wird es doch einerseits in der (mehr oder minder) zeitgenössischen literarischen Überlieferung (Trinklieder, frühe Geschichtsschreibung: Herodot und Thukydides, politische Theorie: Aristoteles, Platon) kontrovers behandelt, lassen sich am Thema andererseits in unterschiedlichen Bildgattungen wie der statuarischen Gruppe oder des Gefäßbildes entscheidende Neuerungen belegen. Die auf der Athener Agora im Jahre 510/9 bzw. 477/6 v. Chr. aufgestellten Statuengruppen, in römischen Quellen als ‚Tyrannentöter’, danach auch als ‚Tyrannenmörder’ bezeichnet, gelten als Meilensteine der Entwicklung des politischen Denkmals, als erste öffentliche Denkmale einer sich selbst verwaltenden politischen Gemeinschaft und als politische wie visuelle Leitbilder des demokratischen Athen. Gefäße des 5. und frühen 4. Jhs. v. Chr. mit Bildern der Tötung des Hipparchos einerseits, der Statuengruppe andererseits bezeugen den Wechsel von narrativen Bildkontexten zu Bildchiffren von Wertvorstellungen.    

Die Überlieferung in unterschiedlichen, teilweise aufeinander Bezug nehmenden Medien, letztendlich Spuren des Versuchs, die Unerhörtheit des Attentats zu verstehen und einzuordnen, der Handlung als Bruch der Struktur Sinn zu verleihen, erlaubt es also, zeitgenössischen Diskursen zu Freiheit und Gleichheit auch in ihren medialen Bedingungen nachzugehen. Im Detail kann die Rezeption der Vorgänge des Jahres 514 v. Chr. auch mit Veränderungen der politischen Begrifflichkeit und der Bildung neuer visueller Konzeptionen in Verbindung gebracht werden.   

Literaturhinweise:
Zu Struktur und Ereignis:

M. Fitzenreiter, Das Ereignis – Zum Nexus von Struktur- und Ereignisgeschichte,
http://www2.rz.hu-berlin.de/nilus/net-publications/ibaes10/thesen.html

A. Suter – M. Hettling (Hrsg.), Struktur und Ereignis, Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 19 (Göttingen 2001),

darin unter anderem:
W. H. Sewell jr., Eine Theorie des Ereignisses. Überlegungen zur „möglichen Theorie der Geschichte“ von Marshall Sahlins, 46–74.

J.-C. Martin, Für eine Typologie der ‚Ereignisse’. Das Beispiel des Vendéekriegs, 208–23.

Zur Diskussion und Quellenlage des Attentats auf Hipparchos:
E. Flaig, Der verlorene Gründungsmythos der athenischen Demokratie. Wie der Volksaufstand von 507 v. Chr. vergessen wurde, HZ 279, 2004, 35–61.
E. Flaig, Politisches Vergessen. Die Tyrannenmörder – eine Deckerinnerung der athenischen Demokratie, in: G. Butzer – M. Günther (Hrsg.) Kulturelles Vergessen. Medien – Rituale – Orte, Formen der Erinnerung 21 (2004) 101–14.
B. Schweizer, Harmodios und Aristogeiton. Die sog. Tyrannenmörder im 5. Jh. v. Chr., in:
N. Kreutz – B. Schweizer (Hrsg.), TEKMERIA. Archäologische Zeugnisse in ihrer politischen und kulturhistorischen Dimension, Beiträge für Werner Gauer (Münster 2006) 291–313.

Roland Steinacher

Transformation und Integration oder Untergang und Eroberung? Gedanken zu politischen und ethnischen Identitäten im postimperialen Europa

Die herkömmlichen Deutungsmuster von Eroberung, Unterwerfung, dem Sieg der einen über die anderen in der spätrömischen Mittelmeerwelt in ihrer Auseinandersetzung mit Germanen und anderen ‚Barbaren‘ wurden in der Forschung der letzten zwei Jahrzehnte überwunden und haben zu einer neuen Sichtweise der Zeit zwischen 300 und 800 nach Chr. geführt. Statt Begriffen wie Konflikt, Invasion, Untergang ist die Tendenz in der neueren Forschung Begriffe wie Integration, Transformation (vgl. die ESF Reihe "Transformation of the Roman World") zu verwenden. (oder, wie der Titel der Festschrift für Herwig Wolfram, "Die Suche nach den Ursprüngen"). Jüngst wurden von britischer Seite (Bryan Ward-Perkins, Peter Heather) wieder gegenläufige Argumente in die Diskussion gebracht.

Ausgehend von der Problematik der antiken ethnographischen Texte, der "römischen Brille", die sich nicht abnehmen lässt und hinzielend auf die origines gentium von Jordanes bis Cosmas von Prag und Saxo Grammaticus im hohen Mittelalter, kann ein quellenkritischer, forschungs- und ideengeschichtlicher breiter Bogen von Problemen dargestellt werden. Seit dem Humanismus wurden diese Vorgänge in verschiedenster Weise interpretiert und als Grundlagen der jeweiligen Identität vereinnahmt.

Gentes als ethnisch definierte Gemeinschaften werden mit dem staatsrechtlich definierten populus Romanus konfrontiert. Ethnizität wird von den ins Imperium integrierten Gruppen, z.B. Goten, Burgunder, Vandalen und später Franken und Langobarden als neue soziale und politische Taktik eingesetzt. Mit weitreichenden Folgen, immerhin baut das abendländische Mittelalter einen nicht geringen Teil seiner Identitäten auf diesen Vorgängen auf. "Gute Europäer" sind jene, die römisches Recht, katholische Religion und eine ethnische Identität als Grundlagen der Staatlichkeit vereinen konnten. Die Awaren schafften das z.B. nicht, die Ungarn dagegen schon. Aus diesem breiten Material sollen einige Punkte vor dem Hintergrund der jüngsten Diskussionen in der Forschung vorgestellt werden.

David Warburton

Mythos als Bindeglied zwischen Ereignis und Geschichte: Die Beispiele von Narmer und Ahmose

In this presentation we have two separate goals.  One is to discuss the concept of history as against fiction in Egyptology.  The other is to explore just how “history” works.

Our particular interest in this case concerns two leaders who obviously managed to „change history“, and who have thus entered the annals of history.  We would argue that these two represented fundamentally different phenomena and that their cases can be used not only to illuminate history, but also the link between “myth” and “history” in several different ways.

To understand this, we just recall that the original “unification” of Egypt was probably a political event of limited import at the time.  Within decades, however, changes become visible across Egypt, and a new political organization appears.  This organization eventually becomes a major actor in its own right.  This leads to the creation of the myth which then takes on a reality of its own – and itself then determines conceptions of history. 

The campaigns of the Thebans were thus based on this myth.  But, the initial reconquest of the North was but one step on the way to the creation of an Empire which transformed the entire political understanding of the world during Dyns. XVIII and XIX, and Egypt was transformed from minor peripheral actor in the international scene to a major player.  A great deal of the growth of the Egyptian empire was the result of historical accidents which the Pharaohs were able to exploit, and not their own doing.   Yet, at the beginning of the Ramesside era, the original founding by Menes was viewed as the origin of these developments.

That is our major theme.  For the context, we argue that the relationship between „Ereignis Geschichte” and the “Longue Durée” can only be understood by recognizing both events and underlying patterns.  Obviously, there are long term patterns which render certain developments impossible and facilitate others.  Today, it can be viewed as inevitable that the Hyksos would be expelled by a local dynasty, and that the successors would expand into Western Asia.  It can be viewed as equally inevitable that the Arab conquest would lead to the Arabisation and Islamization of the land.  Yet neither of these events was inevitable.  They can be understood in terms of both local history and myths, as well as long term history.  It is only once the patterns have become established that such self-evident developments take on a metaphysical existence.   The conflict between nationalism and religion was transformed by the creation of universal religions.  Christianity effectively changed the Egyptian identity and separated it from its mythic past – and thus opened the doors for Islam.  Obviously, Narmer, Ahmose, Seti I, Assarheddon, Cambyses, Alexander, Constantine, Muhammad, and others were decisive for these events.  And yet there are other trends.

Thus, particular events and people can determine when things change.  But these changes need not be related to the individuals alone.  Recognizing these developments and people is only possible after the events have taken place. History plays a role in shrouding these events in a mythical aurora, and thus it is only when „history“ is written that specific events can be assigned their true „historical“ significance – which is, however, effectively mythical. 

Egyptologists unwittingly play a role in these developments by trying to seek the origins of Egyptian kingship in Prehistory (the longue durrée, e.g. Baines, Midant-Reynes, Wengrow, Wilkinson, etc.) completely oblivious to the fact that Narmer and Scorpion effectively changed history, and project an aurora of invincibility onto an Egyptian empire which was the result of numerous historical accidents in Egypt and abroad.